Denkmale

Die frühen nationalsozialistischen Konzentrationslager in Baden und Württemberg – eine Bestandsaufnahme

Das Bild des nationalsozialistischen Konzentrationslagers im öffentlichen Bewusstsein ist geprägt durch den Topos der großen Arbeits- und Vernichtungslager der 1940er Jahre. Parallel zur historischen Beschäftigung mit diesen Tatorten sind die baulichen Überreste der „Lagerarchitektur“ schon seit längerem ein Objekt denkmalpflegerischer Theorie und Praxis geworden und der angemessene konservatorische Umgang mit den materiellen Zeugnissen steht nach wie vor im Zentrum eines intensiven Diskurses.

Die Gruppe der frühen nationalsozialistischen Lager hat mit diesem Topos im Allgemeinen nur wenig gemeinsam; Organisation, Verantwortlichkeit und Zweck der Errichtung unterscheiden sich größtenteils von den späteren Arbeits- und Vernichtungslagern.

Hinsichtlich ihrer Organisation und unter besonderer Berücksichtigung der einzelnen Häftlingsschicksale wurden auch die frühen Konzentrationslager bundesweit in den letzten Jahrzehnten erforscht und aufgearbeitet. Sie stehen heute teilweise im Zentrum einer intensiven Vermittlungs- und Bildungsarbeit. Ungeachtet dessen fand in diesem Zusammenhang bisher keine systematische Erfassung und Erforschung der tatsächlichen Bestandssituation statt.

Die „frühen Lager“ der Jahre 1933 bis 1935 konstituieren sich in der Mehrzahl durch den Rückgriff auf bestehende, zum Teil parallel zu einem anderen Zweck genutzte Gebäude. Die Phase der Lagernutzung zeichnet sich dementsprechend auch nur als vergleichsweise dünne Zeitschicht  in einem vielschichtigen Denkmalzusammenhang ab. Gerade darin liegt eine der Herausforderungen des Projektes zur Erforschung der Bestandssituation der frühen Konzentrationslager in Baden und Württemberg.

Die „frühen Lager“ im historischen Kontext

Der Übergang von der Weimarer Demokratie zur nationalsozialistischen Diktatur war ein aktiver, komplexer und vielschichtiger Prozess; zum Repertoire der Nationalsozialisten gehörte von Anfang an das Konzentrationslager als politisches Machtinstrument. Das auf der Grundlage der nach dem Reichstagsbrand verabschiedeten Notverordnung etablierte System der polizeilichen Schutzhaft diente in erster Linie der zeitweisen Ausschaltung und Umerziehung der politischen Opposition – und damit dem direkten Ziel der Konsolidierung nationalsozialistischer Herrschaft.

Wirkmächtig konnte dieses System nur durch die effektive Zusammenarbeit zwischen etablierten staatlichen Stellen und Organen mit Organisationen der neuen Machthaber werden.

Die hohen Schutzhaftkosten führen in den Jahren 1934 und 1935 im Zusammenhang mit der für die Nationalsozialisten erfolgreich verlaufenen politischen Gleichschaltung zur Auflösung der meisten dezentralen Lager im Reichsgebiet.

Im Betrachtungszeitraum zwischen 1933 und 1935 wurden in Baden zwei und in Württemberg drei nationalsozialistische Konzentrationslager durch das jeweilige Innenministerium betrieben. In allen Fällen sind die verwendeten Gebäude als solche bis heute erhalten geblieben.

Bauforschung als Spurensuche

Das Forschungsprojekt beschäftigt sich ausgehend von der quellenbasierten Rekonstruktion der räumlichen Organisation innerhalb der Einzelbeispiele und ihrer baulichen Veränderungsgeschichte mit den Fragen, welche Spuren der KZ-Nutzung sich jeweils im aktuellen Bestand erhalten haben und welcher Anteil ihnen an der Denkmalbedeutung des Objekts in Zukunft zukommen muss.

Eine intensive Nachnutzung und das fehlende historische Bewusstsein für die Bedeutung der frühen Konzentrationslager haben viele bauliche Spuren der KZ-Zeit in den letzten Jahrzehnten beseitigt oder unkenntlich gemacht. Umso wichtiger ist es, die im Bestand verbliebenen Zeugnisse zu erfassen, zu sichern und historisch aufzuarbeiten um diese Zeitschicht als einen Aspekt einer vielschichtigen Denkmalbedeutung verankern zu können.

Zwischen Bischofsbad und Folterzelle

Die Gruppe  der zu untersuchenden Objekte umfasst das Fort Oberer Kuhberg als Teil der Bundesfestung Ulm, die kaiserzeitlichen Kasernengebäude des Lagers Heuberg bei Stetten am kalten Markt, Räumlichkeiten des ehemaligen Klosters Gotteszell in Schwäbisch Gmünd  und des ehemaligen Fürstbischöflichen Jagdschlosses Kislau sowie das Hofgut Ankenbuck, die einzige realisierte Arbeiterkolonie im Großherzogtum Baden.

Die Bandbreite der Spuren der KZ-Nutzung reicht von den bloßen Raumfolgen bis hin zu bauhistorischen Details. Sie können sehr unterschiedlich ausfallen und zeichnen sich zum Teil durch ihre große historische Ambivalenz aus.

Zu ihnen zählen sowohl die mit überlieferter Hingabe von Hermann Stenz und einigen Mithäftlingen in Eigeninitiative restaurierten barocken Prunkräume des Schlosses Kislau als auch die Spuren der hölzernen Verschläge im Dachgeschoss des Strafbaus auf dem Heuberg, wo Häftlinge oft tagelang ungeschützt der Kälte oder Hitze ausgesetzt und schwer misshandelt worden sind.

Perspektiven

Über das Ziel der systematischen Bestandserfassung hinaus beinhaltet das Projekt von Anfang an eine interdisziplinäre Perspektive, die die methodische Zusammenarbeit zwischen Bauforschung und Archäologie ebenso beinhalten soll wie den synergetischen Austausch mit der historischen Forschungs- und Vermittlungsarbeit der bestehenden Dokumentationszentren, Förderkreise und Lernorte.

    Ansprechpartner

    Claudia Mohn
    Landesamt für Denkmalpflege
    Berliner Straße 12
    73728 Esslingen am Neckar
    +49 (0711) 90 44 53 02
    Marc Ryszkowski
    Landesamt für Denkmalpflege
    Berliner Straße 12
    73728 Esslingen am Neckar
    +49 (0711) 90 44 53 59