Geschichte, Auftrag, Struktur

Bauforschung

Was ist Bauforschung?

Die Historische Bauforschung ist eines der Spezialgebiete innerhalb der Landesdenkmalpflege und mit der Baudokumentation und der Fotografie in einem Fachbereich vereint.

 

Ausgangspunkt jeder Bauforschung ist das Kulturdenkmal als kulturhistorische Quelle. Dazu gehören Fachwerkhäuser, Kirchen und Klöster ebenso wie Scheunen oder Schlösser. Diese Gebäude lassen sich durch genaue Beobachtung und Untersuchung ähnlich einer alten Urkunde lesen und entschlüsseln. Es ist eine Spurensuche nach dem ursprünglichen Aussehen, dem tatsächlichen Alter, der Bau- und Konstruktionsweise und der Intention seiner Erbauer, nach späteren Veränderungen, Umnutzungen oder Zerstörungen, aber auch nach Schäden und deren Ursachen. Oft sind es kleine Details, die Aufschluss über die spannende und ereignisreiche Baugeschichte eines Denkmals geben können und sich teilweise erst in der Zusammenschau scheinbar unzusammenhängender Befunde klären. Der Vergleich mit kriminaltechnischer Arbeit ist hier durchaus nahe liegend.

Eine Bauforscherin kartiert in einer Baugrube
Vermessung und Kartierung im Stuttgarter Schlosspark.
Foto von einem Holzbalken mit Kerben und einer darunterliegenden Zeichnung, die die Kerben erläutert.
Bundständer von 1765/66 aus Rottenburg-Oberndorf mit Abbundzeichen und Hinweisen auf Herkunft und Transport des Holzes über den Wasserweg.

Wie ist das Vorgehen?

Bauforschung findet vor Beginn einer geplanten Baumaßnahme statt. Grundlage ist eine zeichnerische Erfassung, die das Aussehen und die Konstruktion eines Gebäudes wiedergibt. Genauigkeit und Darstellungsinhalte dieser Pläne können je nach Fragestellung und Art des Gebäudes variieren. Mittlerweile werden dafür überwiegend digitale Verfahren unter Einsatz von Tachymeter, Laptop oder Laserscanner eingesetzt. Mit dem Zeichnen vor Ort ist gleichzeitig eine Analyse der Bausubstanz verbunden, aus der sich wesentliche Erkenntnisse zum Objekt ergeben. Zu einer Bauforschung gehört außerdem eine Dokumentation des Bestandes und der baugeschichtlichen Befunde in Text und Bild. Hinzu können archivalische oder naturwissenschaftliche Untersuchungen kommen, oftmals in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit anderen Fachgebieten, wie Restaurierung, Dendrochronologie oder Geschichtswissenschaft. Die Ergebnisse der bauhistorischen Untersuchung werden zeichnerisch als Bauphasenpläne und schriftlich in einer baugeschichtlichen Einordnung und Bewertung zusammengefasst. Auch während einer Baumaßnahme kann eine Bauforschung baubegleitend nötig werden, da sich oft neue Befunde während des Bauprozesses ergeben, die den Wissensstand zu einem Gebäude wesentlich korrigieren und ergänzen können.

Zwei Ansichten der Kirche in Mittelzell auf der Insel Reichnau
Westturm der Kirche Reichenau Mittelzell: ein Bildplan aus entzerrten Fotos (li.), eine in die Umzeichnung eingepasste Bauaufnahme (re.).
Bunter Bauphasenplan eines Hauses in der Weißenhofsiedlung
Bauphasenkartierung von einem Wohngebäude am Stuttgarter Weißenhof.

Wofür dient Bauforschung?

Bunter Plan in der Draufsicht von Dachbalken
Bestandskartierung der Dachkonstruktion des Schlösschen Sorgenfrei in Mauer.

Bauforschung in der Denkmalpflege wird maßnahmenorientiert durchgeführt, meist bestimmt von aktuellen Bauvorhaben. Das daraus gewonnene Wissen um die Bau- und Veränderungsgeschichte eines Gebäudes hilft Denkmalpflegern, Eigentümern und Architekten bei der Präzisierung des Denkmalwertes. Es ermöglicht eine Umbau- bzw. Reparaturplanung, die den Qualitäten der historischen Substanz gerecht werden kann. Zugleich können die Ergebnisse der Bauforschung weiterführenden Beobachtungen über historische Architektur, über Nutzungs- oder Konstruktionsgeschichte dienen.

Wer macht Bauforschung?

Im Landesamt für Denkmalpflege arbeiten Fachleute für Bauforschung, Vermessung, Bautechnik und Fotografie, die Baudokumentationen und Bauforschung selbst durchführen aber vor allem bei anstehenden Maßnahmen fachlich beraten. In Baden-Württemberg gibt es darüber hinaus viele hochqualifizierte private Büros für Bauforschung, mit denen die Landesdenkmalpflege partnerschaftlich zusammenarbeitet. Viele dieser freien Bauforscherinnen und Bauforscher haben sich in der Regionalgruppe des Arbeitskreises für Hausforschung zusammengeschlossen und tauschen sich regelmäßig über ihre Erkenntnisse und Erfahrungen aus.

Was passiert mit den Dokumentationen?

Die im Auftrag beziehungsweise in Zusammenarbeit mit der Landesdenkmalpflege erstellten Dokumentationen werden im Landesamt für Denkmalpflege so archiviert, dass sie auch späteren Generationen zur Verfügung stehen. Darüber hinaus besteht seit mehr als 10 Jahren eine mit den freien Bauforschern und der Landesdenkmalpflege gemeinsam entwickelte, über das Internet öffentlich einsehbare Datenbank. Darin werden möglichst alle durchgehführten Baudokumentation in Baden-Württemberg erfasst und deren Ergebnisse beschrieben. In einer ebenfalls gemeinschaftlich von freien Bauforschern und der Landesdenkmalpflege herausgegebenen Publikationsreihe „Südwestdeutsche Beiträge zur Bauforschung“ werden Ergebnisse der Bauforschung publiziert.