Publikationen und Service

Übergabe Archäologischer Stadtkataster Tübingen

Übergabe an die Stadt durch den Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege Prof. Dr. Claus Wolf am 19. September 2018

Pesseeinladung Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart

 

Der Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart Prof. Dr. Claus Wolf hat heute (Mittwoch, 19. September 2018) im Rathaus der Universitätsstadt Tübingen vor zahlreichen Gästen den neu erschienenen Archäologischen Stadtkataster für die Stadt Tübingen an die Erste Bürgermeisterin Frau Dr. Christine Arbogast übergeben. Zuvor sprach Abteilungspräsident Dr. Tobias Schneider vom Regierungspräsidium Tübingen ein Grußwort.

 

Das zweibändige Werk fasst die bisherige archäologische und stadtgeschichtliche Forschung in all ihren Facetten zusammen und beschreibt auf dieser Grundlage die archäologisch relevanten Bereiche innerhalb des historischen Stadtkerns der Universitätsstadt Tübingen.

 

„Der Stadtkataster dokumentiert die schon seit Jahren gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit der Archäologischen Denkmalpflege mit der Stadt Tübingen“, so der Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege im RP Stuttgart, Prof. Dr. Claus Wolf. „Diese Arbeit kann auf dem jetzt verbreiterten Fundament qualifiziert und erfolgreich fortgesetzt werden. Ziel ist dabei immer, den historischen Quellenwert der innerstädtischen Flächen zu würdigen und die sichtbaren wie auch die im Boden überlieferten Geschichtsdokumente an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben“, betonte der Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart.

 

 

„Damit steht jetzt ein Instrument zur Verfügung, das bei der Aufstellung von Flächennutzungs- und Bebauungsplänen, projektierten Sanierungen von Stadtquartieren und auch bei individuellen Planungsvorhaben als qualifizierte Handreichung für denkmalbezogene Stellungnahmen dient“, sagte Abteilungspräsident Dr. Tobias Schneider, der im Tübinger Regierungspräsidium u.a. für das Bau- und Denkmalwesen sowie die Stadtsanierung verantwortlich ist. Er betonte, dass ein solcher „Stadtkataster“ dabei unterstützen könne, notwendige städtebauliche Veränderungen mit den Zielsetzungen der  Denkmalpflege einvernehmlich aufeinander abzustimmen: „Es soll aufgezeigt werden, welche Chancen es in einem in frühmittelalterliche Zeit wurzelnden Siedlungsgefüge gibt, das jeweils einmalige und Identität stiftende Ensemble aus alter Bausubstanz und geschichtlicher Überlieferung im Boden als historische Quellen zu lesen, zu verstehen und zu erhalten.“

 

Über seine Funktion als Instrument für Denkmalschutz und Stadtplanung hinaus möchte dieser Band auch zu weiteren historischen Forschungen anregen. Zielgruppen des Archäologischen Stadtkatasters sind deshalb auch die stadt- und landesgeschichtliche Forschung und die an diesen Themen interessierte Öffentlichkeit.

 

Der Archäologische Stadtkataster Tübingen erscheint als 41. Band in der Reihe, herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart und finanziert von der Stadt Tübingen, durch Spenden der Erika-Völter-Stiftung und dem Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau – Oberste Denkmalschutzbehörde.

Verfasst wurde der Band in Zusammenarbeit von Dr. Alois Schneider, Dr. Sören Frommer und Dr. Birgit Kulessa vom Landesamt für Denkmalpflege.

 

Der Band kann bei der Stadt Tübingen bzw. beim Landesamt für Denkmalpflege in Esslingen am Neckar zum Preis von 49,- € erworben werden.

 

 

Hintergrundinformationen:

Archäologischer Stadtkataster Baden-Württemberg, Band 41 Tübingen

Herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart

2 Bände, 384 und 365 Seiten mit 323 Abbildungen und 6 Kartenbeilagen

40,00 €, ISBN 978-3-942227-35-3

 

Bereits im 16. Jahrhundert erregte ein archäologischer Fund in Form einer römischen Inschrift (Kaiser Maximinus, 235–238) Aufmerksamkeit und wurde damals schon in einer Publikation bekannt gemacht. Zahlreiche Einzelbeobachtungen folgten bis heute, oft von interessierten Bürgern gemeldet. Allein aus dem historischen Siedlungsbereich, der das Untersuchungsgebiet bildete, waren über 211 archäologische Fundstellen zu verzeichnen, über dreißig weitere liegen im Umfeld außerhalb. Der Band enthält außerdem einen Katalog, der unter der Überschrift Historische Topographie 340 Objekte beschreibt und kartiert, die im Kontext der mittelalterlich-frühneuzeitlichen Besiedlung neben den spätmittelalterlichen Befestigungswerken eine herrschaftliche, administrative, kirchliche oder wirtschaftliche Rolle gespielt haben.

 

Mit dem Namen Tübingen lassen sich aus archäologischer Sicht neben einigen vor- und frühgeschichtlichen Fundstellen vor allem Zeugnisse aus mittelalterlicher Zeit verbinden: Zu nennen sind die großflächigen Ausgrabungen am Kelternplatz oder im Kornhaus, aber auch etliche kleinere Untersuchungen seit den 80er Jahren, die in der Zusammenschau wichtige Anhaltspunkte zur Siedlungsentwicklung vor allem in der Unterstadt erbrachten. In seiner  Einführung griff Dr. Sören Frommer beispielhaft die nach wie vor diskutierte Frage nach dem ältesten Siedlungsursprung auf. So lassen sich – in verlagerter Form – ausschließlich in der Unterstadt frühmittelalterliche Siedlungsfunde belegen, was für ein ältestes Siedlungsareal in diesem Bereich spricht. Außerhalb der Siedlung lagen die seit längerem bekannten merowingerzeitlichen Gräber im Umfeld der Münzgasse. Erst um die Wende zum 8. Jahrhundert wanderten die Gräber zu den Siedlungen selbst. Eine solche frühmittelalterliche Hofgrablege ließ sich durch eine neue Datierung alter Skelettfunde im Bereich der Hirschgasse nachweisen.

Aber auch die hochmittelalterliche Besiedlungsgeschichte einschließlich der Frage des Stadtwerdungsprozesses ist in erster Linie mit archäologischen Methoden zu erforschen, zumal seit der Ersterwähnung der pfalzgräflichen Burg in Tübingen im Jahr 1078 zunächst nur äußerst spärliche Nachrichten in der schriftlichen Überlieferung vorliegen. Bemerkenswert ist, dass sich in der Unterstadt eine Konzentration von Fundstellen des 11./12. Jahrhunderts feststellen lässt. Die Stadtmauer als ein wichtigster Bestandteil der Stadtanlage wird erst 1262 erstmals erwähnt. Durch Grabungsbefunde in der Unterstadt ließ sich aber feststellen, dass älteste Teile der Stadtmauer schon in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts gebaut wurden – am Schmiedtor, wo zuvor offenbar eine bis vor die Jahrtausendwende zurückreichende Befestigungsanlage bestanden hatte. Bei etlichen Fundstellen, oft nur kleine Baustellenbeobachtungen, die auf den ersten Blick nur unspektakuläre Funde zu Tage brachten, wurden Holzkohle- und Ascheschichten festgestellt, die sich als Überreste einer größeren Brandzerstörung identifizieren ließen. Soweit datierende Funde vorhanden sind, wurde dadurch eine Zuordnung zu einem Stadtbrand von 1280 erkennbar. In den schriftlichen Quellen wird nur wenig über diese Katastrophe berichtet, durch die Zusammenschau der betreffenden Fundstellen werden Ursprung und Ausdehnung in der Unterstadt erkennbar.

 

Die Aufarbeitung der historischen Überlieferung ist Dank des nicht zuletzt im Stadtarchiv reichhaltig tradierten Quellenmaterials sehr komplex: Im Stadtkataster werden die Grundzüge der Tübinger Herrschafts- und Kirchengeschichte, Elemente der Verkehrslage, des Wirtschaftslebens und Sozialgefüges beschrieben. Auf dieser Basis werden grundlegende Aspekte der Siedlungsentwicklung im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Tübingen bis in das 19. Jahrhundert hinein dargestellt, beispielsweise die großen baulichen Veränderungen in der Kernstadt, ausgelöst durch die Gründung der Universität im späten 15. Jahrhundert. Anhand auch historischer Bildquellen, die allerdings erst seit der frühen Neuzeit vorhanden sind, lassen sich, so z.B. mit den Wiederaufbauplänen nach den Brandkatastrophen im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts,  tiefe Eingriffe in die ältere Binnenstruktur der Stadt dokumentieren.

 

Das Kapitel Stadtbewertung unter archäologischen Gesichtspunkten stellt das Resümee der Untersuchung dar, indem es die archäologisch relevanten Bereiche für die künftige denkmalpflegerische Betreuung Tübingens charakterisiert; die einzelnen Flächen sind auf einem eigenen Plan deutlich gekennzeichnet. Trotz aller modernen Veränderungen hat Tübingen noch großenteils seine im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit entstandene Straßen- und Quartiersstruktur behalten, sodass auf den Grundstücken innerhalb des historischen Siedlungskerns insgesamt noch ein dichtes archäologisches Potenzial überliefert sein dürfte.

 

Hinweise für die Pressevertreter:

Für Rückfragen steht Ihnen als Ansprechpartnerin Katja Lumpp, Pressesprecherin des Regierungspräsidiums Stuttgart, unter der Telefonnummer 0711/904-10002 gerne zur Verfügung.