Denkmale

KZ-Komplex-Natzweiler: Denkmalfachliche Evaluierung der Außenlager und Arbeitsstätten in Baden-Württemberg

Der KZ-Komplex Natzweiler

Dichtes Lagernetz in Elsass und Südwestdeutschland

Zwischen 1933 und 1945 wurden unter der Herrschaft der Nationalsozialisten Millionen von Menschen aus ganz Europa in Zwangslager gesperrt und für die deutsche Kriegswirtschaft ausgebeutet, gefoltert und ermordet. Eines dieser Lager war das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im besetzten Elsass (Frankreich). Über 50 000 Menschen aus ca. 30 europäischen Ländern wurden im Laufe des Krieges nach Natzweiler oder in eines seiner über 50 Außenkommandos in Frankreich und Südwestdeutschland verschleppt – 14000 bis 20000 Häftlinge überlebten ihre Gefangenschaft nicht.

Archäologie erforscht historische Quellen der jüngeren Geschichte

Die Menschen, die aus eigenem Erleben vom Terror und der Ausbeutung in den nationalsozialistischen Lagern unterschiedlichster Art berichten können, werden immer weniger. Als authentische Orte und materielle Bürgen für das Geschehene gewinnen die materiellen Spuren von NS-Verbrechen daher seit geraumer Zeit in der Erinnerungskultur und der Vermittlungsarbeit an Bedeutung. Auch die Archäologie hat das Potential solcher Hinterlassenschaften als historische Quelle für die Erforschung von Ausgrenzung und Entmenschlichung in der jüngeren Vergangenheit erkannt. Aufgabe der Denkmalpflege ist es daher, für die Zivilgesellschaft und die Forschung noch erhaltene Relikte zu schützen.


Das Forschungsprojekt

Die ca. 35 ehemaligen Natzweiler-Außenlager in Baden-Württemberg sind Gegenstand des Forschungsprojekts am Landesamt für Denkmalpflege, in dem die noch vorhandenen Überreste der Lager und der zugehörigen Arbeitsstätten systematisch erfasst, unter denkmalfachlichen Gesichtspunkten evaluiert und für die weitere archäologische und bauhistorische Erforschung des Lagerkomplexes erschlossen werden.

Natzweiler in Baden-Württemberg

Zwangsarbeit unter Tage

In Baden-Württemberg gab es etwa 35 Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler. Die meisten davon entstanden erst 1944, nachdem die deutsche Rüstungsindustrie durch alliierte Luftangriffe in eine prekäre Lage geraten war. Kriegswichtige Fertigungsbetriebe sollten in bombensichere Stollen verlegt werden. So entstanden etwa im Umfeld der Salzbergwerke um Heilbronn sowie der Gipsgrube bei Obrigheim neben zahlreichen Unterkünften für Werksangehörige, Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeitslagern mindestens acht Außenlager von Natzweiler – Leidensorte für mehr als 8000 Menschen.

Die Schieferölwerke des „Unternehmen Wüste“

Einen zweiten Schwerpunkt bildete der Natzweiler-Komplex zwischen Tübingen und Rottweil im Vorland der Schwäbischen Alb aus. Hier versuchte das NS-Regime ab 1944 den drohenden Kollaps der deutschen Treibstoffversorgung durch die Gewinnung von Schieferöl in vier Versuchsanlagen und zehn neu errichteten Schieferölwerken abzuwenden. Für das Projekt mit dem Decknamen „Unternehmen Wüste“ wurden sieben Außenlager von Natzweiler eingerichtet. Über 10000 Häftlinge wurden für die Errichtung und den Betrieb der bis April 1945 nur teilweise verwirklichten und gänzlich ineffizienten Anlagen ausgebeutet, mehr als ein Drittel von ihnen starb.

 

 




Weitere Einsatzgebiete für KZ-Häftlinge

In ca. 20 weiteren Außenlagern wurden Häftlinge für Fabrikverlagerungen, die Produktion in Rüstungsfirmen, die Beseitigung von Bombenschäden sowie Bau- und Ausbesserungsarbeiten an kriegsrelevanter Infrastruktur eingesetzt. Als die Niederlage Deutschlands nicht mehr zu verleugnen war, wurden im April 1945 die meisten der noch bestehenden Lager geräumt und die Häftlinge in Todesmärschen Richtung Dachau getrieben.

Eine systematische Bestandsaufnahme der KZ-Relikte

Bestandsgebäude und Lagerneubauten

Die Natzweiler-Außenlager wurden in bestehenden Gebäuden wie Schulen, Kasernen oder Flugzeughangars eingerichtet oder als schwer bewachte Barackenlager neu gebaut. Die Häftlinge wurden in Stollen und Tunneln, in Steinbrüchen, auf Flugplätzen und in Rüstungsbetrieben zu körperlicher Schwerstarbeit gezwungen.

Verlust und Umnutzung der Lagergebäude

Nicht alle diese Orte haben überdauert. Manche Stollen sind inzwischen verfüllt, einige Lagerstandorte wurden mit Wohnhäusern oder Gewerbegebieten überbaut. Mancherorts sind aber noch umfangreiche Reste vorhanden. Dazu zählen Fundamente von Lagerbaracken, Ruinen von Industrieanlagen und bauliche Reste, die noch im Boden erhalten sind. In seltenen Fällen werden Gebäude und Baracken noch heute genutzt.

Lokalisierung der baulichen Überreste

Im Projekt werden alle Lagerstandorte und zugehörige Arbeitsstätten genau lokalisiert und auf noch erhaltene Relikte geprüft. Ausgangspunkt für diese Erfassung sind historische Quellen wie Luftbilder und Pläne, über die durch Georeferenzierung eine genaue räumliche Bestimmung möglich ist. Dort wo Gebäude ganz von der Oberfläche verschwunden oder die genaue Lage der Lager unklar ist, wird durch Analyse digitaler Geländemodelle, moderner Luftbilder und geophysikalische Prospektionen versucht, die Lage zu bestimmen und noch im Boden befindliche Überreste zu lokalisieren. In Einzelfällen sollen auch Grabungen durchgeführt werden.

Dokumentation und Prüfung der Denkmalwürdigkeit

Alle bei der Recherche generierten Daten werden systematisch in einer Datenbank und einem Geografischen Informationssystem dokumentiert und noch vorhandene Relikte auf ihre Denkmalwürdigkeit hin überprüft. Wo sinnvoll und möglich, werden Unterschutzstellungen vorgenommen um den bereits stark verringerten Bestand an noch erhaltenen Überresten des nationalsozialistischen Terrors in der Zukunft schützen zu können. Gleichzeitig generiert das Projekt einen umfassenden Datenkorpus der es künftigen Forschungen erlauben wird, Lager der NS-Zeit nicht nur punktuell sondern in einem größeren räumlichen Kontext unter Einbeziehung der Arbeitsstätten archäologisch zu erforschen.

Auszeichnung für engagierte Vermittlungs- und Erinnerungsarbeit

Große Unterstützung erfährt das Projekt durch die ehrenamtlich geleiteten Gedenkstätten an ehemaligen Lagerstandorten in Baden-Württemberg. Ihr Engagement in der Vermittlungs- und Erinnerungsarbeit wurde im März 2018 durch das europäische Kulturerbesiegel gewürdigt, das dem Lagerkomplex vertreten durch 15 Gedenkstätten in Frankreich und Deutschland verliehen wurde.

Publikationen

  • B. Hausmair / Ch. Bollacher. „Lagerarchäologie“ zwischen Bürgerinitiativen und Denkmalpflege am Beispiel des KZ-Komplexes Natzweiler. In: Archäologische Informationen 42 / Early View, 2019, 1-12.
  • Ch. Bollacher / B. Hausmair. Die baden-württembergischen Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof – Denkmalfachliche Überlegungen zu einem schwierigen kulturellen Erbe. In: Die Denkmalpflege 76/2, 2018, 152–158.
  • D. Beilharz, Das ehemalige Konzentrationslager Natzweiler und seine Außenlager. Eine länderübergreifende Bewerbung um das Europäische Kulturerbesiegel. Denkmalpflege Baden-Württemberg 46/1 (2017) 16-22.

Kooperationspartner und weiterführende Links

    Christian Bollacher
    Landesamt für Denkmalpflege
    Berliner Straße 12
    73728 Esslingen am Neckar
    +49 (711) 90 44 54 01
    Barbara Hausmair
    Landesamt für Denkmalpflege
    Berliner Straße 12
    73728 Esslingen am Neckar
    +49 (711) 904 45 407

    DENKMAL EUROPA

    KZ-Komplex Natzweiler auf der neuen Denkmalvermittlungs-Website

    www.denkmal-europa.de