Publikationen und Service

Das Landesamt für Denkmalpflege präsentiert den neuen Infoflyer zum Comburger Hertwig-Leuchter

Ortstermin am 15. Dezember 2017 in der St. Nikolauskirche, Kloster Comburg

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

der vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart herausgegebene Infoflyer zum Comburger „Hertwig-Leuchter“ mit dem neuesten Forschungsstand zum Objekt wird bei einem Ortstermin vorgestellt. Anlässlich dieser Vorstellung wird der Leuchter außerplanmäßig abgelassen. Dabei bietet sich die Möglichkeit, diese herausragende Metallarbeit des Mittelalters aus der Nähe zu betrachten. Passend zur Adventszeit stellen ausgewählte Experten in Zusammenarbeit mit „Schlösser und Gärten Baden-Württemberg“ weitere Informationen zur Verfügung.

 

Sie sind herzlich eingeladen

 

am Freitag, 15. Dezember 2017, um 10.00 Uhr

in der St. Nikolauskirche, Kloster Großcomburg

Comburg 5, 74523 Schwäbisch Hall

 

Zum Gespräch stehen Ihnen zur Verfügung:

•          Ines Frontzek, ausführende Restauratorin am Comburger Leuchter

•          Rolf-Dieter Blumer, Fachrestaurator Metall am Landesamt für Denkmalpflege

•          Dr. Simone Meyder, Gebietsreferentin am Landesamt für Denkmalpflege

•          Dr. Ulrich Knapp, beteiligt an der Planung und Konzeption der Maßnahme

•          Katrin Hubert, freie Restauratorin, beteiligt an der Restaurierung der großen Kupferscheiben im Konstanzer Münster

 

Wir freuen uns auf Ihr Kommen!

 

Für Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Katja Lumpp

Pressestelle Regierungspräsidium Stuttgart, 0711/904-10002

 

Hintergrundinformation:

 

Bedeutung des Leuchters

Der Comburger Hertwig-Leuchter zählt neben dem Azelin- und Hezilo-Leuchter im Hildesheimer Dom sowie dem Barbarossa-Leuchter im Aachener Dom zu insgesamt vier noch erhaltenen romanischen Radleuchtern in Deutschland.

Zusammen mit dem Antependium und drei kleinen Altarleuchtern gehört er zur frühromanischen Ausstattung der St. Nikolauskirche.

Im Rahmen einer Diplomarbeit des Studienganges Restaurierung archäologischer, ethnologischer und kunsthandwerklicher Objekte an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart wurde der Hertwig-Leuchter ausführlich untersucht und dokumentiert.

Die in diesem Zusammenhang entstandene Kartierung ergab dabei neue Hinweise zu Restaurierungsgeschichte, Herstellungstechniken und Reparaturphasen des Radleuchters. Die Restauratorin wird an dem Termin ebenso anwesend sein wie weitere Fachleute der Denkmalpflege. Die Anwesenden werden für Fragen zur Verfügung stehen.

 

Geschichte der Comburg

1078 stiften die Grafen von Comburg-Rothenburg ein Benediktinerkloster. Zwischen 1086 und 1088 wird ein Hirsauer Mönch zum Abt berufen und führt im Kloster Comburg die Hirsauer Reformen ein. 1138 befindet sich die Comburg in staufischen Besitz. 1318-19 geht die Abtei in den Besitz von Hall über. 1484 fällt sie an den Bischof von Würzburg, 1488 Umwandlung in ein Chorherrenstift. In den Bauernkriegen wird die Comburg geplündert, es kommt zur Auflösung des Stifts. König Gustav II. Adolf von Schweden schenkt die Anlage dem schwedischen Generalmajor und Diplomaten Bernhard Schaffalitzky von Muckadell. Der Neubau der Dekanei und die Barockisierung der Basilika folgen. 1802 fällt die Comburg an Württemberg. 1803 erfolgt die Aufhebung des Klosters. Seit 1947 wird die Anlage von der „Landesakademie für Fortbildung und Personalentwicklung an Schulen“ genutzt.

 

Der Hertwig-Leuchter

Beim Comburger Radleuchter, dem sogenannten Hertwig-Leuchter, handelt es sich um einen von insgesamt vier nahezu zeitgleich entstandenen und noch erhaltenen Radleuchtern in Deutschland. Zusammen mit den Barbarossa-Leuchter im Dom zu Aachen sowie dem Azelin- und Hezilo-Leuchter im Dom zu Hildesheim zählt er zu den herausragenden Metallschmiedearbeiten des frühen 12. Jh.

Der Hertwig-Leuchter besteht zum größten Teil aus feuervergoldetem bzw. gefärbten Kupfer- und Buntmetallblechen. Die Stützkonstruktion, Träger und Hängegerüst bestehen aus Eisen. Der Leuchter setzt sich aus verschiedenen Teilen zusammen, die ineinander gesteckt, vernietet und miteinander verdrahtet sind. Als besondere Verzierungstechniken sind neben gravierten und ziselierten Bereichen die mittels Braunfirnis versehenen Applikationen und Schriftbänder zu nennen. Es handelt sich beim Braunfirnis um eine Technik, bei der durch Braunfärbung des Kupfers im Wechsel mit Feuervergoldungen farblich sehr fein abgefasste, samtig braune Zierfelder entstehen.

Der Leuchter hat einen Durchmesser von ca. 16 Meter. Er besteht aus zwei geschmiedeten Eisenreifen auf die Bronzeplatten mit sogenannten Rödeldrähten montiert sind. Zwischen diesen Platten, auf denen die Kerzenhalter befestigt sind, befinden sich die Türme des himmlischen Jerusalems. Auf diesen Platten befinden sich jeweils mittig Medaillons. In der Mitte eines jeden Medaillons ist eine Apostelfigur angebracht. Auf der Außenseite verläuft auf zwei übereinander liegenden Bändern je ein Schriftband. Die Türme sind alternierend rund, und viereckig kombiniert ausgebildet. In den Nischen der Türme sind aus Blech getriebene Darstellungen von Rittern zu sehen.

Es muss berücksichtigt werden, dass in romanischer Zeit Halbzeug, wie Bleche und Drähte nur beschränkt vorhanden waren und deren Herstellung für den mittelalterlichen Handwerker bereits eine technische Herausforderung darstellten. Hierfür wurden die verschiedenen benötigten Elemente vorgegossen, geschmiedet, durchbrochen und getrieben. Metallteile, die miteinander verbunden werden mussten wurden vorwiegend durch Nieten und sog. Rödeldraht aneinandergeheftet.

Die Oberflächenveredlung, mittels Feuervergoldung bzw. -Versilberung und Braunfirnissen, stellte ebenso eine hohe Anforderungen an den Handwerker. Durch dieses Mischverfahren entstanden optisch filigrane Friese, die einen Wechsel von Gold, Silber und Braun zeigen. Eine Besonderheit dieser Technik stellt die sog. Maiestas-Platte dar, die den Verteiler der Aufhängung abdeckt und mit der umlaufenden Inschrift EGO SUM.LVX.MUNDI (ich bin das Licht der Welt) versehen ist. Zu den von unten sichtbaren Zierelementen zählen die Turmböden mit ihren geometrischen und tierischen Ornamenten.

Besonders an ihren unterschiedlichen Ausführungen zeigt sich die Fertigkeit der entwerfenden „Meister“. Die zeitliche Einordnung des Radleuchters kann zwischen 1135 und 1150 angesetzt werden. Ob seine Fertigstellung noch zu Lebzeiten des Abts Hertwig (1104-1139) erfolgte muss offen bleiben. Lediglich seine Stiftung ist nach der angebrachten Inschrift belegbar.

 

Restaurierungsgeschichte

Der früheste erhaltene Hinweis auf eine Restaurierung des Radleuchters stammt aus dem Jahr 1569/70. In den Comburger Jahresabrechnungen wird unter Gemeinausgaben ein Betrag von 18 Gulden genannt, der an „zwaien Goldschmieden von Würzburg, und zwaien von Schwäbische Hall, fur die Kron in der Kirche, auch das Gulden Kreutz zu Renoviren, sampt Plech, meßing Droth, große vnd kleine negelein, Innerhalb des Manuals“ bezahlt wurde. Anhand dieser Rechnung lässt sich sogar nachvollziehen, dass der Leuchter bei dieser Restaurierung mit einem Anstrich oder einer Ölvergoldung versehen wurde. Den Schriftquellen zufolge wurde in diesem Zusammenhang auch die Inschrift „IN CORONAM COMBURGENSEM RENOVATAM ANNO MCLXX: LONGO OBDUCTA SITU NEC RUBIGINE TURPICORROSA HAEC PRIDEM TOTA CORONA FUIT.NEUSTETTERUS EAM IUSSIT RENOVARE DECANUSPICTURAQUE SACRAM CONDECORARE DOMUM“ (= von großem Schmutz bedeckt und von hässlichem Rost zerfressen war längst die ganze Krone, der Dekan Neustetter ließ sie renovieren und das heilige Haus mit Malerei schmucken) angebracht. Diese Inschrift wurde vermutlich um 1850 bei einer neuerlichen Restaurierung des Leuchters nach einem Absturz wieder entfernt. Sie ist am Leuchter nicht mehr auffindbar.

Bei der Barocksanierung 1706-15 behielt der Radleuchter seinen Platz in der Vierung.

In der Säkularisation des Stifts wurde alles Silber, auch das des Leuchters herausgebrochen, Größtenteils blieb der Radleuchter jedoch unversehrt. Wie anhand früher Fotografien sichtbar ist kam es während der Säkularen Zeit der Comburg zu erheblichen Schäden. Der weitaus größte Schaden entstand jedoch in der Christnacht des Revolutionsjahres 1848. Es wird berichtet, dass der Leuchter nach der Christmesse „mit lautem Getöse auf das Gestühl gestürzt“ ist. Eduard Herdtle aus Stuttgart fertigte danach erstmals eine genaue Dokumentation des Leuchters. Diese ist heute leider größtenteils verschollen.

Die letzte Restaurierung des Radleuchters wurde im Zusammenhang mit Sanierungsarbeiten der Comburg in den 1960er Jahren durchgeführt. Diese Maßnahme wurde unter der fachlichen Aufsicht des Landesdenkmalamts Baden-Württemberg nach damaligem Standard durchgeführt. Bei dieser Restaurierung wurden alle zwischen 1848 und 1851 angebrachten Ergänzungen entfernt. Zahlreiche Bereiche wurden neu verlötet. Der Leuchter wurde im Stil der Zeit ergänzt.

 

Neuzeitliche Benutzung des Leuchters

Zur Weihnachts-, Silvester- und Oster Messe wird der Leuchter herabgelassen und fachgerecht mit Kerzen bestückt. Er dient dann als einziges Beleuchtungsmittel der Kirche.

 

Bestand und Kartierung

Hauptschädigungsfaktor am Leuchter ist die starke Oberflächenverschmutzung durch Stäube die dick auf den nach oben weisenden Flächen aufliegen. Am 15.12.2017 bietet sich anlässlich des Vorstellungstermins zum Flyer am abgelassenen Objekt die Möglichkeit einer Bestandsaufnahme. Durch die optischen, mikroskopischen und radiologischen Untersuchungen der letzten Restaurierung sowie durch historische Bild- und Schriftdokumentationen können somit die Maßnahmen gezeigt werden.