Denkmale

Bauforschung am Heidelberger Schloss

Anlass des Projektes

Luftbild des Heidelberger Schlosses
Luftbild des Heidelberger Schlosses

Ist es möglich, die Ruine des Heidelberger Schlosses langfristig zu erhalten? Wie können Sicherungs- und Neubaumaßnahmen ohne gravierende Änderungen des Erscheinungsbildes und ohne großen Substanzverlust durchgeführt werden? - Diese beiden Fragen stehen im Zentrum der 2001 begonnenen bauhistorischen Untersuchungen des Landesamtes für Denkmalpflege, Fachbereich Bauforschung, am Heidelberger Schloss.

Anlass der Untersuchungen ist der dringend erforderliche Sicherungsbedarf an den Ruinen des Gläsernen Saalbaus und des Glockenturms. Im Zuge der Sicherungsmaßnahmen plant die Schlösserverwaltung eine neue Nutzung für den Gläsernen Saalbau, die über eine reine Substanzsicherung hinausgeht.

 

 

Das Heidelberger Schloss

Das Heidelberger Schloss gehört zu den bekanntesten und publikumswirksamsten Kulturdenkmalen in Deutschland. Grund dafür ist nicht nur die Bedeutung des Schlosses für die Entwicklung der Renaissance-Architektur in Deutschland, sondern auch die seit dem späten 18. Jahrhundert einsetzende Wertschätzung als romantische Ruine und Nationaldenkmal.

 

 

Der Gläserne Saalbau vor Beginn der Instandsetzung 2003.
Der Gläserne Saalbau vor Beginn der Instandsetzung 2003.
Ausschnitt des Erdgeschoss-Grundrisses des Gläsernen Saalbaus von Koch und Seitz.
Ausschnitt des Erdgeschoss-Grundrisses des Gläsernen Saalbaus von Koch und Seitz.

Schlossstreit um 1900

In der Zeit um 1900 entfachte sich am Zustand des Schlosses ein mehrere Jahre währender Streit: Erhalt der Ruine oder Wiederaufbau des Schlosses? Nach der weitgehenden Rekonstruktion des Friedrichsbaus 1901 wurde die Diskussion um die Wiederherstellung der anderen Schlossbereiche zu einer nationalen Angelegenheit. Die bis dahin übliche Praxis der historisierenden Wiederherstellung kam auf den Prüfstand. Schließlich unterblieb die weitere Rekonstruktion des Schlosses. Für die Denkmalpflege des beginnenden 20. Jahrhunderts wurden damit wegweisende Akzente gesetzt.

 

 

Bauforschung, statische und restauratorische Untersuchungen

Vor Beginn der Baumaßnahmen finden umfangreiche Voruntersuchungen statt. Dazu gehören sowohl die Bauforschung als auch statische und restauratorische Untersuchungen. Neben dem Anlass gibt es somit auch in der Art des Vorgehens einen Anknüpfungspunkt an die Zeit vor circa 100 Jahren. Damals gewährten sich die Streitgegner eine Pause von mehreren Jahren, um eine detaillierte zeichnerische Dokumentation des Schlosses unter Leitung von Julius Koch und Fritz Seitz anfertigen zu lassen. Dieser mehr als 700 Zeichnungen umfassende Planbestand ist bis heute Grundlage aller Maßnahmen. Die großformatigen Blätter befinden sich im Generallandesarchiv Karlsruhe.

 

 

Bauphasenplan vom Erdgeschoss des Gläsernen Saalbaus.
Bauphasenplan vom Erdgeschoss des Gläsernen Saalbaus.
Materialkartierung an der Hofffassade des Gläsernen Saalbaus.
Materialkartierung an der Hofffassade des Gläsernen Saalbaus.

Aktualisierung der historischen Pläne

Um die historischen Pläne den heutigen technischen Bedürfnissen entsprechend nutzbar zu machen, werden sie in einem digitalen Verfahren zu Vektorzeichnungen aufbereitet und um die Veränderungen der letzten 100 Jahre aktualisiert. Die neuen Bestandspläne dienen als Grundlage für die Umbauplanung sowie für die Befund- und Bauphasenkartierung.

 

 

Messbilder als Basis der Schadens- und Maßnahmenkartierung

Die Wände des Gläsernen Saalbaus wurden durch entzerrte Messbilder erfasst, um eine Grundlage für die restauratorische Schadenskartierung und die bauhistorischen Untersuchungen zu haben. Diese Kartierungen sind voraussichtlich im Herbst 2008 abgeschlossen. Die Bauforscher des Landesamtes für Denkmalpflege fertigen Material-, Mörtel- und Befundkartierungen, freie Restauratoren Schadens- und Maßnahmenkartierungen an. Bauforscher und Restauratoren arbeiten vor Ort eng zusammen, um ihre Ergebnisse laufend miteinander abgleichen zu können.

 

 

Nagel und Nageloch zeugen von einer ehemaligen Wandbespannung.
Nagel und Nageloch zeugen von einer ehemaligen Wandbespannung.

Großer Verlust von historischen Oberflächen

Der Vergleich der Ansichten von Koch und Seitz mit dem heutigen Bestand führte zu folgendem Ergebnis: Während der letzten 100 Jahre gingen circa 50 Prozent der historischen Oberflächen – also im Fall des Gläsernen Saalbaus an Putzen aus dem 16. und 17. Jahrhundert – verloren. Wird der Verfall jetzt nicht gestoppt, so werden in wenigen Jahren keine historischen Oberflächen mehr vorhanden sein.

 

 

Befunde erlauben Aufschlüsse über Baugeschichte und Ausstattung

Die Wände des Gläsernen Saalbaus lassen sich wie eine alte Urkunde lesen: Kleinste Nagellöcher im Putz geben Hinweise auf frühere Wandbespannungen; Dübellöcher mit verkohlten Holzresten zeugen von ehemaligen Wandvertäferungen, die einem Brand zum Opfer gefallen sind; in zugesetzten Öffnungen finden sich zweitverwendete Bodenfliesen. Die Kenntnis dieser Befunde ist nicht nur relevant, um die Bau- und Ausstattungsgeschichte des Schlosses beschreiben zu können. Nur mit dem Wissen darum können diese Befunde bei den anstehenden Baumaßnahmen gesichert und so erhalten werden, dass die historische „Urkunde” auch späteren Generationen noch verfügbar ist.