Denkmale

95 Thesen - 95 ausgewählte Denkmale der Reformation

Wirkungsstätten der Reformation
Monumente der Reformation
Erinnerungsmale der Reformation

Kulturdenkmale der Reformation

In Baden-Württemberg gibt es Kulturdenkmale, die direkt oder indirekt mit der Reformation verbunden sind. Denn bedeutende Personen, historische Ereignisse und die kulturgeschichtlichen Folgen der Reformation haben bis heute ihre Spuren im Denkmalbestand hinterlassen. Die Reformation, ihre Ideen und Träger erhalten für uns gerade durch diese Denkmale verschiedenster Gattungen ein Gesicht und eine Form. Kulturdenkmale machen die weitreichenden Veränderungen, die die Reformation mit sich brachte, noch heute begreifbar. Auch außerhalb von Kirchen, im öffentlichen Raum der Städte oder im Bereich des privaten Alltags hat die Reformation Zeugnisse hinterlassen.

Grund genug also, gerade jene erhaltenen Kulturdenkmale zu betrachten, die uns den kulturgeschichtlichen Wandel der letzten 500 Jahre im Zuge der Reformation in Baden-Württemberg anschaulich und erlebbar machen können. Kulturdenkmale der Reformation sind dabei nicht nur Kirchen oder Erinnerungsmale für Reformatoren. Denkmalgeschützte Fachwerkbauten, archäologische Funde und auch Architekturen des 20. Jahrhunderts können ein Zeugnis der Reformation und ihrer Folgen für Baden-Württemberg sein. Es liegt im öffentlichen Interesse, diese Denkmale zu schützen und zu erhalten.

Die Landesdenkmalpflege nimmt diese Aufgabe wahr und vermittelt dabei einen denkmalfachlichen Zugang zu den materiellen Quellen. Unter dem Gesichtspunkt, die Denkmale in Baden-Württemberg in ihrem Bezug zur Reformation und ihrer Bedeutung in dieser Zeit aufzuzeigen, wird das Landesamt für Denkmalpflege im Zuge des Reformationsjahres 2017 ausgewählte Kulturdenkmale der Reformation präsentieren.

Bis zum 31. Oktober 2017 wird die Liste der ausgewählten Kulturdenkmale der Reformation regelmäßig erweitert. Besuchen Sie uns daher gerne wieder!

Veranstaltungen

 

09.09.2017

Eröffnung des Tags des offenen Denkmals 2017 in Schwäbisch Hall

23.+24.11.2017Das Landesamt für Denkmalpflege veranstaltet ein Fachkolloquium zum Ravensburger Reformatorenfensterzyklus

Wirkungsstätten der Reformation

Wirkungsstätten der Reformation sind Orte, die mit Personen oder Geschehnissen der Reformation verbunden sind. Beispiele sind die Geburts- und Wohnhäuser von Reformatoren. Auch Orte ihres Wirkens wie Kirchen und Universitäten sind hier anzuführen. Persönlichkeiten mit Reformationsbezug sind aber auch weltliche Herrscher, die häufig Träger der historischen Veränderung waren. So sind eben auch herrschaftliche Befestigungsanlagen oder Grablegen als Wirkungsstätten anzusprechen, wenn sich ihrer Auftraggeber für die Sache der Reformation einsetzten oder sie zum Handlungsraum für bedeutende historische Begebenheiten überliefert sind. Reformatorische Veränderungen fanden dabei in Städten ebenso statt wie im ländlichen Raum. Personen und historische Ereignisse können also von landesweiter Bedeutung sein oder einen heimatgeschichtlichen Bezug zu einer Region oder einem einzelnen Dorf haben.

Monumente der Reformation

Monumente der Reformation sind Zeugnisse, die im reformatorischen Sinne entstanden oder gebaut, zerstört, umgebaut und umgenutzt wurden. Dazu gehören auch jene Denkmale, deren spätere Errichtung oder Entstehung eine direkte Folge der Reformation ist. Der verwendete Begriff Monument bezieht sich dabei weniger auf das architektonische Werk, sondern auf jenes Wort des Alten Testaments (lat. „monumentum“ = gemahnen, erinnern; griech. „mnemosynon“ = „Gedächtnis“), das Martin Luther in seiner deutschen Bibelübersetzung mit dem neuen Wort „Denkmal“ bezeichnete. Monumente werden in diesem Sinne als Zeugnisse und Erkennungszeichen der Reformation verstanden, die den kulturgeschichtlichen Wandel erfahrbar machen, obwohl sie nicht direkt als Wirkungsstätten reformatorischer Geschehnisse eine Rolle spielten und auch nicht in der Intention einer Erzeugung von Erinnerung und Gedenken an die Reformation entstanden sind.

Erinnerungsmale der Reformation

Erinnerungsmale der Reformation sind Denkmale, deren Errichtung und Aufstellung durch das Gedenken an die Persönlichkeiten oder das Geschehen der Reformation motiviert sind. Solche Erinnerungsmale sind nicht nur Standfiguren im direkten Sinne eines Denkmals, sondern können auch andere Formen annehmen. Wichtig sind dabei bestimmte Personen und Jubiläumsdaten, die der Erinnerung an historische Ereignisse dienen. Exemplarisch entstanden viele Erinnerungsmale zu historischen Gedenktagen wie Reformationsjubiläen oder den Geburtstagen bedeutender Reformatoren. Den Kulturdenkmalen dieser letzten Kategorie ist zu eigen, dass sie ihre Entstehung einer konkreten Intention verdanken, die eng an Erinnerungsbildung und Identitätsstiftung geknüpft ist. Die Gründe, Motive und Ziele für die Errichtung eines Reformations- oder Reformatorendenkmales haben sich im Verlaufe der Zeit jedoch immer wieder verändert.

Herzog Christoph von Württemberg (1515–1568)

Herzog Christoph von Württemberg wurde in spannungsreichen Zeiten geboren. Bereits als Kleinkind wurde er 1519 an den kaiserlichen Hof in das habsburgische Innsbruck gebracht, da seine Mutter vor ihrem Mann Ulrich 1515 an den Hof ihrer Eltern nach München und sein Vater Herzog Ulrich von Württemberg vor dem schwäbischen Bund 1519 in das Exil nach Mömpelgard geflohen waren. Als Edelknappe reiste Christoph an der Seite des Kaisers Karl V. durch Mitteleuropa und sammelte so wichtige politische Erfahrungen. Bereits vor der Rückkehr seines Vaters aus dem Exil brach Christoph mit den Habsburgern und damit mit der katholischen Tradition und setzte sich nach Bayern ab. Seine konfessionelle Position festigte sich 1542, als er Statthalter der Grafschaft Mömpelgard wurde. Auch seine Vermählung mit Anna Maria von Brandenburg-Ansbach verband ihn zusätzlich mit einer evangelischen Dynastie. Nach dem Tod seines Vaters erlangte Christoph nach Aushandlungen mit dem Kaiser 1552 die Herrschaft über Württemberg. In den folgenden Jahren erlies er umfangreiche Neuordnungen und restrukturierte damit die gesamte Staats- und Kirchenverwaltung. Für die „Große Kirchenordnung“ von 1559 wurde der Reformator Johannes Brenz zu seinem wichtigsten Berater. Unter Herzog Christoph wurde die Volksschule eingerichtet, die für beide Geschlechter und im städtischen wie ländlichen Raum Anwendung fand. In beiden Siedlungsformen prägte Christoph das Erscheinungsbild mit, da er württembergische Besitzungen wie Burgen und Schlösser in Renaissanceformen umbauen ließ.

Herzog Ulrich von Württemberg (1487–1550)

Herzog Ulrich von Württemberg ist eine bedeutende und auffällige Gestalt der Reformationsgeschichte im deutschen Südwesten, denn er führte als erster Landesherr die Reformation in seinem Territorium Württemberg ein. Zu Ulrichs Lebenszeit gehörten auch Teile des heutigen Frankreichs wie die Grafschaft Mömpelgard (Montbéliard) und die Herrschaften Reichenweiher (Riquewihr) und Horburg zu Württemberg. Ulrich wurde im heutigen Elsass geboren. Obwohl er bereits mit 16 Jahren zum Landesherren über das Haus Württemberg mit samt seiner linksrheinischen Besitzungen wurde und ihm damit ein großes Territorium unterstand, war Ulrichs Machtposition aufgrund privater wie politischer Fehlentscheidungen bald geschwächt. Nach Mord an seinem Stallmeister und nach missglücktem Überfall auf die Reichsstadt Reutlingen musste er 1519 ins Exil nach Mömpelgard fliehen. Dort näherte sich Ulrich bereits 1523 den reformatorischen Ideen an, versuchte 1524 die Reformation einzuführen und knüpfte Verbindungen zu protestantischen Landesherren. Philipp I. von Hessen verhalf dem zuvor durch den schwäbischen Bund und die Habsburger vertriebenen ehemaligen Herzog in der Schlacht bei Lauffen am Neckar 1534 wieder zur Macht über sein Herzogtum Württemberg. In der Folge führte Ulrich hier die Reformation ein. Durch Aufgabe der Klöster und Einverleibung ihres Besitzes vergrößerte sich das Herzogtum. Die Umgestaltung von ehemaligen Klöstern zu Klosterschulen folgte dem Ziel, den Nachwuchs für evangelisches Kirchenamt und württembergische Verwaltung zu sichern. Daraufhin wurden evangelische Prediger eingestellt. Auch widmete er sich dem Ausbau von Landesfestungen, die vor dem Hintergrund politischer wie konfessioneller Spannungen herrschaftliche Stabilität zeigen sollten.

Johannes Brenz (1499–1570)

Johannes Brenz wurde in der Freien Reichsstadt Weil der Stadt geboren. Ab 1514 studierte er in Heidelberg bei Johannes Oekolampad, war 1518 bei der Heidelberger Disputation Martin Luthers anwesend und blieb folglich von dessen Ideen inspiriert. Seit 1522 war Brenz als Prediger in der Hauptkirche St. Michael zu Schwäbisch Hall tätig. Dort predigte er gegen die Heiligenverehrung und teilte zu Weihnachten 1526 das Abendmahl zum ersten Mal in beiderlei Gestalt – also mit Brot und Wein an alle Gläubigen – aus. Mit der Umsetzung seiner reformatorischen Vorstellungen ging auch eine Veränderung im Bildungswesen einher. Frauen wie Männern sollte die Bibel gleichermaßen zugänglich sein, sodass auch Mädchen die Schule besuchen sollten. Für den Religionsunterricht verfasste Brenz den ältesten evangelischen Katechismus, weitere wichtige Schriften aus seiner Hand sollten folgen. Denn 1534 wirkte Brenz bei der Reformation in Württemberg im Auftrag von Herzog Ulrich, für den er auch an der Universität Tübingen tätig wurde. Wie sich Luther in reichpolitischen Sphären Feinde gemacht hatte, so musste sich auch Brenz zeitweise unter dem Schutz des Württembergischen Landesherren und unter falschem Namen auf den Burgen Hohenwittlingen und Hornberg versteckt halten. Für Herzog Christoph von Württemberg wurde Brenz zum wichtigsten theologischen Berater, dessen Struktur die evangelische Kirche Württemberg noch heute prägt. 1553 wurde er zum Probst der Stuttgarter Stiftskirche, in der er auch begraben wurde.

Johannes Calvin (1509–1564)

Der Genfer Reformator Johannes Calvin gilt als geistiger Vater der reformierten Kirche. Nach ihm wurde die Ausrichtung des Calvinismus benannt, die vor allem in der reformierten Kurpfalz ausgeprägt war. Bereits während des Studiums in Paris und Orléans wendete sich Calvin verstärkt der biblischen Lektüre, aber auch den Schriften Luthers zu. Als Prediger in Genf und Straßburg kehrte er sich der evangelischen Prägung des Christentums zu. Auch mit der Ehelichung von Idelette de Bure folgte Calvin den neuen Ideen. In Genf gründete er eine Universität, die europaweit evangelisch gebildete Theologen prägen sollte. Obwohl er in Luther einen gemeinsamen Vertreter gegen die „Papisten“ sah, lehnte er dessen Vorstellung vom Abendmahl ab. Die von Johannes Calvin beeinflusste evangelische Kirche formte reformierte Gemeinden in vielen Regionen. Auch in Baden-Württemberg – vor allem in den heute badischen Landesteilen ist die reformierte Kirche vertreten. Nicht selten finden sich daher auch Darstellungen von Johannes Calvin in Kirchenräumen.

Martin Luther (1483–1546)

Nach Studien an der Erfurter Artistenfakultät trat der Jurastudent Martin Luther als Mönch in den Orden der Augustinereremiten ein. Später wurde er Priester, dann Doktor der Theologie und zuletzt übernahm er eine Professur für biblische Lektüre in Wittenberg. Berühmt jedoch wurde der aus Mansfeld stammende Luther durch seine Kritik am Ablasswesen und an der Papstkirche von 1517, die er auf reichspolitischer Ebene verteidigte und wiederholte. Diese Geschehnisse führten ihn auch in die Kurpfalz, nach Heidelberg (1518) und auf den Reichstag zu Worms (1521). Martin Luther übersetzte die Bibel in die Volkssprache und machte das Gotteswort damit dem Volk zugänglicher. Die von ihm ausgelöste Reformation sollte die Glaubenswelt stark beeinflussen. Noch heute wird Martin Luther daher als dem ersten Reformator überhaupt gedacht, selbst wenn umstritten ist, ob Luther eine Kirchenspaltung überhaupt vorgesehen hatte. Das Luthergedenken begann bereits im 17. Jahrhundert, vermischte sich bald mit einen Gedenken an die Reformation und folgte je nach Zeit unterschiedlichen Ideologien und Zielen.

Kurfürst Ottheinrich (1502-1559)

Kurfürst Ottheinrich trat 1556 als Nachfolger Friedrich II. die Regierung in der Kurpfalz an. Es handelte sich damals um eines der bedeutendsten und größten Territorien im deutschen Südwesten. Obwohl er nur drei Jahre, von 1556 bis 1559, als Kurfürst regierte, vollzog sich die offizielle Einführung der Reformation genau in diesem Zeitraum. Ottheinrich ist auch deshalb eine der wichtigen Persönlichkeiten der Reformationszeit, da es ihm gelang, Heidelberg als kulturelles Zentrum der Kurpfalz zu voller Blüte zu führen. Für ihn wurde der Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses errichtet. Ottheinrichs später Einsatz in Sachen Reformation ist besonders bemerkenswert, da er noch zu Beginn Luthers Handelns als Anhänger des Papstes und als wallfahrender Reisender in Erscheinung tritt. Damals war er Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg (von 1505-1559). Im Jahr 1521, an dem Tag, an dem Luther vor dem Reichstag in Worms stand, machte sich Ottheinrich mit einem kleinen Gefolge von Worms aus auf eine Pilgerfahrt ins Heilige Land. Ein erstes äußeres Zeichen für Ottheinrichs Hinwendung zum evangelischen Glauben ist die 1538 errichtete Hofkapelle, die spätere Hofkirche und heutige Schlosskapelle in Neuburg. Dieser Glaubenswandel geht einher mit der Abkehr von seinen katholischen Verwandten in München und der Hinwendung zu den lutherischen Verwandten in der Pfalz. Mit Begeisterung schrieb er aus Heidelberg an Melanchthon, „nun wolle er die ware christliche religion in allen Städten, Flecken und Dörfern, wie es schon vorher durch ihn geschehen sei, wieder aufrichten vnnd von dem eingerissnen verfuererischen Irrhumb vnnd abgöttery auf die rechte ban füren“

 

Markgraf Karl II. von Baden-Durlach (1529–1577)

Durch Erbteilung entstanden 1535 die Markgrafschaften Baden-Baden und Baden-Durlach aus der Markgrafschaft Baden. Die Markgrafschaft Baden-Durlach umfasste ein Gebiet um die Städte Pforzheim und Durlach sowie die Markgrafschaft Hachberg um Emmendingen und das heutige „Markgräfler Land“. In der Durlacher Linie ließ Markgraf Karl II. – infolge des Augsburger Religionsfriedens – am 1.6.1556 eine neue Kirchenordnung verkünden und führte damit die Reformation nach lutherischem Bekenntnis ein. Die Linie Baden-Baden blieb hingegen auf Weisung des Markgrafen Philibert von Baden-Baden katholisch. Beide Markgrafen hatten sich auf dem Reichstag am 25.9.1555 sehr für den Augsburger Religionsfrieden eingesetzt, der es den weltlichen Regenten freistellte, die Religion im eigenen Territorium zu bestimmen. Die Entscheidung in Baden-Durlach für das evangelische Bekenntnis war auf Drängen Herzog Christophs von Württemberg gefallen, der seinen theologischen Berater Jacob Andreä für die Kommission zur Abfassung der Kirchenordnung bereitstellte. So übernahm man weitgehend die Kirchenordnung Württembergs. Karl II. wurde in der Folge zum ersten evangelischen Landesbischof in der Markgrafschaft. 1565 verlegte er seine Residenz von Pforzheim nach Durlach und ließ das dortige Jagdschloss zur Residenz ausgebaut. Auch ließ er hier – aus Mitteln des ehemaligen Klosters Gottesaue – eine Schule gründen, die ausschließlich Knaben in Religion, Latein und Griechisch unterrichten und damit einen Beitrag zur Ausbildung angehender Pfarrer leisten sollte. Nach dem Tod Karls II. wurde das Herrschaftsgebiet auf seine Söhne Ernst Friedrich (1560–1604), Jakob III. (1562–1590) und Georg Friedrich (1573–1638) aufgeteilt. Die drei Brüder prägten die Konfessionalisierung Badens in besonderer Weise: Nur Georg Friedrich blieb lutherisch. Ernst Friedrich trat zum Calvinismus über und Jakob III. konvertierte 1590 nach dem Emmendinger Religionsgespräch zum katholischen Glauben.

Philipp Melanchthon (1497–1560)

Philipp Melanchthon war ein überregional agierender Gelehrter im Dienste der Reformation, dessen Wurzeln in Baden-Württemberg liegen. Er wurde unter dem bürgerlichen Namen Schwartzerdt 1497 in Bretten geboren. Seinen ins Griechische übersetzten Namen Melanchthon erhielt er 1509 vom Humanisten Johannes Reuchlin. Seine humanistische Ausbildung erfolgte mit Unterstützung Reuchlins im Studium in Heidelberg und Tübingen. 1518 wechselte Melanchthon als mittlerweile geübter Hochschullehrer nach Wittenberg, um dort Griechisch zu unterrichten. In Wittenberg traf er auf Martin Luther und begann sein aktives Wirken für die Reformation. 1530 war er auf dem Augsburger Reichstag, vertrat dabei die evangelische Theologie und eine mäßige Umsetzung der Reformation, deren Ziel die Einheit der christlichen Kirche war. Dabei verfasste er die wichtige Schrift des Augsburger Bekenntnisses (Confessio augustana). Schwerpunkt seines Handelns blieb jedoch das Bildungswesen, was ihm den Namen „Praeceptor Germaniae“ (Lehrer Deutschlands) einbrachte. Aufgrund seiner Organisation des Gymnasialunterrichts in den evangelischen Territorien sowie durch das Verfassen handlicher Lehrbücher ist der Einfluss Melanchthons auf das Bildungssystem nachfolgender Jahrhunderte tiefgreifend. 

Huldrych Zwingli (1484–1531)

Der Schweizer Reformator Huldrych Zwingli ist Mitbegründer der reformierten Kirche. 1506 wurde er zum Priester geweiht, 1518 berief man ihn als Prediger nach Zürich ans Großmünsterstift. Bereits früh kehrte er sich dabei von der offiziellen katholischen Lehre ab. Fortan predigte er das Evangelium, übersetzte die Bibel in die Volkssprache, lehnte sich gegen die Fastengebote auf und gründete eine Familie. Er ließ das Abendmahl nach reformierter Prägung einführen – eine Sichtweise auf das Sakrament, die sich nicht nur von den Auffassungen der Amtskirche, sondern auch von jenen Luthers stark unterschied. Auch sorgte er für die Auflösung der Klöster und ließ Bilder aus den Kirchen entfernen. 1525 war die Reformation in Zürich und dem Umland durchgesetzt. In der alten Eidgenossenschaft führte diese Entwicklung sogar zu kriegerischen Entwicklungen zwischen reformierten und katholischen Städten, so etwa 1531 in Kappel bei Albis. Auch Zwingli war einer der dabei getöteten 25 Geistlichen. Doch sein gedankliches Werk setzte sich auch nach seinem Tod bis weit über die Landesgrenzen fort. Gerade die schweizerisch-oberdeutsche Reformation, die sich auch in den südlichen Landesteilen des heutigen Baden-Württembergs durchsetzte, ist von den grundlegenden und energischen Ideen Zwinglis geprägt.

Reformationsdenkmal von 1917 nach Plänen von Theodor Fischer
Klicken zum Vergrößern
Reformationsdenkmal von 1917 nach Plänen von Theodor Fischer
Reformationsdenkmal von 1917 nach Plänen von Theodor Fischer

LAD: Katharina Wilke

X

Reformationsdenkmal von 1917 nach Plänen von Theodor Fischer

Das Denkmal wurde 1917 aus Anlass der Vierhundertjahrfeier der Reformation am Stuttgarter Hospitalhof aufgestellt. Das Reformationsdenkmal ist nach Plänen Theodor Fischers durch den Bildhauer Jakob Brüllmann gefertigt und zeigt den auferstandenen Christus, flankiert von Martin Luther und Johannes Brenz. Inschriften und Bilder nehmen Verweis auf das Reformationsgeschehen. Das Denkmal wurde während des Ersten Weltkriegs am 24. Juni 1917, dem Geburtstag von Johannes Brenz, eingeweiht und der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Stuttgart als Eigentum übertragen. Das Denkmal ist gemeinsam mit der Ruine der ev. Hospitalkirche als Sachgesamtheit ein Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung.


Begründung: Als „Reformationsdenkmal“ handelt es sich um ein Kulturdenkmal der Reformation. Die Intention sowie der Zeitpunkt der Aufstellung verweisen ebenso auf die Reformation wie die Inschriften, die Reliefbilder und die dargestellten Personen.

Evangelische Mauritiuskirche in Aldingen (Lkr. Tuttlingen)
Klicken zum Vergrößern
Evangelische Mauritiuskirche in Aldingen (Lkr. Tuttlingen)
Evangelische Mauritiuskirche in Aldingen (Lkr. Tuttlingen)

LAD: Aufnahme Meyder

X

Evangelische Mauritiuskirche in Aldingen (Lkr. Tuttlingen)

Die heutige Mauritiuskirche, eine Saalkirche mit Apsis, wurde 1720 über Vorgängerkirchen erbaut. Der Turm stammt aus dem Jahr 1593. Im Kirchenbau haben sich historische Ausstattung und Zubehör erhalten. Im Schiff und im Chor finden sich barocke Wandmalereien von 1736: Zwischen Apostelfiguren und der Dreiergruppe aus Petrus, Maria und Christus ist hier auch eine Darstellung Martin Luthers in Form eines Reliefs an der Chorbogenwand angebracht, direkt neben der Kanzel aus dem Jahr 1720. Bei einer archäologischen Ausgrabung im Jahr 1967 durch das damalige Staatliche Amt für Denkmalpflege Stuttgart, Referat Archäologie des Mittelalters, konnte eine auffällig hohe Anzahl an schweizer Münzen dokumentiert werden, die im 15. Jahrhundert geprägt und später hier verloren wurden. Die Fundgruppe weist damit auf enge Beziehungen zwischen Aldingen und der Schweiz, vor allem mit Bern hin. Dies ist besonders interessant, weil ein bedeutender Kirchenmann der Reformation in Bern, Berthold Haller (1492–1536), aus Aldingen stammte.


Begründung: Die Mauritiuskirche ist ein beachtenswertes Zeugnis der Reformation, da sowohl die Reformationszeit wie die spätere Reformationserinnerung ihre Spuren im, am und unter dem Gebäude hinterlassen haben. Neben der Darstellung Luthers von 1736 sind dies vor allem die Funde von Berner Münzen unter dem Kirchenboden. Berthold Haller, ein berühmter Sohn Aldingens, ging als Reformator in die Schweiz und war dort in Bern tätig.

Die Umnutzung des Chores in der Tübinger Stiftskirche zur herzoglichen Grablege
Klicken zum Vergrößern
Die Umnutzung des Chores in der Tübinger Stiftskirche zur herzoglichen Grablege
Die Umnutzung des Chores in der Tübinger Stiftskirche zur herzoglichen Grablege

LAD: Aufnahme Hell.

X

Die Umnutzung des Chores in der Tübinger Stiftskirche

Die Tübinger Stiftskirche ist eng mit den historischen Ereignissen der Reformation verknüpft. Die dreischiffige Hallenkirche entstand zwar bereits zwischen 1470–1483 unter Einbezug älterer Bauteile wie dem Turm (vor 1411), doch stellt die Reformation einen bedeutenden Faktor für die Ausbildung und Nutzung des Kirchenbaues in seiner heutigen Form dar. Da als Stiftskirche der Universität genutzt, sind hier sehr früh die Ideen und Personen der Reformation aktiv gewesen. Professoren der evangelischen Fakultät haben sich in Epitaphien verewigt. Durch die Umnutzung des Kirchenraumes im Zuge der Reformation war zudem die Verwendung des Chores als Grabkapelle der württembergischen Herzöge möglich geworden. Das ursprüngliche liturgische Zentrum der Kirche diente nun den weltlichen Trägern der Reformation als Repräsentationsort. Die dort befindlichen Grabmäler nehmen Bezug auf Ruhm, Macht und konfessionelle Identität der Bestatteten.


Begründung: Die Stiftskirche dient Personen und Ideen der Reformation gleichermaßen als Identitätsträger und ist daher ein Kulturdenkmal der Reformation. Vor allem die Umnutzung des Chores als Grablege der Herzöge verdeutlicht die kulturgeschichtlichen Veränderungen als Folge der Reformation.

Der Reformatorenfenster-Zyklus in der ev. Stadtkirche Ravensburg
Klicken zum Vergrößern
Der Reformatorenfenster-Zyklus in der ev. Stadtkirche Ravensburg
Der Reformatorenfenster-Zyklus in der ev. Stadtkirche Ravensburg

LAD: Aufnahme Geiger-Messner

X

Der Reformatorenfenster-Zyklus in der ev. Stadtkirche Ravensburg

Der Glasfensterzyklus mit Darstellungen bedeutender Persönlichkeiten der Reformation wurde 1862/1863 im Zuge einer Restaurierung der evangelischen Stadtkirche von Ravensburg eingebracht. Neben Reformatoren und weltlichen Herrschern des süddeutschen Raumes, sind auch überregional bedeutende Personen gezeigt. So finden sich Martin Luther, Johannes Brenz, Philipp Melanchthon, Huldrych Zwingli sowie Herzog Christoph von Württemberg, Friedrich der Weise von Sachsen sowie der schwedische König Gustav Adolf. Es handelt sich um das Bildmotiv der „Reformatorischen Helden“ in der Gattung der Glasmalerei im sakralen Kontext. Bedeutsam ist die Entstehung des Zyklus im Zusammenhang mit bürgerlicher wie adliger Stiftungstätigkeit.


Begründung: Der Reformatoren-Glasfensterzyklus ist ein besonders frühes Beispiel für ein Erinnerungsmal der Reformation in Form von Glasmalerei. Der Umfang dargestellter Persönlichkeiten der Reformation, der neben Reformatoren auch weltliche Herrscher beinhaltet, ist Zeugnis von reformationszeitlichen Netzwerken wie von historisierender Geschichtsschreibung der Reformation gleichermaßen.

Die Zehntscheuer in Neufra (Lkr. Sigmaringen)
Klicken zum Vergrößern
Die Zehntscheuer in Neufra (Lkr. Sigmaringen)
Die Zehntscheuer in Neufra (Lkr. Sigmaringen)

LAD: Aufnahme Franzke

X

Die Zehntscheuer in Neufra (Lkr. Sigmaringen)

Die 1543 errichtete Zehntscheuer in Neufra ist ein Monument der Reformation. Dies wird erst auf den zweiten Blick ersichtlich: Denn ein kleines Fenster in der südlichen Giebelfassade erinnert an die ehemalige Friedhofskapelle St. Nikolaus, die bereits 1332 erwähnt, im Zuge der Reformation im Jahre 1543 teilabgebrochen und in die neu errichtete Zehntscheuer integriert wurde. Der Fachwerkbau auf massivem Erdgeschoss ist mit repräsentativen Formen versehen und verdeutlicht so, selbst nach der Rekatholisierung des Ortes im Jahr 1547, den Triumph einer weltlichen Herrschaft über die Kirche in seinen bleibenden materiellen Folgen.


Begründung: Aufgrund von Umnutzung einer Kapelle in der Folge der Reformation ist die Zehntscheuer ein Zeugnis des kulturgeschichtlichen Wandels. Das Monument belegt eindrücklich das Einziehen und Verändern von Kirchengütern im ab 1534 lutherisch-reformierten Neufra, einem Herrschaftsgebiet des Württembergischen Herzogs Ulrich.

Ev. luth. Providenzkirche in Heidelberg
Klicken zum Vergrößern
Ev. luth. Providenzkirche in Heidelberg
Ev. luth. Providenzkirche in Heidelberg

LAD: Aufnahme Gattner

X

Ev. luth. Providenzkirche in Heidelberg

Die Providenzkirche ist als erster protestantischer Kirchenneubau in Heidelberg ein Monument der Reformation. In der Kurpfalz wurde unter Kurfürst Ottheinrich 1556 die Reformation eingeführt. Nach Bestätigung des Rechts auf freie Religionsausübung entschieden sich die Heidelberger Lutheraner im Jahr 1650 gegen den Wiederaufbau der Ruine des ehemaligen Dominikanerklosters in der Vorstadt als eigenes Gotteshaus. Stattdessen errichteten sie auf dem Nachbargrundstück einen völligen Neubau, der sich an Vorgaben aus Architekturtraktaten jener Zeit orientierte, z. B. Josef Furttenbach (1591–1667). Motiviert von der Herausforderung, einen ihrer Konfession angemessenen Bautyp zu erschaffen, entstand dabei eine vorerst turmlose Saalkirche.


Begründung: Die Providenzkirche ist ein Monument der Reformation. Es verdeutlicht die seit der Reformation andauernden Bestrebungen um die Errichtung eines neuen, der Konfession angemessenen, Bautyps. Als erster protestantischer Kirchenneubau in Heidelberg kommt der Kirche zudem eine bedeutende Rolle in der städtischen Reformationsgeschichte zu.

Dreh-Heiliger in der Kapelle des Heidelberger Mark Twain Village
Klicken zum Vergrößern
Dreh-Heiliger in der Kapelle des Heidelberger Mark Twain Village
Dreh-Heiliger in der Kapelle des Heidelberger Mark Twain Village

LAD: Aufnahme Mertens

X

Dreh-Heiliger in der Kapelle des Heidelberger Mark Twain Village

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen mit den Alliierten nicht nur Soldaten sondern auch Gläubige nach Deutschland. Auch aus internationaler Perspektive spielten die Folgen der Reformation eine prägende Rolle. Die 1951 nach Plänen des Architekten Emil Serini erbaute moderne Umsetzung einer Simultankirche entstand als Kapelle für die US-amerikanische Siedlung für Soldaten und deren Familien. Das Gotteshaus des Mark Twain Village in Heidelberg, spiegelt die pluralistische Konfessionskultur der US-Streitkräfte wider, die sich aus Protestanten, Katholiken, Juden, Griechisch-Orthodoxen und Muslimen zusammensetzen. Der Kirchenraum ist durch die wandlungsfähige Ausstattung mit religiöser Symbolik für eine konfessionsneutrale Nutzung bestimmt. Die gezeigte Heiligenfigur ist als mobiles Element gearbeitet, das durch Drehung leicht zur neutraleren Kreuzdarstellung wandelbar oder gänzlich aus der Wandaufhängung abnehmbar ist.


Begründung: Die Ausstattung der US-amerikanischen Kapelle ist ein modernes Beispiel für die konfessionsübergreifende Nutzung von Simultankirchen, wie sie sich im Zuge der Reformation etablierte. Als Zeugnis einer pluralistischen Konfessionskultur ist diese Ausstattung ein Monument der Reformation.

Geburtshaus von Johannes Brenz in Weil der Stadt
Klicken zum Vergrößern
Geburtshaus von Johannes Brenz in Weil der Stadt
Geburtshaus von Johannes Brenz in Weil der Stadt

LAD: Aufnahme Hahn

X

Geburtshaus von Johannes Brenz in Weil der Stadt

Beim Geburtshaus des Reformators Johannes Brenz (1499–1570) handelt es sich um einen freistehenden spätmittelalterlichen Fachwerkbau mit Verblattungen auf massivem Erdgeschoß mit Buntsandstein-Gewänden und Eckquaderungen. 1875 erfolgte eine grundlegende Erneuerung, bei der das Wohnhaus zeitgenössisch überarbeitet wurde. Trotzdem stellt das Gebäude ein anschauliches Zeugnis für ein Bürgerhaus des 15. Jahrhunderts in Weil der Stadt dar und ist als Geburtshaus des Reformators von großer Bedeutung.


Begründung: Das spätmittelalterliche Fachwerkhaus ist, trotz Veränderungen des 19. Jahrhunderts, als Wohnhaus des bedeutenden Reformators Johannes Brenz eine historische Wirkungsstätte der Reformation.

Der Crailsheimer Rathausturm von 1717
Klicken zum Vergrößern
Der Crailsheimer Rathausturm von 1717
Der Crailsheimer Rathausturm von 1717

LAD, Aufnahme Gommel

X

Der Crailsheimer Rathausturm von 1717

In Crailsheim (Lkr. Schwäbisch Hall) entstand zwischen 1717–1719 der Rathausturm als monumentaler das Stadtbild prägender Bau in barocken Formen. Eine  Inschriftentafel über dem Eingang nennt als Intention der Turmerrichtung das Reformationsgedenken des Jahres 1717. Über Schriftquellen lässt sich dieser Zusammenhang jedoch nicht belegen, sodass unklar bleibt, ob der hier gesetzte Bezug zum Reformationsjubiläum zeitgenössisch ist oder im Nachhinein hinzugefügt wurde. Die bestehende Inschrift jedenfalls verweist auf den 200. Jahrestag der Reformation als Motivation für die Errichtung des Turmes und erinnert an den Pfarrer und Dekan Adam Weiß, der ab 1522 in Crailsheim die evangelische Lehre einführte. Der ursprünglich 57,5 m hohe Rathausturm wurde laut Inschrift im Auftrag Markgraf Friedrich Wilhelms von Brandenburg-Ansbach durch den Obrist-Baumeister von Zocha erbaut. Auch über diesen historischen Zusammenhang bestehen in der Forschung jedoch mittlerweile begründete Zweifel. Sicher ist, dass der Turm nach Brandzerstörung 1835 und Kriegszerstörung 1945 im Jahr 1949 bis zum Viereckkranz wiederhergestellt und 1962 sowie 1980 weiter ausgebaut wurde.



Begründung: Als „Reformationsdenkmal“ handelt es sich um ein Kulturdenkmal der Reformation. Die Inschriftentafel verweist - wahrscheinlich als spätere Zutat - auf das Reformationsjubliäum 1717. Die hier erkennbare Reformationsrezeption schließt auch den ortsansässigen Reformator Adam Weiß ein.

Das erste evangelische Pfarrhaus in Württemberg
Klicken zum Vergrößern
Das erste evangelische Pfarrhaus in Württemberg
Das erste evangelische Pfarrhaus in Württemberg

LAD, Aufnahme Hahn

X

Das erste evangelische Pfarrhaus in Württemberg

In Markgröningen entstand 1535/1544 das erste evangelische Pfarrhaus in Württemberg. Bei dem Kulturdenkmal handelt sich um einen Pfarrhof, der als Sachgesamtheit aus dem Hauptbau, dem Waschhaus des 18. Jahrhunderts, dem Pfarrgarten (Flst.Nr. 67) und aus Resten einer Ummauerung besteht. Das Pfarrhaus ist ein über hohem Bruchsteinsockel in Fachwerk errichteter repräsentativer Bau mit profiliertem Rundbogenportal zum Kirchplatz. Am Untergeschoss des Pfarrhauses findet sich eine frühe Darstellung des Württemberger Wappens in Stein gemeißelt. Das Wappen über der alten Eingangstür verweist auf den Einfluss Herzog Ulrichs von Württemberg bei der Entstehung des Gebäudes. Die dortige Inschrift „VDMIAE“ („Verbum Domini Manet In Aeternum“ - Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit) ist als konfessionelle Botschaft zu lesen. In späterer Zeit wirkte hier der Stadtpfarrer und Historiker Ludwig Heyd (1824–1842).


Begründung: Als erstes evangelisches Pfarrhaus in Württemberg, ist der Fachwerkbau als Monument ein Kulturdenkmal der Reformation. Das Wappen über dem alten Zugang trägt mit der Inschrift „VDMIAE“ eine konfessionelle Aussage und ist eng an Herzog Ulrich von Württemberg gebunden, der 1534 die Reformation einführte.

Lutherlinde von 1883
Klicken zum Vergrößern
Lutherlinde von 1883
Lutherlinde von 1883

LAD, Aufnahme Otto

X

Lutherlinde von 1883

Im Jahr 1883 wurden überall in Deutschland Denkmale anlässlich des 400. Geburtstages Martin Luthers errichtet. Neben Kirchenausstattung und Standfiguren im öffentlichen Raum wurden dabei auch Bäume gepflanzt. Meistens handelt es sich um Eichen, seltener um Linden. Die Idee entstand wohl in Anlehnung an die Luthereiche in Wittenberg, an deren Standort Luther 1520 sein Exemplar der päpstlichen Bannandrohungsbulle verbrannt haben soll. In Obersulm-Affaltrach (Lkr. Heilbronn) wurde eine Linde auf dem Kirchhof gepflanzt. Zusammen mit der Johanneskirche und dem Kirchhof ist der Baum als Sachgesamtheit ein Kulturdenkmal. Weitere Bäume, die im Gedenken an Martin Luther 1883 in Baden-Württemberg gepflanzt wurden, finden sich u.a. in Bad Liebenzell (Lkr. Calw), Bitz (Zollernalbkreis) oder Nürtingen (Lkr. Esslingen).


Begründung: Die Lutherlinde wurde in Gedenken an Martin Luther 1883 anlässlich des 400. Geburtstages des Reformators angepflanzt. Es handelt sich daher um ein Erinnerungsmal der Reformation.

Melanchthonhaus in Bretten
Klicken zum Vergrößern
Melanchthonhaus in Bretten
Melanchthonhaus in Bretten

LAD: Aufnahme Hausner

X

Melanchthonhaus in Bretten

An der Stelle des Hauses, in dem Philipp Melanchthon 1497 geboren wurde, errichtete man in Bretten Ende des 19. Jahrhunderts als Gedenkstätte für den Reformator das Melanchthon-Gedächtnishaus. Dem 1689 abgebrannten Geburtshaus folgte auf der Parzelle ein 1705 errichtetes Doppelhaus, welches 1896 abgebrochen wurde, um den Neubau als Gedenkstätte zu ermöglichen. Es handelt sich dabei um einen zwischen 1897 und 1903 errichteten prachtvollen Sandsteinbau im Stil der Neugotik. Das Gebäude entstand nach Plänen des Architekten Hermann Billing, für die Innenausstattung zeichnete sich Wilhelm Jung (Durlach) verantwortlich. Prägend für das Konzept der Gedenkstätte, die über Skulpturen der wichtigsten Reformatoren und ein aufwendiges Bildprogramm verfügt, war der evangelische Kirchenhistoriker und Christliche Archäologe Nikolaus Müller (Karlsruhe/Berlin). Dieser wünschte einen „Monumentalbau von edler Schönheit, bestimmt, eine Gedächtnishalle und ein Museum aufzunehmen. Im Erdgeschoss soll ein mit Statuen und Gemälden geschmückter weiter Raum die Helden der Reformation und die besonderen Verdienste Melanchthons vor Augen und Seele führen, das Obergeschoss soll eine Sammlung von Erinnerungen an den grossen Mann, handschriftliche Aufzeichnungen von seiner Hand, Gemälde, Kupferstiche, Holzschnitte, Medaillen und sein Bild usw., vor allem die noch nirgends in der Welt auch nur annähernd vollständig gesammelten gedruckten Werke von ihm, über ihn, sowie die Schriften seiner Freunde und Gegner, vereinigen” (Festschrift 1903, S. 42).


Begründung: Das Melanchthon-Gedächtnishaus ist ein eindrückliches Beispiel für das Gedenken an die Reformation und ihre Protagonisten am Ende des 19. Jahrhunderts. Als Platz dieser Gedenkstätte dient der ursprüngliche Standort des Geburtshauses von Philipp Melanchthon. Es handelt sich daher sowohl um eine Wirkungsstätte als auch einen Erinnerungsort der Reformation. Aufgrund der starken Überprägung des 19. Jahrhunderts ist das Gebäude heute vor allem als Erinnerungsmal der Reformation anschaulich.

Lutherfigur (um 1900) an der spätgotischen Kanzel
Klicken zum Vergrößern
Lutherfigur (um 1900) an der spätgotischen Kanzel
Lutherfigur (um 1900) an der spätgotischen Kanzel

Bild Holder

X

Lutherfigur (um 1900) an der spätgotischen Kanzel

Bei dieser Kanzel von 1509 handelt es sich um ein vorreformatorisches Ausstattungselement der Amanduskirche in Bad Urach (Lkr. Reutlingen). Obwohl die Predigt und mit ihr die Kanzel für den evangelischen Gottesdienst besondere Bedeutung hat, wurde die kunstvolle Kanzel aus vorreformatorischer und damit aus katholischer Zeit nicht ersetzt, sondern über Jahrhunderte weiterverwendet. Bei einer Restaurierung um 1900 jedoch wurde das Figurenpersonal der Kanzel verändert. Man ersetzte eine der 35 cm hohen Standfigurinen der Kirchenväter am Kanzelkorb durch die Figur Martin Luthers. Gezeigt ist Luther als junger Mönch mit Tonsur. Damit wurde die vorreformatorische Kanzel beinahe unbemerkt zu einem Denkmal an die Reformation umgewidmet. Dass dies durchaus absichtlich geschah, zeigen weitere zeitgleiche kunstvolle Ergänzungen mit Reformationsbezug an der Amanduskirche wie die Skulpturen von Herzog Christoph von Württemberg (1905) oder später Primus Truber (1986).


Begründung: Die Veränderung an der Kanzel im Zuge der Restaurierungen ist Teil der verstärkten Reformationsrezeption um 1900. Die spätmittelalterliche Kanzel wurde so zum Erinnerungsmal eines Luthergedenkens und damit zum Zeugnis der Reformation.

Evangelisches Schulhaus von 1838
Klicken zum Vergrößern
Evangelisches Schulhaus von 1838
Evangelisches Schulhaus von 1838

LAD: Aufnahme RP Karlsruhe

X

Evangelisches Schulhaus von 1838

Wieso ist ein in klassizistischen Formen erbautes Schulhaus ein Denkmal der Reformation? Im Zuge der konfessionellen Teilung wurden nicht nur getrennte Kirchen sondern auch getrennte Schulen gebaut. In der Kurpfalz, im nördlichen Teil des Großherzogtum Badens waren es sogar drei Konfessionen – katholisch, lutherisch und reformiert – die sich miteinander arrangieren mussten. In Baden kam es 1821 zur Vereinigung der lutherischen und der reformierten Kirche zur evangelischen Kirche. Als direkte Folge wurde in Epfenbach (Rhein-Neckar-Kreis) im Jahr 1838 ein neues gemeinsam genutztes evangelisches Schulhaus erbaut. Eine Inschriftentafel im übergiebeltem Nischeneingang bedient sich einem an der Nutzung und der konfessionellen Zuordnung orientierten Zitat aus den Evangelien „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ ((Mt 19,13–15; Mk 10,13–16; Lk 18,15–17). Zur ehemaligen Schule, die heute als Heimatmuseum genutzt wird, gehörten die bauzeitliche Einfriedung, Scheune und Schuppen.

 


Begründung: Das Schulgebäude des 19. Jahrhunderts belegt als eindrückliches Zeugnis des Alltags die Auswirkungen der Unierung von 1821, mit der sich die lutherische und die reformierte Kirche zur evangelischen Kirche zusammenschlossen. Das Gebäude ist daher als Monument ein Kulturdenkmal der Reformation.

Der erste evangelische Kirchenbau im württembergischen Allgäu
Klicken zum Vergrößern
Der erste evangelische Kirchenbau im württembergischen Allgäu
Der erste evangelische Kirchenbau im württembergischen Allgäu

LAD: Aufnahme Kuttler

X

Der erste evangelische Kirchenbau im württembergischen Allgäu

Die evangelische Dreifaltigkeitskirche in Leutkirch (Lkr. Ravensburg) ist der erste evangelische Kirchenbau im württembergischen Allgäu. Im Jahr 1562 schloss die ehemalige Reichsstadt Leutkirch einen Vertrag mit dem Kloster Weingarten, der den mit der Reformation verbundenen Glaubenskampf beenden sollte. Der katholischen und der evangelischen Gemeinde wurde dabei jeweils ein eigener Kirchenraum zugeteilt. Da die den evangelischen Gläubigen zugeordnete Spitalkapelle nicht ausreichte, beschloss der Rat der Stadt 1613 die Errichtung einer neuen Kirche unter Einbezug des alten Turmes von 1485. Der Neubau wurde 1613 bis 1615 von Daniel Schopf nach Vorbild der von Heinrich Schickhardt begründeten Predigtsaalkirche ohne Chor ausgeführt. Im 19. Jahrhundert erfolgte ein neugotischer Umbau zur dreischiffigen Halle durch Gottlieb Pfeilsticker, der bis auf einige Ausstattungsstücke 1971/72 wieder zurückgenommen wurde.


Begründung: Die Dreifaltigkeitskirche ist als erster evangelischer Kirchenbau im württembergischen Allgäu ein Zeugnis der Reformationsgeschichte. Architektonisch ist der Bau an einem von Heinrich Schickhardt begründeten Bautypus orientiert und damit ein Beitrag zur evangelischen Kirchenbautradition.

Evangelisches Pfarr- und Gemeindehaus mit Bildnissen der Reformatoren
Klicken zum Vergrößern
Evangelisches Pfarr- und Gemeindehaus mit Bildnissen der Reformatoren
Evangelisches Pfarr- und Gemeindehaus mit Bildnissen der Reformatoren

LAD: Aufnahme Kaiser

X

Evangelisches Pfarr- und Gemeindehaus mit Bildnissen der Reformatoren

Bald nach der Fertigstellung der Christuskirche in Freiburg im Breisgau errichtete die Architekturfirma Walter, Jacobsen & Co. 1895/1896 das zugehörige Pfarr- und Gemeindehaus. Die zweigeschossige Zweiflügelanlage ist in repräsentativen Formen gestaltet. An der Fassade finden sich die Bildnisse von Luther, Melanchthon, Zwingli und Calvin in Form von Büstenreliefs mit Inschriften. Die Inschriften unter den einzelnen Büsten sind der Bibel entnommen und werden zudem den einzelnen Reformatoren zugeordnet. So ist Luther beispielsweise der Beginn des auf ihn zurückgeführten Kirchenliedes „Ein feste Burg ist unser Gott“ zugeordnet, das auf eine Übersetzung von Psalm 46 verweist. Das Lied ist für evangelische Institutionen von großer Symbolkraft und wurde um 1900 mehrfach an Gebäuden angebracht. Das Pfarr- und Gemeindehaus ist zusammen mit der Christuskirche und einschließlich umgebender Grünfläche als Sachgesamtheit ein Kulturdenkmal.


Begründung: Das Pfarr- und Gemeindehaus ist aufgrund seiner Reformatorendarstellungen sowie den Inschriften mit konfessioneller Symbolik ein Kulturdenkmal der Reformation.

Der Kirchenraum in Dettingen am Albuch
Klicken zum Vergrößern
Der Kirchenraum in Dettingen am Albuch
Der Kirchenraum in Dettingen am Albuch

©Bildarchiv Marburg

X

Predigen in einer Reihe mit den Reformatoren: Der Kirchenraum in Dettingen am Albuch

Die evangelische Kirche in Dettingen am Albuch bei Gerstetten (Lkr. Heidenheim) ist durch eine konfessionell geprägte Innenausstattung gekennzeichnet. Dies ist besonders bemerkenswert, da die Kirche 1769 nach Plänen des fürstlich Taxis'schen Baumeisters Joseph Dossenberger, einem katholischen Kirchenbaumeisters errichtet wurde. Die flachgedeckte Saalkirche verfügt im Innenraum über eine nach dem Ansbacher Prinzip auf die Mittelachse bezogene Anordnung der Primarstücke (Taufstein, Altar, Kanzel). Seitlich des Kanzelaltares imitieren Reliefbildnisse den segmentbogigen Durchbruch der Wandöffnung für den Prediger. Diese Bildnisse stellen Martin Luther und Philipp Melanchthon dar. Der auf der Kanzel stehende evangelische Prediger steht so im wahrsten Sinne des Wortes in einer Reihe mit den großen Protagonisten der Reformation.


Begründung: Die spezifische Raumaufteilung der Primarstücke sowie der von den Bildnissen der Reformatoren Luther und Melanchthon flankierte Kanzelaltar bestimmen den Kirchenraum in seiner konfessionellen Aussage. Der Kirchenbau ist, gerade auch aufgrund des katholischen Baumeisters ein Kulturdenkmal der Reformation.

Gesamtanlage Königsfeld, O. Braasch, Landshut / LAD
Klicken zum Vergrößern
Gesamtanlage Königsfeld, O. Braasch, Landshut / LAD
Gesamtanlage Königsfeld, O. Braasch, Landshut / LAD

LAD: Luftbild_BR (2009)

X

Plansiedlung für pietistische „Herrnhuter Brüdergemeine“ in Königfeld im Schwarzwald (Schwarzwald-Baar-Kreis)

Die „Herrnhuter Brüdergemeine“, welche 1727 als protestantisch-pietistische Bewegung in der namensgebenden Siedlung Herrnhut in Sachsen gegründet wurde, ging auf mährische Glaubensflüchtlinge zurück. Noch heute hat die Brüdergemeine als Freikirche Bestand. Mit Erlaubnis des Württembergischen Königs Friedrich I. legte man für die Glaubensgemeinschaft die religiös motivierte Plansiedlung auf einer ehemaligen klösterlichen Verwaltungseinheit an. 1804 kauften Mitglieder der Brüdergemeine den sogenannten Hörnlishof, einen Einzelhof, auf dessen zugehörigen Wirtschaftsflächen zwischen 1806 und 1820 eine planmäßige Siedlung entstand. Diese Siedlung beinhaltete zu Beginn vor allem Bauten mit öffentlicher oder gemeinschaftlich-sozialer Funktion. So finden sich in der Planskizze von Johann Gottfried Schultz u.a. ein Kirchensaal, ein Gasthof (Gemeinlogis), Erziehungsanstalten (Schulen) für Jungen und Mädchen, ein Laden sowie eine Apotheke. Das historische Gründungsareal entstand dabei symmetrisch und axial rings um den zentralen, quadratischen Zinzendorfplatz, der nach dem Gründervater der religiösen Bewegung – Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf – benannt wurde. Die angelegte Bebauung setzt sich aus traufständigen und zweigeschossigen verputzten Fachwerkhäusern zusammen, die kaum über Bauschmuck oder Dekorelementen verfügen. Mit der nach einheitlichem Plan in relativ kurzer Bauzeit entstandenen regelmäßigen Gemeindeanlage – die mit anderen weit entfernten Herrnhuter Siedlungen etwa in Herrnhaag bei Büdingen (Hessen) oder Christiansfeld (Dänemark) vergleichbar ist – und den schlichten Putzbauten verweist das Ortszentrum noch heute auf den religiös motivierten Ursprung der Ansiedlung. Der Ort Königfeld wurde Ende des 19. Jahrhunderts sowie noch im 20. Jahrhundert südlich und westlich des historischen Ortszentrums erweitert. Diese Anschlussbebauung, die vor allem aus Kur- und Bäderhausarchitektur besteht und den Wandel von der Heimstatt pietistischer Siedler hin zu einem Ort der Erholung verdeutlicht, ist ebenso Teil der 1980 auf Veranlassung der Gemeinde ausgewiesenen Gesamtanlage (§19 DSchG).


Begründung: Die Gesamtanlage (§19 DSchG) von Königsfeld im Schwarzwald verdeutlicht die planmäßige Anlage einer Siedlung für die religiöse Gruppierung der pietistischen Glaubensgemeinschaft der „Herrnhuter Brüdergemeine“. Die Neugründung verweist auf die intensive Diasporaarbeit der Brüdergemeine, die in ganz Europa und darüber hinaus betrieben wurde.

Ruine des abgebrochenen Klosters Anhausen
Klicken zum Vergrößern
Ruine des abgebrochenen Klosters Anhausen
Ruine des abgebrochenen Klosters Anhausen

LAD: Aufnahme Otto

X

Ruine des abgebrochenen Klosters Anhausen

Auf einer Ackerfläche bei Bölgental (Satteldorf, Lkr. Schwäbisch Hall) ragt ein Mauerzug ca. 20 m in die Höhe. Die erhaltenen Reste von charakteristischen Bauformen (Schildbogenansätze und ein polygonaler Konsolstein) und skulpturalem Schmuck (Epitaphien der Bebenburger) verweisen noch heute auf die ehemalige Funktion der sog. Anhäuser Mauer als Kirche hin. Es handelt sich um den letzten obertägigen Überrest der nördlichen Chorwand der Klosterkirche des früheren Pauliner-Eremiten-Klosters aus dem 15. Jahrhundert. Mit der Zerstörung einiger Klostergebäude im Bauernkrieg begann 1525 Niedergang des Klosters. Bereits 1528 untersagten die mittlerweile evangelischen Markgrafen von Brandenburg-Ansbach, die als Fürstentum Ansbach seit 1504 die Schirmvogtei über das Kloster innehatten, die Aufnahme neuer Novizen. Mit dem Tod des letzten Priors 1557 wurde das Kloster schließlich aufgelöst und in einen Pachthof umgewandelt. Ab 1704 erfolgte dann der Abbruch der Kirche, der übrigen Klostergebäude und der wirtschaftlichen Anlage. Die Ausdehnung des ehemaligen Baubestandes und der bewirtschafteten Klosterlandschaft lassen sich im Geländebestand noch heute deutlich erkennen. Aufgrund von im Boden erhaltenen archäologischen Befunden des Klosters zeigen sich im Luftbild deutlich abzeichnende negative Bewuchsmerkmale rund um den vorhandenen Mauerrest, welche die Grundrisse der einstigen Konvents- und Wirtschaftsgebäude erkennbar machen. Auch vom südöstlich gelegenen ehemaligen Klosterweiher hebt sich der Staudamm noch als sichtbarer kleiner Wall in der Topografie des Geländes ab.


Begründung: Die ehemalige Klosteranlage Anhausen ist heute anhand des obertägig erhaltenen Mauerzuges der Kirche, den archäologisch nachweisbaren Funden und Befunden sowie den klosterzeitlichen Geländemerkmalen nachvollziehbar. Gerade aufgrund seiner baulichen Entwicklung – zu der auch der Abbruch der Gebäude gehört – ist die Anlage ein eindrückliches Monument, das die historischen, kultur- und geistesgeschichtlichen Folgen der Reformation verdeutlicht.

Die Häretiker in der Klosterbibliothek von Bad-Schussenried
Klicken zum Vergrößern
Die Häretiker in der Klosterbibliothek von Bad-Schussenried
Die Häretiker in der Klosterbibliothek von Bad-Schussenried

LAD: Aufnahme Widmaier

X

Gegenreformation: Die Häretiker in der Klosterbibliothek von Bad-Schussenried

Im katholischen Oberschwaben entschied sich der Prämonstratenserorden beim barocken Neubau und der sinnreichen Ausstattung des Bibliotheksaals des Klosters Schussenried (Lkr. Biberach) in den Jahren zwischen 1756 und 1765 für ein Bildprogramm, dass – ausgehend von der Funktion der Bibliohek und im Dienste der Gegenreformation – die Verteidigung der rechten Glaubenslehre vor Ketzertum und Häresien verbildlichen sollte. Als wichtiges Vorbild diente die Bibliothek des Benediktinerklosters Wiblingen. Man nahm damit ein Thema auf, das seit der Reformation und der Gegenreformation sehr aktuell war: Es ging um die Rechtmäßigkeit des eigenen Glaubens im Gegensatz zu anderen Formen der Glaubensausübung. Das Bildprogramm ist daher als theologisches Manifest zur Bestätigung des einen christlichen Selbstverständnisses zu lesen. Derartige Polemik gabe es in Wort, Schrift und Bild auf allen Seiten der konfessionellen Lager. Die Klosterbibliothek wurde als „geistige Rüstkammer“ und als Ort gelehrsamer Experten dabei jedoch besonders aufwendig inszeniert, obwohl das Programm überhaupt nur von ausgewählten Personen betrachtet werden konnte. Der von West nach Ost längsrechteckig ausgerichtete zweigeschossige Saal ist mit aufwendigen Deckengemälden, kunstvoll verzierten Buchschränken und einer umlaufenden Empore ausgestattet, an deren 16 Doppelsäulen aus rötlichem Stuckmarmor 24 monochrom gefasste Alabasterstuckfiguren aufgestellt sind. Abwechselnd sind hier zum einen mit Kirchenlehrern und anderen geistigen Autoritäten die Verteidiger des katholischen Glaubens dargestellt, zum anderen werden Vertreter des Irrglaubens präsentiert. Diese versinnbildlichen die Häresien und sind jeweils als Zweiergruppe von Putti mit verschiedenen Attributen dargestellt. Gezeigt sind die Aufklärer, die Utraquisten, die Juden, der Islam, die Freimaurer, die Pneumatomachen, die Epikuräer und zuletzt gemeinsam als Vertreter des evangelischen Glauben, die Lutheraner und die Calvinisten. Letztere sind mit großen Halskrausen bekleidet und weisen auf ihre Bücher. Als Ketzer sind sie in großer Verzweiflung wiedergegeben, wie Gestik, Mimik und Körperhaltung verdeutlichen.


Begründung: Das Bildprogramm des barocken Bibliotheksaals des Klosters in Bad Schussenried (Lkr. Biberach) ist ein bemerkenswertes Zeugnis für die religiöse Selbstdarstellung der geistigen Gemeinschaft einer freien oberschwäbischen Reichsabtei zur Zeit der Gegenreformation. Als Monument ist es vor allem vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen um den wahren Glauben zu verstehen, wie sie in Reformation und Gegenreformation geführt worden sind.

Simultankirche in Biberach
Klicken zum Vergrößern
Simultankirche in Biberach
Simultankirche in Biberach

LAD: Aufnahme

X

Simultankirche in Biberach

In der Reichsstadt Biberach an der Riß wurde 1531 durch Ratsbeschluss die Reformation gemäß Schweizer Kirchenordnung eingeführt. Die Stadtpfarrkirche des 14. Jahrhunderts wurde damit zunächst von der neuen evangelischen Gemeinde genutzt. Seitenaltäre und auch der katholische Hochaltar wurden dafür entfernt. Als 1548 mit dem Augsburger Interim die kirchlichen Verhältnisse wieder auf kaiserlichen Beschluss geregelt werden sollten, fanden zusätzlich auch katholische Messen im Kirchenraum statt. Seither wird die Kirche von evangelischer wie katholischer Gemeinde, also simultan genutzt. Der Westfälische Friede von 1648 ließ die in Biberach zunächst als Übergangslösung gedachte Situation bestehen. Es handelte sich um eine paritätische Reichsstadt, sodass nicht nur die Kirche sondern auch der Rat damit mehrkonfessionell besetzt war. Evangelische wie katholische Bürger mussten sich auf die paritätische Nutzung der Kirche sowie  die gemeinsame Unterhaltspflicht für den Bau einigen. Für die Ausstattung mit barocken Deckengemälden ab 1746 musste daher bei der Wahl der Bildthemen sowie bei der Vergabe des Arbeitsauftrages ein Konsens zwischen den beiden Gemeinden und den jeweiligen Vertretern des Rates gefunden werden. Das Bildprogramm ist das Resultat eines interkonfessionell geschlossenen Kompromisses und zeigt verschiedene Szenen aus dem Neuen Testament, ohne Themen aufzugreifen, die inhaltlich für eine der beiden Seiten problematisch waren. Auch durch das württembergische Landesgesetz von 1887/1889 wurde dieser sog. Gemeinschaftlichen Kirchenpflege der Status einer rechtsfähigen Stiftung bestätigt. Noch heute verfügt die Kirche über einen anhand der konfessionellen Zuordnung strukturierten Reinigungsplan sowie eine doppelte Stromzähleranlage.


Begründung: Als eine der ältesten Simultankirchen Deutschlands ist die Stadtpfarrkirche in Biberach ein Monument der Reformation. Sie macht die Aushandlungen um und im gemeinsam genutzten Kirchenraum anschaulich.

Kloster und Klosterschule in Maulbronn
Klicken zum Vergrößern
Kloster und Klosterschule in Maulbronn
Kloster und Klosterschule in Maulbronn

LAD: Aufnahme Widmaier

X

Kloster und Klosterschule in Maulbronn

Das 1147 gegründete Zisterzienserkloster Maulbronn (Enzkreis) kann auf eine lange Tradition gemeinschaftlicher Nutzung der baulichen Anlage zurückblicken. Bis zur Einführung der Reformation im Herzogtum Württemberg 1534 wurde die Anlage von Mönchen genutzt, belebt und ausgebaut. Zur baulichen Anlage gehörten neben der Klosterkirche und dem Konventsbereich auch Gebäude und Strukturen für die wirtschaftliche Aufrechterhaltung der religiösen Gemeinschaft, etwa ausgeklügelte Teichsysteme oder landwirtschaftliche Nutzflächen. Dieses eingespielte Geflecht aus sakraler und wirtschaftlicher Nutzung wurde durch die Reformation beendet. 1537 flohen Abt und Konvent ins Elsass, von wo aus das Kloster im 12. Jahrhundert gegründet worden war. Das Kloster kam als von Beamten verwaltetes Klosteramt in den Besitz des Landesherrn und wurde 1556 zu einer Klosterschule umgewidmet. Die Gebäude und die Raumstrukturen des Zisterzienserklosters boten ideale Voraussetzungen. Mit dem Schluss der sogenannten Klosterordnung 1556 durch Herzog Christoph war die Verwendung als Bildungsstätte festgeschrieben und im ganzen Herzogtum Württemberg wurden 13 ausgewählte Männerklöster zu evangelisch-theologischen Seminaren umgestaltet. Die neue Nutzung wurde von vielfältigen Neubauten wie dem Fruchtkasten von 1579, dem Jagdschloss von 1588 oder dem Marstall von 1600 innerhalb des ehemaligen Klosterareals begleitet. Mit Konrad Weiß wurde in Maulbronn einer der ehemaligen Konventualen zum Lehrer für die Schüler, denen per Auflage ein anschließendes Studium der evangelischen Theologie am Tübinger Stift und folglich auch eine Laufbahn als künftige evangelische Gelehrte, Beamte oder Pfarrer vorgegeben war. Auch der ehemalige Maulbronner Mönch Valentin Vannius wurde Leiter der evangelischen Klosterschule und ab 1558 zur ihrem ersten evangelischen Abt. Seither und bis heute ist das ehemalige Kloster als Klosterschule in Nutzung. Wo sich zuvor Mönche betätigten und stille Gebete oder fromme Gesänge zu hören waren, prägten nun Jugendliche – zu Beginn wurden ausschließlich junge Männer im Alter von 10 bis 14 Jahren aufgenommen – die Gebäude. Diese Seminaristen hinterließen ihre Spuren im ehemaligen Chorgestühl der Mönche, das nun als Auditorium genutzt wurde oder ritzten ihre Namen in die Mauern der Klosteranlage. Berühmte Schüler der Einrichtung waren u.a. der Astronom Johannes Kepler, der Dichter Friedrich Hölderlin sowie der Schriftsteller Hermann Hesse. Aufgrund der ununterbrochenen Nutzung der Anlage ist das ehemalige Kloster Maulbronn heute die am besten erhaltene mittelalterliche Klosteranlage nördlich der Alpen. Seit 1993 wird der Einzigartigkeit des baulichen Ensembles mitsamt der von den Zisterziensern geprägten Kulturlandschaft durch die Vergabe des UNESCO-Welterbe-Siegels Rechnung getragen.


Begründung: Die Umnutzung des ehemaligen Zisterzienserklosters Maulbronn zu einem evangelisch-theologischen Seminar ist ein eindrückliches Beispiel für ein Kulturdenkmal der Reformation. Als Monument macht das bauliche Ensemble die Veränderungen im Zuge der Reformation begreifbar; die Inschriften der Seminaristen verdeutlichen den neuen Gebrauch der Gebäude auf besonders prägnante Art und Weise.

Die Simultankirche von Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis)
Klicken zum Vergrößern
Die Simultankirche von Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis)
Die Simultankirche von Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis)

LAD: Aufnahme Mertens

X

Die Simultankirche von Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis)

Die ehemalige Stiftskirche von Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis) ist eine mittelalterliche Basilika. Der Kirchenbau wurde bereits 1370 bis 1410 als einschiffiger Saal mit 5/8-Chor und seitlichem Chorturm über Vorgängerbauten des 8. und 13. Jahrhunderts errichtet. Das Langhaus erweiterte man um 1468 zu einem dreischiffigen Baukörper, der in Richtung des Marktplatzes verlängert wurde. Diese Erweiterung der mittelalterlichen Kirche bezeugt die Bedeutung des Stifts, wie sie auch an Ausstattungselementen wie Wandmalereien des 15. Jahrhunderts, einer Kanzel von 1468 sowie zahlreichen Grabplatten ablesbar geblieben ist. Mit der Einführung der Reformation in der Kurpfalz durch Kurfürst Ottheinrich entstand 1564 eine neue Kirchenordnung für Mosbach. Die ehemalige Stiftskirche diente nun als Pfarrkirche dem lutherischen Gottesdienst. Seit 1583 war Mosbach calvinistisch. Ab 1698 entstand im Zuge der Rekatholisierung der Kurpfalz durch kurfürstliche Verordnung eine simultane Nutzung des Kirchenraums, dies jedoch nicht ohne Konflikte zwischen den Konfessionen. Am 30. Mai 1706 verfügte Kurfürst Johann Wilhelm daher, dass die Katholiken den Chor nutzen durften und den Evangelischen das Kirchenschiff zugesprochen wurde. Mit dem Bau einer Trennmauer auf dem Lettner wurde im Jahr 1708 der evangelische vom katholischen Gemeindebau getrennt und die simultane Nutzung der Kirche sprichwörtlich in Stein gehauen.


Begründung: Die Umnutzung der ehemaligen Stiftskirche zum Simultaneum seit Ende des 17. Jahrhunderts wird noch heute eindrücklich durch die 1708 errichtete Mauer bezeugt. Die simultan genutzte ehemalige Stiftskirche St. Juliana ist daher ein Denkmal der Reformation, welches die vielfältigen Aushandlungen im Zuge der Konfessionalisierung erlebbar machen kann.

Die Michaelskirche in Schwäbisch Hall
Klicken zum Vergrößern
Die Michaelskirche in Schwäbisch Hall
Die Michaelskirche in Schwäbisch Hall

LAD, Felix Pilz

X

Die Michaelskirche in Schwäbisch Hall

Die Michaelskirche in Schwäbisch Hall ist eine mittelalterliche Hallenkirche, die aus romanischen und vor allem gotischen Bauteilen besteht. Die reiche Ausstattung ist ein eindrückliches Zeugnis der Fülle mittelalterlichen und früh neuzeitlichen Kircheninventars. Die für einen mittelalterlichen Sakralbau außergewöhnlich gute und seltene Überlieferung der Ausstattung verdanken wir u.a. Johannes Brenz, der von 1522 bis 1548 hier als Prediger tätig gewesen war. Zu seiner Zeit wurde die Reformation in Schwäbisch Hall eingeführt, die hier eine besonders zurückhaltende Umsetzung erfuhr und dadurch viele Bildwerke, vor allem Altarbilder, unangetastet blieben. Bereits ab 1523 predigte Brenz im reformoratorischen Sinne, wobei zunächst der Heiligenkult kritisch im Fokus stand. So wurden zwar ausgesprochene Andachtsbilder und Prozessionsfiguren entfernt, ein Großteil des raumprägenden Inventars blieb jedoch erhalten, etwa das Sakramentstürmchen aus der Mitte des 15. Jahrhundert und die Kanzel von um 1490. Vor allem die Kapellen des Chorumganges sind noch heute reich mit spätgotischen Altären und Zeugnissen reichsstädtischer Selbstdarstellung ausgestattet. In diese prunkvolle Ausstattung reihten sich auch evangelische Geistliche und Würdenträger der Stadt mit Epitaphien und Gedenktafeln ein, die sich noch heute im Kirchenraum befinden. Beispiele sind die Epitaphien von Johannes Brenz, seiner Frau Margarete, nachfolgender evangelischer Pfarrer sowie der Vorfahren von Dietrich Bonhoeffer.


Begründung: Die erhaltene Innenausstattung der Michaelskirche von Schwäbisch Hall ist das Resultat einer verhältnismäßig zurückhaltenden Umsetzung der Reformation. Ein wichtiger Träger dieser Reformation war Johannes Brenz, der als Pfarrer bereits 1523 in der Kirche im reformatorischen Sinne predigte und später eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Württembergischen Reformation werden sollte. Die Michaelskirche ist damit eine Wirkungsstätte der Reformation im deutschen Südwesten.

Das ehemalige Pfarrhaus des Pfarrers und Druckers Paul Fagius
Klicken zum Vergrößern
Das ehemalige Pfarrhaus des Pfarrers und Druckers Paul Fagius
Das ehemalige Pfarrhaus des Pfarrers und Druckers Paul Fagius

LAD: Aufnahme Spengler

X

Das ehemalige Pfarrhaus des Pfarrers und Druckers Paul Fagius in Isny (Lkr. Ravensburg)

Das hier gezeigte Haus ist ein zweigeschossiger Fachwerkbau mit Schopfwalmdach aus dem 16. Jahrhundert. Laut der Sammlung denkwürdigster Begebenheiten der Stadt und des Klosters Isny des „Rathsschreibers“ Weberbeck aus dem Jahr 1822 wurde das Gebäude vom Patrizier und Ratsherren Buffler erbaut. Dieser tritt in verschiedenen historischen Quellen als eifriger Beförderer der Reformation in Isny in Erscheinung und bemühte sich um die Besetzung einer evangelischen Predigerstelle für die Pfarrei, zu der auch das neu errichtete Pfarrhaus gehören sollte. Es gelang ihm schließlich, den Theologen und Hebraisten Paul Büchlin (1504–1549), genannt Fagius, für Isny zu gewinnen, zunächst ab 1527 als Rektor der dortigen Lateinschule, ab 1538 bis 1543 als evangelischer Pfarrer. Als Gelehrter und Gesandter der Reichsstadt war Fagius in die historischen Ereignisse der Reformation eingebunden. Nur drei Jahre nach der Protestation von 1529 in Speyer schloss sich Isny auch dem Schmalkaldischen Bund an, Fagius war einer der Unterzeichner dieses konfessionellen Ereignisses. Als Gelehrter, Pfarrer und Seelsorger war er an der Durchsetzung der Reformation in der Reichsstadt beteiligt und engagierte sich als Drucker, u.a. auch von theologischen Schriften. Direkt neben dem Pfarrhaus wurde mit finanzieller Unterstützung Bufflers die – in Deutschland erste auf hebräische Schriften spezialisierte – Druckerei eingerichtet. Ziel war die Vermittlung hebräischer Sprachkenntnisse zum Verständnis des Alten Testaments an die christlich-humanistischen Theologen, Wissen also, das vor allem in evangelischen Kreisen eine bedeutende Rolle spielte. Denn die Bibel sollte ihnen in Originalsprache zur Verfügung stehen. Die Prädikantenbibliothek zu Isny verwahrt noch heute einige der hier gedruckten und mit Fagius‘ Druckereistempel versehenen Bände: Bibelkommentare, Wörterbücher, Gebetbände und hebräisches Schrifttum.


Begründung: Das ehemalige Pfarrhaus ist als Wirkungsstätte des überregional agierenden, vor allem aber für die Stadtgeschichte Isnys zur Zeit der Reformation bedeutenden Gelehrten, Pfarrers und Seelsorgers Paul Fagius ein Kulturdenkmal der Reformation. Die in direkter Umgebung des Hauses entstandenen Druckschriften gehören zum großen Teil in den geistesgeschichtlichen Zusammenhang der Reformation.

Das Geburtshaus des Reformators Ambrosius Blarer
Klicken zum Vergrößern
Das Geburtshaus des Reformators Ambrosius Blarer
Das Geburtshaus des Reformators Ambrosius Blarer

LAD: Aufnahme Widmaier

X

Das Geburtshaus des Reformators Ambrosius Blarer

In der Katzgasse mitten im früheren Viertel der Patrizier, Kaufleute und Zunfthandwerker in Konstanz steht ein Baukomplex aus dreigeschossigen Wohnhäusern, die ursprünglich getrennt gebaut, seit 1962 aber zu einem Museum zusammengefügt sind. Dennoch hat sich viel spätmittelalterliche Bausubstanz erhalten, die einen Eindruck der mittelalterlichen Bebauung von Konstanz vermittelt. Charakteristisch sind breite, vierteilige Gruppenfenster mit Steingewänden sowie grobe Steinkonsolen an der straßenseitigen Wand mit Streifbalken für die längsgespannte Balkendecke. Damals hieß die Straße, in der diese Häuser standen, noch Münstergasse und eines der Gebäude (die Hausnummer 7) gehörte einer einflussreichen Familie der Stadt, den Blarers. Es handelt sich um das Geburts- und Wohnhaus des Reformators Ambrosius Blarer. Dieser war nicht nur in Konstanz tätig – wie seine Darstellung am Rathaus verrät – sondern ist eine der prägenden Gestalten der sogenannten oberdeutschen Reformation. Blarer war u.a. in Reichsstädten Ulm, Esslingen am Neckar, Augsburg, Lindau und Isny tätig. Nach einigen Jahren im Dienste der Reformation im Herzogtum Württemberg kehrte Blarer 1538 nach Konstanz zurück. Nach der dortigen Rekatholisierung ging er als evangelischer Pfarrer in Schweiz. Ambrosius Blarer tat sich besonders als Vermittler zwischen Luther und Zwingli hervor und stand in Briefkontakt mit weiteren Persönlichkeiten der Reformation wie Heinrich Bullinger oder Johannes Calvin.


Begründung: Das heute etwas unscheinbar in einen Baukomplex integrierte Gebäude, welches Teile seines spätmittelalterlichen Bauschmuckes überliefert hat, ist Geburts- und Wohnort eines wichtigen Reformators des deutschen Südwestens. Ambrosius Blarer war eine Schlüsselfigur der Reformation, vor allem in den südlichen Teilen des heutigen Baden-Württembergs. Es handelt sich daher um eine Wirkungsstätte der Reformation.

Der Kanzelaltar in der evangelischen Stadtkirche von Altensteig
Klicken zum Vergrößern
Der Kanzelaltar in der evangelischen Stadtkirche von Altensteig
Der Kanzelaltar in der evangelischen Stadtkirche von Altensteig

LAD: o.A.

X

Der Kanzelaltar in der evangelischen Stadtkirche von Altensteig

Die evangelische Stadtkirche in Altensteig (Lkr. Calw) entstand 1773 bis 1775 nach Plänen des Kirchenratsbaumeisters Wilhelm Friedrich Goez aus Ludwigsburg. Errichtet wurde der längsgerichtete Kirchenbau mit Turm und Nebenräumen vom Werkmeister Georg Christoph Reich aus Nagold. Die Ausstattung stammt, wie der Taufstein von 1557, teilweise aus dem Vorgängerbau, sonst einheitlich aus der Erbauungszeit. Zu dieser Ausstattungsphase gehört neben der Orgel und den Kirchenbänken auch der Kanzelaltar. Es handelt sich dabei um ein charakteristisches Ausstattungselement evangelischer Kirchenräume, wobei besonders die räumliche Aufteilung und funktionale Staffelung von Altartisch und Kanzelkorb bedeutsam ist. Im Jahr 1961 erfolgte eine grundlegende Modernisierung des Gebäudes, wobei der Künstler Rudolf Yelin aus Stuttgart die künstlerische Ausgestaltung der Wand hinter dem Altar vornahm. Das in Ölspachteltechnik gearbeitete Wandbild zeigt eschatologische, also heilerwartende Bilder sowie Gleichnisse des Alten und des Neuen Testaments, u.a. die Gesetzestafeln Moses, Weinranken, Öllampen, Gestirne, die Dornenkrone und die Geisttaube. Selbstverständlich erscheint dabei, dass die Bildersprache eine evangelische Prägung aufnimmt. Nach heutiger denkmalfachlicher Auffassung muss ein Denkmal nicht nur aus einer Zeit stammen. Vielmehr sind es gerade die verschiedenen zeitlichen und künstlerischen Einflüsse, die ein historisches Zeugnis in seinem materiellen Bestand authentisch werden lassen. Der Kanzelaltar als konstitutives Element eines konfessionell geprägten Kirchenraumes der Frühen Neuzeit bildet dabei mit der ebenso anhand konfessionell verbindlicher Ideen ausgestalteten Wandfläche der 1960er Jahre nicht nur ein eindrückliches und mehrschichtiges funktionales Ensemble, sondern auch zusammen mit dem gesamten Kirchenraum eine Einheit von Denkmalwert.


Begründung: Die evangelische Stadtkirche bildet mit ihrem Zubehör eine Einheit von Denkmalwert. Besonders eindrücklich ist dabei das mehrschichtige funktionale Ensemble aus frühneuzeitlichem Kanzelaltar und Wandbild der 1960er Jahre.

Die Hostiendose der Martinskirche in Ballendorf
Klicken zum Vergrößern
Die Hostiendose der Martinskirche in Ballendorf
Die Hostiendose der Martinskirche in Ballendorf

Hostiendose, LAD: o.A.

X

Die Hostiendose der Martinskirche in Ballendorf (19. Jahrhundert)

In der Michaelskirche von Ballendorf (Alb-Donau-Kreis), einer mittelalterlichen Chorturmkirche mit späteren baulichen Veränderungen, findet sich ein unscheinbares Ausstattungsstück, das ein Erinnungsmal der Reformation ist. Es handelt sich um eine kleine Hostiendose, also ein Behältnis für das Abendmahl. Solche Vasa sacra, oft aufwendig gearbeitete Schüsseln und Kannen für die Sakramente sind gängige Ausstattungsstücke christlicher Kirchen. Bemerkenswert ist dieses Exemplar jedoch aufgrund seiner beiden Schauseiten. Während die Vorderseite mit der Darstellung des gekreuzigten Christus eine für die Symbolik der Eucharistie gängige Ikonographie zeigt, weißt die Rückseite an eben jener Stelle eine Darstellung Martin Luthers im Medaillon auf. Die Hostiendose setzt bemerkenswerterweise im Zusammenhang mit dem Abendmahl einen Bezug auf Martin Luther und verweist somit möglicherweise auf das lutherische Abendmahlsverständnis, das in Ballendorf seit der Reformation Geltung hatte. So wurde auch an anderer Stelle im Kirchenraum eindeutig konfessionell Stellung bezogen. An der Nordempore finden sich beispielsweise Artikel des Augsburger Bekenntnisses verbildlicht (Mitte des 18. Jahrhunderts). Als Entstehungsdatum der Hostiendose kann analog zum 1821 datierten Abendmahlskelch eine Entstehung am beginnenden 19. Jahrhundert angenommen werden. Denn in beiden Fällen handelt es sich um Arbeiten der Goldschmiedefamilie Kleemann (Johann Ludwig und Ludwig Albrecht) aus Ulm. Auf dem Standfuß der Hostiendose ist das Beschauzeichen der Stadt Ulm und der Meisterstempel „Kleemann“ zu erkennen. Möglich, jedoch nicht mit Sicherheit zu bestätigen wäre daher ein Stiftungszusammenhang für die Dose, dessen Ziel das Gedenken zum 300-jährigen Reformationsjubiläum 1817 gewesen ist.


Begründung: Die Hostiendose aus der Martinskirche von Ballendorf ist ein eindrückliches Beispiel eines Erinnungsmals zum 300. Jahrestag der Reformation. Als Liturgiegerät der Eucharistie nach lutherischer Prägung setzt die aufwendig gearbeitete Metallarbeit einen bildlichen Verweis auf Martin Luther, der in jedem Akt sakramentaler Spendung präsent gehalten wurde.

Die Galluskirche in Derendingen

Bei der evangelischen Gallus-Kirche in Derendingen (Lkr. Tübingen) handelt es sich um eine spätmittelalterliche Saalkirche mit eingezogenem Polygonalchor und quadratischem Westturm (1561–1563), die über mehreren Vorgängerkirchen errichtet wurde. Auch das bestehende Gebäude setzt sich aus unterschiedlichen Bauabschnitten zusammen, die die bewegte Entstehungsgeschichte der Kirche anschaulich werden lassen. Relevant als Wirkungsstätte der Reformation wurde die Kirche mit der Vergabe der Pfarrstelle an Primus Truber (Primoz Trubar), der als Reformator Sloweniens bekannt wurde. Primus Truber war als Reformator, Übersetzer geistlicher Schriften und Pfarrer tätig. Von 1550 an veröffentlichte er auf Basis lutherischer Glaubensgrundsätze die ersten in slowenischer Sprache gedruckten Bücher (z.B. „Drey christliche Confessionen“, „Die fürnämpsten Hauptartickel christlicher Lehre“ und „Confessio oder Bekanntnuß des Glaubens“) mit dem Ziel einer Förderung der Reformation in seiner slowenischen Heimat. Seine Schriften wurden in Tübingen und Bad Urach gedruckt. Im Jahr 1557 erschien das Neue Testament in slowenischer Erstübersetzung. Von 1567 war Truber bis zu seinem Lebensende am 28.6.1586 als Pfarrer in Derendingen tätig. Noch heute erinnert ein prachtvolles Epitaph in der Kirche an den hier bestatteten Geistlichen und an die Funktion als Wirkungsstätte einer Persönlichkeit der Reformation.


Begründung: Die evangelische Gallus-Kirche in Derendingen ist als Wirkungsort des Pfarrers, Schriftgelehrten und Reformators Primus Truber ein beachtenswertes Zeugnis für die weitreichenden Kulturkontakte im Zuge der Reformation.

Das Markgrafenschloss Emmendingen
Klicken zum Vergrößern
Das Markgrafenschloss Emmendingen
Das Markgrafenschloss Emmendingen

LAD: Aufnahme Widmaier

X

Das Markgrafenschloss Emmendingen

Von den badischen Markgrafen wurde Emmendingen zur Residenz bestimmt. Unweit der Festung Hochburg, die 1552 bis 1577 unter Markgraf Karl II. von Baden-Durlach erweitert und erheblich umgestaltet wurde, entstand ab 1574 das Renaissanceschloss (Baujahr inschriftlich im Torbogen.). Dabei bediente man sich der bereits vorhandenen Struktur des seit der Reformation umgenutzten Wirtschaftshofes des Klosters Tennenbach aus dem 15. Jahrhundert, woran der Abtsstab über dem Portal noch heute erinnert. Das darüber neu errichtete Schloss, ein dreigeschossiger Massivbau, öffnet sich mit der nördlichen Traufseite zu einem Platz (Rosengärtle) hin. Neben bauzeitlichem Schmuck wie Wappensteinen, finden sich auch spätere Erneuerungen aus der Zeit der grundlegenden Überarbeitung der Anlage im 19. Jahrhundert. Dennoch ist der bauliche Bestand als Wirkungsstätte der Reformation in der Markgrafschaft Baden von besonderer Relevanz. Denn es handelt sich um den Austragungsort des „Colloquium Emmendingense“, dem nach Baden-Baden zweiten Religionsgespräch in der Markgrafschaft. Im Schloss fand 1590 in der Kapitelstube das Treffen von Vertretern der evangelischen und der katholischen Glaubensrichtung statt. Nur wenige Wochen nach dem Gespräch trat Markgraf Jakob III. zum katholischen Glauben über. Im Zuge der Konfessionalisierung hatte sich damit je einer der drei Fürstensöhne dem katholischen Glauben (Jakob III.), dem lutherischen Glauben (Georg Friedrich) und dem calvinistischen Glauben (Ernst Friedrich) zugewandt. Wie eng die Geschichte weltlicher Macht mit den Ideen und Ereignissen der Reformation und der Konfessionalisierung zusammenhängt, zeigt sich auch am Umstand, dass das Hauptgebäude des Schlosses in Emmendingen über einen Gang direkt mit dem Chor der unmittelbar benachbarten Pfarrkirche verbunden war.


Begründung: Die seit 1556 grundlegende Rolle der Landesherren bei der Frage der Konfessionen, ließ gerade Residenzorte zu wichtigen Wirkungsstätten der Reformation und der Gegenreformation werden. Das Schloss in Emmendingen ist als Residenzort der badischen Markgrafen eine Wirkungsstätte der Konfessionalisierung.

Pietistisches Stundenhaus in Denkendorf
Klicken zum Vergrößern
Pietistisches Stundenhaus in Denkendorf
Pietistisches Stundenhaus in Denkendorf

LAD: Aufnahme Bieri

X

Pietistisches Stundenhaus in Denkendorf

Das 1705 an einer Ecklage in Denkendorf (Lkr. Esslingen) erbaute Fachwerkhaus ist eingeschossig und teilweise verputzt. Das Fachwerk mit seinen eng stehenden Eck-, Bund- und Zwischenständern sowie den hohen Streben im ersten und zweiten Dachgeschoss zeigt eine klare Gliederung der Fassade. Ursprünglich bildete das Gebäude den Teil eines früheren Dreiseitgehöfts mit Hanguntergeschoss aus Hausteinen und doppelläufiger Freitreppe. Eine Gedenktafel am Haus weist auf die Funktion als „Stundenhaus der Hahn'schen Gemeinschaft seit 1815” hin und konkretisiert damit eine für die religiöse und kulturelle Entwicklung der Ortsbewohner wichtige Tradition. Das langjährige Wirken des Theologen Johann Albrecht Bengel an der Klosterschule in Denkendorf, einem der wichtigsten Pietistenväter für Württemberg und besonderem Fürsprecher der pietistischen Privatversammlungen („Stunden”), gibt auch dem „Stundenhaus” einen besonderen Akzent.


Begründung: Das pietistische Stundenhaus ist ein Monument der Reformation, seine Nutzung belegt die religiöse und kulturelle Entwicklung des Ortes.

Das Bilderverbot in Reutlingen-Bronnweiler
Klicken zum Vergrößern
Das Bilderverbot in Reutlingen-Bronnweiler
Das Bilderverbot in Reutlingen-Bronnweiler

LAD: Aufnahme Hell

X

Das Bilderverbot in Reutlingen-Bronnweiler

Die Marienkirche in Bronnweiler (Landkreis Reutlingen) ist ein mittelalterlicher Kirchenbau aus romanischen und gotischen Bauteilen. Auch im Innenraum ist die Ausstattung in mehreren Phasen entstanden. Im Schiff wie im Chor finden sich aufwendige Wandmalereien, vom 13. bis in das 16. Jahrhundert, mit Heiligendarstellungen und einem Marienzyklus. Diese Wandmalereien sind jedoch erst seit eine Restaurierung in den 1960er und 1970er Jahren erkennbar und aufgrund der Freilegung stark beschädigt oder teilweise modern überprägt. Seit einigen Jahrzehnten sind immer wieder Schadensbilder an den Malereien erkennbar (Salzausblühungen). Erhalten hatten sich die Malereien dagegen über Jahrhunderte unter den Putzschichten und der Tünche, die ursprünglich nicht zu ihrem Schutz, sondern zur Abwehr von Heiligenverehrung auf die Wände aufgebracht worden waren. Spätestens im Zuge einer neuen Raumfassung des 17. Jahrhunderts sind die Malereien verdeckt und am Scheitelpunkt des Chores eine Inschrift angebracht worden. Diese verweist auf das Mosaische Bilderverbot und ist als einfache schwarz-weiße Kassette ausgeführt. Das in der Reformationszeit häufig zitierte Bilderverbot nach Mose wird hier mit dem in den Augen vieler Reformatoren wirkmächtigeren Wort konfrontiert. Die Anbringung des mosaischen Bilderverbots in Bronnweiler geht einher mit der Erneuerung der Raumfassung, die purifizierend und zumindest bilderarm ausgeführt ist.


Begründung: Der Umgang mit den Wandmalereien in Bronnweiler belegt die unterschiedlichen Auffassungen von bebilderten Kirchenräumen, vom Mittelalter bis in die Moderne. Das Bilderverbot ist ein Monument der Reformation.

Das Epitaphium von Jacob Andreä in der Tübinger Stiftskirche
Klicken zum Vergrößern
Das Epitaphium von Jacob Andreä in der Tübinger Stiftskirche
Das Epitaphium von Jacob Andreä in der Tübinger Stiftskirche

LAD: Aufnahme Widmaier.

X

Das Epitaphium von Jacob Andreä in der Tübinger Stiftskirche

Jacob Andreä (1528 in Waiblingen; † 1590 in Tübingen) war ein lutherischer Theologe, Reformator und Kanzler der Universität Tübingen des 16. Jahrhunderts. Der Reformator Erhard Schnepf prägte die frühen Bildungsjahre des Jungen, der nach dem Pädagogium in Stuttgart 1541 an der Universität Tübingen studierte. 1546 wurde er zum Diakon in Stuttgart. Durch das Augsburger Interim wurde er bereits zwei Jahre später aus Stuttgart vertrieben. Er predigte in der Folge an der Tübinger Stiftskirche. Auf ausdrücklichen Wunsch Herzog Christophs von Württemberg wurde er 1553 an der Universität Tübingen promoviert und später zum Superintendent für Göppingen und den Adelberger Bezirk berufen. Zusammen mit Johannes Brenz wurde Andreä mit gesamtkirchlichen Aufgaben in Württemberg betraut. 1561 wurde er zum Professor der Theologie, zum Stiftspropst und zum Kanzler an die Tübinger Universität berufen. Als Reformator tat er sich vor allem in den historisch bedeutenden Religionsgesprächen der 50er und 60er Jahre des 16. Jahrhunderts hervor. Er begleitete Herzog Christoph auf wichtige Fürstentagen und vertrat die Württemberger Kirche auch außerhalb des Herzogtums (Paris, Straßburg u.a.). Als Jacob Andreä starb, wurde er in der Tübinger Stiftskirche beigesetzt. Ein Schriftepitaph, das ursprünglich an anderer Stelle im Kirchenraum platziert war, erinnert noch heute an seine Person, sein Leben und sein Verdienst „der Kirche Christi mit überaus nützlichen Predigten und Schriften ganze 48 Jahre mit unermüdlichem Eifer gedient“ zu haben. In der Stiftskirche befinden sich auch die Epitaphien seiner beiden Ehefrauen Anna († 1583) und Regina († 1591).


Begründung: Das Epitaphium ruft den Reformator Jacob Andreä noch heute an jenem Ort in Erinnerung, an dem er lange Zeit reformatorisch tätig war.

Evangelisches Pfarrhaus im Ulmer Land
Klicken zum Vergrößern
Evangelisches Pfarrhaus im Ulmer Land
Evangelisches Pfarrhaus im Ulmer Land

LAD: Aufnahme Bergmeir

X

Eines der frühesten evangelischen Pfarrhäuser im Ulmer Land

Bei dem evangelischen Pfarrhaus in Urspring (Lonsee) handelt es sich um ein 1534 errichtetes Fachwerkhaus. Das Gebäude ist zweigeschossig mit einem massiven Erdgeschoß über einem Gewölbekeller und einem heute verputzten Obergeschoß aus leicht vorkragendem Fachwerk. Charakteristisch ist die Raumaufteilung mit der Pfarrwohnung im Obergeschoß und den ehemaligen Ökonomie- sowie Wirtschaftsräumen im Erdgeschoß. Diese Aufteilung ist heute noch an den unregelmäßigen, kleineren Fenstern im rückwärtigen Gebäudeteil ablesbar. Unmittelbar nach Einführung der Reformation in Urspring durch die Reichsstadt Ulm im Jahre 1534 errichtete das Pfarrkirchenbaupflegamt hier ein Pfarrhaus. Es handelt sich um eines der frühesten evangelischen Pfarrhäuser im Ulmer Land. Natürlich gab es auch vor der Reformation Wohnstätten für den Pfarrgeistlichen, jedoch ergab sich die Notwendigkeit der Errichtung größerer Pfarrhäuser aus dem Umstand, dass nun nicht mehr nur Priester sondern ganze Pfarrerfamilien unterzubringen waren. Denn evangelische Pfarrer gründeten Familien und hatten nicht selten mehrere Kinder. Luther beispielsweise hatte zusammen mit Katharina von Bora drei Töchter und drei Söhne. Vor allem im 19. Jahrhundert galt das evangelische Pfarrhaus als prägend für das deutsche Geistesleben. Auffällig ist in jedem Fall die hohe Anzahl Gelehrter, Wissenschaftler, Dichter und Künstler, die aus Pfarrhäusern hervorgegangen sind.


Begründung: Die Errichtung des Pfarrhauses im direkten Zusammenhang mit der Einführung der Reformation 1534 macht das evangelische Pfarrhaus, als Typus der Wohnstätte einer großen Pfarrerfamilie zu einem Monument der Reformation.

das einstige Denkmal für Oekolampadius in Weinsberg
Klicken zum Vergrößern
das einstige Denkmal für Oekolampadius in Weinsberg
das einstige Denkmal für Oekolampadius in Weinsberg

© Foto Marburg ("www.fotomarburg.de")

X

Verlust: das einstige Denkmal für Oekolampadius in Weinsberg

Auf dem Kirchplatz vor der Johanneskirche in Weinsberg (Landkreis Heilbronn) stand bis 1967 ein Denkmal, welches im Andenken an den hier geborenen Reformator Johannes Oekolampad sowie an die ersten hier eingesetzten evangelischen Pfarrer, Erhard Schnepf und Johann Geyling, errichtet worden war. Eingeweiht wurde die Stele im Jahr der Reichsgründung 1871. In Gedenken an die Persönlichkeiten der Reformation bildete sich noch im selben Jahr der Oekolampadius-Verein, der sich fortan die Pflege der Geschichte von Stadt und Amt Weinsberg zur Aufgabe machte. Zum 200-jährigen Geburtstag Oekolampadius’ veranstaltete der Verein 1882 eine öffentliche Feier vor Ort. Den Entwurf für das Denkmal erarbeitete der Künstler August Rostert bereits im Jahr 1869. Das nach seinen Plänen umgesetzte Erinnerungsmal auf einem mehrstufigen Sockel besteht aus einer Stele mit nahezu quadratischer Grundfläche, die sich nach oben hin in verschiedene Zonen verjüngt. Die untere Zone zeigte mit Blendmaßwerk gerahmte Inschriftenfelder. In einem dieser Schriftfelder waren die Lebensjahre Ökoelampads eingeschrieben. In der Zone direkt darüber war eine Büste des Reformators in eine Nische eingestellt, die ebenfalls mit Maßwerk ausgestaltet war. Die abschließende Bekrönungszone wurde, im Stil neugotischer Sakralarchitektur, mit Fialen und Krabben versehen. Der an der Stele gesetzte Schwerpunkt auf die Person Oekolampads zeigte sich u.a. daran, dass nur ihm in der Mittelzone eine figürliche Darstellung zugeordnet wurde. Auf der historischen Aufnahme ist zu erkennen, dass sowohl Schnepf als auch Geyling nur in jenen unteren Inschriftenfeldern beschrieben werden, die sich flankierend an der Hauptanschichtsseite – der Präsentation Ökolampads – anordneten. Welche Information die Rückseite des Denkmals trug, ist aus den erhaltenen Archivalien nicht mehr zu erschließen. Der Verlust des historischen Monuments ist daher umso bedauerlicher. Die einstige Gedenkleistung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, das die Reformation und Reformatoren als identitätsstiftende Erinnerung reproduzierte, ist in diesem Fall ihrer materiellen Substanz und ihrer Erfahrbarkeit beraubt.


Begründung: Das Erinnerungsmal für den Reformator Johannes Oekolampad wäre ein eindrückliches Beispiel, um die Erinnerungskultur der Reformation im 19. Jahrhundert zu erleben.

Die Schloss- und Stiftskirche St. Michael in Pforzheim
Klicken zum Vergrößern
Die Schloss- und Stiftskirche St. Michael in Pforzheim
Die Schloss- und Stiftskirche St. Michael in Pforzheim

LAD: Aufnahme Kerth

X

Die Schloss- und Stiftskirche St. Michael in Pforzheim

Die Schloss- und Stiftskirche St. Michael in Pforzheim gehört zu den großen mittelalterlichen Kirchenbauten von landesweiter Bedeutung. Seit dem späten Mittelalter war Pforzheim Residenzstadt der badischen Markgrafen. Zu ihrer Schlossanlage gehörten eine Lateinschule und das Gelehrtenstift St. Michael. Bereits im Vorfeld der Reformation entstand hier im Zusammenhang mit der geplanten Universitätsgründung der Stiftschor als Werk des überregional tätigen Pforzheimer Baumeisters Hans Spryß von Zaberfeld. Der Humanist Johannes Reuchlin, der wichtigen geistigen Einfluss auf den jungen Melanchthon nahm, schenkte dem Stiftskolleg seine wertvolle Bibliothek zur Aufstellung in der Stifts- und Hofbibliothek. Von dieser Schlosskirche und ihrem Stiftskolleg nahm die Reformation in der Markgrafschaft Baden ihren Ausgangspunkt, wobei das Stift bis zur offiziellen Einführung der Reformation Bestand hatte. Bereits 1519 hielt Johannes Schwebel in der Schlosskirche die erste Predigt in Sinne Luthers. Bis zur Durchsetzung der Kirchenordnung im Jahr 1556 war es jedoch noch ein langer Prozess, der auch durch die Erbteilung des Gebietes von 1533 ermöglicht worden ist. Durch die Verlegung der markgräflichen Residenz nach Durlach verlor die ehemalige Schlosskirche 1563/65 ihre Funktion als Hofkirche. Dennoch ist der Bau bedeutsam für die frühneuzeitliche Landesgeschichte. Denn als Grabkapelle der badischen Markgrafen der Pforzheim-Durlacher Linie blieb der Stiftschor von 1535 bis 1860 in Benutzung. Ähnlich wie anderenorts wurde durch die Reformation von 1556 eine Umnutzung des Kirchenraumes in umfassenderer Art und Weise möglich. Die Folge war eine gänzliche Umwidmung des Stiftschors zur fürstlichen Grabkapelle. Heute gehört dieses Bauteil daher nicht mehr zur Kirche selbst, diese endet vielmehr an den verglasten Strebebögen. Durch sie kann man einen Blick auf den dahinterliegenden ehemaligen Chorraum mit den prächtigen Grabmonumenten werfen, der mittlerweile Eigentum des Landes Baden-Württemberg ist.


Begründung: Die Schloss- und Stiftskirche St. Michael in Pforzheim ist eine bedeutende Wirkungsstätte für das Reformationsgeschehen in der Markgrafschaft Baden.

Die ehemalige Simultankirche in Sinsheim
Klicken zum Vergrößern
Die ehemalige Simultankirche in Sinsheim
Die ehemalige Simultankirche in Sinsheim

LAD: Aufnahme Widmaier

X

Die ehemalige Simultankirche in Sinsheim

Noch heute lässt sich am Außenbau der ev.-ref. Stadtkirche in Sinsheim (Rhein-Neckar-Kreis) ablesen, dass es sich im Inneren ursprünglich um zwei voneinander geschiedene Kirchenräume gehandelt hat. Das Langhaus wurde nach Plänen von N. de Pigage 1782 als Pfarrkirche der Reformierten erbaut. Ebenfalls nach Plänen von Pigage wurde 1783 anstelle des Chores der alten St. Jakobskirche der neue Chorbau begonnen, der für den katholischen Gottesdienst verwendet wurde. Das Gebäude des 18. Jahrhunderts entstand über Vorgängerkichen, die ebenso die Geschichte der Konfessionalisierung widerspiegeln und heute als Bodendenkmale erhalten sind: Beispielsweise die Reste des ehemals von der katholischen und seit der Reformation 1559 von den evangelischen Gemeinden genutzten mittelalterlichen Vorgängerbaus, der dem Heiligen Jakobus geweiht war. In diesem Kirchenbau erfolgte die Einrichtung des Simultaneums bereits am Ende des 17. Jahrhunderts. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg – ein Konflikt, der neben herrschaftspolitischen auch konfessionelle Dimensionen hatte – wurde dieser Kirchenraum 1689 zerstört. Sowohl die reformierte als auch die lutherische und die inzwischen wieder offiziell zugelassenen katholische Gemeinde sollten den neu errichteten Bau fortan simultan nutzten. Im Rahmen der Kirchenteilung der Kurpfalz 1707 wurde der Kirchenbau auch offiziell zugeteilt. Den Katholiken wurde der Chorraum, den Reformierten das nach dem Brand von 1698 noch immer ruinöse Langhaus zugestanden. 1712 wurde eine Scheidemauer eingebaut. Am noch heute stehenden Neubau des 18. Jahrhunderts prägten diese konfessionellen Verhältnisse auch die architektonische Außenwirkung der Kirche.


Begründung: Am noch heute stehenden Neubau des 18. Jahrhunderts ist damit ein Stück Religionsgeschichte ablesbar geblieben.

Das Patrizierhaus mit Renaissance-Erker in Heilbronn
Klicken zum Vergrößern
Das Patrizierhaus mit Renaissance-Erker in Heilbronn
Das Patrizierhaus mit Renaissance-Erker in Heilbronn

LAD: Aufnahme Fisch

X

Das Patrizierhaus mit Renaissance-Erker in Heilbronn

Das sogenannte Käthchenhaus – benannt nach der literarischen Figur aus Heinrich von Kleists gleichnamigem Schauspiel von 1808 – steht im Zentrum der Stadt Heilbronn, am südwestlichen Rand des Marktplatzes. Es handelt sich um ein Patrizierhaus des 14. Jahrhunderts. An der Gebäudeecke Marktplatz/Kaiserstraße wurde ein Renaissance-Erker angefügt, der inschriftlich 1534 datiert ist. Zur ursprünglichen baulichen Gestalt des renaissancezeitlichen Gebäudes gehörten ein geschweifter Giebel und ein traufseitiges Zwerchhaus. Nach Kriegsschäden 1948/49 wurde das Gebäude vereinfacht wiederaufgebaut. Auch das Treppenhaus der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts mit Farbfenstern und kunsthandwerklich ausgearbeiteten Treppengeländern ist Teil der späteren Bauschichten des Hauses, die der künstlerischen Qualität des mittelalterlichen Gebäudes entsprechend eine anspruchsvolle historische Ergänzung darstellen. Bereits die reiche Ausstattung des Renaissance-Erkers mit Bauskulptur macht es wahrscheinlich, dass dieser Anbau von der Bauhütte des Meisters des Kilianturmes, Hans Schweiner ausgeführt wurde. Das Bildprogramm an den Fenstern besteht aus Reliefbildern der Propheten Jesaia, Jeremia, Hosea und Habakuk. Den Figuren sind jeweils Inschriften zugeordnet. Inhaltlich nimmt der Bauschmuck auf den rechten Glauben Bezug. Aus diesem Grund wird das inhaltliche Programm mit dem Wirken des Reformators Johannes Lachmann in Heilbronn verbunden, der in diesem Haus gewohnt haben soll.


Begründung: Das Bildprogramm des aufwendig ausgestalteten Patrizierhauses mit Bezug auf den rechten Glauben lässt sich als konfessionelles Zeugnis des 16. Jahrhunderts lesen, das einen Einblick in die Religionsgeschichte der Stadt erlaubt.

Die Betglocke an der Marbacher Alexanderkirche
Klicken zum Vergrößern
Die Betglocke an der Marbacher Alexanderkirche
Die Betglocke an der Marbacher Alexanderkirche

LAD: Aufnahme Leinen

X

Noch kein Kulturdenkmal: Die Betglocke an der Marbacher Alexanderkirche

Die Betglocke von 1997 in Marbach am Neckar (Lkr. Ludwigsburg) ist heute noch kein Kulturdenkmal im Sinne des DSchG; eine Prüfung von Denkmaleigenschaft wird üblicherweise erst mit dem zeitlichen Abstand einer Generation, also ca. 25 Jahre nach Entstehung eines Objektes vorgenommen, damit eine wertneutrale Beurteilung der Denkmalfähigkeit gewährleistet ist. Ganz gleich, ob die Glocke von einer künftigen Generation an Denkmalpflegern als Kulturdenkmal erfasst wird, handelt es sich doch bereits jetzt um ein eindrückliches Zeugnis für eine von konfessioneller Identität getragene Erinnerungskultur aus unserer jüngsten Vergangenheit. Schon vor der Generalinstandsetzung der Alexanderkirche ab 1996 verfolgte man in Marbach die Idee, die Glocken des Gotteshauses zu ergänzen, denn während des Ersten Weltkriegs mussten die Lutherglocke und die Schillerglocke abgeliefert werden; sie wurden eingeschmolzen und zum Kriegsgerät umgenutzt. Seither hing in dem dreifeldrigen Glockenstuhl von um 1480 nur noch die Concordia-Glocke, eine von in Moskau ansässigen Deutschen gespendete reich verzierte Glocke aus dem Jahr 1859. 1997 erfolgte der Guss der neuen Glockenausstattung. Die Betglocke mit 1.935 kg Gewicht und einem Durchmesser von 1,49 m trägt einen Gebetsvers von Dietrich Bonnhoeffer: „Von guten Mächten wunderbar geborgen,/ erwarten wir getrost, was kommen mag./ Gott ist bei uns am Abend und am Morgen/ und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Als Widerstandskämpfer im Dritten Reich wurde der evangelische Theologe Bonhoerffer im KZ Flossenbürg hingerichtet. Am konkaven Glockenkorpus sind unter dem Vers die Worte „Dietrich Bonhoeffer“ sowie „Evang. Alexanderkirche Marbach am Neckar“ angebracht. Seit 2005 ist diese Glocke – einem Standdenkmal nicht ungleich – am Außenbereich der Kirche aufgestellt.


Begründung: Die Glocke ist ein eindrückliches Beispiel für ein von konfessioneller Identität getragenes Erinnerungsmal unserer jüngsten Vergangenheit.

Innerhalb der markierten Fläche befand sich ursprünglich das Kapuzinerkloster (Kartengrundlage: ADABweb)
Klicken zum Vergrößern
Innerhalb der markierten Fläche befand sich ursprünglich das Kapuzinerkloster (Kartengrundlage: ADABweb)
Innerhalb der markierten Fläche befand sich ursprünglich das Kapuzinerkloster (Kartengrundlage: ADABweb)

LAD

X

Das abgegangene Kapuzinerkloster in Ravensburg und das Normaljahr 1624

Im Zuge der Gegenreformation wurde in Ravensburg seit 1626 das Kapuzinerkloster errichtet. Drei Jahre später erfolgte die Weihe der Klosterkirche. Die Entstehung des Klosters stand jedoch in einem Spannungsverhältnis zu zeitgleicher offizieller Rechtsprechung. Denn mit dem Westfälischen Frieden von 1648 wurde festgelegt, dass mit dem sogenannten Normaljahr (dies decretorius) von 1624 die bestehende Ordnung kirchlicher Angelegenheiten Bestand haben sollte. Die Rechte, Besitzungen und Verhältnisse der drei im Reich anerkannten Konfessionen (Katholiken, Lutheraner und Reformierte) sollten so auf den Zustand im Stichjahr festgeschrieben werden. Veränderungen, die vor 1624 vorgenommen wurden, behielten ihre Gültigkeit, jene nach 1624 bedurften einer Rückführung auf den ursprünglichen Zustand. Da das Kloster jedoch nach 1624 erbaut worden war, musste es bereits 1650 samt der Umfassungsmauer wieder abgebrochen werden. Nach langen Verhandlungen zwischen den beiden in Ravensburg vertretenen Konfessionen kam es 1661 zum Neubau. 1725 baute man an die Kirche eine Magdalenenkapelle. Bei seiner endgültigen Aufhebung im Zuge der Säkularisation im Jahr 1806 wohnten hier noch zehn Patres und vier Laienbrüder. Ein Jahr darauf ist das ehemalige Kloster vollständig abgebrochen worden. Im Hof- und Gartenbereich der heute am ehemaligen Standort des Klosters stehenden Bebauung kann man von Bodenurkunden ausgehen. Diese Bodendenkmale sind materielle Zeugnisse des ehemaligen Klosters, dessen Hauptgebäude aus der einschiffigen Kirche mit eingezogenem Rechteckchor und dem westlich angebauten einflügligen Konventsbau auf ummauertem Grundstück bestanden. Reste der Klostermauer finden sich teilweise noch im aufgehenden Baubestand an der Schussenstraße.


Begründung: Bau und Abbruch des Klosters in Ravensburg ist ein anschauliches Beispiel für die konfessionellen Aushandlungen in der Folge der Reformation.

Die Lutherkirche in der Karlsruher Oststadt mit großer Lutherfigur
Klicken zum Vergrößern
Die Lutherkirche in der Karlsruher Oststadt mit großer Lutherfigur
Die Lutherkirche in der Karlsruher Oststadt mit großer Lutherfigur

LAD: Aufnahme Widmaier

X

Die Lutherkirche in der Karlsruher Oststadt mit großer Lutherfigur

Die evangelische Lutherkirche in der Karlsruher Oststadt bildet zusammen mit dem Pfarrhaus eine Sachgesamtheit nach dem Denkmalschutzgesetz des Landes Baden-Württemberg. Es handelt sich um eines der ersten Gemeindezentren in Baden. Dieses Ensemble wurde zwischen 1905 und 1907 nach Entwürfen der Architekten Robert Curjel und Karl Moser errichtet. Auftraggeber war die evangelische Kirchengemeinde Karlsruhe. Seit 1889 plante man einen kreuzförmigen Zentralbau, dessen Grundrissform und Disposition der Ausstattungselemente grundlegende Ideen des neuen evangelischen Kirchenbaues aufgreifen sollte. Mit der Christuskirche hatten Curjel und Moser bereits um 1900 einen Kirchenbau nach dem Vorbild des Wiesbadener Programms in Karlsruhe umgesetzt. In zeitgenössisch moderner Formensprache zeigt die Lutherkirche in Architektur und Ausstattung die stilistischen Einflüsse der Neuromanik sowie des geometrischen Jugendstils. Am 10. November 1907 erfolgte die Einweihung der Kirche am Geburtstag Martin Luthers. Passend dazu gehört zur Gestaltung der Außenfassade eine überlebensgroße Figur des Reformators, die vom Bildhauer Oskar Kiefer gefertigt wurde. Die Halbplastik aus dem Jahr 1905/06 ist in die mit Bossenquadern gestaltete Fassade der südlichen Turmwand gesetzt. Am Außenbau erscheint das Gotteshaus durch die Quaderung burgähnlich massiv, wobei die Kombination mit der Darstellung Luthers an das bekannte Kirchenlied des Reformators "Ein' feste Burg ist unser Gott" erinnert.


Begründung: Die evangelische Lutherkirche ist ein anschauliches Beispiel für den evangelischen Kirchenbau zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die aufwendig gearbeitete Darstellung des Reformators Martin Luther an der Kirchenfassade ist Ausdruck einer zeitgenössischen Reformationserinnerung.

Die Stiftskirche in Wertheim
Klicken zum Vergrößern
Die Stiftskirche in Wertheim
Die Stiftskirche in Wertheim

LAD: Aufnahme Baier

X

Die Stiftskirche in Wertheim

In der Grafschaft Wertheim fand die Reformation bereits relativ früh ihre Durchsetzung. Die Grafen von Wertheim förderten aktiv die reformatorischen Ideen, so etwa Graf Georg II. (1521–1530). Mit der evangelischen Stiftskirche, die im 14. und 15. Jahrhundert als flachgedeckte Pfeilerbasilika mit polygonal geschlossenem Chor errichtet wurde, ist bis heute eine Wirkungsstätte historischer Ereignisse und bedeutender Personen erhalten geblieben. Da die Ämter des Dekans und des Pfarrers der Stiftskirche voneinander getrennt waren, konnte man das Amt des Pfarrers problemlos mit einem Anhänger der neuen Lehre besetzen. Aus dem Wirken Johann Ebelins in diesem Amt, der als eigentlicher Reformator der Grafschaft Wertheim angesehen werden kann, folgte die spätere Stellung des Wertheimer Stiftspfarrers als Superintendent für die gesamte Grafschaft. Bedeutend ist der in der Stiftsbibliothek gesammelte Buchbestand aus dem 14. bis 18. Jahrhundert als bewegliches Kulturdenkmal, der auch frühe Schriften Luthers umfasst. Nach der Reformation vergrößerte sich die Wertheimer Kirchenbibliothek, da Bestände aus der Bibliothek des Wertheimer Schlosses (ca. 362 Bände) sowie aus der ehemaligen Klosterbibliothek der aufgehobenen Kartause Grünau eingefügt wurden. Das 1587 entstandene Inventar als Standortkatalog der Wertheimer Stiftsbibliothek verzeichnet ca. 930 Bände. Ort dieser umfassenden Bibliothek war der nördlich des Chores gelegene zweigeschossige Anbau. Während im Obergeschoss die Bücher lagerten, diente das Untergeschoss als Gruft für die Grafenfamilie. Die Stiftskirche stand den Grafen von Wertheim als Grablege zur Verfügung, wobei die Grabmäler des 17. Jahrhunderts zentral im Chor platziert wurden. Diese selbstbewusste Inszenierung folgte den kulturgeschichtlichen Neuerungen im Zuge der Reformation und fand ihre Motivation darüber hinaus auch in der konfessionellen Spaltung innerhalb der Grafschaft. Denn im 17. Jahrhundert trennte sich die Grafenfamilie in einen protestantischen und einen katholischen Zweig auf. In der Stiftskirche wurde in der Folge ein Simultaneum eingerichtet, d.h. im Chor wurden katholische Messen gefeiert, während der evangelische Gottesdienst im Langhaus vollzogen wurde. Diese gleichzeitige Nutzung als Simultankirche blieb bis 1842 bestehen.


Begründung: Die evangelische Stiftskirche in Wertheim ist eine bedeutende Wirkungsstätte der Reformation, die direkt mit Persönlichkeiten der Reformationszeit verbunden ist. Die Stiftsbibliothek umfasst Schriften der jungen evangelischen Theologie, u.a. von Martin Luther.

Die Reichsstadt Gengenbach
Klicken zum Vergrößern
Die Reichsstadt Gengenbach
Die Reichsstadt Gengenbach

Aufnahme LAD, Roth.

X

Die Reichsstadt Gengenbach und die verhinderte Reformation

Die Stadt entwickelte sich im Verlauf des Hochmittelalters aus einer Siedlung am gleichnamigen Kloster des 9. Jahrhunderts. Dem Klosterareal kam damit eine große Bedeutung für die spätere Siedlungsentwicklung zu. Trotz späterer Kriegszerstörungen ist Gengenbach in der Grundstruktur und mit einer Befestigungsanlage des 17. Jahrhunderts überliefert und nach Gemeindesatzung als Gesamtanlage (§19 DSchG.) eingetragen. Noch heute lässt sich damit die historische Gestalt des im Spätmittelalter zur Reichsstadt erhobenen Gengenbach ablesen. Die Stadt ist eine bedeutende Wirkungsstätte der Reformation, wenngleich sie sich wie auch Offenburg noch im 16. Jahrhundert der Gegenreformation anschloss und erneut katholisch wurde. Denn das reformatorische Gedankengut im nahegelegenen Straßburg hatte auch Einfluss auf Gengenbach. Aus dem Jahr 1525 sind Streitigkeiten zwischen Stadt und Kloster in Schriftquellen überliefert, bei denen es um die Verlegung der Pfarrkirche St. Martin in die Klosterkirche, um die Besetzung und den Unterhalt der Pfarrei sowie – gemäß den Plänen des Ortenauer Landvogtes Graf Wilhelm von Fürstenberg – um die Auflösung des Klosters geht. Der Konvent entgegnete diesen Forderungen mit einer Klageschrift, die dem zuständigen Bischof in Straßburg übersandt wurde. Dabei wurden sämtliche Verfehlungen des evangelischen Predigers von Gengenbach aufgelistet, die der „Satzung der heiligen Kirche ganz zuwider“ seien. Davon unbekümmert stützte der Gengenbacher Rat die Prediger und förderte damit auch die Reformation in der Reichsstadt. Als evangelische Reichsstadt nahm Gengenbach evangelische Glaubensflüchtlinge auf, die 1529 aus dem katholischen Rottweil fliehen mussten und stand 1530 an der Seite Straßburgs und Offenbachs zur Protestation auf dem Augsburger Reichstag. Als protestantische Reichsstadt brachten sie die Reformatoren Martin Bucer (Straßburg) und Ambrosius Blarer (Konstanz) als möglichen alternativen Standort der durch die Pest bedrohten Straßburger Universität ins Gespräch. Ihre Höhepunkte erreichte die Gengenbacher Reformationsgeschichte zum einen mit dem in der handschriftlichen Klosterchronik belegten Übertritt des Abtes Melchior Horneck von Hornberg (1531-1540) zum evangelischen Glauben und zum anderen mit der 1536 vollzogenen Gründung des evangelischen Gymnasium durch den Theologen und Humanisten Matthias Erb aus Ettlingen. In Gengenbach verfasste dieser ab 1538 die evangelischen „Articuli“, die später zur Gengenbacher Kirchenordnung ausgebaut wurden. Als 1547 Wilhelm von Fürstenberg verstarb, übernahm Erzherzog Ferdinand die Landvogtei und förderte im Sinne Vorderöstereichs erfolgreich die Gegenreformation. Knapp hundert Jahre später erlebten Stadt und Kloster die bis dahin größten Zerstörungen im Zuge der auch durch konfessionelle Spannungen getragenen Kriege des 17. Jahrhunderts.


Begründung: Die Reichsstadt Gengenbach ist ein eindrückliches Beispiel für die konfessionellen Dynamiken in der Folge der Reformation. Das heutige Erscheinungsbild in Grundriss wie Befestigung spiegelt historische Entwicklungen ebenso wider, wie die baulichen Folgen u.a. auch religiös motivierter Konflikte.

Das „Vereinshaus zum Hans Sachs A 1494 D 1576“
Klicken zum Vergrößern
Das „Vereinshaus zum Hans Sachs A 1494 D 1576“
Das „Vereinshaus zum Hans Sachs A 1494 D 1576“

LAD: Aufnahme Teutrine

X

Das „Vereinshaus zum Hans Sachs A 1494 D 1576“ in Stuttgart

Am 1904/05 erbauten Hans-Sachs-Haus in Stuttgart ist die konfessionelle Prägung ablesbar. Das Haus wurde als Sozialeinrichtung des 1864 gegründeten Stuttgarter (evangelischen) Jugendvereins nach Plänen der renommierten Stuttgarter Architekten Katz und Hengerer erbaut. An seiner reich im historisierenden Stil verzierten Hauptfassade findet sich als Zitat Luthers das Kirchenlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ eingeschrieben. Die dort ebenfalls angebrachte Inschrift „Bet und arbeit, so hilft Gott allzeit“ entstammt der Devise evangelischer Arbeitervereine am Ende des 19. Jahrhunderts. Sie ist als Verweis auf die ehemalige Funktion des Gebäudes zu lesen, das als Versammlungshaus christlicher werktätiger Bürger diente. Für diesen Zweck wurden auch Plastiken von bildenden Künstlern bzw. Kunsthandwerkern des 15. bis 19. Jahrhunderts in ihrer Vorbildfunktion an der Hauptfassade angebracht. Besonders prominent ist dabei die bärtige Figur des Handwerkers und Meistersingers Hans Sachs am rechten Eingang des Gebäudes angebracht, dem er seinen Namen verleiht. Der Skulptur ist die Beischrift „Vereinshaus zum Hans Sachs A 1494 D 1576“ zugeordnet. Das hier aufscheinende historische Interesse der Erbauungszeit an Hans Sachs begründet sich neben seiner Vorbildfunktion für die handwerkliche Tätigkeit auch in der konfessionellen Bedeutung der Person. Denn Sachs trat mit der volkstümlichen Darstellung der Lehren Luthers – wie in seinem Gedicht „Wittenbergisch Nachtigall“ von 1523 ersichtlich wird – für die Sache der Reformation ein. Die künstlerische Ausgestaltung des Hans-Sachs-Hauses ist im Zusammenhang mit der Erinnerungskultur an die Reformation und ihre Persönlichkeiten um 1900 zu verstehen. Als „Herberge zur Heimat“ und als Hospiz ist das Gebäude ein Ergebnis evangelisch geprägter Bemühungen im Sozialstaat des beginnenden 20. Jahrhunderts. Noch heute wird die soziale Einrichtung als evangelische Wohnungslosenhilfe betrieben.


Begründung: Die künstlerische Ausgestaltung des Hans-Sachs-Hauses ist im Zusammenhang mit der Erinnerungskultur an die Reformation und ihre Persönlichkeiten zu verstehen. Als „Herberge zur Heimat“ und als Hospiz ist das Gebäude ein Ergebnis evangelisch geprägter Bemühungen im Sozialstaat des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Die Lutherbüste im historischen Warenarchiv der WMF
Klicken zum Vergrößern
Die Lutherbüste im historischen Warenarchiv der WMF
Die Lutherbüste im historischen Warenarchiv der WMF

© Heinz Scheiffele/WMF Group

X

Die Lutherbüste im historischen Warenarchiv der WMF

Das historische Warenarchiv der WMF (Württembergische Metallwarenfabrik AG) in Geislingen an der Steige birgt eine Auswahl der seit der Firmengründung im Jahre 1853 gefertigten Firmenprodukte sowie zahlreicher Versuchsstücke und anderer Unikate. Es finden sich Plastiken sowie kunsthandwerkliche Erzeugnisse aus Metall, Glas und Keramik. Diese archivierten Erzeugnisse spiegeln neue und innovative Technologien wider. Im Archiv ist auch eine Porträtbüste Martin Luthers zu entdecken. Es handelt sich um ein Gipsmodell für eine galvanoplastische Kopie einer Lutherbüste bzw. Lutherfigur des Bildhauers Adolf von Donndorf. Diese wurde als Vorstudie der Produktfertigung durch einen Schellack-Auftrag braun eingefärbt, um die spätere Wirkung der bronzenen Galvanoplastik bereits am Modell abschätzen zu können. Für die Herstellung des Endproduktes mit galvanischer Verkupferung wurden Gipsplastiken mithilfe einer elektrisch leitfähigen Graphitschicht überzogen. Das Gipsmodell entstand in der „Galvanoplastischen Kunstanstalt“ in Geislingen, einer 1890 von der WMF erworbenen Tochterfirma. Der WMF gelang es als erster Firma, mithilfe des galvanischen Verfahrens Großplastiken herzustellen. So wurden dort galvanoplastische Statuetten, Grabfiguren, Brunnen, Denkmäler sowie Repliken aller Art hergestellt. Man bediente sich dabei den Entwürfen und Vorlagen verschiedener renommierter Bildhauer oder bekannter Denkmäler. Für die Lutherbüste griff man auf Vorlagen zurück, die der in Weimar geborene Donndorf bereits in Eisenach und Dresden in Form von Standfiguren verwirklicht hatte. Büsten und Standfiguren Luthers wurden am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in verschiedener Größe gefertigt und waren für die Aufstellung an öffentlichen Plätzen und für öffentliche Gebäude gedacht. Diese waren meist lebensgroß und wurden von privaten, städtischen oder kirchlichen Auftraggebern bestellt. Einige Porträtbüsten wurden von Donndorf deshalb speziell für die Aufstellung in Innenräumen konzipiert. So finden sich die in der WMF hergestellten Lutherdarstellungen u.a. in den Stiftskirchen von Herrenberg und Öhringen. Die industriell hergestellte Lutherbüste im Warenarchiv der WMF ist damit Teil genereller Erinnerungskultur und Identifikationspraktik der Entstehungszeit. Neben dem Erinnerungswert an die historischen Ereignisse der Reformation und ihres bekanntesten Protagonisten dienten solche Anfertigungen ebenso dem nationalen Selbstbild. Zu den dafür inszenierten Personen zählten neben Luther auch Schiller oder Bismarck, also Personen, die für die Nationalbewegung vor 1871 bedeutsam waren.


Begründung: Die Lutherbüste im Warenarchiv der WMF ist als industriell hergestelltes Erinnerungsmal Teil einer umfassenden Erinnerungskultur der Zeit um 1900, in der sich historisches Interesse mit nationaler Identitätssuche verband.

LAD: Aufnahme Gommel
Klicken zum Vergrößern
LAD: Aufnahme Gommel
Das Ende religiös motivierter Wandinschriften

LAD: Aufnahme Gommel

X

Das Ende religiös motivierter Wandinschriften in Fellbach-Schmiden

In der evangelischen Dionysiuskirche in Fellbach-Schmiden (Rems-Murr-Kreis) werden die kultur- und geistesgeschichtlichen Veränderungen der Reformationszeit an einem prägnanten Detail deutlich. Im spätgotischen Chor der Kirche finden sich Ritzinschriften an den Wänden, die auf die vorreformatorische Bedeutung und Nutzung des Altarraumes hinweisen. Unter den ausführlicheren Einträgen, die alle in die zweiten Hälfte des 15. und die ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts datieren, finden sich wiederholt Nennungen von Geistlichen aus Esslingen, Stuttgart, Tübingen und Waiblingen. Diese Personen haben sich namentlich an den Chorwänden verewigt, wobei die Inschriften teilweise flüchtig angebracht, teilweise aber auch mit Bedacht und künstlerischem Anspruch eingetragen wurden. Viele dieser lateinischen Inschriften mit Namenseinträgen beginnen mit dem Passus »Hic fuit« („Er war hier“). In der Tradition älterer mittelalterlicher Inschriften sind die Wandritzungen als Nachweis für den Besuch des Altarraumes, des liturgischen Zentrums der Kirche, zu verstehen. Die Wand des Chorraumes wurde so zum Gästebuch für religiös motivierte Besuche in der spätmittelalterlichen Pfarrkirche St. Dionysius und Barbara. Bemerkenswert ist, dass sich nach etwa 1530 keine solchen Inschriften mehr im Chor der Kirche finden lassen. Die letzte genannte Jahreszahl wurde in einem Eintrag aus dem Jahr 1525 in die Wand geritzt. Auch das Schriftbild der Inschriften deutet in die letzten Jahrzehnte vor der Reformation. Die Anbringung von Inschriften scheint mit Ende der liturgischen Chornutzung im Zuge der Reformation abrupt geendet zu haben. Der Chor hatte nun seine Funktion als Altarraum verloren und wurde nicht mehr als liturgisches Zentrum für den Gottesdienst genutzt. In Schmiden fand diese Veränderung 1534 in der Folge der Einführung der Reformation im Herzogtum Württemberg statt. Das heutige Erscheinungsbild des Kirchenraumes entstand durch umfassende Außen- und Innenrenovierung in den Jahren 1959/1960, wobei auch die künstlerisch gestalteten Wandfassungen im Chor der Kirche entdeckt wurden. Umgestaltungen des liturgischen Raumes, wie sie im Zuge der Reformation verstärkt auftreten, können nicht nur an augenscheinlichen Ausstattungselementen – beispielsweise dem Altar oder der Sediliennische – abgelesen werden, sondern sind an solch unscheinbaren Zeichen an den Kirchenwänden zu erkennen.


Begründung: Der Abbruch der Sitte Inschriften als Besuchsbeleg im liturgischen Zentrum einer katholischen Kirche anzubringen, belegt eindrücklich die Veränderungen der Reformationszeit.

LAD: Aufnahme Dubslaff
Klicken zum Vergrößern
LAD: Aufnahme Dubslaff
Verehrung der Muttergottes auf dem Kornmarkt in Heidelberg

LAD: Aufnahme Dubslaff

X

Gegenreformation: Die Verehrung der Muttergottes auf dem Kornmarkt in Heidelberg

1718 wurde die Madonna auf dem Kornmarkt in Heidelberg gesetzt und geweiht. Heidelberg galt lange Zeit als Zentrum des Calvinismus, fiel aber mit dem Aussterben der Linie Pfalz-Simmern 1685 an die katholische Linie Pfalz-Neuburg. Die Kurfürsten von Pfalz-Neuburg installierten katholische Beamte, förderten die Jesuiten und strebten die Rekatholisierung der Stadt Heidelberg an. Die marianischen Symbole der Skulptur weisen die Muttergottes als rein von der Sünde, als Himmelskönigin, als Apokalyptisches Weib und Maria vom Siege aus, deren Sohn die Schlange zu ihren Füßen mit der Kreuzesfahne tötet. In dieser Rolle wurde sie von den Jesuiten verehrt, die die Lauretanische Litanei als Quelle für diese Attribute verbreiteten. Die Kornmarktmadonna wurde von einer marianischen Bruderschaft gesetzt und geweiht mit dem Ziel der Anbetung und Verehrung im öffentlichen Raum und als ein Affront gegen die reformierte Bevölkerung. Aufgrund dieser Reaktion auf die Reformation in Heidelberg und als Zeichen der Inbesitznahme der reformierten Stadt durch ein katholisches Herrscherhaus ist die Kornmarktmadonna als ein Monument der Reformation anzusprechen.


Begründung: Heidelberg galt im 16. Jahrhundert als Zentrum des Calvinismus. Als eine Skulptur mit gegenreformatorischer Intention wurde die Kornmarktmadonna im Zuge der Rekatholisierung Heidelbergs gesetzt und geweiht. Als Reaktion auf die Reformation ist die Kornmarktmadonna als deren Monument anzusprechen.

Die Terrakottareliefs der Reformatoren an der Kanzel in Gerhausen
Klicken zum Vergrößern
Die Terrakottareliefs der Reformatoren an der Kanzel in Gerhausen
Die Terrakottareliefs der Reformatoren an der Kanzel in Gerhausen

LAD: Aufnahme Widmaier

X

Die Terrakottareliefs der Reformatoren an der Kanzel in Gerhausen

Die evangelische Pfarrkirche in Gerhausen (seit 1934 Stadt Blaubeuren) ist eine flachgedeckte Saalkirche, die im Dezember 1927 eingeweiht wurde. Es handelt sich um ein qualitätvolles Beispiel für den Kirchenbau der zwanziger Jahre. Der von Neuer Sachlichkeit geprägte Baustil wird durch die Verwendung der klassischen Elemente des traditionellen Kirchenbaus bereichert. Der Entwurf zu der in Stahlbeton erstellten Kirche stammt von den Stuttgarter Architekten Werner Klatte und Richard Weigle. Im Kircheninneren wirkte der Kunst- und Glasmaler Walter Kohler. Die Passionsdarstellungen in den Fenstern gehören zu seinem kirchlichen Frühwerk. Der Raumeindruck der Kirche ist durch weiß gehaltene Wände bestimmt, sodass die Ausstattung mit zurückhaltendem plastischen Schmuck ganz in der protestantischen Tradition steht. Bestimmende Elemente des Kirchenraumes sind die 1927 gefertigten Prinzipalstücke (Altartisch, Taufbecken und Kanzel), die aus Terrakotta gearbeitet sind und sich – ebenso wie die Kirchenfenster - farblich vom umgebenden Raum absetzen. Diese Einrichtungsgegenstände sind flächig mit aneinandergereihten Terrakottaplatten verkleidet, an denen einzelne figürliche und symbolische Reliefbilder angebracht sind. Die Kanzel besteht aus einem ausladenden Kanzelkorb auf schlankem Fuß. Am Korb sind die Darstellungen der Reformatoren Philipp Melanchthon, Martin Luther und Johannes Brenz mit ihren jeweiligen Lebensdaten angebracht. Darunter befindet sich eine die Kanzel umspannende Inschrift: »Herr gib deinem Knecht mit aller Freudigkeit zu reden dein Wort«. Es handelt sich um ein Zitat aus der Apostelgeschichte (IV, 29). An den Kanzelplatten sind -  im Gegensatz zu jenen des Altares und des Taufbeckens – neben figürlichen Darstellungen auch Symbole angebracht. Es finden sich Kreuze, aufkeimende Äste, Früchte, Feuerschalen, Vögel und die griechischen Buchstaben Alpha und Omega. Es handelt sich dabei um Sinnbilder des Göttlichen, die dem christlichen Symbolkanon entnommen sind.


Begründung: Mit der nahezu lebensgroßen Darstellung der Reformatoren Brenz, Luther und Melanchthon in Form von Büsten, ist die Kanzel der evangelischen Pfarrkirche in Gerhausen ein Erinnerungsmal der Reformation. Wie am Kirchenbau verbindet sich auch am Prinzipalstück der Kanzel die christliche Symbolsprache mit dem Stil der Neuen Sachlichkeit.

Vom Gotteshaus zum Wohnhaus
Klicken zum Vergrößern
Vom Gotteshaus zum Wohnhaus
Vom Gotteshaus zum Wohnhaus

LAD: Aufnahme Kaiser

X

Heidelsheim: Vom Gotteshaus zum Wohnhaus

Die ehemalige lutherische Kirche in Heidelsheim (Stadt Bruchsal) ist ein eindrückliches Beispiel für einen profanierten Kirchenbau als Spätfolge der Reformation. Seit der Reformation mussten sich die Konfessionen miteinander arrangieren. In Heidelsheim wurde die 1540 erbaute Stadtkirche zunächst simultan genutzt, d.h. Katholiken, Lutheraner und Reformierte teilten sich den Kirchenraum. Mit der Religionsdeklaration von 1705 erfolgte die Kirchenteilung in der Kurpfalz, wobei die Kirchengebäude zwischen den Konfessionen aufgeteilt wurden. Zielsetzungen waren die Garantie der Religionsfreiheit bei gleichzeitiger Aufhebung der simultanen Kirchennutzungen. In Orten mit zwei Kirchen sollte jeweils ein Gebäude den Reformierten und eines den Katholiken zufallen. An Orten mit nur einer Kirche sollte zumindest eine Mauer für die gewünschte räumliche Trennung der Konfessionen sorgen. So geschah es auch 1707 in Heidelsheim, wo der gotische Chor und das Langhaus durch eine Mauer getrennt wurden. Die Katholiken erhielten den Chor, die Reformierten das Langhaus. Die Lutheraner jedoch gingen leer aus, da sie zu dieser Zeit keinen Pfarrer hatten. Die lutherische Gemeinde baute sich daher 1718 ein hölzernes Oratorium, das 1733 bis 1764 auf Betreiben des Pfarrers durch eine steinerne Kirche ersetzt wurde. Doch bereits wenige Generationen später änderte sich die Situation der Kirchen erneut. In der badischen Kirchenunion von 1821 wurden reformierte und lutherische Gemeinden zusammengeführt, sodass nur noch eine gemeinsame unierte Kirchengemeinde entstand. Diese nutzte nun die Liebfrauenkirche. Das nicht mehr länger gebrauchte lutherische Kirchlein wurde 1823 verkauft und zu einem Wohnhaus mit Keller, Scheune und Stallungen umgebaut. Der Turm wurde für diese neue Nutzung abgenommen. Für Wohnzwecke wurden im Westteil der Kirche zwei Geschossdecken eingezogen und im Ostteil des Langhauses sowie im Chorbereich der Stall, ein Scheunenzwischenboden und ein Zufahrtstor eingebaut. Aus dem Kirchengebäude war so ein landwirtschaftliches Anwesen geworden. Noch heute lässt sich an der ungewöhnlichen Form des Wohnhauses mit den polygonalen Wänden des ehemaligen Chorschlusses der ehemalige Sakralraum erkennen.


Begründung: Die Entstehungs- und Umnutzungsgeschichte der lutherischen Kirche in Heidelsheim zeigt eindrücklich die Spätfolgen der Reformation. Konfessionelle Trennungen und Einigungen wurden auf landesherrlicher oder staatlicher Ebene vollzogen und wirkten sich direkt auf den Baubestand aus.

Das Epitaph für den Reformator Matthäus Alber
Klicken zum Vergrößern
Das Epitaph für den Reformator Matthäus Alber
Das Epitaph für den Reformator Matthäus Alber

LAD: Aufnahme Dubslaff

X

Das Epitaph für den Reformator Matthäus Alber

In der Sakristei der evangelischen Stadtkirche Blaubeuren befindet sich ein Epitaph für den Reformator Matthäus Alber. Der 1495 in Reutlingen geborene Alber studierte seit 1513 – gemeinsam mit Philipp Melanchthon - in Tübingen Theologie und empfing 1521 in Konstanz die Priesterweihe. Anschließend war er in Reutlingen als Prädikant an der Marienkirche tätig. Alber war zu seinem Amtsantritt bereits von humanistischer Bildung und von Gedanken Luthers beeinflusst, sodass er die biblischen Schriften im evangelischen Sinne auslegte. So feierte er 1524 erstmals die Messe in deutscher Sprache und teilte das Abendmahl in beiderlei Gestalt aus. Bis 1548 stand er in der Marienkirche wöchentlich auf der Kanzel. Mit dem Eintritt in württembergische Dienste engagierte sich Alber ab 1548 für die Reformation im Herzogtum, siedelte mit seiner – auf dem gezeigten Epitaph ebenfalls dargestellten – Familie nach Stuttgart über und wurde dort zum Prediger an der Stiftskirche und einem Mitglied der dortigen Kirchenleitung ernannt. 1563 wurde Alber als erster evangelischer Abt des reformierten Klosters Blaubeuren (Alb-Donau-Kreis) gewählt. Er folgte damit einem bislang dort tätigen altgläubigen Vorgänger. Diese Tätigkeit ging mit dem Erhalt gleich mehrerer Ämter einher: So war Alber zugleich Prälat, Mitglied des Landtages und leitete die seit 1556 in den Klostergebäuden eingerichtete Schule. In dieser Klosterschule wirkte er als Lehrer und Erzieher einer neuen evangelischen Generation an Schülern, für die ein anschließendes Studium der Theologie oder eine Laufbahn als Landesbeamte vorgesehen war. Als Verwalter des Klosterguts war Alber auch für die Einsetzung von Pfarrern in der Stadt und den umliegenden zum Klosterbereich gehörenden Dörfern verantwortlich. Dennoch predigte er selbst noch bis in das hohe Alter in der Stadtkirche Blaubeurens. Als er im Dezember 1570 in Blaubeuren verstarb, wurde er in der dortigen Stadtkirche beigesetzt. Das gezeigte Epitaph erinnert noch heute an den Reformator, der unter anderem in der Reichsstadt Reutlingen und dem Herzogtum Württemberg einen wichtigen Beitrag zur Durchsetzung der Reformation leistete. Eine hier angebrachte Inschrift verweist auf die Eigenschaften und Leistungen der Person Albers und nennt seine verschiedenen Lebensstationen.


Begründung: Matthäus Alber gehört zu den bedeutenden Reformatoren auf dem Gebiet des heutigen Württembergs. Sein Epitaph in der evangelischen Stadtkirche in Blaubeuren ist ein anschauliches Zeugnis seiner Leistungen und der Lebensstationen eines Kirchenmannes zur Zeit der Reformation.

Das Baden-Badener Rathaus im ehemaligen Jesuitenkolleg
Klicken zum Vergrößern
Das Baden-Badener Rathaus im ehemaligen Jesuitenkolleg
Das Baden-Badener Rathaus im ehemaligen Jesuitenkolleg

LAD: Aufnahme Dubslaff

X

Das Baden-Badener Rathaus im ehemaligen Jesuitenkolleg

Nach der Teilung der Markgrafschaft Baden 1535 war Baden-Baden Residenz der katholischen Linie des Fürstenhauses. Zwischen 1594 und 1622 im Besitz des protestantischen Hauses Baden-Durlach erfolgte unter Markgraf Wilhelm die Rekatholisierung. Wie auch die Kurfürsten in Heidelberg bedienten sich die Markgrafen hierfür des Jesuitenordens. Davon zeugt der platzprägende Bau des ehemaligen Jesuitenkollegs, direkt gegenüber der Stiftskirche – Grablege des Herrscherhauses. Nach Plänen von Tommaso Comacio 1674 bis 1679 errichtet, erlitt der Bau am Marktplatz 1689 im Zuge der Stadtzerstörung durch französische Truppen während des Pfälzischen Erbfolgekrieges schwere Schäden und wurde bis 1703 wieder aufgebaut. 1810/11 erfolgte die Umgestaltung zum Konversationshaus für die Kurgäste durch den großherzoglich-badischen Baudirektor Friedrich Weinbrenner und dient seit 1862 als Sitz des Rathauses. Die wechselvolle Geschichte der Stadt Baden-Baden während und nach der Reformation wird an diesem Bau erlebbar und macht es deshalb zu einem Monument der Reformation.


Begründung: Der Bau des Jesuitenkollegs in Baden-Baden erfolgte im Zuge der Rekatholisierung der Stadt unter Markgraf Wilhelm. Die wechselvolle Geschichte der Stadt – Rekatholisierung, Zerstörung der Stadt im Pfälzischen Erbfolgekrieg, Kur- und Modebad – wird an diesem Bau erlebbar und macht es deshalb zu einem Monument der Gegenreformation.

Der „Lutherkopf innerhalb einer großen runden Umrahmung mit Inschrift“
Klicken zum Vergrößern
Der „Lutherkopf innerhalb einer großen runden Umrahmung mit Inschrift“
Der „Lutherkopf innerhalb einer großen runden Umrahmung mit Inschrift“

LAD: Aufnahme Widmaier

X

Der „Lutherkopf innerhalb einer großen runden Umrahmung mit Inschrift“

Der Reformator Martin Luther wurde Ende des 19. Jahrhunderts – und in besonderem Maße in Folge der Reichsgründung 1871 – zu einer Symbolfigur der deutschen Nationalbewegung stilisiert. Sein 400. Geburtstag 1883 wurde  zu einem der Höhepunkte der deutschen Lutherrezeption. Aufgrund der gesteigerten Nachfrage nach Darstellungen des Reformators wurden industriell gefertigte kunstgewerbliche Produkte hergestellt. Diese Bildnisse wurden öffentlich beworben und zum Kauf angeboten. So bewarb man 1884 im christlichen Kunstblatt „einen großen markigen Lutherkopf innerhalb einer großen runden Umrahmung mit Inschrift“, den der Stuttgarter Bildhauer Huttenlocher geschaffen hatte. Das in Serie produzierte Relief des Reformators hatte eine umlaufende Inschrift mit den Lebensdaten Luthers und dem Lutherzitat »Ein‘ feste Burg ist unser Gott«. Die erhoffte Kundschaft wurde darüber informiert, dass es „sich zum Aufhängen an Kirchen- und Schulwänden eignet. Schön bronziert kostet ein Gipsabguss 35 Mark“. Der in Plochingen geborene Ferdinand Gottlieb Huttenlocher (1856–1925) war ein bedeutender Bildhauer und Jugendstilkünstler, der u.a. in Frankfurt an der Oper und dem dortigen Städelschen Kunstinstitut sowie dem Schloss Neuschwanstein arbeitete und seit 1886 als Lehrer für Kunstgewerbe an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule Bern lehrte. Das von Huttenlocher gemeinsam mit dem Gipsgießer Sautermeister geschaffene kunstgewerbliche Lutherbildnis scheint im Zuge der Luthereuphorie des ausgehenden 19. Jahrhunderts erfolgreich vertrieben worden zu sein. Noch heute finden sich – wirksamer Werbung sei Dank – formgleiche Stücke in verschiedenen Kirchen und kirchlichen Verwaltungsbauten in Baden-Württemberg (u.a. in Neckarweihingen und Herrenberg). Das hier gezeigte Medaillon beispielweise hängt an der Nordwand direkt neben der Kanzel in der evangelischen Kirche von Vöhringen (Kreis Rottweil).


Begründung: Die seriell produzierte Darstellung Martin Luthers ist ein eindrückliches Beispiel für die breite Lutherrezeption des Jahres 1883, dem 400. Geburtstag des Reformators.

Das Bekenntnis an der Hauswand
Klicken zum Vergrößern
Das Bekenntnis an der Hauswand
Das Bekenntnis an der Hauswand

LAD: Aufnahme Feist

X

Das Bekenntnis an der Hauswand

Auch der Bereich  des privaten Wohnens blieb vom neuen Glauben nicht unberührt. Wie sich dies darstellen konnte, führt ein bemerkenswertes Beispiel aus der protestantischen Reichsstadt Reutlingen vor Augen. Bei Restaurierungsmaßnahmen in einem Fachwerkhaus im Gerberviertel entdeckte man dort 1996 Wandinschriften mit religiös-biblischem Inhalt im Treppenhaus und Flur eines Hauses. Die deutschen und lateinischen Texte wurden um 1558 im Obergeschoss in die Gefache von verputzten Fachwerkzwischenwänden aufgetragen. Im Durchgangsflur waren die Texte also gut sichtbar. Bei einem Abgleich mit der Lutherbibel von 1545 wird ersichtlich, dass die rezitierten Texte größtenteils wortwörtlich oder paraphrasierend aus dem Alten Testament und den Psalmen stammen. Thematisch nehmen die Inschriften Bezug auf zentrale Botschaften des evangelischen Glaubens. Dieses offenkundige Bekenntnis an der Wand ist zeitgleich mit dem Bau des Hauses um das Jahr 1558 entstanden. Das hier illustrierte reformatorische Gedankengut entstammt der städtischen Bevölkerung. Der Auftraggeber der Inschriften war mit Sicherheit ein humanistisch und theologisch gebildeter Laie, der im Umfeld des Zunfthandwerks oder sogar des Rates zu suchen sein dürfte, der damit den Besuchern seines Hauses seinen Glauben anschaulich demonstrierte


Begründung: Das offenkundige Bekenntnis an der Wand illustriert eindrucksvoll die Breitenwirkung reformatorischen Gedankenguts in der städtischen Bevölkerung, die auch aus humanistisch wie theologisch gebildeten Schichten bestand.

Archäologische Untersuchungen an einem Zeugnis der Reformationszeit: Die Ulmer Stadtbefestigung
Klicken zum Vergrößern
Archäologische Untersuchungen an einem Zeugnis der Reformationszeit: Die Ulmer Stadtbefestigung
Archäologische Untersuchungen an einem Zeugnis der Reformationszeit: Die Ulmer Stadtbefestigung

LAD: Aufnahme Lang

X

Archäologische Untersuchungen an einem Zeugnis der Reformationszeit: Die Ulmer Stadtbefestigung

Eine archäologische Untersuchung ermöglichte in Ulm vor Kurzem den Einblick in die Kulturgeschichte der Stadt und speziell ihrer Veränderungen im Zuge der Reformationszeit. Einer geplanten Baumaßnahme gehen dort archäologische Ausgrabungen voraus. Die dabei gemachten Entdeckungen zeugen auch von den Veränderungen, die sich mit der Reformation ergaben. Mit der Bannung Luthers und seiner Ideen auf dem Reichstag von Speyer im Jahre 1529 verschärfte sich das Gefühl der Unsicherheit auf Seiten der Protestanten. Aus Sorge vor militärischen Übergriffen durch den altgläubigen Kaiser und seine Anhänger, schlossen sie nicht nur den sogenannten Schmalkaldischen Bund als Verteidigungsbündnis, sondern begannen auch damit, Befestigungsanlagen instand zu setzen oder neu zubauen. Die Ulmer Befestigungsanlage selbst ist daher ein Zeugnis der durch konfessionelle Zersplitterung drohenden Konflikte im 16. Jahrhundert. Der Ausbau der Stadtbefestigung ist eine direkte Reaktion auf reformationszeitlichen, politischen und konfessionell bedingten Spannungen, welche sich beispielsweise im Schmalkaldischen Krieg (1546/47) äußerten. Die bestehenden Befestigungsanlagen Ulms mussten dabei den neuen technischen Anforderungen  angepasst werden – beispielsweise dem Aufkommen einer schlagkräftigen mobilen Belagerungsartillerie. Die Ausgrabung in Ulm bot Einblicke in diese innovative Verteidigungstechnik des 16. Jahrhunderts, einer Zeit in der die Donaustadt mit einer Bastion mit Erkern versehen wurde. Dabei entdeckten die Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege auch die Reste der von Hans Behan nach Plänen Albrecht Dürers erbauten Eckbastei. Dass auch der alten Ulmer Stadtbefestigung bereits zu Beginn der Reformation eine konfessionelle Bedeutung zukam, zeigen in Schriftquellen belegte konkrete reformatorische Motive beim Umgang mit den städtischen Verteidigungsanlagen. Im Jahre 1529 hatten beispielsweise die neugläubigen Ulmer das auf dem Herdbruckertor angebrachte Kruzifix mit einem Tuch verhängt. Nach der offiziellen Einführung der Reformation wurde die Darstellung abgenommen, zerschlagen und in die Donau geworfen.


Begründung: Die archäologischen Funde und Befunde zur Ulmer Stadtbefestigung des 16. Jahrhunderts ermöglichen einen eindrücklichen Einblick in die baulichen Maßnahmen der Reichsstadt als Folge der reformationszeitlichen Spannungen.

Evangelischer Beichtstuhl in Niebelsbach
Klicken zum Vergrößern
Evangelischer Beichtstuhl in Niebelsbach
Evangelischer Beichtstuhl in Niebelsbach

©LAD-RPS

X

Ein evangelischer Beichtstuhl im Enzkreis

Die mittelalterliche Kapelle St. Pankratius in Keltern-Niebelsbach liegt idyllisch außerhalb des Ortes am Fuße des Fronbergs, einem von unzähligen Quellen durchzogenen Gebiet. Hier hat sich ein Kirchenmöbel erhalten, das landläufig als typisch katholisch erkannt wird. Beichtstühle haben jedoch auch in evangelischen Kirchen eine Tradition. Sie entstanden Mitte des 17. Jahrhunderts und sind vorwiegend in den Kirchen Mittel- und Nordostdeutschlands erhalten geblieben.

Das schnörkellose, rund zwei Meter hohe Beichtgehäuse von St. Pankratius stammt aus dem 18. Jahrhundert. Der Pfarrer betrat es durch eine Tür und konnte innen auf einer Sitzbank Platz nehmen. Sein großes hölzernes Schiebegitter legt nahe, dass die Beichtenden nicht im, sondern – für andere Gemeindemitglieder sichtbar – vor dem Beichtstuhl standen oder knieten und es dem Pfarrer möglich war, durch das geöffnete Fenster beim Zusprechen der Absolution die Hand aufzulegen.

Anders als in der römisch-katholischen Tradition wurden protestantische Beichtstühle im Altarraum aufgestellt, um die enge Verbindung  von Predigt, Beichte und Abendmahl  augenfällig zu betonen. Auch in Niebelsbach stand der Beichtstuhl bis 2011 mittig vor dem Maßwerkfenster der Chorwand.

Nach der Reformation wurde die Kapelle selten genutzt, da die seit 1441 württembergischen Oberniebelsbacher den Gottesdienst in der Mutterkirche St. Michael in Gräfenhausen zu besuchen hatten. Erst 1787 beschloss die Generalsynode, fünfmal im Jahr einen Abendmahlsgottesdienst in St. Pankratius abzuhalten, wozu "allemal Tags vorher noch ein Praeparations-Predigt mit der Beicht […] gehalten" werden sollte.

Die Einzelbeichte zur Vorbereitung auf das Abendmahl und als Gelegenheit zum seelsorgerlichen Gespräch war von den Reformatoren keineswegs abgeschafft worden. In Artikel 11 des Augsburger Bekenntnisses (1530) heißt es: "Von der Beichte wird so gelehrt, dass man in der Kirche die private Absolution oder Lossprechung beibehalten und nicht wegfallen lassen soll, obwohl es in der Beichte nicht nötig ist, alle Missetaten und Sünden aufzuzählen, wie das doch nicht möglich ist […]"

Zum neuen Verständnis der Beichte gehörte allerdings, dass das Bekenntnis vom Scheitern an der Beziehung zu Gott freiwillig erfolgt und dass weder Bußleistungen nötig, noch eine Sündenvergebung durch eigenes Zutun möglich sind.

Um 1800 entwickelte sich das in die Liturgie des evangelischen Gottesdienstes eingebundene gemeinschaftliche Sündenbekenntnis und die protestantischen Beichtstühle wurden überflüssig. In Baden-Württemberg sich kaum noch Beispiele in ihrer ursprünglichen Umgebung zu finden.


Begründung: Der evangelische Beichtstuhl in Niebelsbach ist ein äußerst seltenes Beispiel dieses Typs in Baden-Württemberg. Als Zeugnis protestantischer Glaubenspraxis und als historisches Ausstattungsstück der Kirche St. Pankratius ist er von besonderer religionsgeschichtlicher Bedeutung.

Die evangelische Kirche von Bretten-Gölshausen
Klicken zum Vergrößern
Die evangelische Kirche von Bretten-Gölshausen
Die evangelische Kirche von Bretten-Gölshausen

©LAD-RPS

X

Die evangelische Kirche von Bretten-Gölshausen

Die mitten im Dorf gelegene evangelische Kirche von Bretten-Gölshausen ist in neoromanischen Formen erbaut und knüpft auch im Inneren mit ihrem längsrechteckigen Saal, der geschlossenen Holzbalkendecke und den schmalen Rundbogenfenstern an frühchristlich-romanische Vorbilder an.

Das 1862 errichtete Gotteshaus ist damit nicht nur zeitgemäß, es entspricht sogar einem erst im Jahr zuvor von den deutschen Kirchenregierungen und einigen "Stararchitekten" entwickelten Vorschriftenkatalog zur Gestaltung protestantischer Kirchen in Deutschland. Dieses "Eisenacher Regulativ" forderte aber weit mehr als einen "geschichtlich entwickelten christlichen Baustil" und eine solide Bauweise "ohne täuschenden Bewurf oder Anstrich". Sein 16-Punkte-Programm gab auch Lage, Erscheinungsbild und Wirkung der Hauptausstattungsstücke vor und prägte bis zur Jahrhundertwende die Kirchenneubauten der lutherischen Landeskirchen.

Vieles davon war in Gölshausen verwirklicht worden. Ganz der neuen Norm entsprechend war der Altarraum um mehrere Stufen über den Boden des Kirchenschiffes erhöht und der Holzaltar darin freistehend und mit Podest, Flankengittern und Altarkreuz versehen. Die Orgel hatte " ihren natürlichen Ort dem Altar gegenüber am Westende der Kirche auf einer Empore über dem Haupteingang" eingenommen.

Seit einer 2002 beendeten Baumaßnahme ist vieles anders. Die variableren Formen der Gemeindegottesdienste und die Notwendigkeit in Zeiten der Veräußerung kirchlicher Immobilien Gruppenräume ins Kirchengebäude zu integrieren, hat auch in Gölshausen zur Neuorganisation von Kirchenraum und Ausstattung geführt.

Als neue Glaskonstruktion ragt die zum Gemeinderaum ausgebaute Empore heute über die Emporenbrüstung in den Kirchenraum hinein und wird durch eine Wendeltreppe erschlossen.  Die Orgel musste weichen und erhielt ihren neuen Standort im Chor, wo der Altar mit seinen flankieren Schranken aber ohne das einst vorgeschriebene Holzpodest aufgestellt wurde. Mit der Verlängerung des erhöhten Chorbereichs ins Langhaus kommen sich Gemeinde und Liturg nun näher. Während Kanzel und Taufstein als charakteristische bauzeitliche Elemente integriert sind, ist das alte Gestühl durch eine variable Bestuhlung und Wandbänke ersetzt worden.


Begründung: Die evangelische Kirche von Bretten-Gölshausen verkörpert anschaulich die zeitgemäßen Anforderungen an einen protestantischen Kirchenbau einst und jetzt. Während die Auflagen des Eisenacher Regulativs in Formensprache, Raumorganisation und bauzeitlichen Ausstattungsstücke bis heute erkennbar sind, gibt ihr Innenraum nach der Nutzungsverdichtung ein beredtes Beispiel für die angestrebte Qualität und die Kooperationsbereitschaft der staatlichen Denkmalpflege ab.

Die Schottenkapelle in Konstanz
Klicken zum Vergrößern
Die Schottenkapelle in Konstanz
Die Schottenkapelle in Konstanz

©LAD-RPS

X

Der „Friedhof zu den Schotten“ in Konstanz

Im schattigen Grünbereich zwischen Vincentius-Krankenhaus und Humboldt-Gymnasium markiert die schlichte St. Jakobus-Kapelle den Standort eines heute verschwundenen Friedhofs aus der Reformationszeit.

 

Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts lebten hier die „Scoti“,  irische Benediktiner, die sich der Versorgung von Santiago-Pilgern verschrieben hatten. 1533 ließ das reformierte Konstanz das  Schottenkloster abreißen. Dass man an seiner Stelle ab 1541 einen Friedhof einrichtete, dokumentiert einen Wandel in der Bestattungskultur, den die Reformation maßgeblich begünstigte.

 

Zuvor wurde in Kirchen oder auf Kirchhöfen bestattet. Ein jeder Christ war bestrebt, möglichst nahe an einem Kirchenaltar begraben zu werden,  um dem Ort der Messfeierlichkeiten und den heiligen Reliquien nahe zu sein. Hier wurden ihm Seelenmessen gehalten, die seinen Aufenthalt im Fegefeuer bis zum Jüngsten Gericht erleichtern würden. Luther lehnte die institutionalisierte  Seelenfürsorge als „Gauckelwerck” ab. Mit der Reformation verschwanden Privatmessen und Nebenaltäre aus den Kirchen und der Lage eines Grabs wurde keinerlei Auswirkung mehr für das Seelenheil beigemessen. Mit dieser veränderten Sichtweise war die Voraussetzung für die Verlegung der Begräbnisplätze vor die Städte geschaffen. Auf den neuen Gottesackern wurde alles weltliche Treiben unterbunden, um die Andacht und Besinnung der Lebenden zu fördern. Die heute selbstverständliche Friedhofsruhe ist eine Errungenschaft der Reformation.

 

In Konstanz drehte sich die Entwicklung jedoch noch einmal um. Im Zuge der Rekatholisierung durch die Habsburger 1548 wurden profanierte Kirchen erneut geweiht, ihre Kirchhöfe wieder angelegt und neu eingefriedet. Erst ab 1785 waren Begräbnisse auf dem „Friedhof zu den Schotten“ zwingend vorgeschrieben.

 

Die Schottenkapelle St. Jakobus wurde erst 1589 als Friedhofskapelle errichtet. Sie enthält Wandmalereien von 1733, ihre Glasfenster sind modern. Um sie herum wurde bis zur Eröffnung des Konstanzer Hauptfriedhofs 1870 bestattet. 30 Jahre später sind die Gräber für den Bau der Zeppelin-Oberrealschule (heute Alexander-von-Humboldt-Gymnasium) eingeebnet worden.


Begründung: Die 1589 als Friedhofskapelle errichtete Schottenkapelle St. Jakobus ist als letzter Hinweis auf das mittelalterliche Schottenkloster und den 1541 an seiner Stelle eingerichteten Friedhof ein wichtiges Denkmal aus heimatgeschichtlichen und wissenschaftlichen Gründen.

Der Schlossturm in Karlsruhe
Klicken zum Vergrößern
Der Schlossturm in Karlsruhe
Der Schlossturm in Karlsruhe

©RPS-LAD

X

Der Schlossturm in Karlsruhe

Der schlanke, achteckige Schlossturm markiert bis heute sinnfällig den Ausgangs- und einstigen Mittelpunkt der Stadt Karlsruhe. Genau hier, mitten im Hardtwald, legte Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach am17. Juni 1715 den Grundstein zu seiner neuen Residenz. Durch diesen Neuanfang sollte sein Land nach dem Ende des spanischen Erbfolgekriegs jetzt einen wirtschaftlichen Aufschwung nehmen. Sein "Freiheitsbrief" lockte zahlungskräftige Neubürger mit wirtschaftlichen Vergünstigungen und versprach religiöse Toleranz.

Hofhaltung und Kanzlei waren noch nicht aus Durlach umgezogen, da konnte bereits die Schlosskapelle einweiht werden. Karl Wilhelm verband dies mit einem fünftägigen Fest zum 200. Jahrestag der Reformation und ließ seine minutiösen Anweisungen zur "Celebrierung des Evangel. Jubel-Fests den 31 Octobr. 1717 und dabey angestellte Einweyhung der neuen Fürstl. Hoff-Kapelle zu Carols-Ruh" publikumswirksam drucken.

Zum Festgottesdienst zogen die Geistlichen mit dem neuen Altargeschirr und den Kirchenagenden ein, der Adel und die Minister folgten. Anschließend wurden mit Gesang und Konzert eine Konversion, eine Trauung, ein Ehejubiläum, ein Taufe und das Abendmahl gefeiert.

Am Abend wartete der Markgraf noch mit einem ganz besonderen Ereignis auf. Ganz nach der Mode nur für den Anlass geschaffener Festarchitektur des Barock war der Schlossturm mit 80 Sinnbildern der  "aufgehenden, wachsenden, streitenden und jubilierenden Evangelischen Kirche" geschmückt worden. Am Turmhelm bot sich sogar ein spirituelles Programm.  Hier – im Zentrum und der höchsten Stelle der Stadt – schwebten die Gaben des Heiligen Geistes auf Bildtafeln Glück verheißend  über der jungen Residenz. Damit wurde eine von Luther autorisierte, im 17. Jahrhundert gängige mystische Vorstellung  vom Heiligen Geist als stufenweisem Glaubensvermittler repräsentativ umgesetzt.


Begründung: Der Karlsruher Schlossturm bildet bis heute den Mittelpunkt der barocken Planstadt. Bereits vor der Fertigstellung seiner neuen Residenz inszenierte sich der Markgraf hier nicht nur als absolutistischen Fürsten, sondern auch als Oberhaupt seiner Landeskirche.

Betsaal für die Dettinger Industrievorstadt in Kirchheim/Teck
Klicken zum Vergrößern
Betsaal für die Dettinger Industrievorstadt in Kirchheim/Teck
Betsaal für die Dettinger Industrievorstadt in Kirchheim/Teck

©LAD-RPS

X

Ein Betsaal für die Dettinger Industrievorstadt in Kirchheim/Teck

Das Ende des 19. Jahrhunderts boomende Kirchheim zog mit seinen zahlreichen Industriebetrieben scharenweise Arbeitnehmer an. Im Süden war mit der Dettinger Vorstadt ein neuer Stadtteil entstanden, dessen Bewohner im doppelten Sinn nicht in die einzige evangelische Kirche der Stadt -  die gotische Martinskirche - passten. Nachdem ein Baugrundstück gestiftet worden war, wurde Martin Elsaesser mit der Verwirklichung des Baus beauftragt.

 

Der damals erst 25jährige Architekt führte damit bereits sein fünftes Gotteshaus aus. Wie auf seiner zeitgleichen Baustelle in der Industrievorstadt von Schwenningen entstand auch in Kirchheim in kürzester Zeit ein ganz eigener protestantischer Kirchentyp, ein den wenig kaufkräftigen neuen Gemeinden angemessener schlichter Betsaal in Backstein-Sichtmauerwerk.

 

Die Eingangsseite mit ihrem Vordach auf Holzstützen lässt eher an eine Schule oder das Empfangsgebäude eines Kleinstadtbahnhofs denken und auch die tiefgezogenen Dächer, die kleinteiligen Sprossenfenster und der von einem Zwiebeldach bekrönte Dachreiter zählen damals wie heute nicht zum typischen Erscheinungsbild eines Sakralbaus. Doch es ist gerade diese malerisch-additive Formensprache des aus einer Pfarrfamilie stammenden Elsaesser, die einen greifbaren Ausdruck von Glauben und Kirche vermitteln: Bescheidenheit und Geborgensein.

 

Kein halbes Jahrhundert nach der Fertigstellung wurden die Harmonie und Festlichkeit des Innenraums nicht mehr empfunden. Die Renovierung 1953 hatte zur Folge, dass die Symmetrie des Kirchenraums gestört, der Altarraum verdüstert und viel von Elsässers genau auf die liturgischen Erfordernisse abgestimmter Raumschöpfung verloren ging. Seit 2016 ist diese wieder ein Stück weit zurückgewonnen. Die vermauerte Taufnische rechts des Altarraums wurde wieder geöffnet und bildet nun wieder das Gegenüber zur Kanzelnische auf der linken Seite. Die Fenster des Chorraums hingegen wurden nicht wieder hergestellt, da das künstlerisch wertvolle, auf die 1953 vermauerte Apsiswand gemalte Triptychon des Künstlers Rudolf Yelin zu erhalten war.

 

Durch Glasschiebewände unter der Empore erhielt die Gemeinde einen schalldichten abtrennbaren Raum. Nach der Entfernung der Bänke ist eine freie Bestuhlung möglich geworden und auch die neuen beweglichen Prinzipalstücke kommen dem Gemeindewunsch nach einer flexiblen Nutzbarkeit des Kirchenraums entgegen.


Begründung: Der 1909 nach Plänen von Martin Elsaesser erbaute Betsaal für die Kirchheimer Industrievorstadt hat Denkmalwert aufgrund der gut überlieferten Architektursprache des Architekten und der Ausstattung aus den 1950er Jahren.

Das "Haus Zum Ritter"
Klicken zum Vergrößern
Das "Haus Zum Ritter"
Das "Haus Zum Ritter"

©LAD-RPS

X

Haus zum Ritter St. Georgen

Der stattliche, seine Nachbargebäude überragende Sandsteinbau des „Hauses zum Ritter” ist das älteste noch erhaltene Wohngebäude der Heidelberger Altstadt. Die Gewölbe und Außenmauern des Renaissancepalais von 1592 haben drei verheerende Feuersbrünste im Dreißigjährigen Krieg (1635) und während des Pfälzischen Erbfolgekriegs (1689 und 1693) überstanden.

Bauherr war der Tuchhändler Charles Bélier, ein calvinistischer Glaubensflüchtling aus Tournai. Mit dem Regierungsantritt des reformierten Kurfürsten Friedrich III. 1559 war die Kurpfalz zum wichtigsten Zufluchtsort für calvinistische Glaubensflüchtlinge aus den habsburgischen Niederlanden, dem heutigen Belgien und Nordfrankreich geworden.

Im bildhauerisch reich gestalteten Fassadenschmuck unterstreicht der Erbauer die verbindenden Wurzeln seiner alten und neuen Heimat durch Reliefmedaillons von Frankenkönigen und ließ sich dort mit seiner Gattin auch selbst porträtieren. Der mehrfach auftretende Widder ist ein Hinweis und die Übersetzung seines Familiennamens.

Bereits 1705 wurde das bedeutende und hochgeschätzte Gebäude renoviert. 200 Jahre später berücksichtigte seine nicht auf komplettierende Rekonstruktion, sondern auf Konservierung ausgelegte Restaurierung die zeitgleich und kontrovers geführte Diskussion um den Wiederaufbau des Heidelberger Schlosses.


Begründung: Das "Haus Zum Ritter" kündet eindrucksvoll von der Kurpfalz als asylum haereticum für Glaubensflüchtlinge aus den habsburgischen Niederlanden und deren Bedeutung in der neuen Heimat. Zudem kommt ihm als ältestem Wohngebäude der Heidelberger Altstadt und wegen der hohen künstlerischen Qualität seiner Fassaden eine besondere Bedeutung zu.

Der Blumhardt-Friedhof und der Gottesacker der Herrnhuter Brüdergemeine
Klicken zum Vergrößern
Der Blumhardt-Friedhof und der Gottesacker der Herrnhuter Brüdergemeine
Der Blumhardt-Friedhof und der Gottesacker der Herrnhuter Brüdergemeine

©LAD-RPS

X

Gottesacker der Herrnhuter Brüdergemeine und Blumhardt-Friedhof

Der Name einer kleinen Gemeinde im Landkreis Göppingen ist in protestantischen Kreisen weltberühmt. In Bad Boll sitzt seit der Teilung Deutschlands ein Teil der Kirchenleitung der Herrnhuter Brüdergemeine, die durch Mission und die jährlich neu herausgegebenen "Losungen" international bekannt ist. Hier dokumentieren zwei aneinander grenzende Friedhöfe die Anfänge zweier Sonderformen evangelischen Lebens in Württemberg.

 

Auf dem älteren Friedhofsteil befindet sich die Grabstätte von Johann Christoph Blumhardt (1805-1880), einem vom schwäbischen Pietismus geprägten, charismatischen Pfarrer, der in Möttlingen im Schwarzwald durch die Heilung einer jungen Frau eine Erweckungsbewegung auslöste. Er kaufte 1852 das von König Wilhelm I. von Württemberg im neoklassizistischen Stil errichtete Kurhaus von Boll und richtete dort ein Zentrum für Leib- und Seelsorge ein. Unter den Grabstätten der Familie Blumhardt und der Gäste des Kurhauses finden sich zahlreiche liegende Inschriftplatten mit fein ausgearbeiteten floralen Reliefs.

 

Vom Blumhardt-Friedhof  gelangt man durch eine Eibenhecke auf die lichte Wiese des Herrnhuter Gottesackers, wo die in der Reihenfolge ihres Todes aneinander gereihten, einheitlichen Liegesteine die Vorstellungen der Brüdergemeine von der Gleichheit aller Menschen im Tod und vor Gott direkt veranschaulichen.

 

1920 hatten Blumhardts Erben das Kurhaus der Brüdergemeine übergeben, deren Gründung lange vor Luthers Thesenanschlag 1457 in Kunvald/Mähren in Verbindung mit der kirchenreformatorischen Bewegung des 1415 auf dem Konstanzer Konzil als Ketzer verbrannten Tschechen Jan Hus steht. Als Glaubensflüchtlinge gründeten die Nachkommen 1722 auf dem Gut des Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf in der Lausitz ihre Kolonie Herrnhut. Der 1730 dort angelegte Gottesacker bildete einen maximalen Kontrast zu den zeitgenössischen pompösen Familiengräbern des Barock,  wurde jedoch zum Vorbild für die Begräbnisplätze der Brüdergemeine weltweit und inspiriert die Friedhofsästhetik seit der Aufklärung bis in die Gegenwart.


Begründung: Der Blumhardt-Friedhof und der Gottesacker der Herrnhuter Brüdergemeine sind aus religions- und friedhofsgeschichtlichen Gründen bedeutend, sie veranschaulichen die Geschichte zweier Sonderformen evangelischer Gemeinden in Württemberg.

Postkarte mit bild von Johanneskirche
Klicken zum Vergrößern
Postkarte mit bild von Johanneskirche
Postkarte mit bild von Johanneskirche

©LAD-RPS

X

Die Johanniskirche in Karlsruhe als Sinnbild der Badischen Kirchenunion

Nach der napoleonischen Neuordnung Europas hatte der Großherzog von Baden 1806 plötzlich zwei protestantische Kirchen in seinem Land. Die ehemals württembergischen Gebiete waren lutherisch wie er selbst, die Baden zugeschlagene rechtsrheinische Kurpfalz war reformiert. Seit Luther und Zwingli waren beide Kirchen besonders wegen ihres Verständnisses vom Abendmahl theologisch unvereinbar geblieben. Als Karl Friedrich als Oberhaupt der Landeskirche 1821 beide Kirchen vereinigte, war dies weit mehr als eine Verwaltungsreform: Auf der Basis des lutherischen „Augsburger Bekenntnisses” der Reichsstände von 1530 und des „Heidelberger Katechismus” der reformierten Kurpfalz 1563 hatte das Großherzogtum eine neue Bekenntnisgrundlage erhalten.

Der erste Kirchenneubau nach der badischen Kirchenunion brachte diesen Sachverhalt anschaulich zum Ausdruck. Über den drei Eingangsportalen der Karlsruher Johanniskirche wurden die Standbilder der Reformatoren Luther, Zwingli und Calvin in Nischen aufgestellt. Während die Gottesdienstbesucher die Kirche also unter dem Reformator ihrer Wahl betreten konnten, waren sie zum Gottesdienst doch alle in einem Kirchenraum vereint.

Vom Großherzog als erst fünfte Pfarrei der Stadt ernannt, sollte die Südstadtpfarrei die stark angewachsene großstädtische Arbeiterschaft in der Karlsruher Eisenbahnvorstadt „für das Christentum gewinnen”. Zwar hatten die Südstädter ihre Kirche selbst zu finanzieren, doch die großherzogliche Familie gab Geld und stiftete auch Teile der Kirchenausstattung. Großherzogin Luise sorgte für den Altar mit Kreuz und bezahlte Paramente für Kanzel und Altar. Das Erbgroßherzogspaar gab sein Hochzeitsgeschenk, drei Stahlglocken von der Gussstahlfabrik des Bochumer Vereins, Prinzessin Vicky von Baden – die spätere Königin von Schweden und Norwegen – stiftete den Abendmahlkelch mit Patene. Während die Stahlglocken im Krieg Rüstungszwecken nicht dienlich waren und daher bis heute zum Gottesdienst läuten, fiel die Kirchenfassade mit den Reformatorenstandbildern zwei Fliegerangriffen zum Opfer und wurde verändert wieder aufgebaut.


Begründung: Mit ihrem Fassadenprogramm versinnbildlichte die Johanniskirche die badische Kirchenunion von 1821 augenfällig. Nach der Zerstörung der Kirche 1944 folgte der Architekt Hans Rösiger in einer modernen Architektursprache den ursprünglich neuromanischen Formen und integrierte den noch vorhandenen Turm einfühlsam. Bis heute ist die Johanniskirche mit ihrer Ausstattung ein bedeutendes Monument der badischen Kirchengeschichte.

SSG Pressefoto
Klicken zum Vergrößern
SSG Pressefoto
SSG Pressefoto

©LAD-RPS

X

Stadtbefestigung Kirchheim/Teck

Nachdem Ulrich von Württemberg dank hessischer Truppen 1534 sein Land aus der habsburgischen Verwaltung zurück erobert hatte, führte er die Reformation ein und ging daran seine Machtposition mit sieben Landesfestungen zu sichern. Eine davon entstand ab 1539 in Kirchheim, wo die alte Gipfelburg der Herzöge von Teck im Bauernkrieg zerstört worden war.

Als Eckbastion der Stadtbefestigung entstand das Schloss als rautenförmige Vierflügelanlage. Daran schloss sich die Zwingermauer an, die später eingewölbt wurde, um Kasematten für schweres Geschütz unterzubringen. Rings um die Stadtmauer entstand zudem ein Erdwall, der etwaige Belagerer und ihre Kanonen auf Abstand halten sollte. Diesen Erdbewegungen musste die Klosterkirche der Kirchheimer Dominikanerinnen weichen, die seit der Reformation zum Auswandern oder Aussterben verurteilt waren, da sie keine Novizinnen mehr aufnehmen durften. Mit der Kirche ließ Ulrich auch das Grab der ersten Herzogin von Württemberg entfernen, wobei er den wertvollen Nachlass der Barbara Gonzaga aus Mantua zur Schuldentilgung verwendete. Weitere damals abgebrochene Sakralgebäude in der Umgebung lieferten wertvolles Steinmaterial zum Ausbau der Landesfestung: Die Marienkirche, die Calixtuskirche und eine Marienkapelle in Weilheim,  sowie die Filialkapelle der Kirchheimer Martinspfarrei in Ötlingen.

 

Schon im 17. Jahrhundert war die Verteidigungsanlage Kirchheim militärisch überholt und das Schloss wurde für die Jagdaufenthalte der Herzogsfamilie wohnlicher ausgestaltet. Herzogin Franziska von Hohenheim (1748–1811) nahm hier ihren Witwensitz und erweiterte den Südflügel des Schlosses seit 1795 um einen Anbau mit zwei hellen Gartenzimmern und einen von dort direkt zugänglichen Terrassengarten auf den Kasematten der einstigen Landesfestung. Fromm und vom Pietismus geprägt, gewährte sie damals dem von der evangelischen Landeskirche in Württemberg verfolgten Pietisten und Stifter der Hahn’schen Gemeinschaft Johann Michael Hahn (1758-1819) Unterschlupf auf ihrem Familiengut in Sindlingen.


Begründung: Die den Stadtbrand von 1690 überstandenen baulichen Anlagen und Freiflächen der ab 1539 erbauten württembergischen Landesfestung Kirchheim, für die etliche mittelalterliche Sakralbauten abgerissen wurden, zeugen vom Willen des aus dem Exil zurückgekehrten Herzogs Ulrich seine neue Machtposition mithilfe der Landesfestungen weiter auszubauen. Bemerkenswert ist die spätere wohnliche Aneignung von Schloss und Kasematten durch Franziska von Hohenheim in der Empirezeit.

Denkmal für die hingerichteten Anführer des „Armen Konrad” in Schorndorf von Hans Dieter Bohnet
Klicken zum Vergrößern
Denkmal für die hingerichteten Anführer des „Armen Konrad” in Schorndorf von Hans Dieter Bohnet
Denkmal für die hingerichteten Anführer des „Armen Konrad” in Schorndorf von Hans Dieter Bohnet

© LAD-RPS

X

Burg Kappelberg bei Weinstadt Beutelsbach

Jahre bevor Luthers Schrift „von der Freiheit eines Christenmenschen” im Druck erschien, regte sich 1514 im Herzogtum Württemberg Unmut über die unverantwortliche Willkür des fast bankrotten Herzog Ulrich und die Landbevölkerung lehnte sich gegen überzogene Verbrauchssteuern, ungerechte Gerichtsbarkeit und korrupte Verwaltungsstrukturen auf. Nach einer ersten Versammlung auf der Burg Kappelberg bei Beutelsbach formierte sich im Mai bewaffneter Widerstand im Aufstand des „Armen Konrad”, der vom lokalen Hauptquartier der Bewegung in Schorndorf koordiniert wurde.

Im Juli erreichten dann zwar die Vertreter der Stände Mitspracherechte im Tübinger Vertrag, die Anliegen der bäuerlichen Aufständischen blieben jedoch ungehört. Angesichts der militärischen Übermacht von Ulrichs Truppen kapitulierten die erneut auf dem Kappelberg Versammelten jedoch kampflos. Auf dem Wasen vor der Stadtmauer mussten die Schorndorfer in Ulrichs Beisein dem Vertrag huldigen, wobei der Herzog tätlich angegriffen worden sein soll. Daraufhin kam es zu einer Verhaftungswelle des vergeltungssüchtigen Landesherrn. Vier Tage lang wurden hunderte Aufständische verhaftet, vorgeführt, verhört, gefoltert und zuletzt im Beisein Ulrichs verurteilt. Zehn Anführer ließ er unmittelbar hinrichten.  Jakob Dautel aus Oberschlechtbach hatte unter Folter zugegeben, dass man  „Herzog Ulrich und den Adel aus dem Land vertreiben” wollte. Am zweiten Verhandlungstag wurde sein abgeschlagener Kopf „allda zu verwesen” auf dem mittleren Stadtturm ausgestellt.

Wie die Fortsetzung seines Racheakts gegen Schorndorf mutet an, dass Ulrich 1538 hier den größten Festungskomplex Südwestdeutschlands errichten ließ, wobei Steine der Burg Kappelberg als Baumaterial verwendet wurden. Erst 1968 wurden bei einer Rebflurbereinigung Reste der Burg entdeckt und in freier Interpretation zu einer Ruine aufgemauert.


Begründung: Eingedenk der mutigen Demokratisierungsbewegung des „Armen Konrad” und der im Fall von Ulrichs „Beseitigung” wohl anders verlaufenen religiösen Entwicklung Württembergs ist die Burgruine Kappelberg – trotz der verändernden Renovierungen – ein Kulturdenkmal. An seiner Erhaltung besteht vor allem aus landes- und heimatkundlichen Gründen ein öffentliches Interesse.

Die erste „Notkirche” Otto Bartnings in Pforzheim
Klicken zum Vergrößern
Die erste „Notkirche” Otto Bartnings in Pforzheim
Die erste „Notkirche” Otto Bartnings in Pforzheim

Foto: LAD-RPS

X

Ein Zelt in der Wüste: die evangelische Auferstehungskirche in Pforzheim

Die erste evangelische Kirche im Nachkriegsdeutschland wurde am 24. Oktober 1948 in der fast völlig zerstörten Stadt Pforzheim eingeweiht. Nicht nur ihr Name, sondern sogar das Kirchengebäude selbst ist programmatisch zu nennen.

Die Auferstehungskirche in Pforzheim ist der Prototyp der „Notkirche”, die im Auftrag des Hilfswerks der evangelischen Kirche in Deutschland vom politisch unbelasteten einstigen Bauhaus-Direktor Otto Bartning (1883-1959) entwickelt wurde. Der Architekt, Planer und Theoretiker Bartning hatte bereits 1919 mit seiner Schrift „Vom neuen Kirchenbau” Grundlagen für sakrale Bauwerke mit Modellcharakter geschaffen. Da  nach dem Weltkrieg Stahl und Beton kontingentiert und dem Wohnungsbau vorbehalten waren, erfand er eine vorgefertigte, selbsttragende Holzbinder-Konstruktion, deren Gerüst vor Ort montiert und von aktiv in den Bau ihrer Kirche eingebundenen Gemeindemitgliedern mit aufbereiteten Trümmersteinen aus der zerstörten Stadt „ausgefüllt” wurde. Während für den Außenbau Buntsandstein verwendet wurde, kam im Inneren Ziegelstein zum Einsatz, der mit seiner polychromen Steinsichtigkeit für eine fast wohnliche Atmosphäre sorgt und einen reizvollen Kontrast zur modernen Binderstruktur bietet. Expressionismus, Neues Bauen und traditionelle Bauweise gehen hier eine im protestantischen Kirchenbau neuartige und wegweisende Verbindung ein.

Die Saalkirche mit ihrem polygonalen Chor überzeugt jedoch nicht nur architektonisch und technisch, sondern auch im theologischen Bild der Zeltkirche für das wandernde Gottesvolk (Hebr 13,14) auch sinnbildlich.  Bartning selbst hat sein Werk 1948 als „Zelt in der Wüste” bezeichnet.

Das Konzept der Notkirchen war so erfolgreich, dass nach dem Pforzheimer Vorbild in zahlreichen deutschen Städten bis 1952 weitere 42 „Notkirchen” in drei leicht abgewandelten Modelltypen errichtet wurden, von denen die meisten bis heute in Gebrauch sind. In Baden-Württemberg sind dies die Wichernkirche in Heilbronn, die Friedenskirche in Karlsruhe-Weiherfeld, die Gnadenkirche in Mannheim und die Ludwig-Hofacker-Kirche in Stuttgart.


Begründung: Als erste „Notkirche” wirkte die heute weitgehend unverändert erhaltene Auferstehungskirche vorbildgebend im Nachkriegsdeutschland. Otto Bartning leistete als bedeutender Kirchenbaumeister des 20. Jahrhunderts und Dozent seit den frühen 1920er Jahren einen grundlegenden Beitrag zum Verständnis des protestantischen Kirchenbaus in Theorie und Praxis.

Wandbild „Luther mit dem Schwan” in der evangelischen Kirche von Brettach
Klicken zum Vergrößern
Wandbild „Luther mit dem Schwan” in der evangelischen Kirche von Brettach
Wandbild „Luther mit dem Schwan” in der evangelischen Kirche von Brettach

Foto: Dautel

X

„Luther mit dem Schwan” in der evangelischen Kirche Langenbrettach

Die Darstellung von Luther mit einem Schwan erreichte nach dem Tod des Reformators große Beliebtheit und war auf Wand- und Tafelmalereien in Kirchen, aber auch als Titelbild von Bibeln und Gesangbüchern weit verbreitet. Johannes Bugenhagen griff in seiner Leichenpredigt für Luther das Motiv bereits auf. In zahlreichen lutherischen Gemeinden Norddeutschlands findet sich statt eines Wetterhahnes der Lutherschwan auf der Kirchturmspitze.

Luther selbst hat die Verbindung zum edlen Wasservogel hergestellt als er geltungsbewusst einen Ausspruch des böhmischen Reformators Jan Hus auf sich bezog. Der 1415 auf dem Konzil in Konstanz als Ketzer verbrannte Hus soll in Anspielung auf seinen Namen, der auf Deutsch „Gans“ bedeutet, gesagt haben: „Sie werden jetzt eine Gans braten, aber in hundert Jahren werden sie einen Schwan singen hören, den sollen sie leiden.”

Das erst 1955 bei der Renovierung der ehemaligen Wehrkirche von Brettach wieder entdeckte Fresko gilt nach gegenwärtigem Forschungsstand als älteste Darstellung dieser Ikonographie. Schwan, Bibel und Schriftzug lassen keine Zweifel über die Identität des Dargestellten aufkommen, auch wenn Luthers Gesichtsausdruck und Kinnbart eher an seinen Brettener Kollegen Melanchthon denken lassen. Nachdem das Kirchenschiff 1578 verlängert worden war, entstanden dort hoch oben mit Luther weitere lebensgroße Wandbilder von Johannes dem Täufer, den Evangelisten und Aposteln. Eine Bauinschrift an der Ostwand nennt als Entstehungsdatum 1591 und namentlich den damaligen geistlichen Verwalter David Erbermann aus Neuenstadt. Zu jener Zeit war Brettach bereits 50 Jahre evangelisch.

Die Fresken wurden übermalt, vielleicht während des Dreißigjährigen Krieges, um plündernden Truppen keinen Anlass zu Vandalismus zu bieten, möglicher Weise auch erst vor der Neuausmalung des Kirchenraums 1681. Dass damals einige Figuren mit veränderter Körperhaltung direkt über die alten gemalt wurden, wirkt nach der Freilegung aller Malschichten heute etwas befremdlich.


Begründung: Das Luther-Fresko in der Kirche Peter und Paul von Brettach ist die älteste zurzeit bekannte Darstellung des Reformators mit dem Schwan. Mit der renaissancezeitlichen Erweiterung und Ausmalung des Langhauses ist die Kirche ein bedeutendes Zeugnis der Reformationszeit.

Die „Markgräfler Wand” in der Marienkirche von Kirchensall
Klicken zum Vergrößern
Die „Markgräfler Wand” in der Marienkirche von Kirchensall
Die „Markgräfler Wand” in der Marienkirche von Kirchensall

Foto: Dautel

X

Protestantischer Barock im hohenlohischen Kirchensall

1769 wurde „der alte einstürtzende Tempel” von Kirchensall in ein „erweitert und verschönertes Gottes-Hauß verwandelt”. Der Neubau entstand im „Markgrafenstil”, der vorrangig in den protestantischen Markgrafschaften Ansbach-Brandenburg und Bayreuth-Brandenburg verbreitet ist.

Diese „Markgrafenkirchen” sind im Geist der Reformation umgeformte mittelalterliche Kirchen. Auch in Kirchensall stammt der untere Bereich des mächtigen Chorturms noch von der Vorgängerkirche.  Daran schließt sich das 1769 neu errichtete Kirchenschiff an, das mit seinen hohen Fenstern zurückhaltend festlich wirkt. Der einschiffige Kirchensaal ist lichtdurchflutet und von nüchterner Farbigkeit. Vieles im Inneren lässt an den Theaterraum eines Rokokoschlösschens denken: Es gibt zweigeschossige Emporenränge und eine prächtige Kanzelwand in der Art eines Proszenium mit vorspringenden  Architekturteilen, bewegten Draperien,  flatternden Engelsfiguren und den lebensgroßen Figuren von Mose und Johannes dem Täufer, die pathetisch auf Gesetz und Kanzel verweisen.  Diese „Markgräfler Wand” ist das prominenteste Merkmal des Baustils der Markgrafenkirchen. Im hier konzentrierten vertikalen  Arrangement von Altar, kelchförmigem Kanzelkorb, Schalldeckel, vorschwingender Emporenbrüstung und Orgelprospekt manifestiert sich unverkennbar, dass Wort und Sakrament im protestantischen Ritus gleichgestellt sind und von der Kirchenmusik gekrönt werden.

Der qualitätvolle Bildschmuck wurde von zwei Künstlern gefertigt, die beide Verbindungen ins Stammland des „Markgrafenstils” haben. Johann Andreas Sommer stammte aus einer fränkischen Künstlerfamilie, die über Generationen in Künzelsau mit Bildhauern, Schreinern und Malern präsent war. Der Bildhauer Georg Caspar Klemm kam aus Hildburghausen, dem fränkisch geprägten Süden Thüringens. Er schuf 1757 in der Marienkirche von Suhl bereits einen Kanzelaltar mit einer großen Mosesfigur. Der in Kirchensall ganz im Sinne der Konzentration nahe an den Altar gerückte Taufstein von 1773 ist ebenfalls eine Gemeinschaftsproduktion der beiden Künstler.


Begründung: Der „Markgrafenstil” ist eine eigenständige Bewegung in der protestantischen Bau- und Kirchenkunst. Die Marienkirche von Kirchensall ist ein künstlerisch höchst qualitätvolles und überaus vollständig überliefertes Beispiel dieses Baustils außerhalb seines einstigen fränkischen Stammlandes.

Die Innenseite der Lehrtafel von Prinzessin Antonia zu Württemberg in der Teinacher Dreifaltigkeitskirche
Klicken zum Vergrößern
Die Innenseite der Lehrtafel von Prinzessin Antonia zu Württemberg in der Teinacher Dreifaltigkeitskirche
Die Innenseite der Lehrtafel von Prinzessin Antonia zu Württemberg in der Teinacher Dreifaltigkeitskirche

Foto: LAD RPS

X

Eine Lehrtafel zum Weg des Glaubens in Bad Teinach

Der Schwarzwaldkurort Bad Teinach war beim Haus Württemberg über viele Generationen als Sommerfrische beliebt. Herzog Eberhard III. ließ 1662 dort die evangelische Dreifaltigkeitskirche erbauen und seine Schwester Antonia (1613–1679) stiftete einen über sechs Meter hohen säulenflankierten und aufklappbaren Bildschrein, der – jüngst restauriert – seit 1673  seinen Platz an der südlichen Chorwand hat.

Die unverheiratete Prinzessin hatte jahrelang mit dem Theologen Johann Valentin Andreae (1586-1654) und einem gelehrten Beraterkreis am symbolträchtigen spirituellen Programm des Triptychons getüftelt. Sie war hochgebildet, las hebräisch und beschäftigte sich mit der jüdischen Kabbala und ihrer christlichen Umdeutung durch den Humanisten Johannes Reuchlin (1477–1522). Ihr Andachtsbild ist deshalb nicht nur Ausdruck ihrer immer mit dem Blick auf Gotteserkenntnis erworbenen Einsichten, sondern auch ein ganz persönliches  Glaubensbekenntnis, das neben der jüdisch-kabbalistischen und biblischen auch mystische, allegorische und wörtliche Sinnschichten enthält. Nicht zuletzt bezog Antonia Porträts von Familienmitgliedern, Lehrern und der Hofgesellschaft in ihr Bild vom göttlichen Heilsplan mit ein und setzte damit auch ein politisches Statement.

Auf der Innentafel betritt Antonia einen symmetrisch gestalteten Paradiesgarten, dessen Mittelpunkt der auferstandene Christus bildet. Um einen überkuppelten Tempel in biblischer Landschaft gruppieren sich die Stammesfürsten Israels, Propheten, Apostel, Evangelisten und Engel, deren Anordnung im Bild dem diagrammartigen Lebensbaummodell der kabbalistischen zehn göttlichen Abglänze (Sephiroth) folgt. Eine weitere kabbalistische Denkart scheint das Grundthema des Triptychons bestimmt zu haben:  Die Prinzessin entdeckte und notierte in ihrer hebräischen Bibel, dass der kabbalistische Zahlenwert des Wortes „Antonia” genau wie der von „Jesus” siebzig beträgt und die Summe aus beiden die Worte „ewig vermaehlt” ergibt. Einiges deutet darauf hin, dass sich Antonia durchaus als Braut Christi begriff. Auf den Vorderseiten der Altarflügel führt Antonia mit ihren beiden Schwestern einen Brautzug zahlloser Frauen an und wird von dem in eine purpurne Toga gehüllten Christus (mit den Gesichtszügen ihres verstorbenen Vaters Herzog Johann Friedrich) gekrönt. Darüber ist auf einem Spruchband zu lesen: „Auf, Seele, vermähle dich ewig mit mier!”


Begründung: Die in ihrer Art und Bedeutung hochkomplexe Lehrtafel zum Weg der Gotteserkenntnis ist ein einzigartiges und vollständig erhaltenes Kunstwerk aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg. Ausgehend von ihrer privaten Frömmigkeit vertrat die gelehrte Auftraggeberin Chance und Notwendigkeit der persönlichen Glaubensfindung eines jeden Christen. Damit klingt hier bereits ein elementares Anliegen des Pietismus an, der den Anspruch hatte, die Reformation zu vollenden.

Grenzstein mit der Beschriftung „G Ev T” für „evangelisch Tennenbronn” auf dem bis 1922 bestehendem Grenzverlauf
Klicken zum Vergrößern
Grenzstein mit der Beschriftung „G Ev T” für „evangelisch Tennenbronn” auf dem bis 1922 bestehendem Grenzverlauf
Grenzstein mit der Beschriftung „G Ev T” für „evangelisch Tennenbronn” auf dem bis 1922 bestehendem Grenzverlauf

Foto: LAD RPS

X

Spaltung eines Dorfes

Auf dem Gebiet von Tennenbronn im Landkreis Rottweil fand sich einst die atemberaubende Zahl von annähernd 1000 Grenzsteinen, von denen viele bis heute eindrucksvoll von zahlreichen und wechselnden Grundherren zeugen. Allein über die Hälfte der Steine wurde errichtet, um die durcheinander gewürfelten Gebiete der eigenständigen Gemeinden „Evangelisch Tennenbronn” und „Katholisch Tennenbronn” zu scheiden.

Die Spaltung Tennenbronns in mehrere Herrschaftsgebiete setzte bereits im 11. Jahrhundert mit der Gründung des Benediktinerklosters St. Georgen ein, das hier die Kirche und Grundbesitz erhielt. Nach der Reformation wurde vom Haus Württemberg erworbenes Land sowie das säkularisierte Kloster mit seinen Besitzungen evangelisch. Dagegen versuchte der für Vorderösterreich tätige Ritter Rochus Merz von Staffelfelden ab 1547 in seiner  reichsunmittelbaren Herrschaft Schramberg und seinen verstreuten Höfen die Gegenreformation zu stärken.

Die einzige Kirche im Dorf wechselte durch die Jahrhunderte mehrfach das Bekenntnis. Am Ort entstanden sogar ein evangelisch-württembergisches und ein katholisch-österreichisches Wirtshaus. Unter Napoleons Hand wurde ganz Tennenbronn württembergisch, doch bereits 1810 per Staatsvertrag dem Großherzogtum Baden zugeschlagen.  Damals entstand eine neue Verwaltungsstruktur, die die einzelnen Grundstücke nach der Konfession ihrer Besitzer in zwei politisch selbständige Gemeinden einsortierte:  „Evangelisch Tennenbronn” und „Katholisch Tennenbronn”. Das Nebeneinander kleinteiliger Parzellen und die katholischen Enklaven im evangelischen Dorfkern Tennenbronns wurden durch schlichte Grenzsteine mit den Buchstaben „G Ev T” und „G Kt T” markiert. Erst 1922 wurde Tennenbronn zu einer Gemeinde vereinigt.


Begründung: Als historische Rechtsdenkmale zeugen auf der Gemarkung Tennenbronn verschiedene Gruppen gut überlieferter Grenzsteine vom häufigen Wechsel der Grundbesitzer, der durch die Reformation verstärkt wurde. Die Verwaltungsreform von 1810 brachte dann nochmals eine Vielzahl von Grenzsteinen hervor, die zwei selbständige, aufgrund von Konfessionszugehörigkeit entstandene Gemeinden voneinander trennte.

Die beschädigte Pietà aus der Lienzinger Liebfrauenkirche befindet sich heute im Museum
Klicken zum Vergrößern
Die beschädigte Pietà aus der Lienzinger Liebfrauenkirche befindet sich heute im Museum
Die beschädigte Pietà aus der Lienzinger Liebfrauenkirche befindet sich heute im Museum

Foto: Museum Mühlacker

X

Auf dem Friedhof überlebt

Am Schnittpunkt uralter Wege, auf einer Anhöhe am südlichen Ortsrand von Lienzingen liegt die spätgotische Liebfrauenkirche mit ihrem erhöhten, von einem spitzen Dachreiter bekrönten Chor. Dass die einstige Wallfahrtskirche nach der Einführung der Reformation nicht abgebrochen wurde, ist ihrer zweiten Bestimmung als Friedhofskirche zu verdanken.

An der hölzernen Decke des Kirchenraums wird diese Funktion in Verbindung mit der Anrufung Marias durch eine Inschrift bekundet: „1482 / O maria ein muter der barmhertzikayt / behüt uns vor allem hertzenlayt / und an unserem letzsten ausganck …”. Die Jahreszahl markiert den Abschluss des Ausbaus zur Wallfahrtskirche, der vom Maulbronner Abt, dem Schultheiß und einem nicht näher bekannten Adeligen gefördert worden war und dessen weitere Finanzierung und Ausstattung nun Gläubige leisten sollten, die durch einen Ablass von 100 Tagen Fegefeuer zum Kommen und Spenden animiert wurden.

Einer 1555 von Herzog Christoph von Württemberg beauftragten Bestandsaufnahme aller ehemaligen Wallfahrtsstätten und ihrer Bräuche in seinem Land ist zu entnehmen, dass damals in Lienzingen zwar „der Götz hinweg gethan” sei, die Kirche jedoch weiter als Friedhofskirche („Lieblegin”) gebraucht werde. Die mit dem herabwürdigenden Ausdruck „Götz” belegten Heiligenfiguren in den Kirchen wurden nun als Gotteslästerung empfunden und fielen oftmals Bilderstürmern zum Opfer. Mit der schwer beschädigten, in Holz geschnitzten Pietà ist ein solches „Götzenbild” aus der Lienzinger Wallfahrtskirche überliefert. Die hohe künstlerische Qualität und die emotionale Ausdrucksstärke des zerstörten Andachtsbildes erschließen sich noch immer ganz unmittelbar.


Begründung: Die Liebfrauenkirche von Lienzingen ist ein selten erhaltenes Beispiel von ehemals 44 Wallfahrtsstätten, das die Reformation im evangelischen Württemberg überdauert hat. Die hölzerne Pietà aus dem Kirchenraum dokumentiert die qualitätvolle Ausstattung der spätgotischen Feldkirche ebenso anschaulich wie das aggressive Affektpotential der Bilderstürmer.

Gewölbekonsolen in Form von osmanischen Kriegern
Klicken zum Vergrößern
Gewölbekonsolen in Form von osmanischen Kriegern
Gewölbekonsolen in Form von osmanischen Kriegern

Foto: LMZ Bilddatenbank

X

Exoten auf Emporenhöhe

Der Bauherr des Weikersheimer Renaissanceschlosses Graf Wolfgang II. von Hohenlohe (1546-1610) gehörte schon der zweiten protestantischen Generation seines Hauses an. Bevor er  1587 seine Residenz nach Weikersheim verlegte, hatte er bereits  eine neue fünfhundertseitige lutherische Kirchenordnung für ganz Hohenlohe erarbeitet. Persönlich stand er eher der calvinistischen Lehre nahe.

Die Kapelle liegt in der westlichen Ecke des Schlosses. Klare Linien und die Farben kalkweiß und aschgrau dominieren den fast schmucklosen, zweigeschossigen Raum. In der Mitte der hohen, über drei Seiten umlaufenden Emporen hatte die Fürstenfamilie ihre private, verglaste Loge. Nur von hier oben sind die Konsolen der Gewölberippen zu sehen, die vom Kalkschneider Gerhard Schmidt als Halbfiguren von Kriegern gestaltet wurden. Einige sind durch ihren Turban als Streiter für das osmanische Reich charakterisiert, sie stehen für den sich bedrohlich in Richtung Europa ausbreitenden Angstgegner der Christenheit.

Die Türkengefahr war in Kirche und Gesellschaft allgegenwärtig. Luthers 1529 erschienene Schriften „wider die Türken“ erlebten im 16. Jahrhundert zahlreiche Auflagen und Johannes Brenz lieferte die erste evangelische Türkenpredigtsammlung, die gerne von Kollegen rezipiert wurde. Türkengebete erschienen gedruckt und waren fester Bestandteil in den Gebetbüchern. Auch in Weikersheim war man sich der Bedrohung bewusst. Graf Wolfgangs Sohn Georg Friedrich nahm an mehreren Schlachten im „langen Türkenkrieg” (1593-1606) teil. Der Hofprediger und Superintendent Johann Assum (1552-1619) hielt 1595 eine Reihe von Türkenpredigten und 1594 wurde das – bereits 1588 „zur Zeit der kriegsleuf und feindesnot“  praktizierte – tägliche Läuten einer Türkenglocke um 12 Uhr und das Abhalten von Türkengebeten in der Grafschaft Hohenlohe verfügt.


Begründung: Die Kapelle des Weikersheimer Schlosses zeigt Selbst- und Sendungsbewusstsein Graf Wolfgang II. als protestantischer Fürst. Die Gewölbekonsolen greifen ein in Kirche und Gesellschaft der Zeit drängendes Thema künstlerisch auf.

Waldenserkirche von Wiernsheim-Pinache
Klicken zum Vergrößern
Waldenserkirche von Wiernsheim-Pinache
Waldenserkirche von Wiernsheim-Pinache

Foto: LAD RPK

X

Protestanten vor der Reformation

Noch vor Franz von Assisi und lange vor Luther strebte Petrus Waldes (gest. vor 1218) in Lyon nach einer Reformation der Kirche. Kaufmann und religiöser Laie wie dieser, gegen Heiligenverehrung, Ablässe und um eine verständliche Bibelübersetzung bemüht wie jener, begründete er die Glaubensgemeinschaft der Waldenser, deren älteste und größte Kirche auf deutschem Boden in Wiernsheim-Pinache steht.

 

Da den „Armen von Lyon“ das Verkündigen bald verboten und sie als Ketzer verfolgt wurden, wichen sie in unzugängliche Gebirgstäler nach Südfrankreich und Oberitalien aus. Ende des 17. Jahrhunderts auch hier vertrieben, fanden sie u.a. in Württemberg Aufnahme. Ausgestattet mit dem Recht auf freie Religionsausübung sollten sie helfen, das entvölkerte Land nach den verheerenden Kriegen wieder aufzubauen. Die Schwesterkolonien Pinache und Serres wurden 1699 für 117 Familien aus dem piemontesischen Pinasca gegründet. Auf exakt gleich großen Parzellen errichteten sie Holzhäuser entlang der Hauptstraße und hatten wegen des beständigen Wassermangels ein nur bescheidenes Auskommen in Landwirtschaft und Schafzucht. Erst nach 20 Jahren konnte in der Dorfmitte eine Steinkirche errichtet werden, unter deren Kanzel die beiden ersten Pfarrer bestattet wurden.

 

Anfang des 19. Jahrhunderts verschwanden das Französisch aus ihren Kirchen und Schulen und das Okzitanisch aus ihrem Alltag. Genau 300 Jahre nachdem sich die Waldenser der Reformation angeschlossen hatten, wurden sie 1823 in die württembergische Landeskirche integriert und ihre ursprünglich altar- und kreuzlosen Kirchenräume allmählich lutherisiert.


Begründung: Die Waldenserkirche von Pinache ist ein bedeutendes Kulturdenkmal der französischsprachigen Glaubensgemeinschaft in Deutschland, die ein wichtiger Vorläufer des reformierten Protestantismus ist.

Gedenkstein für Michael und Margaretha Sattler auf dem Galgenfeld in Rottenburg am Neckar
Klicken zum Vergrößern
Gedenkstein für Michael und Margaretha Sattler auf dem Galgenfeld in Rottenburg am Neckar
Gedenkstein für Michael und Margaretha Sattler auf dem Galgenfeld in Rottenburg am Neckar

Foto: Steffen Schlüter

X

Das Hochgericht von Rottenburg am Neckar

Der Galgen von Rottenburg wurde 1809 abgebrochen, aber die Flurnamen "Galgenfeld" und "Hochgericht" sowie der "Galgengraben" weisen noch immer auf die einstige Richtstätte hin, wo im Jahr 1527 Mitglieder der Täuferbewegung als Ketzer hingerichtet wurden. Ihr Anführer Michael Sattler (1490-1527) und seine Ehefrau haben hier im Jahr ihres 470. Todestages einen modernen Gedenkstein erhalten.

Michael Sattler war ehemals Prior des Benediktinerklosters St. Peter im Schwarzwald und hatte eine frühere Begine geheiratet. Beide stießen zu der noch jungen Täuferbewegung in Zürich. Doch sowohl im Zürich von Huldrych Zwingli, als auch im Straßburg von Martin Bucer wurden die Täufer nicht geduldet. Es gab nicht nur theologische Gegensätze, sondern auch viele liturgische. Da war die ungewöhnliche  Erwachsenentaufe, die „unerhörte Art” das Abendmahl nur als reines Gedächtnismahl mit richtigem Brot zu feiern. Doch im Kern fürchteten die obrigkeitstreuen Reformatoren den zivilen Ungehorsam,  der dem Ruf nach Glaubensfreiheit der Täufergemeinde entsprang, weltliche Obrigkeit ablehnte und den Kriegsdienst verweigerte. Wenige Monate nachdem Sattler mit den „Schleitheimer Artikeln” das Glaubensbekenntnis der Täufer öffentlich dargelegt hatte, wurde das Ehepaar 1527 in Horb verhaftet und nach Rottenburg verbracht. Gegen die neun ihm zur Last gelegten Anklagepunkte verteidigte sich Sattler selbst. Doch trotz humanistischer Bildung, fundierter Bibelkenntnis und Eloquenz konnte er das grausame Urteil nicht abwenden. Sattler wurde  bestialisch misshandelt und anschließend verbrannt, auch seine Anhänger starben durch Verbrennen, die Frauen wurden ertränkt. In der Folgezeit entwickelten sich verschiedene Richtungen der Täuferbewegung, deren Verfolgung durch das auf dem Reichstag der Protestation zu Speyer beschlossene „Wiedertäufermandat” eine rechtliche Grundlage erhielt und die selbst im „Augsburger Bekenntnis” von 1530 verdammt wurde.


Begründung: Die Verfolgung und Hinrichtung der radikal reformatorischen Täufer in Rottenburg ist ein bedeutendes Kapitel der deutschen Reformationsgeschichte. Michael Sattler markierte mit seinem „Schleitheimer Artikel” den Beginn evangelisch-freikirchlicher Entwicklung. Die abgegangene Galgenstätte, auf deren Standort die Flurbezeichnungen "Galgenfeld" und "Hochgericht" verweisen, ist ein archäologisches Denkmal. Im Boden sind archäologische Zeugnisse z.B. der Galgenkonstruktion sowie Gräber von Hingerichteten zu erwarten.

Henri-Arnaud-Gedenk-Brunnen
Klicken zum Vergrößern
Henri-Arnaud-Gedenk-Brunnen
Henri-Arnaud-Gedenk-Brunnen

Foto: LAD RPS

X

Denkmal für den Waldenserführer Arnaud

Der 1899 errichtete neubarocke Sandsteinbrunnen im Rutesheimer Ortsteil Perouse ist ein Objekt dreifachen Gedenkens: die bekrönende Bronzebüste Henri Arnauds erinnert an den heldenhaften und verdienstvollen Waldenserführer, die Datierung an die 200-Jahrfeier der Ortsgründung und das sprudelnde Wasser an die Einrichtung der ersten Wasserversorgung von Perouse über Quellen aus Heimsheim nach einer Zeit furchtbarer Trockenheit.

Henri Arnaud (1643-1721) war wegen religiöser Verfolgungen in Frankreich mit seiner hugenottischen Familie ins Piemont gekommen und arbeitete nach seinem Theologiestudium dort als Pfarrer für die eigenständige reformierte Glaubensgemeinschaft der Waldenser. 1685 waren die Reformierten auch hier zur Auswanderung gezwungen. Nach einem vierjährigen Exil gelang ca. 1000 von ihnen unter Arnauds Führung mit Waffengewalt die „glorieuse rentrée“ in ihre Täler. Diese ruhmreiche Rückkehr bildet einen Markstein im waldensischen Geschichtsbewusstsein, welche Arnaud 1710 in seiner Abhandlung „Histoire de la glorieuse rentrée des Vaudois dans leur patri” publizierte.

Als 1698 erneut 3000 Waldenser vertrieben wurden, führte Arnaud sie nach Württemberg, Baden-Durlach und Hessen-Darmstadt, wo die Waldenser in sprachlich und konfessionell eigenständigen Kolonien leben konnten. Das nach ihrem Heimatort Perosa im unteren Chisonetal benannte Perouse wurde 1699 gegründet. Arnaud wirkte als Pfarrer in der Waldensersiedlung Schönenberg, wo in seinem einstigen Wohnhaus heute das Waldensermuseum und die Bibliothek der Deutschen Waldenservereinigung untergebracht sind.


Begründung: Der Denkmalbrunnen erinnert an den für die Geschichte der Glaubensgemeinschaft der Waldenser bedeutsamen Henri Arnaud und ist von identitätsstiftender Bedeutung für die Ortsgeschichte.

Die reformierte Orgel aus der Stiftskirche in Herrenberg
Klicken zum Vergrößern
Die reformierte Orgel aus der Stiftskirche in Herrenberg
Orgeltafel aus der Stiftskirche in Herrenberg

Foto: Landesmuseum Württemberg, Hendrik Zwietasch

X

Die reformierte Orgel aus der Stiftskirche in Herrenberg

Martin Luther war ein musikalischer Mensch, der viele Kirchenlieder selbst verfasste, komponierte, gerne und gut sang. Doch dass er Kirchenorgeln liebte, kann man nicht sagen. Im Gegenteil, er befand in den frühen Jahren der Reformation, dass Orgeln „plärren und schreien”.  Dennoch sprach sich Luther letztlich für ihre Verwendung aus, gegen Calvin und Zwingli, die Instrumentalmusik im Gottesdienst ablehnten. Der Siegeszug der evangelischen Kirchenorgel als zentrales liturgisches Ausstattungsstück neben Kanzel, Taufe und Altar war nicht aufzuhalten. Oftmals wurden vorreformatorische Emporenorgeln sogar in den Chor herab geholt und beim Altar aufgestellt. In Baden-Württemberg stehen heute weit über hundert Orgeln eigenständig unter Denkmalschutz, wenn sie nicht als wesentliche Ausstattungsstücke der denkmalgeschützten Kirchen ohnehin in den Denkmalschutz einbezogen sind.

Als frühe Orgel im Zusammenhang mit der Reformation ist die Orgel der Kirche in Herrenberg bezeugt: Wenige Jahre nach der Auflösung des Dominkanerinnenklosters Reutin bei Wildberg (Landkreis Calw) verfügte Herzog Ludwig von Württemberg auf Betreiben des Herrenberger Obervogts Burkhardt von Anweil die Orgel nach Herrenberg zu versetzen. Zur Erinnerung gab Anweil 1579 eine Gedenktafel an den Maler Jakob Züberlin (1556-1607) in Auftrag, die neben der Orgel angebracht wurde. Die „reformierte Orgel” spricht durch die Inschrift:

VOR ZEITEN HAB ICH NIT WOL KLUNGEN

ZU WILDBERG MIT DEN NONNEN GSUNGEN

BEI IHRER MESS UND GÖTZEN WERCKH

LUDWIG HERZOG ZU WIRTENBERG

HAT MICH AUS GNAD GEORDNET HER

DER GMAINEN STATT HERNBERG ZU EHR

AUFF HANS BURGARDUS VON ANWEIL BEGEHR

DAS GOT DURCH MICH GELOBET WER

In durchaus zeittypischer, unverblümt antikatholischer Polemik wird hier in der Inschrift deutlich gegen Klöster, Seelenmessen und Heiligenverehrung angegangen. Die Orgeltafel der heute leider nicht mehr erhaltenen Herrenberger Orgel kann in der Schausammlung „LegendäreMeisterWerke” des Landesmuseum Württemberg im Alten Schloss Stuttgart besichtigt werden.


Begründung: Die Orgeltafel ist ein frühes, „sprechendes” und deshalb bemerkenswertes Zeugnis der protestantischen Gottesdienst- und Kirchenraumkonzeption. In ihrer künstlerisch qualitätvollen Gestaltung und ihrer religionsgeschichtlichen Aussagekraft ist die Tafel von hoher landesgeschichtlicher Bedeutung.

Würdig altern in der Großstadt
Klicken zum Vergrößern
Würdig altern in der Großstadt
Wohnheim

Foto: LAD-RPS

X

Würdig altern in der Großstadt

1937 stellte der „Evangelische Verein der Weststadt, Wichernbund” einen Bauantrag für ein Altenwohnheim mit 25 „Kleinwohnungen” an der Dragonerstraße in Karlsruhe. Den Entwurf zeichnete Otto Bartning (1883-1959), einer der bedeutendsten deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts. Nach dem zweiten Weltkrieg erlangte er mit seinen im Auftrag des Hilfswerks der evangelischen Kirche in Deutschland entwickelten „Notkirchen” Weltruhm.

Otto Bartning schuf ein Altenwohnheim mit Lebensqualität, indem er den Wohntrakt auf dem Grundstück zurücksetzte und so einen erholsamen Park schuf, dem auch alle Zimmer zugewandt sind. Die Walmdächer mit Fledermausgauben und die offenen Balkonloggien sind traditionelle Formen, wie auch der eingeschossig angefügte Speisesaal mit Rundbogenfenstern. So erzielte Bartning mit seinem leichten, aber würdevollen Entwurf einen Eindruck heiterer süddeutscher Gelassenheit und Beständigkeit.

Das gut erhaltene Karlsruher Altenwohnheimheim belegt anschaulich das Engagement evangelischer Altenfürsorge in der Zeit des Nationalsozialismus. Der auf tätige Nächstenliebe ausgerichtete Wichernbund verhalf in diakonischem Geist alten Menschen zu einem würdevollen Lebensabend, denn in der wachsenden Großstadt fehlten Altersheimplätze in dramatischer Weise. Dies geschah im Geiste des großen evangelischen Theologen und Sozialreformers Johann Heinrich Wichern (1808-1881), der 1848 in Hamburg die erste „Stadtmission“ gegründet hatte.


Begründung: Der bedeutende Architekt Otto Bartning schuf mit seinem Altenwohnheim einen baukünstlerisch hervorragend gestalteten, funktionalen und lebenswerten Prototyp einer noch jungen Bauaufgabe. Das Anwesen belegt dabei das soziale Engagement evangelischer Bürger als Dienst der Mitmenschlichkeit im urbanen Umfeld.

Wohnsitz einer Gemeinschaft Gott suchender Seelen in Egenhausen
Klicken zum Vergrößern
Wohnsitz einer Gemeinschaft Gott suchender Seelen in Egenhausen
Wohnsitz einer Gemeinschaft Gott suchender Seelen in Egenhausen

Foto: LAD RPS

X

Wohnsitz einer Gemeinschaft Gott suchender Seelen in Egenhausen

In Egenhausen im Landkreis Calw hatte sich Mitte des 19. Jahrhunderts eine kleine freikirchliche Gemeinde niedergelassen. Ihre mit Gebäuden, Friedhof und Ökonomieflächen gut erhaltene Ansiedlung bietet ein anschauliches Bild vom einstigen Zusammenleben dieser Gemeinschaft.

 

Der in Basel geborene Gemeindegründer Johann Jakob Wirz (1778 - 1858) erlebte schon als Kind spirituelle Offenbarungen, aber erst im Alter von 46 Jahren beschloss der theosophisch gestimmte Protestant, sein Leben ganz in der Nachfolge Jesu zu führen. Er bestritt seinen Lebensunterhalt fortan durch die Veröffentlichung seiner Erfahrung „himmlischer Weisheit”. Aus Protest gegen die Verweltlichung der Kirche und in tiefem Misstrauen gegenüber akademisch entsinnlichter Theologie gründete Wirz die Glaubensgemeinschaft der „Nazarener”. In der Schweiz, in Bessarabien, im Rheinland und in Württemberg entstanden Gruppen, die in unmittelbarer Endzeiterwartung lebten. Zurückgezogenheit, Gütergemeinschaft sowie Ehelosigkeit „gegen jede Begierde der Sinnlichkeit” war für die zutiefst frommen Gruppen Grundbedingung einer radikalen Hinwendung zu den „Kräften des Geistes”. 1857 gab es im Königreich Württemberg 432 Mitglieder, die sogar eigene Schulen betreiben durften. Das dreigeschossige Hauptgebäude von 1869, in dem sich der Betsaal und Wohnungen befanden, wird heute nach umfangreichen, denkmalpflegerisch betreuten Sanierungsmaßnahmen als Mehrfamilienwohnhaus genutzt.


Begründung: Das Anwesen der „Nazarener” mit seinen Gebäuden, den Nutzflächen und dem eigenen Friedhof vermittelt einen anschaulichen Eindruck der Glaubens- und Wirtschaftsgemeinschaft, die eine radikale Ausprägung evangelischer Religionsgeschichte ist und dabei für die religiöse Toleranz des Königreichs Württemberg im 19. Jahrhundert steht.

Diakonie – transparent und dynamisch
Klicken zum Vergrößern
Diakonie – transparent und dynamisch
Das Herbert-Keller-Haus des Diakonischen Werks der evangelischen Landeskirche Württemberg

Foto: LAD-RPS

X

Diakonie – transparent und dynamisch

Die Landesgeschäftsstelle des Diakonischen Werks der evangelischen Landeskirche Württemberg liegt in einem mit Bürohochhäusern dicht bebauten Areal an der Heilbronner Straße, die eine Hauptverkehrsader Stuttgarts ist. Auf dem beengten Bauplatz realisierte das renommierte Architekturbüro Behnisch und Partner 1982 einen  in seinem auffälligen Erscheinungsbild und seiner integrativen Raumorganisation identitätsstiftenden Verwaltungsbau mit 5000 m2 Bürofläche, Sitzungssälen, Auf­ent­halts­räumen, einer Cafeteria in einem begrünten Atriumhof mit Glasüberdachung und 130 Parkplätzen.

 

In Deutschland bestehen 18 Diakonische Werke. Als rechtlich selbstständige Landesverbände der evangelischen Landeskirchen sind sie zusammen mit 69 Fachverbänden aus Sozialarbeit, Gesundheitswesen und der Jugendhilfe Mitglieder der „Diakonie Deutschland-Evangelischer Bundesverband”. Diakonie – den Dienst am Menschen als gelebte Nächstenliebe in der Nachfolge Jesu Christi –  hat es in der Kirche immer gegeben. Die Anfänge organisierter Diakonie liegen in der Reformationszeit. Martin Luther lobte 1522 in seiner Vorrede zur Leisniger Kastenordnung die Einrichtung gemeindlichen Eigentums, weil es keinen größeren Gottesdienst als christliche Liebe gibt, die den Bedürftigen hilft und dient. Die Armen sollten nicht mehr hilflose Bittsteller sein, sondern waren berechtigt um Hilfe nachzusuchen. Institutionalisiert wurde diakonisches Handeln aber erst 1849 mit der Gründung der „Inneren Mission”, die maßgeblich auf das Engagement des Hamburger Theologen Johann Hinrich Wichern (1808-1881) zurück geht.

Die Stirnseite des sechsgeschossigen Verwaltungsgebäudes beeindruckt mit einer aufgelockerten Glasfassade und den kubischen, im ersten Obergeschoss aus dem Gebäude heraustretenden Sitzungssälen. Die Transparenz und heitere Dynamik der Architektur, die niemals das menschliche Maß verliert,  versinnbildlicht liberale Offenheit, Kommunikationsfähigkeit und den Respekt vor der Würde des Einzelnen.


Begründung: Das Verwaltungsgebäude des Diakonischen Werks Württemberg, gestaltet von einem der führenden deutschen Architekturbüros der Nachkriegsmoderne in Deutschland, verkörpert in architekturkünstlerisch gelungener Weise das Selbstverständnis des evangelischen Wohlfahrtsverbands Diakonie als sozialer Dienstleister.

Asyl beim „guten Engel Württembergs” in Sindlingen
Klicken zum Vergrößern
Asyl beim „guten Engel Württembergs” in Sindlingen
Grab Michael Hahns auf dem Friedhof in Sindlingen

Foto: LAD RPS

X

Asyl beim „guten Engel Württembergs” in Sindlingen

Das Schlossgut Sindlingen in Jettingen bei Herrenberg war seit 1640 im Besitz der Familie von Bernerdin, die wegen ihres evangelischen Glaubens vor der Gegenreformation aus ihrer Heimat Kärnten geflohen war. Ihr berühmtestes Familienmitglied war Franziska von Hohenheim (1748-1811), die spätere Herzogin von Württemberg, die das Anwesen 1782 erbte und um den renaissancezeitlichen Schlossbau eine stattliche Anzahl Verwaltungs- und Ökonomiegebäuden errichten ließ.

Das von der Geschichtsschreibung überwiegend gezeichnete Bild Franziskas ist das einer nicht an Macht und Politik interessierten frommen Pietistin, die mäßigend und ausgleichend auf den katholischen Landesherrn Carl Eugen von Württemberg einzuwirken vermochte. Als Witwe hat die gerne als „guter Engel Württembergs” bezeichnete Franziska den Pietisten und Theosophen Michael Hahn (1758-1819) auf ihrem nicht zum württembergischen Staatsgebiet gehörenden Gut Sindlingen aufgenommen und angestellt, nachdem er wegen seiner dem „Augsburger Bekenntnis” widersprechenden Lehre von der „Wiederbringung aller Dinge” von der württembergischen Kirche verfolgt wurde. Sindlingen wurde zum Versammlungsort seiner Anhänger und Hahn fand hier die Ruhe, ein reges Schrifttum zu entfalten zu dem auch rund 2000 Lieder zählen. Die erst nach Hahns Tod so genannte „Michael Hahn’sche Gemeinschaft” hat ihren Sitz in Böblingen. In Baden-Württemberg treffen sich „Michelianer” bis heute ergänzend zu den Gottesdiensten ihrer evangelischen Kirchengemeinde in weit über 200 örtlichen Gruppen zu „Bibelstunden”, die von ehrenamtlichen Laienverkündigern abgehalten werden.

Michael Hahn ist auf dem kleinen Friedhof in Sindlingen begraben. Die Herausgabe seiner Schriften und die Gründung der pietistischen Brüdergemeinde Korntal, die er leiten sollte, hat er nicht mehr erlebt.


Begründung: Das Grab des Stifters der Hahn’schen Gemeinschaft erinnert an einen bedeutenden protestantischen Geistlichen des Landes, der durch seine Schriften und Lieder bis heute einflussreich geblieben ist.

Die schwäbische Wartburg in Hohenwittlingen

Nach der Niederlage der Protestanten im Schmalkaldischen Krieg ließ der katholische Kaiser Karl V. auch die evangelische Reichsstadt Schwäbisch Hall besetzen, um sie mit Nachdruck in die katholische Kirche zurück zu führen. Wie einst Luther wurde der gefährdete prominente Reformator Johannes Brenz (1499-1570) unter dem Schutz seines Landesherrn 1548 aus der Schusslinie gebracht. Sein Zufluchtsort wurde die seit der Mitte des 13. Jahrhunderts im Besitz der Württemberger befindliche Burg Hohenwittlingen, eine bilderbuchgleich auf einem steil abfallenden Bergsporn über dem Flüsschen Erms gelegenen Schildmauerburg.

An der Ruine sind die Ausmaße und der Aufbau der Burg heute noch abzulesen. Die Gesamtfläche der Anlage entspricht in etwa einem längsgeteilten Fußballfeld. Auf der  angreifbaren Seite zur Hochfläche hin war die Burg zunächst durch einen imposanten, aus dem Fels heraus gemeißelten Halsgraben geschützt. Dahinter folgte eine hohe und vier Meter starke Schildmauer, die auch als Bergfried diente. Vom innerhalb der Umfassungsmauer der Hauptburg gelegenen Wohnbau sind noch Mauerreste des unteren Geschosses erhalten. Nach einem Großbrand 1576 bereits schwer mitgenommen, verfiel die Burg nach dem Dreißigjährigen Krieg zusehends.

Von 1560 bis 1617 waren auf Hohenwittlingen Mitglieder der reformatorischen Täuferbewegung inhaftiert, die wegen ihrer radikalen theologischen und obrigkeitskritischen Haltung auf Grundlage des „Wiedertäufermandats” verfolgt wurden. Der tolerante Johannes Brenz war strikt gegen die Androhung oder gar Ausübung von Gewalt in Glaubensdingen. Im Fall der Täufer hielt er Landesverweise für angebracht.


Begründung: Die Ruine Hohenwittlingen ist ein bemerkenswertes Zeugnis der hochmittelalterlichen Festungs- und Burgenbaukunst und ein bedeutsamer historischer Schauplatz konfessioneller Auseinandersetzungen im 16. Jahrhundert.

Die Reformation bestimmte das Stadtpanorama von Meersburg
Klicken zum Vergrößern
Die Reformation bestimmte das Stadtpanorama von Meersburg
Stadtansicht Meersburg

Foto: Wikipedia

X

Die Reformation bestimmte das Stadtpanorama von Meersburg

Sein weltberühmtes Panorama mit den barocken Prachtbauten der Oberstadt verdankt Meersburg der Reformation – aber auch den zunehmend eigenständigen Bürgern von Konstanz, die sich ungeachtet des hier residierenden Fürstbischofs der Reformation anschlossen. 1526 verlegte der Kirchenfürst seine Residenz und damit den Mittelpunkt des alten und großen Fürstbistums Konstanz aus der evangelisch gewordenen Stadt Konstanz in das ebenfalls zum Hochstift gehörende Meersburg, wo er auch seinen weltlichen Einfluss geltend machen konnte.

Da die mittelalterliche Meersburger Burg seinen Nachfolgern im barocken Zeitalter keine annähernd zeit- und standesgemäße Hofhaltung ermöglichte, verwandelten die Fürstbischöfe im Laufe des 18. Jahrhunderts das bereits bebaute Hochplateau durch drei aufwendige Neubauten in eine  repräsentative Barockresidenz. Die prächtigen Fassaden weisen selbstbewusst in Richtung Konstanz und sind weit über den Bodensee zu sehen. Neben den beiden unmittelbar benachbarten Vierflügelanlagen von Reithof und Priesterseminar hatte das einflügelige „Neue Schloss” die längste Baugeschichte. Während Fassaden und Raumaufteilung von Anfang an einem Schlossbau entsprachen, wurden in die bereits fertig gestellte „Gebäudehülle” nachträglich ein dem höfischen Zeremoniell genügendes Treppenhauses und die zweigeschossigen Schlosskirche eingepasst. Der mit seinen porzellanartigen Stuckdekorationen vor rötlichem Kunstmarmor bestechende Rokoko-Sakralraum der Fürstbischöfe wird seit 1864 von der evangelischen Kirchengemeinde Meersburg als Pfarrkirche genutzt.


Begründung: Die barocke Bebauung der Meersburger Oberstadt mit Neuem Schloss, Reithof und Priesterseminar stellt eine bedeutende städtebauliche Neuschöpfung des 18. Jahrhunderts dar. Das weltbekannte Panorama Meersburgs, Herzstück der ältesten denkmalgeschützen Gesamtanlage Baden-Württembergs, verdankt sich der durch die Reformation ausgelösten Verlegung der fürstbischöflichen Residenz.

Die Herrgottskirche in Creglingen überdauerte die Reformation
Klicken zum Vergrößern
Die Herrgottskirche in Creglingen überdauerte die Reformation
Marienaltar von Tilman Riemenschneider in der Herrgottskirche Creglingen

Foto: LAD RPS

X

Die Herrgottskirche in Creglingen überdauerte die Reformation

Obschon die inmitten eines Friedhofs gelegene Herrgottskirche in Creglingen mit ihren Altären, dem Chorgestühl und zahlreichen Grabplatten einen selten stimmigen spätmittelalterlichen Gesamteindruck bietet, gründet ihre Berühmtheit auf den Marienaltar von Tilman Riemenschneider (um 1460-1531), der sich wie eine gewaltige Monstranz inmitten der Kirche an der Stelle erhebt, wo der Legende nach ein Bauer beim Pflügen eine Hostie gefunden haben soll. Die zur Präsentation und Verehrung der Hostie gestiftete Wallfahrtskirche wurde 1389 geweiht. Als Riemenschneider um 1505 das hölzerne Altarretabel mit Szenen aus dem Marienleben fertigte, war Creglingen an Markgraf Georg von Ansbach (1484-1543) gekommen, der später ein Mitunterzeichner des „Augsburger Bekenntnisses” war und noch 1530 die Reformation einführte. Ihre Funktion als Friedhofskirche schützte die Wallfahrtskirche nach der Reformation vor dem Abbruch und es ist anzunehmen, dass ihre Altäre dennoch nur besonders abgesichert dem Bildersturm entgehen konnten. Zwar künden das Graffito eines Besuchers von 1653 und die Datierung eines Schreiners von 1758 von der Weiterverwendung des Marienaltars, doch 1832 wurde der Riemenschneideraltar als Kunstwerk eines mittlerweile unbekannten Bildhauers hinter einem Bretterverschlag für Totenkränze „wieder entdeckt”.

Wie zahlreiche Werke Riemenschneiders war sein Marienaltar nie farbig gefasst. Da er einer der wenigen bedeutenden Bildhauer war, die holzsichtige Retabel lieferten, wurde ihm seit der Zuschreibung seiner Werke im 19. Jahrhundert ein genialischer Bruch mit der kirchlich-katholischen Bildtradition unterstellt. Seine protestantische Gesinnung ist belegt: Als Mitanführer des Aufstands gegen den Würzburger Fürstbischof 1525 war er auf der Marienburg inhaftiert und erhielt anschließend keine größeren Aufträge mehr. Besonders in protestantischen Kreisen entstand in der Folge die Auffassung von der Überlegenheit der puren holzsichtigen Skulptur, die häufig dazu führte, dass alte Skulpturen ihrer Farbfassung beraubt wurden.

Dass einige von Riemenschneiders Werken nie gefasst, andere später noch bemalt wurden, könnte auch wirtschaftliche Gründe gehabt haben. Mit seinen ungemein ausdrucksstarken holzsichtigen Retabeln ermöglichte er seinen Auftraggebern ein um die Hälfte günstigeres Kunstwerk anzuschaffen. Über eine Fassung konnten diese zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden.


Begründung: Seit 1530 ist die Herrgottskapelle eine evangelische Kirche, sie gehört zu den bedeutendsten religiösen Monumenten des Landes. Mit der 2011 beendeten Konservierung, Restaurierung und Instandsetzung der Herrgottskirche in Creglingen samt ihrer Ausstattung, der Friedhofsmauer und der Grabsteine konnte das überregional bekannte sakrale Bauwerk langfristig gesichert werden.

Der Feuerwagen des Propheten Elias in Öschelbronn
Klicken zum Vergrößern
Der Feuerwagen des Propheten Elias in Öschelbronn
Wandputzbild mit dem Feuerwagen des Elias

Foto: LAD RPS

X

Der Feuerwagen des Propheten Elias in Öschelbronn

An einer Außenwand der anthroposophisch geprägten Alterswohnanlage „Johanneshaus” in Öschelbronn befindet sich ein expressives Wandputzbild, das die im biblischen Buch der Könige überlieferte Himmelfahrt des Propheten Elias in einem Wagen mit feurigen Rossen darstellt. Im unteren Bereich ist sein Nachfolger Elisa mit dem zurückgelassenen Mantel Elias zu sehen. Der im Dienst der Anthroposophie als Bühnenbildner, insbesondere aber als Illustrator und Gestalter erfolgreiche Künstler Walther Roggenkamp (1926-1995) schuf 1981 das Fassadenbild. Seine Typographien sind bis heute Markenzeichen und Charakteristikum anthroposophischen Schrifttums.

 

Die Etablierung der Anthroposophie ist undenkbar ohne die Mäzene des protestantischen Bildungsbürgertums, das in den gesellschaftlich turbulenten 1920er Jahren nach neuen Formen der Lebensführung suchte. Auch in der anthroposophischen „Christengemeinschaft” spielen Protestanten eine gewichtige Rolle. Rudolf Steiner entwarf diese „Bewegung für religiöse Erneuerung” überhaupt erst auf eine Anfrage evangelischer Theologiestudenten hin und lud zum ersten Arbeitstreffen dann überwiegend lutherische Theologen ein. Die Mehrheit der leitenden „Erzoberlenker” der anthroposophischen Kultusgemeinschaft waren evangelische Theologen.

 

Für die neue Kirche entwickelte Steiner einen bis heute praktizierten detaillierten Kultus, wobei die Weihehandlungen an den ihm vertrauten katholischen  Ritus angelehnt sind. Im Duktus der Bibel gehalten, wurden fundamentale christliche Glaubensinhalte radikal verändert: Jesus Christus wurde zum Sonnengeist, an die Stelle der Auferstehung trat die Reinkarnation und statt der von Luther entdeckten Gnade Gottes forderte Steiner die Selbsterlösung des Menschen. Den Propheten Elias stellte Steiner in eine Inkarnationslinie zwischen den Hohepriester Pinchas und Johannes den Täufer, Raffael, Novalis und den Kunsthistoriker Herman Grimm, mit dem er an der Weimarer Ausgabe von Goethes Schriften gearbeitet hatte.


Begründung: Das Öschelbronner Wandbild ist ein ästhetisch bemerkenswertes Zeugnis anthroposophisch geprägten Kunstschaffens. Es belegt in seinem intellektuellen Gehalt das Denken und Fühlen der von Rudolf Steiner geprägten geistigen Bewegung, deren Gründerjahre wesentlich von Protestanten getragen wurden.

Gottesdienst im Grünen in Neuried-Ichenheim
Klicken zum Vergrößern
Gottesdienst im Grünen in Neuried-Ichenheim
Sandsteinaltar der Täufergemeinde

Foto: LAD RPS

X

Gottesdienst im Grünen in Neuried-Ichenheim

Im Ortenaukreis nahe Ichenheim liegt die stattliche Hofanlage des Ottenweierhofs mit einem Herrenhaus und zahlreichen Ökonomiegebäuden. Das schon im Mittelalter erwähnte Gut war im 18. Jahrhundert im Besitz der Ortenauer Reichsritterschaft und bildete damit eine vom Territorium des katholischen Markgrafen von Baden-Baden umgebene Enklave. Um die Landwirtschaft zu besorgen, nahmen die freien Adeligen eine kleine Gruppe von verfolgten Wiedertäufern in ihrem Hoheitsgebiet als „Hofmeier” auf. Grund für die Ansiedlung waren nicht in erster Linie religiöse Toleranz, sondern klare wirtschaftliche Interessen auf der Grundlage der souverän genutzten, 1555 auf dem Augsburger Reichstag garantierten Religionsfreiheit.

An die Gottesdienste der radikalreformatorischen Sondergemeinschaft mit Gläubigentaufe und Abendmahl erinnert der in ca. 200 Meter Entfernung vom Hofgut am Waldrand gelegene Zeremonialbereich mit zwei runden ,,Täufertischen” aus Sandstein und einem kleinen Teich. Diese liturgischen Stationen zeigen, dass es den gleichermaßen von den jeweiligen Landesherren und von römisch-katholischer, lutherischer und reformierter Kirche verfolgten Täufern hier am Ort möglich war, ihren Glauben weitgehend unbehelligt zu leben.

Die Aufnahme und Duldung unterschiedlicher Konfessionen bedeutete jedoch nicht, dass die kleine reichsritterliche Enklave  kirchenunabhängig war. Der Ottenweierhof war und blieb Teil der Pfarrei Ichenheim, die die Angelegenheiten der Kirchenzucht überwachte und Verstöße gegen den Protest der Hofeigentümer vor das Rügegericht brachte. Dass ein wiedertäuferischer „Hofmeier” evangelische und katholische Knechte eingestellt hatte, um die Feldarbeit an den Feiertagen der jeweiligen Kirche nicht unterbrechen zu müssen, führte 1783 zur Anzeige.


Begründung: Der Zeremonialbereich der im 18. Jahrhundert auf dem reichsritterschaftlichen Ottenweierhof geduldeten Wiedertäufer mit „Täufertischen” und Teich ist ein selten erhaltenes Dokument dieser reformatorisch begründeten Glaubensgemeinschaft und belegt in religionsgeschichtlich anschaulicherer Weise ihre religiöse Praxis.

Drei Sühnekreuze in Endingen-Kiechlinsbergen
Klicken zum Vergrößern
Drei Sühnekreuze in Endingen-Kiechlinsbergen
Drei Sühnekreuze in Endingen-Kiechlinsbergen

LAD-RPS

X

Drei Sühnekreuze in Endingen-Kiechlinsbergen

An der Außenwand einer Wegkapelle in Kiechlinsbergen im Landkreis Emmendingen stehen drei einfache, gedrungene Steinkreuze. Es handelt sich um Sühnekreuze, die im Gegensatz zu Wegkreuzen nicht als Stationen bei Prozessionen dienen, sondern zum Gedächtnis an ermordete Personen aufgestellt wurden.

Die Errichtung solcher Kreuze fällt in eine Zeit, in der die Strafverfolgung von der Eigeninitiative der Opferseite abhängig war. Erst ihre Anklage vor Gericht zog eine „peinliche Bestrafung” des Straftäters nach sich. Meist wurden Kapitalverbrechen jedoch nach Absprachen mittels Bußzahlungen an die Hinterbliebenen des Opfers gesühnt. Nur wenn sich die Parteien nicht einigen konnten, wurde ­– außergerichtlich oder durch die Vermittlung eines Richters – ein Sühnevertrag angefertigt. In ihm verzichtete die Opferseite auf Blutfehde und gerichtliche Verfolgung, wenn der Täter als Wiedergutmachung für die begangene Tat Geld- und Naturalienzahlungen zusagte und verschiedene Aufwendungen für das Seelenheil des Verstorbenen unternahm, den er durch seine Bluttat um die Sterbesakramente gebracht hatte. Neben Seelenmessen, Wallfahrten und Wachs für Kerzen war dies auch die Aufstellung eines Sühnekreuzes am Tatort, an dem Vorübergehende für die „arme Seele” im Fegefeuer beten konnten.

Auf den zur Gruppe arrangierten Sühnekreuzen in Endingen-Kiechlinsbergen sind mit Rebmesser und Schere Handwerkszeichen abgebildet, die auf den Beruf der Ermordeten schließen lassen. Oft zeigen Sühnekreuze auch Axt, Pflugschar, Messer oder ähnliche Tatwaffen. Inschriften, die auf den genauen Tathergang schildern, sind jedoch nur selten lesbar überliefert.

Dass die Errichtung von Sühnekreuzen seit der Mitte des 16. Jahrhunderts schwindet, hängt in doppelter Hinsicht mit dem für die Protestanten so bedeutenden Reichstag in Augsburg 1530 zusammen. Die damals von Kaiser Karl V. beschlossene „Peinliche Halsgerichtsordnung” löste in der Folge private Sühneverträge durch eine ordentliche Strafgerichtsbarkeit ab. Das von Philipp Melanchthon formulierte „Augsburger Bekenntnis” forderte nicht nur Staatstreue und akzeptierte die Todesstrafe für Gewalttäter. Es stellte aus theologischer Sicht indirekt auch klar, dass das Aufstellen eines Sühnekreuzes weder dem Täter als diesseitiges „gutes Werk” zur Sündenvergebung taugt, noch der jenseitigen Seelenfürsorge des Opfers dient.


Begründung: Sühnekreuze sind als Bestandteile historischer Rechtspflege von exemplarischem und dokumentarischem Wert für die mittelalterliche und frühneuzeitliche Rechtsgeschichte. Als Kulturdenkmale aus vorreformatorischer Zeit, die oft am entlegenen Tatort eines Verbrechens stehen, sind sie durch Straßenbau, Ausweisung von Baugebieten oder Flurbereinigungen gefährdet.

Das Brüderhaus der Karlshöhe Ludwigsburg
Klicken zum Vergrößern
Das Brüderhaus der Karlshöhe Ludwigsburg
Das Brüderhaus der Karlshöhe Ludwigsburg

Foto: LAD-RPS

X

Die Karlshöhe in Ludwigsburg

Am Stadtrand von Ludwigsburg beim Salonwald befindet sich der Stammsitz der „Stiftung Karlshöhe Ludwigsburg”, die heute zu den größten Arbeitgebern im Sozialbereich in der Region Stuttgart zählt. Die Kinder- und Jugendhilfe, die Reha-Ausbildung für Menschen mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen, die Altenhilfe und betreutes Wohnen zählen zu ihren Aufgaben.

Die Stiftung erwuchs aus der 1876 gegründeten „Evangelischen Brüder- und Kinderanstalt”, die zunächst aus einer dringend benötigten Ausbildungsstätte für das neue Berufsbild des Diakons und einer neuen Heimstatt für die Kinderrettungsanstalt Mathildenstift bestand. Die Institution orientierte sich am Vorbild des „Rauhen Hauses” in Hamburg, das von dem evangelischen Theologen Johann Hinrich Wichern 1833 eingerichtet wurde. Durch die Kombination von Kinderheim und Diakonenschule sollten die angehenden Diakone („Brüder”) auf ihr zukünftiges Betätigungsfeld zwischen Verkündigung und Sozialarbeit vorbereit werden. Die zur Ausbildung aufgenommenen Brüder bildeten eine geistliche Gemeinschaft. Ein Inspektor, der Brüderrat und die Brüderordnung regelten die berufliche Arbeit und die persönliche Lebensführung.

Auf dem Areal, das heute auch den Campus der Evangelischen Hochschule beherbergt, besteht nach großen Verlusten im 2. Weltkrieg noch eine Reihe denkmalgeschützter historischer Gebäude. Um einen Rechteckhof angeordnet sind die 1876 errichteten Backsteinbauten mit ehemaligem Schulhaus und Hauselternwohnung, zwei Mädchenwohnhäuser sowie ein Wasch- und Backhaus. Durch die Erweiterung der Ausbildung in die Bereiche Jugendpflege, Gemeinschaftspflege und den Dienst als Gemeindehelfer in der evangelischen Landeskirche nahmen die Bewerbungen um eine diakonische Ausbildung stetig zu. Bereits zum 50jährigen Jubiläum der Karlshöhe konnte 1926 das zweiflügelige Brüderhaus mit seinem expressionistischem Fassadendekor und bauplastischem Schmuck eigeweiht werden. Der schlichte Kirchenbau nach Plänen von Otto Eichert, einem Schüler von Paul Bonatz,  entstand 1931, nachdem der alte Betsaal für Gottesdienste und Einsegnungsfeiern der Absolventen zu klein geworden war.


Begründung: Die Karlshöhe ist eine wegweisende Einrichtung kirchlich diakonischer Prägung in der Nachfolge der durch die Reformation geprägten Armen- und Krankenvorsorge. An der Erhaltung der künstlerisch und architekturgeschichtlich wertvollen Gebäude besteht ein besonderes öffentliches Interesse.

Das ehemalige Refektorium der Zisterzienserabtei Schönau ist heute evangelische Stadtkirche.
Klicken zum Vergrößern
Das ehemalige Refektorium der Zisterzienserabtei Schönau ist heute evangelische Stadtkirche.
Das ehemalige Refektorium der Zisterzienserabtei Schönau ist heute evangelische Stadtkirche.

LAD-RPS

X

Schönau: Zisterzienser, Wallonen und Kirchenfond

Das über 400 Jahre alte Zisterzienserkloster Schönau im Odenwald wurde 1556 mit der Einführung der Reformation in der Kurpfalz durch Kurfürst Ottheinrich (1502-1559) aufgehoben. Ottheinrichs Nachfolger, der zu den Reformierten übergetretene Kurfürst Friedrich III. (1515-1576), siedelte im säkularisierten Kloster Schönau 1562 Glaubensflüchtlinge aus den habsburgischen Niederlanden an. Diese waren zwar zum Erhalt der Klostergebäude angehalten, da in der Folge jedoch immer mehr Bereiche der Abtei zur Bebauung frei gegeben wurden, war das Klostergelände bald mit bescheidenen Fachwerkhäusern bebaut. Die Abbruchmaterialen wurden wieder verwendet oder verkauft und spätestens im kriegerischen 17. Jahrhundert ging alte und neuere Bausubstanz für immer verloren. Nach archäologischen Untersuchungen und aufwändigen Sanierungen seit den 1980er Jahren künden heute freigelegte Fundamente, Mauerreste und auch einige Gebäude vom einstigen Klosterareal. Darunter befindet sich das ehemalige Herrenrefektorium von 1230, das als Gottesdienstraum der Exulanten der Zerstörung entging. Die Übermalung des Innenraums durch die neuen Nutzer konnte bei der Renovierung 1987 restauriert werden. Der zweischiffige Raum mit seinen Kreuzrippengewölben ist heute evangelische Stadtkirche.

 

Schönau steht neben der gelungenen Vergegenwärtigung vergangener Klosterkultur auch für die bis heute erfolgreiche Geschichte einer selbständigen kirchlichen Stiftung des öffentlichen Rechts: die „Evangelische Stiftung Pflege Schönau”. Da Kurfürst Ottheinrich testamentarisch bestimmt hatte, dass die Einkünfte aus säkularisiertem Kirchenvermögen nur zu kirchlichen Zwecken verwendet werden dürfen, überführte sein Nachfolger das Vermögen des Klosters Schönau in einen Fond, der die bauliche Erhaltung von Kirchen und Pfarrhäusern in der Region sichern sollte. Nach Fusionierungen verschiedener Vermögensverwaltungen ist der Stiftungszweck bis heute, kirchliches Bauen zu finanzieren und Besoldungsbeiträge für Pfarrstellen zu erwirtschaften. Dies bedeutet eine finanzielle Entlastung der Haushalte von Staat, Landeskirche und Kirchengemeinden.


Begründung: Das Kloster Schönau ist ein bedeutendes Zeugnis der zisterziensischen Klosterkultur des Mittelalters. Seine Nutzung durch protestantische Exulanten und die Gründung eines Kirchenfonds dokumentiert die historischen Folgen der Reformation in der Kurpfalz.

Das Konfessionsbild in der Evangelischen Kirche Peter und Paul in Ulm-Jungingen von 1711
Klicken zum Vergrößern
Das Konfessionsbild in der Evangelischen Kirche Peter und Paul in Ulm-Jungingen von 1711
Das Konfessionsbild in der Evangelischen Kirche Peter und Paul in Ulm-Jungingen von 1711

Archiv und Zentralbibliothek der württembergischen Landeskirche in Württemberg, Foto: Dieter Peters

X

Das Konfessionsbild in der evangelischen Peter-und-Paul-Kirche in Ulm-Jungingen

Obwohl die Reformation vielerorts zur Zerstörung der als „Götzenbilder” verachteten mittelalterlichen Kirchenbilder führte, erfanden die Protestanten mit dem „Konfessionsbild” selbst einen neuen Bildtypus, der die evangelischen Eigenheiten in Theologie und Glaubenspraxis zeigt und erklärt. Namensgebender Ausgangspunkt für die Konfessionsbilder ist die Übergabe des von Philipp Melanchthon formulierten „Augsburger Bekenntnisses” (confessio augustana) an den Kaiser beim Reichstag in Augsburg 1530. In dem 1711 der evangelischen Peter-und-Paul-Kirche in Ulm-Jungingen gestifteten Konfessionsbild ist sie oben rechts symbolhaft dargestellt.

Um den Gekreuzigten mit Gottvater und Heiliggeist-Taube werden szenisch mit erläuternden Beschriftungen die Sakramente und Amtshandlungen der Kirche dargestellt. An dem mit Weinkelch und Hostienteller bestückten Altartisch wird das Abendmahl in beiderlei Gestalt ausgeteilt. Ein nackter Säugling erhält an einem mächtigen Taufbecken Aufnahme in die christliche Gemeinde. Beide Sakramente werden - durchaus bemerkenswert - in Anwesenheit eines Kindes gespendet. Die zentrale Bedeutung des Wortes im evangelischen Gottesdienst wird durch die Kanzelpredigt und den Katechismusunterricht darunter verdeutlicht. Weitere Szenen gelten den als Sakrament abgeschafften, nunmehr seelsorgerisch und segnend verstandenen Handlungen von Beichte und Trauung. Die Darstellung der Orgel zur Versinnbildlichung der Kirchenmusik darf als Abgrenzung gegenüber den Züricher und Genfer Reformatoren verstanden werden, die Instrumentalmusik im Gottesdienst ablehnten. Auch die Darstellung des leidenden Christus im Kirchenraum grenzte die Lutheraner von den Reformierten ab.


Begründung: Durch die anschaulich-erzählerische Vermittlung zentraler Glaubensaussagen des „Augsburger Bekenntnisses” hat das Konfessionsbild in Ulm-Jungingen belehrenden und auch identitätsstiftenden Charakter. Evangelische Konfessionsbilder bilden seit dem 17. Jahrhundert eine eigene Bildgattung. Nur wenige Exemplare blieben in Baden-Württemberg erhalten.

Der ehemalige Methodistenbetsaal in Schwäbisch Gmünd
Klicken zum Vergrößern
Der ehemalige Methodistenbetsaal in Schwäbisch Gmünd
Der ehemalige Methodistenbetsaal in Schwäbisch Gmünd

Foto: LAD

X

Ehemaliger Methodistenbetsaal in Schwäbisch Gmünd

Bis zum Übergang an Württemberg im Jahr 1802 war Schwäbisch Gmünd streng katholisch. Zahlreiche Ordensgemeinschaften prägten die Reichsstadt, die mithilfe von Schutztruppen des Schwäbischen Bundes reformatorische Bestrebungen von Zünften und Bauern abschmetterte. Erst 1817 wurde die ehemalige Kirche der Augustiner als erste evangelische Pfarrkirche in der Stadt eingerichtet. Schon gut 50 Jahre später entstand am Ort eine evangelisch-methodistische Gemeinde, die sich 1876 ein neues Versammlungsgebäude errichtete, das in einer bis dahin ungewöhnlichen Kombination einen Betsaal mit einer Predigerwohnung kombinierte. Der zweigeschossige Bau unterscheidet sich kaum von einem Wohnhaus, die Rundbogenfenster im verputzten Erdgeschoss geben dennoch einen Hinweis auf den Versammlungssaal, zu dem die Backsteinflächen des Wohngeschosses einen reizvollen Kontrast bilden.

 

Als evangelische Erneuerungsbewegung des anglikanischen Geistlichen John Wesley (1703-1791) entstand der Methodismus im 18. Jahrhundert und bildete in der Folge verschiedene Zweige aus. Auswanderer trugen ihn nach Amerika, wo 1784 die United Methodist Church gegründet wurde. Seine Verbreitung in Deutschland ging von Württemberg aus und ist verbunden mit dem Metzgergesellen Christoph Gottlob Müller (1785-1858), der auf der Flucht vor dem Kriegsdienst 1806 nach England ausgewandert war, wo er den in „Heiligung” und sozialem Handeln gelebten Glauben der Methodisten kennenlernte und aktives Mitglied wurde. Bei einem Besuch im heimatlichen Winnenden 1830 fanden seine lebendigen Bibelstunden in englischem Stil bei pietistischen Kreisen so großen Anklang, dass man ihn um Rückkehr nach Württemberg bat. Trotz fehlender theologischer Ausbildung wurde er offiziell als Missionar entsandt und wirkte von 1832 bis zu seinem Tod - von der Landeskirche argwöhnisch überwacht - in Württemberg. Der Bauplan für den Gmünder Betsaal wurde von einem Nachfolger Müllers eingereicht: Reverend John Cook Barratt (1832-1892), der zweisprachig als Leiter der wesleyanischen Methodisten-Gemeinschaft Württemberg im Kurort Cannstatt wirkte, welcher sich zu einem methodistischen Zentrum mit Theologieseminar und eigener Kirche im Tudorstil entwickelt hatte. Mittlerweise war die Religionsausübung im Königreich Württemberg per Gesetz (1872) frei und von staatlicher Genehmigung unabhängig.


Begründung: Der evangelisch-methodistische Betsaal ist in seiner Doppelfunktion ein bautypologisch bemerkenswertes Dokument eines protestantischen Kirchengebäudes in Baden-Württemberg. Es belegt dabei die steigende religiöse Toleranz und Vielfalt im Königreich Württemberg im 19. Jahrhundert.

Kreuzkirche in Nürtingen
Klicken zum Vergrößern
Kreuzkirche in Nürtingen
Kreuzkirche in Nürtingen

Foto: LAD-RPS

X

Von der Friedhofskirche zum Kulturzentrum: die Kreuzkirche in Nürtingen

Zentral an der Flaniermeile von Nürtingen liegt ein besonderer Ausstellungs- und Konzertraum: Die spätgotische Kreuzkirche mit Dachreiter und einem präzise nach Osten ausgerichteten Chor wurde 1455 an der Stelle einer kleineren Kapelle errichtet. In einem Bittschreiben bat „der Vielgeliebte” Graf Ulrich V. von Württemberg-Stuttgart (1413-1480) alle geistlichen Ämter des Landes um Spenden für den Bau dieser Heilig-Kreuz-Kapelle und für ihren Kirchhof, der den der Pfarrkirche ersetzen sollte.

Obwohl die Reformation Friedhofskirchen üblicherweise bestehen ließ, wurde die Kreuzkirche profaniert und in den folgenden Jahrhunderten als Getreidespeicher, Heulager und Spinnerei verwendet, bis 1823 der Kirchenraum schließlich wiederhergestellt wurde. Mit der Verlegung des Friedhofs 1830 vor die Stadt zum Kinderfriedhof beim ehemaligen Siechenhaus, endete ihre Zeit als Friedhofskirche. Einige Epitaphe wurden in die Friedhofsmauer des neuen (heute „Alten”) Friedhofs versetzt. Obschon die Kreuzkirche 1842 eine Überarbeitung im neugotischen Stil erhielt und alle liturgisch notwendigen Prinzipalstücke vorhanden waren, wurde hier nur noch Gottesdienst gefeiert, wenn die Stadtkirche nicht zur Verfügung stand. Sie diente zwischenzeitlich als Unterstand für den Leichenwagen und als Seilerwerkstatt. Der ehemalige Kirchhof war 1847 eine Baumschule, bevor ein Kindergarten eingerichtet wurde, die Kirchhofmauer wurde 1860 abgebrochen und teilweise zur Pflasterung des Marktplatzes verwendet. Nach dem zweiten Weltkrieg diente die Kreuzkirche heimatvertriebenen Katholiken. Seit 1974 ist die Kreuzkirche im Besitz der Stadt Nürtingen, mit ihrer Instandsetzung 1986 wurde sie zum Kulturzentrum umgebaut und kann als Veranstaltungsort gemietet werden.


Begründung: Die Kreuzkirche ist ein bedeutsames und gut erhaltenes Zeugnis der Reformation in Nürtingen. Sie dokumentiert mit ihrer wechselvollen Nutzungsgeschichte exemplarisch den Umgang mit Sakralgebäuden im Zeitalter der Konfessionalisierung.

Das jüngst sanierte Gebäude in der Esslinger Adlerstraße 4.
Klicken zum Vergrößern
Das jüngst sanierte Gebäude in der Esslinger Adlerstraße 4.
Das jüngst sanierte Gebäude in der Esslinger Adlerstraße 4.

Foto: Dautel

X

Das Stammhaus der „Evangelischen Gesellschaft” steht in Esslingen

Versteckt hinter der Alten Feuerwache Esslingens liegt ein jüngst restauriertes Gebäude in spätklassizistischen Formen, das einst für das kirchliche und kulturelle Leben Württembergs bedeutsam war. Der von seinem großen Zwerchhaus geprägte symmetrische Bau entstand 1871 durch den Umbau einer Scheuer der Eisenwarenhandlung Christian Brodhag und beherbergte Säle sowie Vereins- und Wohnräume. In seiner Geschichte diente er mehrere Jahrzehnte unter anderem als Vortragssaal, als Versammlungsstätte für Missionsstunden, als Sitz der Freiwilligen Sonntagsschule, des CVJM und der Altpietistischen Gemeinschaft. Bis 1909 war es zugleich Wohnsitz der Diakonissen, später des Stadtmissionars.

 

Errichtet wurde das Gebäude vom „Verein zur Verbreitung religiöser Schriften für Lausanne und Eßlingen”, der 1830 von Esslinger Bürgern und dem jungen Vikar Dr. Christoph Ulrich Hahn (1805-1881) gegründet wurde. Der Neffe des „Erfinderpfarrers” Philipp Matthäus Hahn stammte aus einem pietistischen Elternhaus und war zeitlebens rastlos für Innere Mission und Wohlfahrtspflege tätig. Er war der festen Überzeugung so die gesellschaftlichen Missstände der Zeit zu lösen. Schon auf seiner ersten Pfarrstelle gründete er ein mehrsprachiges Internat, eine Volksküche, einen bis heute bestehenden Kindergarten, einen Leseverein und die Vereine zur Bekleidung armer Landleute, gegen Bettel der Handwerksgesellen, für christlich erziehende Ackerbauschulen sowie eine Armenanstalt. Als geschätzter Vertrauter des Hofes unterzeichnete Hahn für das Königreich Württemberg 1864 die erste Genfer Konvention zu Begründung des Roten Kreuzes. Aus der Zentralleitung des schon von Königin Katharina gegründeten „Württembergischen Wohltätigkeitsvereines” regt er die Gründung einer Krankenpflegeschule an und rief den Württembergischen Sanitätsverein ins Leben, die erste Organisation des Roten Kreuzes außerhalb Genfs, aus der die Olgaschwester als evangelische Rot-Kreuz-Schwesternschaft hervorgingen.

 

Aus Hahns erster Gründung, dem kleinen Traktat-Verein mit Sitz in Esslingen entwickelte sich ein bedeutendes diakonisches Unternehmen: Die „Evangelische Gesellschaft” mit heutigem Sitz in der Stuttgarter Büchsenstraße kümmert sich um Stadtmission, Jugend- und Obdachlosenhilfe, Ausländer- und Sozialberatung und Telefonseelsorge. Seit 100 Jahren gibt sie eine der größten Kirchenzeitungen Deutschlands, das „Evangelische Gemeindeblatt für Württemberg”, heraus.


Begründung: Das Vereinshaus ist ein bemerkenswertes Zeugnis spätklassizistischer Baukunst. Es war lange Zeit eine wichtige Stätte der Inneren Mission und des kirchlichen Lebens Esslingers und erinnert an die sozialreformerischen und diakonischen Anfänge des Theologen Christoph Ulrich Hahn, der zu den bedeutenden Persönlichkeiten der evangelischen Kirchen- und Sozialgeschichte Württembergs zählt.

Die Hasenpforte vor und nach der Öffnung
Klicken zum Vergrößern
Die Hasenpforte vor und nach der Öffnung
Die Hasenpforte vor und nach der Öffnung

Foto: LAD RPS

X

Die „Hasenpforte” des Breisacher Münsters

Auf der Südseite des Breisacher Münsters befindet sich eine kleine spitzbogige Außentüre, die einige hundert Jahre vermauert war. Erst 2008 wurde die „Hasenpforte” auf Wunsch der Kirchengemeinde wieder geöffnet. Ihren markanten Namen verdankt die Tür dem der Reformation zugeneigten Stadtpfarrer (1527 bis 1532) Konrad Haas, dessen von „lutherischem Gift” durchsetzte Predigt den Zorn der katholischen Stadtgemeinde entfacht und ihn zur sofortigen Flucht von der Kanzel durch diese Tür veranlasst haben soll. Eine berechtigte Vorsicht, war doch der gleich gesinnte Peter Spengler, immerhin Dekan des Landkapitels Breisach, im knapp 20 Kilometer entfernten Schlatt zum Tod durch Ertränken verurteilt worden.

Die „Hasenpforte” war erst im 13. oder 14. Jahrhundert nachträglich in Mauer und Sockel des spätromanischen Kirchenbaus eingefügt worden, wohl um eine direkte Verbindung zum Friedhof herzustellen. Da der südliche Münsterplatz tiefer liegt als der Kirchenfußboden, führten einst einige Stufen zur der Pforte hinab. Bei der Wiedereinrichtung einer Innentreppe konnten die Archäologen des LAD an dieser Stelle gleich drei Schichten von historischen Fußböden nachweisen. Etwa 30 Zentimeter unter dem heutigen Steinfußboden, der auf Mörtel, Kies und einem Betonestrich liegt, befand sich ein weiterer Plattenboden aus der Zeit des Türeinbaus, von dem nur noch der Mörtelestrich mit den Abdrücken der ehemaligen Platten vorhanden war. Von hier führten wiederum drei Treppenstufen zu der noch etwa 40 cm tiefer liegenden „Hasenpforte” hinab. Bei der untersten Schicht handelt es sich wohl um den ursprünglichen romanischen Kirchenfußboden unter dem noch die Fundamentreste des Verwaltungsgebäudes (praetorium) des römischen Kastells liegen, das rund um das Münster nachgewiesen werden konnte.


Begründung: Die im Zuge der Öffnung der „Hasenpforte” durchgeführte erste archäologische Untersuchung am kunsthistorisch bedeutsamen Stephansmünster in Breisach führte zu wichtigen bauhistorischen Erkenntnissen. Die mit der Pforte verknüpfte Legende hält die Erinnerung an die bewegte Zeit der Reformation im katholisch geprägten Südwesten Baden-Württembergs wach.

Das Gnadenbild der Wallfahrtskirche Maria Sand
Klicken zum Vergrößern
Das Gnadenbild der Wallfahrtskirche Maria Sand
Das Gnadenbild der Wallfahrtskirche Maria Sand

Foto: LAD-RPS

X

Reformation begründet Wallfahrt: Das Gnadenbild der Wallfahrtskirche Maria Sand in Herbolzheim

Am Stadtrand von Herbolzheim liegt ein schlicht wirkender Kirchenbau, um dessen Entstehung sich eine anrührende Legende rankt: Als Markgraf Karl II. von Baden-Durlach 1556 die Reformation einführte, sei das Tutschfeldener Gnadenbild der Muttergottes von Bilderstürmern in den nahen Bleichbach geworfen worden und etwa vier Kilometer flussabwärts, im sicheren, katholisch gebliebenen Herbolzheim angelandet. Unweit des Fundorts sei daraufhin die Wallfahrtskapelle Maria Sand errichtet worden, von deren Hauptaltar die farbig gefasste, von einem Strahlenkranz, Wolken und Engelsköpfchen umgebene spätgotische Gottesmutter mit Kind dem Besucher bis heute entgegen leuchtet.

In wissenschaftlicher Hinsicht hält die Gründungslegende der Wallfahrtskapelle weder der schriftlichen Überlieferung, noch den archäologischen Befunden stand. Zum besagten Zeitpunkt bestand hier am Ufer des Bleichbachs, am Schnittpunkt alter Wege bereits eine bescheidene spätmittelalterliche Kapelle, die im 15. Jahrhundert erwähnt wurde und archäologisch nachgewiesen ist. Nach ihrer Zerstörung durch ein Hochwasser erfolgte um 1590 ein größerer Neubau mit einer Einsiedelei, der nach Beschädigungen im Dreißigjährigen Krieg der heutigen barocken Kapelle weichen musste. Die Pilgerströme brachten ein hohes Spendeneinkommen und so wird das Gotteshaus bereits 1692 als „bene ornata bezeichnet. Schon Mitte des 18. Jahrhunderts konnte der Bau um fast das Doppelte auf seine heutige Größe erweitert und der Innenraum nach barockem Zeitgeschmack neu gestaltet werden.

Das von feinem Rokokostuck umspielte Deckenbild des Chorraums führt die Gründungslegende in der Art einer Verkündigungsszene vor Augen: unter der alles überstrahlenden Heiliggeisttaube wird die am Bachufer angeschwemmte Gnadenfigur von einer großen Engelsgestalt gegrüßt. Dass das wirkliche Gnadenbild im Vergleich wesentlich zugewandter und liebenswerter erscheint, wird wesentlich zur bis heute ungebrochenen Beliebtheit der Wallfahrt beigetragen haben. Die sympathische Erscheinung der Gottesmutter beeindruckte womöglich sogar die Protestanten der ersten Stunde. Sie sind mit einiger Wahrscheinlichkeit die namenlosen Retter der schwimmunfähigen Tonfigur: aus dem angrenzenden reformierten Gebiet wurde die Statue wohl in das katholisch gebliebene Herbolzheim „geflüchtet”, um sie vor einer Zerstörung durch Bilderstürmer zu bewahren.


Begründung: Die Wallfahrtskirche Maria Sand ist ein bedeutendes Monument der Volksfrömmigkeit und besitzt eine bis ins Mittelalter reichende Baugeschichte. Die in der Barockzeit entstandene, künstlerisch hochwertige Ausstattung verdankt ihre Opulenz dem Geist der katholischen Gegenreformation. In religionsgeschichtlicher Hinsicht sind die Erzählungen von der Rettung des Kultbildes vor dem Bildersturm ein höchst bemerkenswerter Vorgang.

Die Christaller Krippe der Martinsgemeinde in Freudenstadt
Klicken zum Vergrößern
Die Christaller Krippe der Martinsgemeinde in Freudenstadt
Die Christaller Krippe der Martinsgemeinde in Freudenstadt

Foto: Kirchengemeinde

X

Krippenfiguren von Frida Christaller in der Martinskirche von Freudenstadt

Was haben Krippenfiguren mit der Reformation zu tun? Gibt es etwa evangelische Weihnachtskrippen? Obwohl kein speziell evangelischer Krippentypus festzumachen ist, so fanden protestantische Krippenkünstler zu eigenständigen Interpretationen des heiligen Geschehens, die in formal reduzierten Figuren voll zeitlos wirksamer Emotion zum Ausdruck kommen.

 

Weihnachtskrippen standen im Zeitalter des Barock zuerst in katholischen Kirchen und Klöstern, besonders die Jesuiten schätzten sie als Anschauungsobjekt der Glaubensvermittlung. Die orientalisch angehauchten Theaterkulissen der Barockkrippen wimmeln so sehr von kunstvoll aus Holz, Wachs oder Pappmaché geformten und mit kostbaren Stoffen bekleideten Figuren, exotischen und einheimischen Tieren, dass das Jesuskind oft erst auf den zweiten Blick zu entdecken ist.

 

Als mit Aufklärung und Säkularisation die Krippen aus den Kirchen verschwanden, hielten auf Weihnachtsmärkten angebotene Krippenfiguren Einzug in katholische Bürgerhäuser. Evangelische Haushalte, bei denen der Christbaum zum Fest gehörte, erreichte die Weihnachtskrippe erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Im pietistisch geprägten Württemberg trugen die Papierkrippen aus dem Esslinger Schreiberverlag wesentlich zur Verbreitung der Weihnachtskrippe bei. Vollplastische Krippen wurden hier erst im 20. Jahrhundert durch die von Künstlern und Kunsthandwerkern gefertigten wertigen und zeitlosen Figuren salonfähig und gelangten dann wiederum von den Wohnstuben in den Kirchenraum. Eine der ersten evangelischen Krippenkünstlerinnen war die Stuttgarterin Frida Christaller (1898-1991). Sie studierte an der Württembergischen Kunstgewerbeschule, wo ihr Vater Paul Gottfried Christaller Professor war und arbeitete seit 1930 im eigenen Atelier im Heusteigviertel. Ihre ausdrucksstarken Krippenfiguren aus unbemaltem Ton oder Holz, die freilich nur einen Teil ihres bildnerischen Schaffens ausmachen, leben ganz aus der Körperhaltung, die Andacht und Ergriffenheit ausdrückt. Christaller konzentriert sich auf den Kern der Weihnachtsbotschaft, ihre Figuren benötigen weder Stall, noch orientalische Kulissen, Kinder und Hirten waren ihr oft wichtiger als die Weisen aus dem Morgenland. Ihre Figuren wurden über den Stuttgarter Kunsthandel vertrieben, sie waren in evangelischen Pfarrhäusern und Privathaushalten hochbeliebt und finden sich heute noch in einigen württembergischen Kirchengemeinden.


Begründung: Die künstlerisch bemerkenswerten Krippenfiguren von Frida Christaller sind ein wertvolles religiöses Ausstattungselement der Freudenstädter Martinskirche. Sie bezeugen auf exemplarische Weise die Hinwendung zu figuraler Reduktion und puristisch-meditativer Introversion in der evangelischen Kirchenkunst im 20. Jahrhundert.

Landkarte von Baden-Württemberg
Stuttgart
Evangelische Mauritiuskirche in Aldingen (Lkr. Tuttlingen)
Tübingen
Ravensburg
Die Zehntscheuer in Neufra (Lkr. Sigmaringen)
Heidelberg
Geburtshaus von Johannes Brenz in Weil der Stadt
Der Crailsheimer Rathausturm von 1717
Das erste evangelische Pfarrhaus in Württemberg
Lutherlinde von 1883
Melanchthonhaus in Bretten
Bad Urach
Evangelisches Schulhaus von 1838
Der erste evangelische Kirchenbau im württembergischen Allgäu
Evangelisches Pfarr- und Gemeindehaus mit Bildnissen der Reformatoren
Predigen in einer Reihe mit den Reformatoren: Der Kirchenraum in Dettingen am Albuch
Plansiedlung für pietistische „Herrnhuter Brüdergemeine“ in Königfeld im Schwarzwald (Schwarzwald-Baar-Kreis)
Ruine des abgebrochenen Klosters Anhausen
Gegenreformation: Die Häretiker in der Klosterbibliothek von Bad-Schussenried
Simultankirche in Biberach
Kloster und Klosterschule in Maulbronn
Die Simultankirche von Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis)
Die Michaelskirche in Schwäbisch Hall
Das ehemalige Pfarrhaus des Pfarrers und Druckers Paul Fagius in Isny (Lkr. Ravensburg)
Konstanz
Der Kanzelaltar in der evangelischen Stadtkirche von Altensteig
Die Hostiendose der Martinskirche in Ballendorf (19. Jahrhundert)
Das Markgrafenschloss Emmendingen
Pietistisches Stundenhaus in Denkendorf
Reutlingen
Eines der frühesten evangelischen Pfarrhäuser im Ulmer Land
Verlust: das einstige Denkmal für Oekolampadius in Weinsberg
Pforzheim
Die ehemalige Simultankirche in Sinsheim
Das Patrizierhaus mit Renaissance-Erker in Heilbronn
Noch kein Kulturdenkmal: Die Betglocke an der Marbacher Alexanderkirche
Karlsruhe
Die Stiftskirche in Wertheim
Die Reichsstadt Gengenbach und die verhinderte Reformation
Die Lutherbüste im historischen Warenarchiv der WMF
Das Ende religiös motivierter Wandinschriften in Fellbach-Schmiden
Blaubeuren
Heidelsheim: Vom Gotteshaus zum Wohnhaus
Das Baden-Badener Rathaus im ehemaligen Jesuitenkolleg
Der „Lutherkopf innerhalb einer großen runden Umrahmung mit Inschrift“
Archäologische Untersuchungen an einem Zeugnis der Reformationszeit: Die Ulmer Stadtbefestigung
Ein evangelischer Beichtstuhl im Enzkreis
Die evangelische Kirche von Bretten-Gölshausen
Ein Betsaal für die Dettinger Industrievorstadt in Kirchheim/Teck
Gottesacker der Herrnhuter Brüdergemeine und Blumhardt-Friedhof
Stadtbefestigung Kirchheim/Teck
Burg Kappelberg bei Weinstadt Beutelsbach
„Luther mit dem Schwan” in der evangelischen Kirche Langenbrettach
Protestantischer Barock im hohenlohischen Kirchensall
Eine Lehrtafel zum Weg des Glaubens in Bad Teinach
Spaltung eines Dorfes
Auf dem Friedhof überlebt
Exoten auf Emporenhöhe
Protestanten vor der Reformation
Das Hochgericht von Rottenburg am Neckar
Denkmal für den Waldenserführer Arnaud
Wohnsitz einer Gemeinschaft Gott suchender Seelen in Egenhausen
Asyl beim „guten Engel Württembergs” in Sindlingen
Die Reformation bestimmte das Stadtpanorama von Meersburg
Die Herrgottskirche in Creglingen überdauerte die Reformation
Der Feuerwagen des Propheten Elias in Öschelbronn
Gottesdienst im Grünen in Neuried-Ichenheim
Drei Sühnekreuze in Endingen-Kiechlinsbergen
Die Karlshöhe in Ludwigsburg
Schönau: Zisterzienser, Wallonen und Kirchenfond
Das Konfessionsbild in der evangelischen Peter-und-Paul-Kirche in Ulm-Jungingen
Ehemaliger Methodistenbetsaal in Schwäbisch Gmünd
Von der Friedhofskirche zum Kulturzentrum: die Kreuzkirche in Nürtingen
Das Stammhaus der „Evangelischen Gesellschaft” steht in Esslingen
Die „Hasenpforte” des Breisacher Münsters
Reformation begründet Wallfahrt: Das Gnadenbild der Wallfahrtskirche Maria Sand in Herbolzheim
Krippenfiguren von Frida Christaller in der Martinskirche von Freudenstadt
Herzog Christoph von Württemberg (1515–1568)
Herzog Ulrich von Württemberg (1487–1550)
Johannes Brenz (1499–1570)
Johannes Calvin (1509–1564)
Martin Luther (1483–1546)
Kurfürst Ottheinrich (1502-1559)
Markgraf Karl II. von Baden-Durlach (1529–1577)
Philipp Melanchthon (1497–1560)
Huldrych Zwingli (1484–1531)

test

Projektverantwortliche

Beata Hertlein
Landesamt für Denkmalpflege
Alexanderstraße 48
Tübingen, 1, 72072 82
+49 (07071) 75 72 45 9
Grit Koltermann
Landesamt für Denkmalpflege
Berliner Straße 12
Esslingen am Neckar, 1, 73728 82
+49 (0711) 90 44 52 18
Jörg Widmaier
Landesamt für Denkmalpflege
Alexanderstraße 48
Tübingen, 1, 72072 83.2
+49 (7071) 75 72 45 1