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Archäologen entdecken älteste Steinzeitdörfer im Westallgäu

01.12.16

 

PRESSEMITTEILUNG

                                                                                       01. Dezember 2016

Nr. 440/2016

 

 

 

Archäologische Denkmalpflege

 

Archäologen entdecken älteste Steinzeitdörfer im Westallgäu

 

 

Das östliche Oberschwaben und das Westallgäu wurden viel früher von den ersten jungsteinzeitlichen Bauern besiedelt, als bisher angenommen. Dies zeigen eine ganze Reihe bislang unbekannter Dörfer aus der Jungsteinzeit (5500 – 2000 v. Chr.), die im Zuge des Forschungsprojektes „BELAVI“ im Sommer und Herbst 2016 ent­deckt wurden.

 

Zum Abschluss der diesjährigen Kampagne des multilateralen Forschungsprojektes „BeLaVi“ (Beyond Lake Villages/=jenseits der Seeufersiedlungen), das das Landes­amt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart von 2015-2018 zusammen mit Fachkollegen aus Österreich und der Schweiz durchführt, stellten die Forscher der Baden-Württembergischen Landesarchäologie vor Ort am Zellersee in Kißlegg, Lkr. Ravensburg am heutigen Donnerstag,  01. Dezember 2016 die neuesten Projektergebnisse, die angewendete Technik und Methoden vor.

 

„Bisher sind wir immer davon ausgegangen, dass die Bauern der Jungsteinzeit im Gebiet des heutigen Baden-Württemberg nur in der Donauregion, am Bodensee und rund um die oberschwäbischen Seen siedelten“, sagte Prof. Claus Wolf, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart. „Jetzt wissen wir, dass sie ihre Dörfer durchaus auch zwischen Schussen und Aitrach und im Alpen­vorland errichteten. Damit konnte eine Forschungslücke geschlossen werden“, betont Wolf.

 

Die neuentdeckten, etwa 6000 Jahre alten, steinzeitlichen Dörfer sind sehr unter­schiedlich, sowohl was die Konstruktion ihrer Häuser als auch ihre Lage in der Land­schaft angeht:

 

  • Seeufersiedlungen, wie am Bodensee, wurden am Degersee und wahrschein­lich am Schleinsee bei Kressbronn (beides Bodenseekreis) lokalisiert.

 

  • Bei Bodnegg (Lkr. Ravensburg) und in Neukirch (Bodenseekreis) wurden die Überreste von typischen Feuchtbodensiedlungen aufgedeckt, wie sie z.B. von der UNESCO Welterbestätte Olzreute (Kr. Biberach) bekannt sind. In Bodnegg wurde zudem eine mächtige Herdstelle aus Lehm und Steinen freigelegt.

 

  • Bei Leutkirch (Lkr. Ravensburg) handelt es sich hingegen um eine jungsteinzeitli­che Höhensiedlung, die über dem Flusstal der Eschach lag. Sie weist zusammen mit Einzelfunden und den im Wasser und Moor erhaltenen Überresten von Wegen auf uralte Verkehrsverbindungen zwischen Donau­raum, bayerischem Alpenvorland und der Bodenseeregion hin.

 

 

Weitere archäologische Geländearbeiten wurden in Ravensburg und im Landkreis Ravensburg, so bei Vogt, am Rohrsee bei Rohrdorf, am Mittelsee bei Primisweiler, bei Achberg sowie in der Hügellandschaft rund um den Degersee vorgenommen. Hier in Kißlegg am Zellersee fanden nun abschließende Tauchuntersuchungen statt.

 

Um alle Aspekte des täglichen Lebens in den Steinzeitdörfern gründlich erforschen zu können, begleiten umfangreiche naturwissenschaftliche Untersuchungen von Archä­obotanikern, Dendrochronologen und Sedimentologen die Arbeit der Archäologen.

So können die dendrochronologisch (durch wissenschaftliche Bestimmung des Holzalters) jahrgenau datierbaren Siedlungsrelikte präzise mit jährlich geschichteten Seeablagerungen verknüpft werden. Zusammen mit den in den Seeablagerungen erhaltenen mikroskopisch kleinen Pollenkörner von Pflanzen und Pilzsporen kann damit zukünftig auf die jungsteinzeitliche Umwelt, das vor ca. 6000 Jahren herrschende Klima und die genaue Wirtschaftsweise der damaligen Men­schen geschlossen werden. Im Ergebnis wird das Projekt BeLaVi ein Umwelt-, Wirt­schafts- und Klimaarchiv mit einer bisher auch im internationalen Rahmen nicht ge­kannten Informationsdichte erstellen.

 

Ebenso wichtige wie auch bestürzende Erkenntnisse für die konservatorische Arbeit der Landesdenkmalpflege lieferte das Projekt BeLaVi quasi „nebenbei“: Die fortschrei­tende Entwässerung der Moore und Feuchtwiesen führt unweigerlich zur Austrock­nung und damit zur endgültigen Zerstörung dieser wichtigen Geschichtsquellen. Das Landesamt für Denkmalpflege erarbeitet deshalb in engem Kontakt mit den Natur­schutzbehörden Konservierungs- und Rettungsmaßnahmen für diese Archive der Vergangenheit.

 

Hinweis für die Pressevertreter:

 

Für Rückfragen steht Ihnen als Ansprechpartner Matthias Kreuzinger, Pressereferent des Regierungspräsidiums Stuttgart unter der Telefonnummer 0711/904-10002 gerne zur Verfügung.

Hintergrundinformation BeLaVi Projekt:

Das BeLaVi Projekt ist multilateral mit insgesamt etwa 50 Archäologen und Archäolo­ginnen sowie Naturwissenschaftlern und Naturwissenschaftlerinnen aus Deutschland (Baden-Württembergisches Landesamt für Denkmalpflege/Dienstsitz Hemmenhofen), Österreich (Universität Wien und Bundesdenkmalamt); und der Schweiz (Universität Bern) besetzt. Wie sein abgekürzter Name schon sagt, Beyond Lake Villages, ist sein Auftrag, die Region „Jenseits der Seeufersiedlungen“, also im Hinterland der be­kannten Pfahlbau- und Feuchtbodensiedlungen, zu erforschen.

 

BeLaVi – Links:

 

http://www.iaw.unibe.ch/forschung/praehistorische_archaeologie/beyond_lake_villa­ges/index_ger.html

 

http://www.uwarc.de/belavi.php

 

Hemmenhofen-Link:

http://www.denkmalpflege-bw.de/denkmale/weltkulturerbe/pfahlbauten/der-dienstsitz-hemmenhofen/

 

LAD – Link: http://www.denkmalpflege-bw.de/

 

 

Anlage - Abbildungen:

 

Anlage 1 Karte.jpg: Plan Fundstellen auf Karte [LAD, Autor: Martin Mainberger].

 

Anlage 2 Pressefoto Bodnegg.jpg:

Foto Bodnegg Feuerstelle mit Lehm und Steinen direkt unter der Grasnarbe, Austrocknung der Kulturschicht im oberen Bereich sichtbar. Da­tierung um 3700 v. Chr. [Foto: R. Ebersbach LAD, Bildbearbeitung: M. Erne LAD].

 

Anlage 3 Angelhaken Degersee.jpg: Fundfoto Angelhaken [Foto: M. Erne LAD].

 

Anlage 4.jpg:

Aktionsfoto Grabung Bodnegg mit Feuerstelle [Foto: M. Mainberger, Bildbearbeitung: M. Erne LAD].

 

Anlage 5.jpg:

Archäologie im Allgäu - Forschung in Mitten der einheimischen Fauna (archäologische Sondage in Neukirch) [Foto: M. Mainberger, Bildbearbeitung: M. Erne LAD].

 

Hinweis für die Pressevertreter:

Für Rückfragen steht Ihnen als Ansprechpartner Matthias Kreuzinger, Pressereferent des Regierungspräsidiums Stuttgart unter der Telefonnummer 0711/904-10023 gerne zur Verfügung.