Denkmale

Zur Entwicklungsgeschichte und zur Erhaltung des Betonbaus in Baden-Württemberg – Ein Projekt der Bauforschung und der Restaurierung

Im Rahmen des Projektes wird die Bedeutung des Betonbaus in Baden-Württemberg im Kontext der Entwicklungsgeschichte des Baustoffes anhand ausgewählter Bauwerke des Hochbaus dokumentiert. Des Weiteren wird sich das Projekt mit der Materialität der Betonbauweise der verschiedenen Zeitphasen befassen und Empfehlungen zum restauratorischen Umgang mit denkmalgeschützten Bauwerken aus Beton aussprechen.

Frühe Experimentalbauten in Baden-Württemberg

Baden-Württemberg spielt seit Mitte des 19. Jahrhunderts in der Entwicklung und Anwendung von Betonen eine bedeutsame Rolle. Das zeigen allein schon die Vielzahl an Zementwerken sowie zahlreiche frühe Ingenieur- und Hochbauten aus Beton. Das 1867 erbaute Bahnwärterhaus bei Blaubeuren auf der Schwäbischen Alb gilt als das älteste erhaltene Betonhaus Deutschlands. 1872 ließ sich dann der Textilindustrielle Oscar Merkel aus Esslingen am Neckar eine Villa aus Stampfbeton errichten. Beide besitzen wegen ihrer experimentellen Bauweise außerordentliche Bedeutung.

Vom Stampfbeton zum Eisenbeton

Eine wesentliche Voraussetzung für gute Betonbauten ist die sachgemäße Verarbeitung des Betons. Der Sohn des Zementpioniers Wilhelm Gustav Dyckerhoff hatte das Problem früh erkannt. Mit dem Ziel, einen einheitlichen Standard zu erreichen, verfasste Eugen Dyckerhoff 1888 die damals für Deutschland richtungsweisende „Stampfbeton-Broschüre“. Trotz seiner Warnung: „wenn Sie ruhig schlafen wollen, lassen Sie das Eisen aus dem Cement .“ hat sich der Stahlbetonbau durchgesetzt. Kurz nach der Jahrhundertwende entstanden große Stahlbetonskelette zuerst für Industriebauten.

Sichtbeton als Stilmittel der Architektur

Gestützt durch permanente ingenieurwissenschaftliche Forschungen entwickelte sich die Betonbauweise mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts rasant weiter. Die frühen Konstruktionen wurden noch mit traditionellen Materialien verblendet. Beinahe aufbegehrend war daher die Verwendung von Sichtbeton. Theodor Fischer, der Begründer der Stuttgarter Architekturschule, wagte beim Bau der Garnisonkirche in Ulm 1908 Beton als solchen zu zeigen. Dieser Ansatz zu materialgerechtem Bauen war erst der Anfang eines langen Stilbildungsprozesses.

Ingenieurtechnische Entwicklungen im Betonbau

Die Grenzen des Machbaren verschoben sich durch weitere herausragende ingenieurtechnische Entwicklungen wie den Schalen- und den Spannbetonbau. Dadurch entstand 1953 Europas erstes selbsttragendes Hängedach aus Spannbeton mit einer Schalendicke von knapp 6 cm – die Schwarzwaldhalle Karlsruhe. Durch die Verbindung der Vorteile des Schalen- mit denen des Spannbetonbaus ist auch Fritz Leonhardt beim Entwurf des Gründungskörpers vom Stuttgarter Fernsehturm eine statisch-konstruktiv geniale Lösung gelungen.

Beitrag zur Bewertung und Erhaltung von Betonbauten

Betonbauten können aufgrund ihrer konstruktiven Durchbildung zum Ausdruck eines geschichtlichen Zustandes und damit zum Träger von Denkmaleigenschaften werden. Weiter sollen betontechnologische und bautechnische Erkenntnisse Eingang in denkmalkundliche Bewertungen finden. Im Kontext der Entwicklungsgeschichte des Betons werden im Rahmen des Projektes exemplarisch Bauwerke des Hochbaus betrachtet und in einer Publikation veranschaulicht werden. Die gesammelten Erkenntnisse sollen einen Beitrag zur Bewertung und zur Erhaltung des Baubestandes leisten.

Denkmalgerechte Instandsetzung von Betonbauten

Schon die frühen Sichtbetonbauten gehören zu den Zeugen eines Stilbildungsprozesses, welcher eng verknüpft ist mit den technologischen Entwicklungen des Betonbaus. Sowohl die Materialien als auch die jeweilige Betonbauweise können sich auf die Dauerhaftigkeit der Denkmale auswirken. Hinzu kommen herstellungsbedingte Inhomogenitäten, die ebenso zum Verlust des Sichtbetons bis hin zu statischen Einschränkungen führen können. Um die Entwicklung des Betonbaus auch weiterhin anhand von Zeitzeugen dokumentieren zu können, ist der Erhalt der Gebäude mit ihren bauzeitlichen Besonderheiten dringend erforderlich.

Vermittlung zwischen ingenieurtechnischen Instandsetzungsmaßnahmen und dem restauratorischen Umgang mit Denkmälern

Heutige Betone unterliegen in ihrer Zusammensetzung und ihrer Herstellung strengen Anforderungen, an welchen sich die gegenwärtigen Instandsetzungsmaßnahmen orientieren. Die Kennwertdiversität historischer Materialien, wird hierbei in der Regel nicht berücksichtigt. Infolge der ingenieurtechnischen Maßnahmen gehen bauzeitliche Sichtbetonoberflächen in der Regel verloren. Um denkmalrelevante Informationen zu bewahren, ist es notwendig einen Kontext zwischen ingenieurtechnischen Instandsetzungsmaßnahmen und dem restauratorischen Umgang mit Denkmälern zu finden.

Entwicklung von Praxishilfen für den denkmalgerechten Umgang

Im Rahmen des Projektes werden für den Umgang mit denkmalgeschützten Betonbauten Praxishilfen entwickelt. Dabei wird ein Konsens aller beteiligten Fachdisziplinen im Umgang mit wertvollen Betonbauten angestrebt. Denkmalpflegerische Werkzeuge, wie eine an den Baustoff Beton angepasste Kartierungssystematik, bebilderte Glossare über Oberflächenphänomene und ausgewählte Untersuchungsmethoden, sollen die behutsame Herangehensweise unterstützen. Diese wird anhand von Anwendungsbeispielen in Baden-Württemberg erarbeitet sowie erprobt und als Praxishilfe in einem Leitfaden zusammengefasst.

    Ansprechpartner

    Geraldine Buchenau
    Landesamt für Denkmalpflege
    Berliner Straße 12
    73728 Esslingen am Neckar
    +49 (711) 90 44 51 78
    Almuth Escher
    Landesamt für Denkmalpflege
    Berliner Straße 12
    73728 Esslingen am Neckar
    +49 (711) 90 44 53 72