Denkmale
Wirkungsstätten der Reformation
Monumente der Reformation
Erinnerungsmale der Reformation

Kulturdenkmale der Reformation

In Baden-Württemberg gibt es Kulturdenkmale, die direkt oder indirekt mit der Reformation verbunden sind. Denn bedeutende Personen, historische Ereignisse und die kulturgeschichtlichen Folgen der Reformation haben bis heute ihre Spuren im Denkmalbestand hinterlassen. Die Reformation, ihre Ideen und Träger erhalten für uns gerade durch diese Denkmale verschiedenster Gattungen ein Gesicht und eine Form. Kulturdenkmale machen die weitreichenden Veränderungen, die die Reformation mit sich brachte, noch heute begreifbar. Auch außerhalb von Kirchen, im öffentlichen Raum der Städte oder im Bereich des privaten Alltags hat die Reformation Zeugnisse hinterlassen.

Grund genug also, gerade jene erhaltenen Kulturdenkmale zu betrachten, die uns den kulturgeschichtlichen Wandel der letzten 500 Jahre im Zuge der Reformation in Baden-Württemberg anschaulich und erlebbar machen können. Kulturdenkmale der Reformation sind dabei nicht nur Kirchen oder Erinnerungsmale für Reformatoren. Denkmalgeschützte Fachwerkbauten, archäologische Funde und auch Architekturen des 20. Jahrhunderts können ein Zeugnis der Reformation und ihrer Folgen für Baden-Württemberg sein. Es liegt im öffentlichen Interesse, diese Denkmale zu schützen und zu erhalten.

Die Landesdenkmalpflege nimmt diese Aufgabe wahr und vermittelt dabei einen denkmalfachlichen Zugang zu den materiellen Quellen. Unter dem Gesichtspunkt, die Denkmale in Baden-Württemberg in ihrem Bezug zur Reformation und ihrer Bedeutung in dieser Zeit aufzuzeigen, wird das Landesamt für Denkmalpflege im Zuge des Reformationsjahres 2017 ausgewählte Kulturdenkmale der Reformation präsentieren.

Bis zum 31. Oktober 2017 wird die Liste der ausgewählten Kulturdenkmale der Reformation regelmäßig erweitert. Besuchen Sie uns daher gerne wieder!

Veranstaltungen

06.07.2017

Das Landesamt für Denkmalpflege präsentiert sich und die Kulturdenkmale der Reformation auf dem Hospitalviertelfest 2017 in Stuttgart
09.09.2017

Eröffnung des Tags des offenen Denkmals 2017 in Schwäbisch Hall

23.+24.11.2017Das Landesamt für Denkmalpflege veranstaltet ein Fachkolloquium zum Ravensburger Reformatorenfensterzyklus

Wirkungsstätten der Reformation

Wirkungsstätten der Reformation sind Orte, die mit Personen oder Geschehnissen der Reformation verbunden sind. Beispiele sind die Geburts- und Wohnhäuser von Reformatoren. Auch Orte ihres Wirkens wie Kirchen und Universitäten sind hier anzuführen. Persönlichkeiten mit Reformationsbezug sind aber auch weltliche Herrscher, die häufig Träger der historischen Veränderung waren. So sind eben auch herrschaftliche Befestigungsanlagen oder Grablegen als Wirkungsstätten anzusprechen, wenn sich ihrer Auftraggeber für die Sache der Reformation einsetzten oder sie zum Handlungsraum für bedeutende historische Begebenheiten überliefert sind. Reformatorische Veränderungen fanden dabei in Städten ebenso statt wie im ländlichen Raum. Personen und historische Ereignisse können also von landesweiter Bedeutung sein oder einen heimatgeschichtlichen Bezug zu einer Region oder einem einzelnen Dorf haben.

Monumente der Reformation

Monumente der Reformation sind Zeugnisse, die im reformatorischen Sinne entstanden oder gebaut, zerstört, umgebaut und umgenutzt wurden. Dazu gehören auch jene Denkmale, deren spätere Errichtung oder Entstehung eine direkte Folge der Reformation ist. Der verwendete Begriff Monument bezieht sich dabei weniger auf das architektonische Werk, sondern auf jenes Wort des Alten Testaments (lat. „monumentum“ = gemahnen, erinnern; griech. „mnemosynon“ = „Gedächtnis“), das Martin Luther in seiner deutschen Bibelübersetzung mit dem neuen Wort „Denkmal“ bezeichnete. Monumente werden in diesem Sinne als Zeugnisse und Erkennungszeichen der Reformation verstanden, die den kulturgeschichtlichen Wandel erfahrbar machen, obwohl sie nicht direkt als Wirkungsstätten reformatorischer Geschehnisse eine Rolle spielten und auch nicht in der Intention einer Erzeugung von Erinnerung und Gedenken an die Reformation entstanden sind.

Erinnerungsmale der Reformation

Erinnerungsmale der Reformation sind Denkmale, deren Errichtung und Aufstellung durch das Gedenken an die Persönlichkeiten oder das Geschehen der Reformation motiviert sind. Solche Erinnerungsmale sind nicht nur Standfiguren im direkten Sinne eines Denkmals, sondern können auch andere Formen annehmen. Wichtig sind dabei bestimmte Personen und Jubiläumsdaten, die der Erinnerung an historische Ereignisse dienen. Exemplarisch entstanden viele Erinnerungsmale zu historischen Gedenktagen wie Reformationsjubiläen oder den Geburtstagen bedeutender Reformatoren. Den Kulturdenkmalen dieser letzten Kategorie ist zu eigen, dass sie ihre Entstehung einer konkreten Intention verdanken, die eng an Erinnerungsbildung und Identitätsstiftung geknüpft ist. Die Gründe, Motive und Ziele für die Errichtung eines Reformations- oder Reformatorendenkmales haben sich im Verlaufe der Zeit jedoch immer wieder verändert.

Herzog Christoph von Württemberg (1515–1568)

Herzog Christoph von Württemberg wurde in spannungsreichen Zeiten geboren. Bereits als Kleinkind wurde er 1519 an den kaiserlichen Hof in das habsburgische Innsbruck gebracht, da seine Mutter vor ihrem Mann Ulrich 1515 an den Hof ihrer Eltern nach München und sein Vater Herzog Ulrich von Württemberg vor dem schwäbischen Bund 1519 in das Exil nach Mömpelgard geflohen waren. Als Edelknappe reiste Christoph an der Seite des Kaisers Karl V. durch Mitteleuropa und sammelte so wichtige politische Erfahrungen. Bereits vor der Rückkehr seines Vaters aus dem Exil brach Christoph mit den Habsburgern und damit mit der katholischen Tradition und setzte sich nach Bayern ab. Seine konfessionelle Position festigte sich 1542, als er Statthalter der Grafschaft Mömpelgard wurde. Auch seine Vermählung mit Anna Maria von Brandenburg-Ansbach verband ihn zusätzlich mit einer evangelischen Dynastie. Nach dem Tod seines Vaters erlangte Christoph nach Aushandlungen mit dem Kaiser 1552 die Herrschaft über Württemberg. In den folgenden Jahren erlies er umfangreiche Neuordnungen und restrukturierte damit die gesamte Staats- und Kirchenverwaltung. Für die „Große Kirchenordnung“ von 1559 wurde der Reformator Johannes Brenz zu seinem wichtigsten Berater. Unter Herzog Christoph wurde die Volksschule eingerichtet, die für beide Geschlechter und im städtischen wie ländlichen Raum Anwendung fand. In beiden Siedlungsformen prägte Christoph das Erscheinungsbild mit, da er württembergische Besitzungen wie Burgen und Schlösser in Renaissanceformen umbauen ließ.

Herzog Ulrich von Württemberg (1487–1550)

Herzog Ulrich von Württemberg ist eine bedeutende und auffällige Gestalt der Reformationsgeschichte im deutschen Südwesten, denn er führte als erster Landesherr die Reformation in seinem Territorium Württemberg ein. Zu Ulrichs Lebenszeit gehörten auch Teile des heutigen Frankreichs wie die Grafschaft Mömpelgard (Montbéliard) und die Herrschaften Reichenweiher (Riquewihr) und Horburg zu Württemberg. Ulrich wurde im heutigen Elsass geboren. Obwohl er bereits mit 16 Jahren zum Landesherren über das Haus Württemberg mit samt seiner linksrheinischen Besitzungen wurde und ihm damit ein großes Territorium unterstand, war Ulrichs Machtposition aufgrund privater wie politischer Fehlentscheidungen bald geschwächt. Nach Mord an seinem Stallmeister und nach missglücktem Überfall auf die Reichsstadt Reutlingen musste er 1519 ins Exil nach Mömpelgard fliehen. Dort näherte sich Ulrich bereits 1523 den reformatorischen Ideen an, versuchte 1524 die Reformation einzuführen und knüpfte Verbindungen zu protestantischen Landesherren. Philipp I. von Hessen verhalf dem zuvor durch den schwäbischen Bund und die Habsburger vertriebenen ehemaligen Herzog in der Schlacht bei Lauffen am Neckar 1534 wieder zur Macht über sein Herzogtum Württemberg. In der Folge führte Ulrich hier die Reformation ein. Durch Aufgabe der Klöster und Einverleibung ihres Besitzes vergrößerte sich das Herzogtum. Die Umgestaltung von ehemaligen Klöstern zu Klosterschulen folgte dem Ziel, den Nachwuchs für evangelisches Kirchenamt und württembergische Verwaltung zu sichern. Daraufhin wurden evangelische Prediger eingestellt. Auch widmete er sich dem Ausbau von Landesfestungen, die vor dem Hintergrund politischer wie konfessioneller Spannungen herrschaftliche Stabilität zeigen sollten.

Johannes Brenz (1499–1570)

Johannes Brenz wurde in der Freien Reichsstadt Weil der Stadt geboren. Ab 1514 studierte er in Heidelberg bei Johannes Oekolampad, war 1518 bei der Heidelberger Disputation Martin Luthers anwesend und blieb folglich von dessen Ideen inspiriert. Seit 1522 war Brenz als Prediger in der Hauptkirche St. Michael zu Schwäbisch Hall tätig. Dort predigte er gegen die Heiligenverehrung und teilte zu Weihnachten 1526 das Abendmahl zum ersten Mal in beiderlei Gestalt – also mit Brot und Wein an alle Gläubigen – aus. Mit der Umsetzung seiner reformatorischen Vorstellungen ging auch eine Veränderung im Bildungswesen einher. Frauen wie Männern sollte die Bibel gleichermaßen zugänglich sein, sodass auch Mädchen die Schule besuchen sollten. Für den Religionsunterricht verfasste Brenz den ältesten evangelischen Katechismus, weitere wichtige Schriften aus seiner Hand sollten folgen. Denn 1534 wirkte Brenz bei der Reformation in Württemberg im Auftrag von Herzog Ulrich, für den er auch an der Universität Tübingen tätig wurde. Wie sich Luther in reichpolitischen Sphären Feinde gemacht hatte, so musste sich auch Brenz zeitweise unter dem Schutz des Württembergischen Landesherren und unter falschem Namen auf den Burgen Hohenwittlingen und Hornberg versteckt halten. Für Herzog Christoph von Württemberg wurde Brenz zum wichtigsten theologischen Berater, dessen Struktur die evangelische Kirche Württemberg noch heute prägt. 1553 wurde er zum Probst der Stuttgarter Stiftskirche, in der er auch begraben wurde.

Johannes Calvin (1509–1564)

Der Genfer Reformator Johannes Calvin gilt als geistiger Vater der reformierten Kirche. Nach ihm wurde die Ausrichtung des Calvinismus benannt, die vor allem in der reformierten Kurpfalz ausgeprägt war. Bereits während des Studiums in Paris und Orléans wendete sich Calvin verstärkt der biblischen Lektüre, aber auch den Schriften Luthers zu. Als Prediger in Genf und Straßburg kehrte er sich der evangelischen Prägung des Christentums zu. Auch mit der Ehelichung von Idelette de Bure folgte Calvin den neuen Ideen. In Genf gründete er eine Universität, die europaweit evangelisch gebildete Theologen prägen sollte. Obwohl er in Luther einen gemeinsamen Vertreter gegen die „Papisten“ sah, lehnte er dessen Vorstellung vom Abendmahl ab. Die von Johannes Calvin beeinflusste evangelische Kirche formte reformierte Gemeinden in vielen Regionen. Auch in Baden-Württemberg – vor allem in den heute badischen Landesteilen ist die reformierte Kirche vertreten. Nicht selten finden sich daher auch Darstellungen von Johannes Calvin in Kirchenräumen.

Martin Luther (1483–1546)

Nach Studien an der Erfurter Artistenfakultät trat der Jurastudent Martin Luther als Mönch in den Orden der Augustinereremiten ein. Später wurde er Priester, dann Doktor der Theologie und zuletzt übernahm er eine Professur für biblische Lektüre in Wittenberg. Berühmt jedoch wurde der aus Mansfeld stammende Luther durch seine Kritik am Ablasswesen und an der Papstkirche von 1517, die er auf reichspolitischer Ebene verteidigte und wiederholte. Diese Geschehnisse führten ihn auch in die Kurpfalz, nach Heidelberg (1518) und auf den Reichstag zu Worms (1521). Martin Luther übersetzte die Bibel in die Volkssprache und machte das Gotteswort damit dem Volk zugänglicher. Die von ihm ausgelöste Reformation sollte die Glaubenswelt stark beeinflussen. Noch heute wird Martin Luther daher als dem ersten Reformator überhaupt gedacht, selbst wenn umstritten ist, ob Luther eine Kirchenspaltung überhaupt vorgesehen hatte. Das Luthergedenken begann bereits im 17. Jahrhundert, vermischte sich bald mit einen Gedenken an die Reformation und folgte je nach Zeit unterschiedlichen Ideologien und Zielen.

Kurfürst Ottheinrich (1502-1559)

Kurfürst Ottheinrich trat 1556 als Nachfolger Friedrich II. die Regierung in der Kurpfalz an. Es handelte sich damals um eines der bedeutendsten und größten Territorien im deutschen Südwesten. Obwohl er nur drei Jahre, von 1556 bis 1559, als Kurfürst regierte, vollzog sich die offizielle Einführung der Reformation genau in diesem Zeitraum. Ottheinrich ist auch deshalb eine der wichtigen Persönlichkeiten der Reformationszeit, da es ihm gelang, Heidelberg als kulturelles Zentrum der Kurpfalz zu voller Blüte zu führen. Für ihn wurde der Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses errichtet. Ottheinrichs später Einsatz in Sachen Reformation ist besonders bemerkenswert, da er noch zu Beginn Luthers Handelns als Anhänger des Papstes und als wallfahrender Reisender in Erscheinung tritt. Damals war er Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg (von 1505-1559). Im Jahr 1521, an dem Tag, an dem Luther vor dem Reichstag in Worms stand, machte sich Ottheinrich mit einem kleinen Gefolge von Worms aus auf eine Pilgerfahrt ins Heilige Land. Ein erstes äußeres Zeichen für Ottheinrichs Hinwendung zum evangelischen Glauben ist die 1538 errichtete Hofkapelle, die spätere Hofkirche und heutige Schlosskapelle in Neuburg. Dieser Glaubenswandel geht einher mit der Abkehr von seinen katholischen Verwandten in München und der Hinwendung zu den lutherischen Verwandten in der Pfalz. Mit Begeisterung schrieb er aus Heidelberg an Melanchthon, „nun wolle er die ware christliche religion in allen Städten, Flecken und Dörfern, wie es schon vorher durch ihn geschehen sei, wieder aufrichten vnnd von dem eingerissnen verfuererischen Irrhumb vnnd abgöttery auf die rechte ban füren“

 

Markgraf Karl II. von Baden-Durlach (1529–1577)

Durch Erbteilung entstanden 1535 die Markgrafschaften Baden-Baden und Baden-Durlach aus der Markgrafschaft Baden. Die Markgrafschaft Baden-Durlach umfasste ein Gebiet um die Städte Pforzheim und Durlach sowie die Markgrafschaft Hachberg um Emmendingen und das heutige „Markgräfler Land“. In der Durlacher Linie ließ Markgraf Karl II. – infolge des Augsburger Religionsfriedens – am 1.6.1556 eine neue Kirchenordnung verkünden und führte damit die Reformation nach lutherischem Bekenntnis ein. Die Linie Baden-Baden blieb hingegen auf Weisung des Markgrafen Philibert von Baden-Baden katholisch. Beide Markgrafen hatten sich auf dem Reichstag am 25.9.1555 sehr für den Augsburger Religionsfrieden eingesetzt, der es den weltlichen Regenten freistellte, die Religion im eigenen Territorium zu bestimmen. Die Entscheidung in Baden-Durlach für das evangelische Bekenntnis war auf Drängen Herzog Christophs von Württemberg gefallen, der seinen theologischen Berater Jacob Andreä für die Kommission zur Abfassung der Kirchenordnung bereitstellte. So übernahm man weitgehend die Kirchenordnung Württembergs. Karl II. wurde in der Folge zum ersten evangelischen Landesbischof in der Markgrafschaft. 1565 verlegte er seine Residenz von Pforzheim nach Durlach und ließ das dortige Jagdschloss zur Residenz ausgebaut. Auch ließ er hier – aus Mitteln des ehemaligen Klosters Gottesaue – eine Schule gründen, die ausschließlich Knaben in Religion, Latein und Griechisch unterrichten und damit einen Beitrag zur Ausbildung angehender Pfarrer leisten sollte. Nach dem Tod Karls II. wurde das Herrschaftsgebiet auf seine Söhne Ernst Friedrich (1560–1604), Jakob III. (1562–1590) und Georg Friedrich (1573–1638) aufgeteilt. Die drei Brüder prägten die Konfessionalisierung Badens in besonderer Weise: Nur Georg Friedrich blieb lutherisch. Ernst Friedrich trat zum Calvinismus über und Jakob III. konvertierte 1590 nach dem Emmendinger Religionsgespräch zum katholischen Glauben.

Philipp Melanchthon (1497–1560)

Philipp Melanchthon war ein überregional agierender Gelehrter im Dienste der Reformation, dessen Wurzeln in Baden-Württemberg liegen. Er wurde unter dem bürgerlichen Namen Schwartzerdt 1497 in Bretten geboren. Seinen ins Griechische übersetzten Namen Melanchthon erhielt er 1509 vom Humanisten Johannes Reuchlin. Seine humanistische Ausbildung erfolgte mit Unterstützung Reuchlins im Studium in Heidelberg und Tübingen. 1518 wechselte Melanchthon als mittlerweile geübter Hochschullehrer nach Wittenberg, um dort Griechisch zu unterrichten. In Wittenberg traf er auf Martin Luther und begann sein aktives Wirken für die Reformation. 1530 war er auf dem Augsburger Reichstag, vertrat dabei die evangelische Theologie und eine mäßige Umsetzung der Reformation, deren Ziel die Einheit der christlichen Kirche war. Dabei verfasste er die wichtige Schrift des Augsburger Bekenntnisses (Confessio augustana). Schwerpunkt seines Handelns blieb jedoch das Bildungswesen, was ihm den Namen „Praeceptor Germaniae“ (Lehrer Deutschlands) einbrachte. Aufgrund seiner Organisation des Gymnasialunterrichts in den evangelischen Territorien sowie durch das Verfassen handlicher Lehrbücher ist der Einfluss Melanchthons auf das Bildungssystem nachfolgender Jahrhunderte tiefgreifend. 

Huldrych Zwingli (1484–1531)

Der Schweizer Reformator Huldrych Zwingli ist Mitbegründer der reformierten Kirche. 1506 wurde er zum Priester geweiht, 1518 berief man ihn als Prediger nach Zürich ans Großmünsterstift. Bereits früh kehrte er sich dabei von der offiziellen katholischen Lehre ab. Fortan predigte er das Evangelium, übersetzte die Bibel in die Volkssprache, lehnte sich gegen die Fastengebote auf und gründete eine Familie. Er ließ das Abendmahl nach reformierter Prägung einführen – eine Sichtweise auf das Sakrament, die sich nicht nur von den Auffassungen der Amtskirche, sondern auch von jenen Luthers stark unterschied. Auch sorgte er für die Auflösung der Klöster und ließ Bilder aus den Kirchen entfernen. 1525 war die Reformation in Zürich und dem Umland durchgesetzt. In der alten Eidgenossenschaft führte diese Entwicklung sogar zu kriegerischen Entwicklungen zwischen reformierten und katholischen Städten, so etwa 1531 in Kappel bei Albis. Auch Zwingli war einer der dabei getöteten 25 Geistlichen. Doch sein gedankliches Werk setzte sich auch nach seinem Tod bis weit über die Landesgrenzen fort. Gerade die schweizerisch-oberdeutsche Reformation, die sich auch in den südlichen Landesteilen des heutigen Baden-Württembergs durchsetzte, ist von den grundlegenden und energischen Ideen Zwinglis geprägt.

Reformationsdenkmal von 1917 nach Plänen von Theodor Fischer
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Reformationsdenkmal von 1917 nach Plänen von Theodor Fischer
Reformationsdenkmal von 1917 nach Plänen von Theodor Fischer

LAD: Katharina Wilke

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Reformationsdenkmal von 1917 nach Plänen von Theodor Fischer

Das Denkmal wurde 1917 aus Anlass der Vierhundertjahrfeier der Reformation am Stuttgarter Hospitalhof aufgestellt. Das Reformationsdenkmal ist nach Plänen Theodor Fischers durch den Bildhauer Jakob Brüllmann gefertigt und zeigt den auferstandenen Christus, flankiert von Martin Luther und Johannes Brenz. Inschriften und Bilder nehmen Verweis auf das Reformationsgeschehen. Das Denkmal wurde während des Ersten Weltkriegs am 24. Juni 1917, dem Geburtstag von Johannes Brenz, eingeweiht und der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Stuttgart als Eigentum übertragen. Das Denkmal ist gemeinsam mit der Ruine der ev. Hospitalkirche als Sachgesamtheit ein Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung.


Begründung: Als „Reformationsdenkmal“ handelt es sich um ein Kulturdenkmal der Reformation. Die Intention sowie der Zeitpunkt der Aufstellung verweisen ebenso auf die Reformation wie die Inschriften, die Reliefbilder und die dargestellten Personen.

Evangelische Mauritiuskirche in Aldingen (Lkr. Tuttlingen)
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Evangelische Mauritiuskirche in Aldingen (Lkr. Tuttlingen)
Evangelische Mauritiuskirche in Aldingen (Lkr. Tuttlingen)

LAD: Aufnahme Meyder

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Evangelische Mauritiuskirche in Aldingen (Lkr. Tuttlingen)

Die heutige Mauritiuskirche, eine Saalkirche mit Apsis, wurde 1720 über Vorgängerkirchen erbaut. Der Turm stammt aus dem Jahr 1593. Im Kirchenbau haben sich historische Ausstattung und Zubehör erhalten. Im Schiff und im Chor finden sich barocke Wandmalereien von 1736: Zwischen Apostelfiguren und der Dreiergruppe aus Petrus, Maria und Christus ist hier auch eine Darstellung Martin Luthers in Form eines Reliefs an der Chorbogenwand angebracht, direkt neben der Kanzel aus dem Jahr 1720. Bei einer archäologischen Ausgrabung im Jahr 1967 durch das damalige Staatliche Amt für Denkmalpflege Stuttgart, Referat Archäologie des Mittelalters, konnte eine auffällig hohe Anzahl an schweizer Münzen dokumentiert werden, die im 15. Jahrhundert geprägt und später hier verloren wurden. Die Fundgruppe weist damit auf enge Beziehungen zwischen Aldingen und der Schweiz, vor allem mit Bern hin. Dies ist besonders interessant, weil ein bedeutender Kirchenmann der Reformation in Bern, Berthold Haller (1492–1536), aus Aldingen stammte.


Begründung: Die Mauritiuskirche ist ein beachtenswertes Zeugnis der Reformation, da sowohl die Reformationszeit wie die spätere Reformationserinnerung ihre Spuren im, am und unter dem Gebäude hinterlassen haben. Neben der Darstellung Luthers von 1736 sind dies vor allem die Funde von Berner Münzen unter dem Kirchenboden. Berthold Haller, ein berühmter Sohn Aldingens, ging als Reformator in die Schweiz und war dort in Bern tätig.

Die Umnutzung des Chores in der Tübinger Stiftskirche zur herzoglichen Grablege
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Die Umnutzung des Chores in der Tübinger Stiftskirche zur herzoglichen Grablege
Die Umnutzung des Chores in der Tübinger Stiftskirche zur herzoglichen Grablege

LAD: Aufnahme Hell.

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Die Umnutzung des Chores in der Tübinger Stiftskirche

Die Tübinger Stiftskirche ist eng mit den historischen Ereignissen der Reformation verknüpft. Die dreischiffige Hallenkirche entstand zwar bereits zwischen 1470–1483 unter Einbezug älterer Bauteile wie dem Turm (vor 1411), doch stellt die Reformation einen bedeutenden Faktor für die Ausbildung und Nutzung des Kirchenbaues in seiner heutigen Form dar. Da als Stiftskirche der Universität genutzt, sind hier sehr früh die Ideen und Personen der Reformation aktiv gewesen. Professoren der evangelischen Fakultät haben sich in Epitaphien verewigt. Durch die Umnutzung des Kirchenraumes im Zuge der Reformation war zudem die Verwendung des Chores als Grabkapelle der württembergischen Herzöge möglich geworden. Das ursprüngliche liturgische Zentrum der Kirche diente nun den weltlichen Trägern der Reformation als Repräsentationsort. Die dort befindlichen Grabmäler nehmen Bezug auf Ruhm, Macht und konfessionelle Identität der Bestatteten.


Begründung: Die Stiftskirche dient Personen und Ideen der Reformation gleichermaßen als Identitätsträger und ist daher ein Kulturdenkmal der Reformation. Vor allem die Umnutzung des Chores als Grablege der Herzöge verdeutlicht die kulturgeschichtlichen Veränderungen als Folge der Reformation.

Der Reformatorenfenster-Zyklus in der ev. Stadtkirche Ravensburg
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Der Reformatorenfenster-Zyklus in der ev. Stadtkirche Ravensburg
Der Reformatorenfenster-Zyklus in der ev. Stadtkirche Ravensburg

LAD: Aufnahme Geiger-Messner

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Der Reformatorenfenster-Zyklus in der ev. Stadtkirche Ravensburg

Der Glasfensterzyklus mit Darstellungen bedeutender Persönlichkeiten der Reformation wurde 1862/1863 im Zuge einer Restaurierung der evangelischen Stadtkirche von Ravensburg eingebracht. Neben Reformatoren und weltlichen Herrschern des süddeutschen Raumes, sind auch überregional bedeutende Personen gezeigt. So finden sich Martin Luther, Johannes Brenz, Philipp Melanchthon, Huldrych Zwingli sowie Herzog Christoph von Württemberg, Friedrich der Weise von Sachsen sowie der schwedische König Gustav Adolf. Es handelt sich um das Bildmotiv der „Reformatorischen Helden“ in der Gattung der Glasmalerei im sakralen Kontext. Bedeutsam ist die Entstehung des Zyklus im Zusammenhang mit bürgerlicher wie adliger Stiftungstätigkeit.


Begründung: Der Reformatoren-Glasfensterzyklus ist ein besonders frühes Beispiel für ein Erinnerungsmal der Reformation in Form von Glasmalerei. Der Umfang dargestellter Persönlichkeiten der Reformation, der neben Reformatoren auch weltliche Herrscher beinhaltet, ist Zeugnis von reformationszeitlichen Netzwerken wie von historisierender Geschichtsschreibung der Reformation gleichermaßen.

Die Zehntscheuer in Neufra (Lkr. Sigmaringen)
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Die Zehntscheuer in Neufra (Lkr. Sigmaringen)
Die Zehntscheuer in Neufra (Lkr. Sigmaringen)

LAD: Aufnahme Franzke

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Die Zehntscheuer in Neufra (Lkr. Sigmaringen)

Die 1543 errichtete Zehntscheuer in Neufra ist ein Monument der Reformation. Dies wird erst auf den zweiten Blick ersichtlich: Denn ein kleines Fenster in der südlichen Giebelfassade erinnert an die ehemalige Friedhofskapelle St. Nikolaus, die bereits 1332 erwähnt, im Zuge der Reformation im Jahre 1543 teilabgebrochen und in die neu errichtete Zehntscheuer integriert wurde. Der Fachwerkbau auf massivem Erdgeschoss ist mit repräsentativen Formen versehen und verdeutlicht so, selbst nach der Rekatholisierung des Ortes im Jahr 1547, den Triumph einer weltlichen Herrschaft über die Kirche in seinen bleibenden materiellen Folgen.


Begründung: Aufgrund von Umnutzung einer Kapelle in der Folge der Reformation ist die Zehntscheuer ein Zeugnis des kulturgeschichtlichen Wandels. Das Monument belegt eindrücklich das Einziehen und Verändern von Kirchengütern im ab 1534 lutherisch-reformierten Neufra, einem Herrschaftsgebiet des Württembergischen Herzogs Ulrich.

Ev. luth. Providenzkirche in Heidelberg
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Ev. luth. Providenzkirche in Heidelberg
Ev. luth. Providenzkirche in Heidelberg

LAD: Aufnahme Gattner

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Ev. luth. Providenzkirche in Heidelberg

Die Providenzkirche ist als erster protestantischer Kirchenneubau in Heidelberg ein Monument der Reformation. In der Kurpfalz wurde unter Kurfürst Ottheinrich 1556 die Reformation eingeführt. Nach Bestätigung des Rechts auf freie Religionsausübung entschieden sich die Heidelberger Lutheraner im Jahr 1650 gegen den Wiederaufbau der Ruine des ehemaligen Dominikanerklosters in der Vorstadt als eigenes Gotteshaus. Stattdessen errichteten sie auf dem Nachbargrundstück einen völligen Neubau, der sich an Vorgaben aus Architekturtraktaten jener Zeit orientierte, z. B. Josef Furttenbach (1591–1667). Motiviert von der Herausforderung, einen ihrer Konfession angemessenen Bautyp zu erschaffen, entstand dabei eine vorerst turmlose Saalkirche.


Begründung: Die Providenzkirche ist ein Monument der Reformation. Es verdeutlicht die seit der Reformation andauernden Bestrebungen um die Errichtung eines neuen, der Konfession angemessenen, Bautyps. Als erster protestantischer Kirchenneubau in Heidelberg kommt der Kirche zudem eine bedeutende Rolle in der städtischen Reformationsgeschichte zu.

Dreh-Heiliger in der Kapelle des Heidelberger Mark Twain Village
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Dreh-Heiliger in der Kapelle des Heidelberger Mark Twain Village
Dreh-Heiliger in der Kapelle des Heidelberger Mark Twain Village

LAD: Aufnahme Mertens

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Dreh-Heiliger in der Kapelle des Heidelberger Mark Twain Village

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen mit den Alliierten nicht nur Soldaten sondern auch Gläubige nach Deutschland. Auch aus internationaler Perspektive spielten die Folgen der Reformation eine prägende Rolle. Die 1951 nach Plänen des Architekten Emil Serini erbaute moderne Umsetzung einer Simultankirche entstand als Kapelle für die US-amerikanische Siedlung für Soldaten und deren Familien. Das Gotteshaus des Mark Twain Village in Heidelberg, spiegelt die pluralistische Konfessionskultur der US-Streitkräfte wider, die sich aus Protestanten, Katholiken, Juden, Griechisch-Orthodoxen und Muslimen zusammensetzen. Der Kirchenraum ist durch die wandlungsfähige Ausstattung mit religiöser Symbolik für eine konfessionsneutrale Nutzung bestimmt. Die gezeigte Heiligenfigur ist als mobiles Element gearbeitet, das durch Drehung leicht zur neutraleren Kreuzdarstellung wandelbar oder gänzlich aus der Wandaufhängung abnehmbar ist.


Begründung: Die Ausstattung der US-amerikanischen Kapelle ist ein modernes Beispiel für die konfessionsübergreifende Nutzung von Simultankirchen, wie sie sich im Zuge der Reformation etablierte. Als Zeugnis einer pluralistischen Konfessionskultur ist diese Ausstattung ein Monument der Reformation.

Geburtshaus von Johannes Brenz in Weil der Stadt
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Geburtshaus von Johannes Brenz in Weil der Stadt
Geburtshaus von Johannes Brenz in Weil der Stadt

LAD: Aufnahme Hahn

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Geburtshaus von Johannes Brenz in Weil der Stadt

Beim Geburtshaus des Reformators Johannes Brenz (1499–1570) handelt es sich um einen freistehenden spätmittelalterlichen Fachwerkbau mit Verblattungen auf massivem Erdgeschoß mit Buntsandstein-Gewänden und Eckquaderungen. 1875 erfolgte eine grundlegende Erneuerung, bei der das Wohnhaus zeitgenössisch überarbeitet wurde. Trotzdem stellt das Gebäude ein anschauliches Zeugnis für ein Bürgerhaus des 15. Jahrhunderts in Weil der Stadt dar und ist als Geburtshaus des Reformators von großer Bedeutung.


Begründung: Das spätmittelalterliche Fachwerkhaus ist, trotz Veränderungen des 19. Jahrhunderts, als Wohnhaus des bedeutenden Reformators Johannes Brenz eine historische Wirkungsstätte der Reformation.

Der Crailsheimer Rathausturm von 1717
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Der Crailsheimer Rathausturm von 1717
Der Crailsheimer Rathausturm von 1717

LAD, Aufnahme Gommel

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Der Crailsheimer Rathausturm von 1717

In Crailsheim (Lkr. Schwäbisch Hall) entstand zwischen 1717–1719 der Rathausturm als monumentaler das Stadtbild prägender Bau in barocken Formen. Eine  Inschriftentafel über dem Eingang nennt als Intention der Turmerrichtung das Reformationsgedenken des Jahres 1717. Über Schriftquellen lässt sich dieser Zusammenhang jedoch nicht belegen, sodass unklar bleibt, ob der hier gesetzte Bezug zum Reformationsjubiläum zeitgenössisch ist oder im Nachhinein hinzugefügt wurde. Die bestehende Inschrift jedenfalls verweist auf den 200. Jahrestag der Reformation als Motivation für die Errichtung des Turmes und erinnert an den Pfarrer und Dekan Adam Weiß, der ab 1522 in Crailsheim die evangelische Lehre einführte. Der ursprünglich 57,5 m hohe Rathausturm wurde laut Inschrift im Auftrag Markgraf Friedrich Wilhelms von Brandenburg-Ansbach durch den Obrist-Baumeister von Zocha erbaut. Auch über diesen historischen Zusammenhang bestehen in der Forschung jedoch mittlerweile begründete Zweifel. Sicher ist, dass der Turm nach Brandzerstörung 1835 und Kriegszerstörung 1945 im Jahr 1949 bis zum Viereckkranz wiederhergestellt und 1962 sowie 1980 weiter ausgebaut wurde.



Begründung: Als „Reformationsdenkmal“ handelt es sich um ein Kulturdenkmal der Reformation. Die Inschriftentafel verweist - wahrscheinlich als spätere Zutat - auf das Reformationsjubliäum 1717. Die hier erkennbare Reformationsrezeption schließt auch den ortsansässigen Reformator Adam Weiß ein.

Das erste evangelische Pfarrhaus in Württemberg
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Das erste evangelische Pfarrhaus in Württemberg
Das erste evangelische Pfarrhaus in Württemberg

LAD, Aufnahme Hahn

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Das erste evangelische Pfarrhaus in Württemberg

In Markgröningen entstand 1535/1544 das erste evangelische Pfarrhaus in Württemberg. Bei dem Kulturdenkmal handelt sich um einen Pfarrhof, der als Sachgesamtheit aus dem Hauptbau, dem Waschhaus des 18. Jahrhunderts, dem Pfarrgarten (Flst.Nr. 67) und aus Resten einer Ummauerung besteht. Das Pfarrhaus ist ein über hohem Bruchsteinsockel in Fachwerk errichteter repräsentativer Bau mit profiliertem Rundbogenportal zum Kirchplatz. Am Untergeschoss des Pfarrhauses findet sich eine frühe Darstellung des Württemberger Wappens in Stein gemeißelt. Das Wappen über der alten Eingangstür verweist auf den Einfluss Herzog Ulrichs von Württemberg bei der Entstehung des Gebäudes. Die dortige Inschrift „VDMIAE“ („Verbum Domini Manet In Aeternum“ - Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit) ist als konfessionelle Botschaft zu lesen. In späterer Zeit wirkte hier der Stadtpfarrer und Historiker Ludwig Heyd (1824–1842).


Begründung: Als erstes evangelisches Pfarrhaus in Württemberg, ist der Fachwerkbau als Monument ein Kulturdenkmal der Reformation. Das Wappen über dem alten Zugang trägt mit der Inschrift „VDMIAE“ eine konfessionelle Aussage und ist eng an Herzog Ulrich von Württemberg gebunden, der 1534 die Reformation einführte.

Lutherlinde von 1883
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Lutherlinde von 1883
Lutherlinde von 1883

LAD, Aufnahme Otto

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Lutherlinde von 1883

Im Jahr 1883 wurden überall in Deutschland Denkmale anlässlich des 400. Geburtstages Martin Luthers errichtet. Neben Kirchenausstattung und Standfiguren im öffentlichen Raum wurden dabei auch Bäume gepflanzt. Meistens handelt es sich um Eichen, seltener um Linden. Die Idee entstand wohl in Anlehnung an die Luthereiche in Wittenberg, an deren Standort Luther 1520 sein Exemplar der päpstlichen Bannandrohungsbulle verbrannt haben soll. In Obersulm-Affaltrach (Lkr. Heilbronn) wurde eine Linde auf dem Kirchhof gepflanzt. Zusammen mit der Johanneskirche und dem Kirchhof ist der Baum als Sachgesamtheit ein Kulturdenkmal. Weitere Bäume, die im Gedenken an Martin Luther 1883 in Baden-Württemberg gepflanzt wurden, finden sich u.a. in Bad Liebenzell (Lkr. Calw), Bitz (Zollernalbkreis) oder Nürtingen (Lkr. Esslingen).


Begründung: Die Lutherlinde wurde in Gedenken an Martin Luther 1883 anlässlich des 400. Geburtstages des Reformators angepflanzt. Es handelt sich daher um ein Erinnerungsmal der Reformation.

Melanchthonhaus in Bretten
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Melanchthonhaus in Bretten
Melanchthonhaus in Bretten

LAD: Aufnahme Hausner

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Melanchthonhaus in Bretten

An der Stelle des Hauses, in dem Philipp Melanchthon 1497 geboren wurde, errichtete man in Bretten Ende des 19. Jahrhunderts als Gedenkstätte für den Reformator das Melanchthon-Gedächtnishaus. Dem 1689 abgebrannten Geburtshaus folgte auf der Parzelle ein 1705 errichtetes Doppelhaus, welches 1896 abgebrochen wurde, um den Neubau als Gedenkstätte zu ermöglichen. Es handelt sich dabei um einen zwischen 1897 und 1903 errichteten prachtvollen Sandsteinbau im Stil der Neugotik. Das Gebäude entstand nach Plänen des Architekten Hermann Billing, für die Innenausstattung zeichnete sich Wilhelm Jung (Durlach) verantwortlich. Prägend für das Konzept der Gedenkstätte, die über Skulpturen der wichtigsten Reformatoren und ein aufwendiges Bildprogramm verfügt, war der evangelische Kirchenhistoriker und Christliche Archäologe Nikolaus Müller (Karlsruhe/Berlin). Dieser wünschte einen „Monumentalbau von edler Schönheit, bestimmt, eine Gedächtnishalle und ein Museum aufzunehmen. Im Erdgeschoss soll ein mit Statuen und Gemälden geschmückter weiter Raum die Helden der Reformation und die besonderen Verdienste Melanchthons vor Augen und Seele führen, das Obergeschoss soll eine Sammlung von Erinnerungen an den grossen Mann, handschriftliche Aufzeichnungen von seiner Hand, Gemälde, Kupferstiche, Holzschnitte, Medaillen und sein Bild usw., vor allem die noch nirgends in der Welt auch nur annähernd vollständig gesammelten gedruckten Werke von ihm, über ihn, sowie die Schriften seiner Freunde und Gegner, vereinigen” (Festschrift 1903, S. 42).


Begründung: Das Melanchthon-Gedächtnishaus ist ein eindrückliches Beispiel für das Gedenken an die Reformation und ihre Protagonisten am Ende des 19. Jahrhunderts. Als Platz dieser Gedenkstätte dient der ursprüngliche Standort des Geburtshauses von Philipp Melanchthon. Es handelt sich daher sowohl um eine Wirkungsstätte als auch einen Erinnerungsort der Reformation. Aufgrund der starken Überprägung des 19. Jahrhunderts ist das Gebäude heute vor allem als Erinnerungsmal der Reformation anschaulich.

Lutherfigur (um 1900) an der spätgotischen Kanzel
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Lutherfigur (um 1900) an der spätgotischen Kanzel
Lutherfigur (um 1900) an der spätgotischen Kanzel

Bild Holder

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Lutherfigur (um 1900) an der spätgotischen Kanzel

Bei dieser Kanzel von 1509 handelt es sich um ein vorreformatorisches Ausstattungselement der Amanduskirche in Bad Urach (Lkr. Reutlingen). Obwohl die Predigt und mit ihr die Kanzel für den evangelischen Gottesdienst besondere Bedeutung hat, wurde die kunstvolle Kanzel aus vorreformatorischer und damit aus katholischer Zeit nicht ersetzt, sondern über Jahrhunderte weiterverwendet. Bei einer Restaurierung um 1900 jedoch wurde das Figurenpersonal der Kanzel verändert. Man ersetzte eine der 35 cm hohen Standfigurinen der Kirchenväter am Kanzelkorb durch die Figur Martin Luthers. Gezeigt ist Luther als junger Mönch mit Tonsur. Damit wurde die vorreformatorische Kanzel beinahe unbemerkt zu einem Denkmal an die Reformation umgewidmet. Dass dies durchaus absichtlich geschah, zeigen weitere zeitgleiche kunstvolle Ergänzungen mit Reformationsbezug an der Amanduskirche wie die Skulpturen von Herzog Christoph von Württemberg (1905) oder später Primus Truber (1986).


Begründung: Die Veränderung an der Kanzel im Zuge der Restaurierungen ist Teil der verstärkten Reformationsrezeption um 1900. Die spätmittelalterliche Kanzel wurde so zum Erinnerungsmal eines Luthergedenkens und damit zum Zeugnis der Reformation.

Evangelisches Schulhaus von 1838
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Evangelisches Schulhaus von 1838
Evangelisches Schulhaus von 1838

LAD: Aufnahme RP Karlsruhe

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Evangelisches Schulhaus von 1838

Wieso ist ein in klassizistischen Formen erbautes Schulhaus ein Denkmal der Reformation? Im Zuge der konfessionellen Teilung wurden nicht nur getrennte Kirchen sondern auch getrennte Schulen gebaut. In der Kurpfalz, im nördlichen Teil des Großherzogtum Badens waren es sogar drei Konfessionen – katholisch, lutherisch und reformiert – die sich miteinander arrangieren mussten. In Baden kam es 1821 zur Vereinigung der lutherischen und der reformierten Kirche zur evangelischen Kirche. Als direkte Folge wurde in Epfenbach (Rhein-Neckar-Kreis) im Jahr 1838 ein neues gemeinsam genutztes evangelisches Schulhaus erbaut. Eine Inschriftentafel im übergiebeltem Nischeneingang bedient sich einem an der Nutzung und der konfessionellen Zuordnung orientierten Zitat aus den Evangelien „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ ((Mt 19,13–15; Mk 10,13–16; Lk 18,15–17). Zur ehemaligen Schule, die heute als Heimatmuseum genutzt wird, gehörten die bauzeitliche Einfriedung, Scheune und Schuppen.

 


Begründung: Das Schulgebäude des 19. Jahrhunderts belegt als eindrückliches Zeugnis des Alltags die Auswirkungen der Unierung von 1821, mit der sich die lutherische und die reformierte Kirche zur evangelischen Kirche zusammenschlossen. Das Gebäude ist daher als Monument ein Kulturdenkmal der Reformation.

Der erste evangelische Kirchenbau im württembergischen Allgäu
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Der erste evangelische Kirchenbau im württembergischen Allgäu
Der erste evangelische Kirchenbau im württembergischen Allgäu

LAD: Aufnahme Kuttler

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Der erste evangelische Kirchenbau im württembergischen Allgäu

Die evangelische Dreifaltigkeitskirche in Leutkirch (Lkr. Ravensburg) ist der erste evangelische Kirchenbau im württembergischen Allgäu. Im Jahr 1562 schloss die ehemalige Reichsstadt Leutkirch einen Vertrag mit dem Kloster Weingarten, der den mit der Reformation verbundenen Glaubenskampf beenden sollte. Der katholischen und der evangelischen Gemeinde wurde dabei jeweils ein eigener Kirchenraum zugeteilt. Da die den evangelischen Gläubigen zugeordnete Spitalkapelle nicht ausreichte, beschloss der Rat der Stadt 1613 die Errichtung einer neuen Kirche unter Einbezug des alten Turmes von 1485. Der Neubau wurde 1613 bis 1615 von Daniel Schopf nach Vorbild der von Heinrich Schickhardt begründeten Predigtsaalkirche ohne Chor ausgeführt. Im 19. Jahrhundert erfolgte ein neugotischer Umbau zur dreischiffigen Halle durch Gottlieb Pfeilsticker, der bis auf einige Ausstattungsstücke 1971/72 wieder zurückgenommen wurde.


Begründung: Die Dreifaltigkeitskirche ist als erster evangelischer Kirchenbau im württembergischen Allgäu ein Zeugnis der Reformationsgeschichte. Architektonisch ist der Bau an einem von Heinrich Schickhardt begründeten Bautypus orientiert und damit ein Beitrag zur evangelischen Kirchenbautradition.

Evangelisches Pfarr- und Gemeindehaus mit Bildnissen der Reformatoren
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Evangelisches Pfarr- und Gemeindehaus mit Bildnissen der Reformatoren
Evangelisches Pfarr- und Gemeindehaus mit Bildnissen der Reformatoren

LAD: Aufnahme Kaiser

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Evangelisches Pfarr- und Gemeindehaus mit Bildnissen der Reformatoren

Bald nach der Fertigstellung der Christuskirche in Freiburg im Breisgau errichtete die Architekturfirma Walter, Jacobsen & Co. 1895/1896 das zugehörige Pfarr- und Gemeindehaus. Die zweigeschossige Zweiflügelanlage ist in repräsentativen Formen gestaltet. An der Fassade finden sich die Bildnisse von Luther, Melanchthon, Zwingli und Calvin in Form von Büstenreliefs mit Inschriften. Die Inschriften unter den einzelnen Büsten sind der Bibel entnommen und werden zudem den einzelnen Reformatoren zugeordnet. So ist Luther beispielsweise der Beginn des auf ihn zurückgeführten Kirchenliedes „Ein feste Burg ist unser Gott“ zugeordnet, das auf eine Übersetzung von Psalm 46 verweist. Das Lied ist für evangelische Institutionen von großer Symbolkraft und wurde um 1900 mehrfach an Gebäuden angebracht. Das Pfarr- und Gemeindehaus ist zusammen mit der Christuskirche und einschließlich umgebender Grünfläche als Sachgesamtheit ein Kulturdenkmal.


Begründung: Das Pfarr- und Gemeindehaus ist aufgrund seiner Reformatorendarstellungen sowie den Inschriften mit konfessioneller Symbolik ein Kulturdenkmal der Reformation.

Der Kirchenraum in Dettingen am Albuch
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Der Kirchenraum in Dettingen am Albuch
Der Kirchenraum in Dettingen am Albuch

©Bildarchiv Marburg

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Predigen in einer Reihe mit den Reformatoren: Der Kirchenraum in Dettingen am Albuch

Die evangelische Kirche in Dettingen am Albuch bei Gerstetten (Lkr. Heidenheim) ist durch eine konfessionell geprägte Innenausstattung gekennzeichnet. Dies ist besonders bemerkenswert, da die Kirche 1769 nach Plänen des fürstlich Taxis'schen Baumeisters Joseph Dossenberger, einem katholischen Kirchenbaumeisters errichtet wurde. Die flachgedeckte Saalkirche verfügt im Innenraum über eine nach dem Ansbacher Prinzip auf die Mittelachse bezogene Anordnung der Primarstücke (Taufstein, Altar, Kanzel). Seitlich des Kanzelaltares imitieren Reliefbildnisse den segmentbogigen Durchbruch der Wandöffnung für den Prediger. Diese Bildnisse stellen Martin Luther und Philipp Melanchthon dar. Der auf der Kanzel stehende evangelische Prediger steht so im wahrsten Sinne des Wortes in einer Reihe mit den großen Protagonisten der Reformation.


Begründung: Die spezifische Raumaufteilung der Primarstücke sowie der von den Bildnissen der Reformatoren Luther und Melanchthon flankierte Kanzelaltar bestimmen den Kirchenraum in seiner konfessionellen Aussage. Der Kirchenbau ist, gerade auch aufgrund des katholischen Baumeisters ein Kulturdenkmal der Reformation.

Gesamtanlage Königsfeld, O. Braasch, Landshut / LAD
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Gesamtanlage Königsfeld, O. Braasch, Landshut / LAD
Gesamtanlage Königsfeld, O. Braasch, Landshut / LAD

LAD: Luftbild_BR (2009)

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Plansiedlung für pietistische „Herrnhuter Brüdergemeine“ in Königfeld im Schwarzwald (Schwarzwald-Baar-Kreis)

Die „Herrnhuter Brüdergemeine“, welche 1727 als protestantisch-pietistische Bewegung in der namensgebenden Siedlung Herrnhut in Sachsen gegründet wurde, ging auf mährische Glaubensflüchtlinge zurück. Noch heute hat die Brüdergemeine als Freikirche Bestand. Mit Erlaubnis des Württembergischen Königs Friedrich I. legte man für die Glaubensgemeinschaft die religiös motivierte Plansiedlung auf einer ehemaligen klösterlichen Verwaltungseinheit an. 1804 kauften Mitglieder der Brüdergemeine den sogenannten Hörnlishof, einen Einzelhof, auf dessen zugehörigen Wirtschaftsflächen zwischen 1806 und 1820 eine planmäßige Siedlung entstand. Diese Siedlung beinhaltete zu Beginn vor allem Bauten mit öffentlicher oder gemeinschaftlich-sozialer Funktion. So finden sich in der Planskizze von Johann Gottfried Schultz u.a. ein Kirchensaal, ein Gasthof (Gemeinlogis), Erziehungsanstalten (Schulen) für Jungen und Mädchen, ein Laden sowie eine Apotheke. Das historische Gründungsareal entstand dabei symmetrisch und axial rings um den zentralen, quadratischen Zinzendorfplatz, der nach dem Gründervater der religiösen Bewegung – Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf – benannt wurde. Die angelegte Bebauung setzt sich aus traufständigen und zweigeschossigen verputzten Fachwerkhäusern zusammen, die kaum über Bauschmuck oder Dekorelementen verfügen. Mit der nach einheitlichem Plan in relativ kurzer Bauzeit entstandenen regelmäßigen Gemeindeanlage – die mit anderen weit entfernten Herrnhuter Siedlungen etwa in Herrnhaag bei Büdingen (Hessen) oder Christiansfeld (Dänemark) vergleichbar ist – und den schlichten Putzbauten verweist das Ortszentrum noch heute auf den religiös motivierten Ursprung der Ansiedlung. Der Ort Königfeld wurde Ende des 19. Jahrhunderts sowie noch im 20. Jahrhundert südlich und westlich des historischen Ortszentrums erweitert. Diese Anschlussbebauung, die vor allem aus Kur- und Bäderhausarchitektur besteht und den Wandel von der Heimstatt pietistischer Siedler hin zu einem Ort der Erholung verdeutlicht, ist ebenso Teil der 1980 auf Veranlassung der Gemeinde ausgewiesenen Gesamtanlage (§19 DSchG).


Begründung: Die Gesamtanlage (§19 DSchG) von Königsfeld im Schwarzwald verdeutlicht die planmäßige Anlage einer Siedlung für die religiöse Gruppierung der pietistischen Glaubensgemeinschaft der „Herrnhuter Brüdergemeine“. Die Neugründung verweist auf die intensive Diasporaarbeit der Brüdergemeine, die in ganz Europa und darüber hinaus betrieben wurde.

Ruine des abgebrochenen Klosters Anhausen
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Ruine des abgebrochenen Klosters Anhausen
Ruine des abgebrochenen Klosters Anhausen

LAD: Aufnahme Otto

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Ruine des abgebrochenen Klosters Anhausen

Auf einer Ackerfläche bei Bölgental (Satteldorf, Lkr. Schwäbisch Hall) ragt ein Mauerzug ca. 20 m in die Höhe. Die erhaltenen Reste von charakteristischen Bauformen (Schildbogenansätze und ein polygonaler Konsolstein) und skulpturalem Schmuck (Epitaphien der Bebenburger) verweisen noch heute auf die ehemalige Funktion der sog. Anhäuser Mauer als Kirche hin. Es handelt sich um den letzten obertägigen Überrest der nördlichen Chorwand der Klosterkirche des früheren Pauliner-Eremiten-Klosters aus dem 15. Jahrhundert. Mit der Zerstörung einiger Klostergebäude im Bauernkrieg begann 1525 Niedergang des Klosters. Bereits 1528 untersagten die mittlerweile evangelischen Markgrafen von Brandenburg-Ansbach, die als Fürstentum Ansbach seit 1504 die Schirmvogtei über das Kloster innehatten, die Aufnahme neuer Novizen. Mit dem Tod des letzten Priors 1557 wurde das Kloster schließlich aufgelöst und in einen Pachthof umgewandelt. Ab 1704 erfolgte dann der Abbruch der Kirche, der übrigen Klostergebäude und der wirtschaftlichen Anlage. Die Ausdehnung des ehemaligen Baubestandes und der bewirtschafteten Klosterlandschaft lassen sich im Geländebestand noch heute deutlich erkennen. Aufgrund von im Boden erhaltenen archäologischen Befunden des Klosters zeigen sich im Luftbild deutlich abzeichnende negative Bewuchsmerkmale rund um den vorhandenen Mauerrest, welche die Grundrisse der einstigen Konvents- und Wirtschaftsgebäude erkennbar machen. Auch vom südöstlich gelegenen ehemaligen Klosterweiher hebt sich der Staudamm noch als sichtbarer kleiner Wall in der Topografie des Geländes ab.


Begründung: Die ehemalige Klosteranlage Anhausen ist heute anhand des obertägig erhaltenen Mauerzuges der Kirche, den archäologisch nachweisbaren Funden und Befunden sowie den klosterzeitlichen Geländemerkmalen nachvollziehbar. Gerade aufgrund seiner baulichen Entwicklung – zu der auch der Abbruch der Gebäude gehört – ist die Anlage ein eindrückliches Monument, das die historischen, kultur- und geistesgeschichtlichen Folgen der Reformation verdeutlicht.

Die Häretiker in der Klosterbibliothek von Bad-Schussenried
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Die Häretiker in der Klosterbibliothek von Bad-Schussenried
Die Häretiker in der Klosterbibliothek von Bad-Schussenried

LAD: Aufnahme Widmaier

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Gegenreformation: Die Häretiker in der Klosterbibliothek von Bad-Schussenried

Im katholischen Oberschwaben entschied sich der Prämonstratenserorden beim barocken Neubau und der sinnreichen Ausstattung des Bibliotheksaals des Klosters Schussenried (Lkr. Biberach) in den Jahren zwischen 1756 und 1765 für ein Bildprogramm, dass – ausgehend von der Funktion der Bibliohek und im Dienste der Gegenreformation – die Verteidigung der rechten Glaubenslehre vor Ketzertum und Häresien verbildlichen sollte. Als wichtiges Vorbild diente die Bibliothek des Benediktinerklosters Wiblingen. Man nahm damit ein Thema auf, das seit der Reformation und der Gegenreformation sehr aktuell war: Es ging um die Rechtmäßigkeit des eigenen Glaubens im Gegensatz zu anderen Formen der Glaubensausübung. Das Bildprogramm ist daher als theologisches Manifest zur Bestätigung des einen christlichen Selbstverständnisses zu lesen. Derartige Polemik gabe es in Wort, Schrift und Bild auf allen Seiten der konfessionellen Lager. Die Klosterbibliothek wurde als „geistige Rüstkammer“ und als Ort gelehrsamer Experten dabei jedoch besonders aufwendig inszeniert, obwohl das Programm überhaupt nur von ausgewählten Personen betrachtet werden konnte. Der von West nach Ost längsrechteckig ausgerichtete zweigeschossige Saal ist mit aufwendigen Deckengemälden, kunstvoll verzierten Buchschränken und einer umlaufenden Empore ausgestattet, an deren 16 Doppelsäulen aus rötlichem Stuckmarmor 24 monochrom gefasste Alabasterstuckfiguren aufgestellt sind. Abwechselnd sind hier zum einen mit Kirchenlehrern und anderen geistigen Autoritäten die Verteidiger des katholischen Glaubens dargestellt, zum anderen werden Vertreter des Irrglaubens präsentiert. Diese versinnbildlichen die Häresien und sind jeweils als Zweiergruppe von Putti mit verschiedenen Attributen dargestellt. Gezeigt sind die Aufklärer, die Utraquisten, die Juden, der Islam, die Freimaurer, die Pneumatomachen, die Epikuräer und zuletzt gemeinsam als Vertreter des evangelischen Glauben, die Lutheraner und die Calvinisten. Letztere sind mit großen Halskrausen bekleidet und weisen auf ihre Bücher. Als Ketzer sind sie in großer Verzweiflung wiedergegeben, wie Gestik, Mimik und Körperhaltung verdeutlichen.


Begründung: Das Bildprogramm des barocken Bibliotheksaals des Klosters in Bad Schussenried (Lkr. Biberach) ist ein bemerkenswertes Zeugnis für die religiöse Selbstdarstellung der geistigen Gemeinschaft einer freien oberschwäbischen Reichsabtei zur Zeit der Gegenreformation. Als Monument ist es vor allem vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen um den wahren Glauben zu verstehen, wie sie in Reformation und Gegenreformation geführt worden sind.

Simultankirche in Biberach
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Simultankirche in Biberach
Simultankirche in Biberach

LAD: Aufnahme

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Simultankirche in Biberach

In der Reichsstadt Biberach an der Riß wurde 1531 durch Ratsbeschluss die Reformation gemäß Schweizer Kirchenordnung eingeführt. Die Stadtpfarrkirche des 14. Jahrhunderts wurde damit zunächst von der neuen evangelischen Gemeinde genutzt. Seitenaltäre und auch der katholische Hochaltar wurden dafür entfernt. Als 1548 mit dem Augsburger Interim die kirchlichen Verhältnisse wieder auf kaiserlichen Beschluss geregelt werden sollten, fanden zusätzlich auch katholische Messen im Kirchenraum statt. Seither wird die Kirche von evangelischer wie katholischer Gemeinde, also simultan genutzt. Der Westfälische Friede von 1648 ließ die in Biberach zunächst als Übergangslösung gedachte Situation bestehen. Es handelte sich um eine paritätische Reichsstadt, sodass nicht nur die Kirche sondern auch der Rat damit mehrkonfessionell besetzt war. Evangelische wie katholische Bürger mussten sich auf die paritätische Nutzung der Kirche sowie  die gemeinsame Unterhaltspflicht für den Bau einigen. Für die Ausstattung mit barocken Deckengemälden ab 1746 musste daher bei der Wahl der Bildthemen sowie bei der Vergabe des Arbeitsauftrages ein Konsens zwischen den beiden Gemeinden und den jeweiligen Vertretern des Rates gefunden werden. Das Bildprogramm ist das Resultat eines interkonfessionell geschlossenen Kompromisses und zeigt verschiedene Szenen aus dem Neuen Testament, ohne Themen aufzugreifen, die inhaltlich für eine der beiden Seiten problematisch waren. Auch durch das württembergische Landesgesetz von 1887/1889 wurde dieser sog. Gemeinschaftlichen Kirchenpflege der Status einer rechtsfähigen Stiftung bestätigt. Noch heute verfügt die Kirche über einen anhand der konfessionellen Zuordnung strukturierten Reinigungsplan sowie eine doppelte Stromzähleranlage.


Begründung: Als eine der ältesten Simultankirchen Deutschlands ist die Stadtpfarrkirche in Biberach ein Monument der Reformation. Sie macht die Aushandlungen um und im gemeinsam genutzten Kirchenraum anschaulich.

Kloster und Klosterschule in Maulbronn
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Kloster und Klosterschule in Maulbronn
Kloster und Klosterschule in Maulbronn

LAD: Aufnahme Widmaier

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Kloster und Klosterschule in Maulbronn

Das 1147 gegründete Zisterzienserkloster Maulbronn (Enzkreis) kann auf eine lange Tradition gemeinschaftlicher Nutzung der baulichen Anlage zurückblicken. Bis zur Einführung der Reformation im Herzogtum Württemberg 1534 wurde die Anlage von Mönchen genutzt, belebt und ausgebaut. Zur baulichen Anlage gehörten neben der Klosterkirche und dem Konventsbereich auch Gebäude und Strukturen für die wirtschaftliche Aufrechterhaltung der religiösen Gemeinschaft, etwa ausgeklügelte Teichsysteme oder landwirtschaftliche Nutzflächen. Dieses eingespielte Geflecht aus sakraler und wirtschaftlicher Nutzung wurde durch die Reformation beendet. 1537 flohen Abt und Konvent ins Elsass, von wo aus das Kloster im 12. Jahrhundert gegründet worden war. Das Kloster kam als von Beamten verwaltetes Klosteramt in den Besitz des Landesherrn und wurde 1556 zu einer Klosterschule umgewidmet. Die Gebäude und die Raumstrukturen des Zisterzienserklosters boten ideale Voraussetzungen. Mit dem Schluss der sogenannten Klosterordnung 1556 durch Herzog Christoph war die Verwendung als Bildungsstätte festgeschrieben und im ganzen Herzogtum Württemberg wurden 13 ausgewählte Männerklöster zu evangelisch-theologischen Seminaren umgestaltet. Die neue Nutzung wurde von vielfältigen Neubauten wie dem Fruchtkasten von 1579, dem Jagdschloss von 1588 oder dem Marstall von 1600 innerhalb des ehemaligen Klosterareals begleitet. Mit Konrad Weiß wurde in Maulbronn einer der ehemaligen Konventualen zum Lehrer für die Schüler, denen per Auflage ein anschließendes Studium der evangelischen Theologie am Tübinger Stift und folglich auch eine Laufbahn als künftige evangelische Gelehrte, Beamte oder Pfarrer vorgegeben war. Auch der ehemalige Maulbronner Mönch Valentin Vannius wurde Leiter der evangelischen Klosterschule und ab 1558 zur ihrem ersten evangelischen Abt. Seither und bis heute ist das ehemalige Kloster als Klosterschule in Nutzung. Wo sich zuvor Mönche betätigten und stille Gebete oder fromme Gesänge zu hören waren, prägten nun Jugendliche – zu Beginn wurden ausschließlich junge Männer im Alter von 10 bis 14 Jahren aufgenommen – die Gebäude. Diese Seminaristen hinterließen ihre Spuren im ehemaligen Chorgestühl der Mönche, das nun als Auditorium genutzt wurde oder ritzten ihre Namen in die Mauern der Klosteranlage. Berühmte Schüler der Einrichtung waren u.a. der Astronom Johannes Kepler, der Dichter Friedrich Hölderlin sowie der Schriftsteller Hermann Hesse. Aufgrund der ununterbrochenen Nutzung der Anlage ist das ehemalige Kloster Maulbronn heute die am besten erhaltene mittelalterliche Klosteranlage nördlich der Alpen. Seit 1993 wird der Einzigartigkeit des baulichen Ensembles mitsamt der von den Zisterziensern geprägten Kulturlandschaft durch die Vergabe des UNESCO-Welterbe-Siegels Rechnung getragen.


Begründung: Die Umnutzung des ehemaligen Zisterzienserklosters Maulbronn zu einem evangelisch-theologischen Seminar ist ein eindrückliches Beispiel für ein Kulturdenkmal der Reformation. Als Monument macht das bauliche Ensemble die Veränderungen im Zuge der Reformation begreifbar; die Inschriften der Seminaristen verdeutlichen den neuen Gebrauch der Gebäude auf besonders prägnante Art und Weise.

Die Simultankirche von Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis)
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Die Simultankirche von Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis)
Die Simultankirche von Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis)

LAD: Aufnahme Mertens

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Die Simultankirche von Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis)

Die ehemalige Stiftskirche von Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis) ist eine mittelalterliche Basilika. Der Kirchenbau wurde bereits 1370 bis 1410 als einschiffiger Saal mit 5/8-Chor und seitlichem Chorturm über Vorgängerbauten des 8. und 13. Jahrhunderts errichtet. Das Langhaus erweiterte man um 1468 zu einem dreischiffigen Baukörper, der in Richtung des Marktplatzes verlängert wurde. Diese Erweiterung der mittelalterlichen Kirche bezeugt die Bedeutung des Stifts, wie sie auch an Ausstattungselementen wie Wandmalereien des 15. Jahrhunderts, einer Kanzel von 1468 sowie zahlreichen Grabplatten ablesbar geblieben ist. Mit der Einführung der Reformation in der Kurpfalz durch Kurfürst Ottheinrich entstand 1564 eine neue Kirchenordnung für Mosbach. Die ehemalige Stiftskirche diente nun als Pfarrkirche dem lutherischen Gottesdienst. Seit 1583 war Mosbach calvinistisch. Ab 1698 entstand im Zuge der Rekatholisierung der Kurpfalz durch kurfürstliche Verordnung eine simultane Nutzung des Kirchenraums, dies jedoch nicht ohne Konflikte zwischen den Konfessionen. Am 30. Mai 1706 verfügte Kurfürst Johann Wilhelm daher, dass die Katholiken den Chor nutzen durften und den Evangelischen das Kirchenschiff zugesprochen wurde. Mit dem Bau einer Trennmauer auf dem Lettner wurde im Jahr 1708 der evangelische vom katholischen Gemeindebau getrennt und die simultane Nutzung der Kirche sprichwörtlich in Stein gehauen.


Begründung: Die Umnutzung der ehemaligen Stiftskirche zum Simultaneum seit Ende des 17. Jahrhunderts wird noch heute eindrücklich durch die 1708 errichtete Mauer bezeugt. Die simultan genutzte ehemalige Stiftskirche St. Juliana ist daher ein Denkmal der Reformation, welches die vielfältigen Aushandlungen im Zuge der Konfessionalisierung erlebbar machen kann.

Die Michaelskirche in Schwäbisch Hall
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Die Michaelskirche in Schwäbisch Hall
Die Michaelskirche in Schwäbisch Hall

LAD, Felix Pilz

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Die Michaelskirche in Schwäbisch Hall

Die Michaelskirche in Schwäbisch Hall ist eine mittelalterliche Hallenkirche, die aus romanischen und vor allem gotischen Bauteilen besteht. Die reiche Ausstattung ist ein eindrückliches Zeugnis der Fülle mittelalterlichen und früh neuzeitlichen Kircheninventars. Die für einen mittelalterlichen Sakralbau außergewöhnlich gute und seltene Überlieferung der Ausstattung verdanken wir u.a. Johannes Brenz, der von 1522 bis 1548 hier als Prediger tätig gewesen war. Zu seiner Zeit wurde die Reformation in Schwäbisch Hall eingeführt, die hier eine besonders zurückhaltende Umsetzung erfuhr und dadurch viele Bildwerke, vor allem Altarbilder, unangetastet blieben. Bereits ab 1523 predigte Brenz im reformoratorischen Sinne, wobei zunächst der Heiligenkult kritisch im Fokus stand. So wurden zwar ausgesprochene Andachtsbilder und Prozessionsfiguren entfernt, ein Großteil des raumprägenden Inventars blieb jedoch erhalten, etwa das Sakramentstürmchen aus der Mitte des 15. Jahrhundert und die Kanzel von um 1490. Vor allem die Kapellen des Chorumganges sind noch heute reich mit spätgotischen Altären und Zeugnissen reichsstädtischer Selbstdarstellung ausgestattet. In diese prunkvolle Ausstattung reihten sich auch evangelische Geistliche und Würdenträger der Stadt mit Epitaphien und Gedenktafeln ein, die sich noch heute im Kirchenraum befinden. Beispiele sind die Epitaphien von Johannes Brenz, seiner Frau Margarete, nachfolgender evangelischer Pfarrer sowie der Vorfahren von Dietrich Bonhoeffer.


Begründung: Die erhaltene Innenausstattung der Michaelskirche von Schwäbisch Hall ist das Resultat einer verhältnismäßig zurückhaltenden Umsetzung der Reformation. Ein wichtiger Träger dieser Reformation war Johannes Brenz, der als Pfarrer bereits 1523 in der Kirche im reformatorischen Sinne predigte und später eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Württembergischen Reformation werden sollte. Die Michaelskirche ist damit eine Wirkungsstätte der Reformation im deutschen Südwesten.

Das ehemalige Pfarrhaus des Pfarrers und Druckers Paul Fagius
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Das ehemalige Pfarrhaus des Pfarrers und Druckers Paul Fagius
Das ehemalige Pfarrhaus des Pfarrers und Druckers Paul Fagius

LAD: Aufnahme Spengler

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Das ehemalige Pfarrhaus des Pfarrers und Druckers Paul Fagius in Isny (Lkr. Ravensburg)

Das hier gezeigte Haus ist ein zweigeschossiger Fachwerkbau mit Schopfwalmdach aus dem 16. Jahrhundert. Laut der Sammlung denkwürdigster Begebenheiten der Stadt und des Klosters Isny des „Rathsschreibers“ Weberbeck aus dem Jahr 1822 wurde das Gebäude vom Patrizier und Ratsherren Buffler erbaut. Dieser tritt in verschiedenen historischen Quellen als eifriger Beförderer der Reformation in Isny in Erscheinung und bemühte sich um die Besetzung einer evangelischen Predigerstelle für die Pfarrei, zu der auch das neu errichtete Pfarrhaus gehören sollte. Es gelang ihm schließlich, den Theologen und Hebraisten Paul Büchlin (1504–1549), genannt Fagius, für Isny zu gewinnen, zunächst ab 1527 als Rektor der dortigen Lateinschule, ab 1538 bis 1543 als evangelischer Pfarrer. Als Gelehrter und Gesandter der Reichsstadt war Fagius in die historischen Ereignisse der Reformation eingebunden. Nur drei Jahre nach der Protestation von 1529 in Speyer schloss sich Isny auch dem Schmalkaldischen Bund an, Fagius war einer der Unterzeichner dieses konfessionellen Ereignisses. Als Gelehrter, Pfarrer und Seelsorger war er an der Durchsetzung der Reformation in der Reichsstadt beteiligt und engagierte sich als Drucker, u.a. auch von theologischen Schriften. Direkt neben dem Pfarrhaus wurde mit finanzieller Unterstützung Bufflers die – in Deutschland erste auf hebräische Schriften spezialisierte – Druckerei eingerichtet. Ziel war die Vermittlung hebräischer Sprachkenntnisse zum Verständnis des Alten Testaments an die christlich-humanistischen Theologen, Wissen also, das vor allem in evangelischen Kreisen eine bedeutende Rolle spielte. Denn die Bibel sollte ihnen in Originalsprache zur Verfügung stehen. Die Prädikantenbibliothek zu Isny verwahrt noch heute einige der hier gedruckten und mit Fagius‘ Druckereistempel versehenen Bände: Bibelkommentare, Wörterbücher, Gebetbände und hebräisches Schrifttum.


Begründung: Das ehemalige Pfarrhaus ist als Wirkungsstätte des überregional agierenden, vor allem aber für die Stadtgeschichte Isnys zur Zeit der Reformation bedeutenden Gelehrten, Pfarrers und Seelsorgers Paul Fagius ein Kulturdenkmal der Reformation. Die in direkter Umgebung des Hauses entstandenen Druckschriften gehören zum großen Teil in den geistesgeschichtlichen Zusammenhang der Reformation.

Das Geburtshaus des Reformators Ambrosius Blarer

In der Katzgasse mitten im früheren Viertel der Patrizier, Kaufleute und Zunfthandwerker in Konstanz steht ein Baukomplex aus dreigeschossigen Wohnhäusern, die ursprünglich getrennt gebaut, seit 1962 aber zu einem Museum zusammengefügt sind. Dennoch hat sich viel spätmittelalterliche Bausubstanz erhalten, die einen Eindruck der mittelalterlichen Bebauung von Konstanz vermittelt. Charakteristisch sind breite, vierteilige Gruppenfenster mit Steingewänden sowie grobe Steinkonsolen an der straßenseitigen Wand mit Streifbalken für die längsgespannte Balkendecke. Damals hieß die Straße, in der diese Häuser standen, noch Münstergasse und eines der Gebäude (die Hausnummer 7) gehörte einer einflussreichen Familie der Stadt, den Blarers. Es handelt sich um das Geburts- und Wohnhaus des Reformators Ambrosius Blarer. Dieser war nicht nur in Konstanz tätig – wie seine Darstellung am Rathaus verrät – sondern ist eine der prägenden Gestalten der sogenannten oberdeutschen Reformation. Blarer war u.a. in Reichsstädten Ulm, Esslingen am Neckar, Augsburg, Lindau und Isny tätig. Nach einigen Jahren im Dienste der Reformation im Herzogtum Württemberg kehrte Blarer 1538 nach Konstanz zurück. Nach der dortigen Rekatholisierung ging er als evangelischer Pfarrer in Schweiz. Ambrosius Blarer tat sich besonders als Vermittler zwischen Luther und Zwingli hervor und stand in Briefkontakt mit weiteren Persönlichkeiten der Reformation wie Heinrich Bullinger oder Johannes Calvin.


Begründung: Das heute etwas unscheinbar in einen Baukomplex integrierte Gebäude, welches Teile seines spätmittelalterlichen Bauschmuckes überliefert hat, ist Geburts- und Wohnort eines wichtigen Reformators des deutschen Südwestens. Ambrosius Blarer war eine Schlüsselfigur der Reformation, vor allem in den südlichen Teilen des heutigen Baden-Württembergs. Es handelt sich daher um eine Wirkungsstätte der Reformation.

Der Kanzelaltar in der evangelischen Stadtkirche von Altensteig
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Der Kanzelaltar in der evangelischen Stadtkirche von Altensteig
Der Kanzelaltar in der evangelischen Stadtkirche von Altensteig

LAD: o.A.

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Der Kanzelaltar in der evangelischen Stadtkirche von Altensteig

Die evangelische Stadtkirche in Altensteig (Lkr. Calw) entstand 1773 bis 1775 nach Plänen des Kirchenratsbaumeisters Wilhelm Friedrich Goez aus Ludwigsburg. Errichtet wurde der längsgerichtete Kirchenbau mit Turm und Nebenräumen vom Werkmeister Georg Christoph Reich aus Nagold. Die Ausstattung stammt, wie der Taufstein von 1557, teilweise aus dem Vorgängerbau, sonst einheitlich aus der Erbauungszeit. Zu dieser Ausstattungsphase gehört neben der Orgel und den Kirchenbänken auch der Kanzelaltar. Es handelt sich dabei um ein charakteristisches Ausstattungselement evangelischer Kirchenräume, wobei besonders die räumliche Aufteilung und funktionale Staffelung von Altartisch und Kanzelkorb bedeutsam ist. Im Jahr 1961 erfolgte eine grundlegende Modernisierung des Gebäudes, wobei der Künstler Rudolf Yelin aus Stuttgart die künstlerische Ausgestaltung der Wand hinter dem Altar vornahm. Das in Ölspachteltechnik gearbeitete Wandbild zeigt eschatologische, also heilerwartende Bilder sowie Gleichnisse des Alten und des Neuen Testaments, u.a. die Gesetzestafeln Moses, Weinranken, Öllampen, Gestirne, die Dornenkrone und die Geisttaube. Selbstverständlich erscheint dabei, dass die Bildersprache eine evangelische Prägung aufnimmt. Nach heutiger denkmalfachlicher Auffassung muss ein Denkmal nicht nur aus einer Zeit stammen. Vielmehr sind es gerade die verschiedenen zeitlichen und künstlerischen Einflüsse, die ein historisches Zeugnis in seinem materiellen Bestand authentisch werden lassen. Der Kanzelaltar als konstitutives Element eines konfessionell geprägten Kirchenraumes der Frühen Neuzeit bildet dabei mit der ebenso anhand konfessionell verbindlicher Ideen ausgestalteten Wandfläche der 1960er Jahre nicht nur ein eindrückliches und mehrschichtiges funktionales Ensemble, sondern auch zusammen mit dem gesamten Kirchenraum eine Einheit von Denkmalwert.


Begründung: Die evangelische Stadtkirche bildet mit ihrem Zubehör eine Einheit von Denkmalwert. Besonders eindrücklich ist dabei das mehrschichtige funktionale Ensemble aus frühneuzeitlichem Kanzelaltar und Wandbild der 1960er Jahre.

Die Hostiendose der Martinskirche in Ballendorf
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Die Hostiendose der Martinskirche in Ballendorf
Die Hostiendose der Martinskirche in Ballendorf

Hostiendose, LAD: o.A.

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Die Hostiendose der Martinskirche in Ballendorf (19. Jahrhundert)

In der Michaelskirche von Ballendorf (Alb-Donau-Kreis), einer mittelalterlichen Chorturmkirche mit späteren baulichen Veränderungen, findet sich ein unscheinbares Ausstattungsstück, das ein Erinnungsmal der Reformation ist. Es handelt sich um eine kleine Hostiendose, also ein Behältnis für das Abendmahl. Solche Vasa sacra, oft aufwendig gearbeitete Schüsseln und Kannen für die Sakramente sind gängige Ausstattungsstücke christlicher Kirchen. Bemerkenswert ist dieses Exemplar jedoch aufgrund seiner beiden Schauseiten. Während die Vorderseite mit der Darstellung des gekreuzigten Christus eine für die Symbolik der Eucharistie gängige Ikonographie zeigt, weißt die Rückseite an eben jener Stelle eine Darstellung Martin Luthers im Medaillon auf. Die Hostiendose setzt bemerkenswerterweise im Zusammenhang mit dem Abendmahl einen Bezug auf Martin Luther und verweist somit möglicherweise auf das lutherische Abendmahlsverständnis, das in Ballendorf seit der Reformation Geltung hatte. So wurde auch an anderer Stelle im Kirchenraum eindeutig konfessionell Stellung bezogen. An der Nordempore finden sich beispielsweise Artikel des Augsburger Bekenntnisses verbildlicht (Mitte des 18. Jahrhunderts). Als Entstehungsdatum der Hostiendose kann analog zum 1821 datierten Abendmahlskelch eine Entstehung am beginnenden 19. Jahrhundert angenommen werden. Denn in beiden Fällen handelt es sich um Arbeiten der Goldschmiedefamilie Kleemann (Johann Ludwig und Ludwig Albrecht) aus Ulm. Auf dem Standfuß der Hostiendose ist das Beschauzeichen der Stadt Ulm und der Meisterstempel „Kleemann“ zu erkennen. Möglich, jedoch nicht mit Sicherheit zu bestätigen wäre daher ein Stiftungszusammenhang für die Dose, dessen Ziel das Gedenken zum 300-jährigen Reformationsjubiläum 1817 gewesen ist.


Begründung: Die Hostiendose aus der Martinskirche von Ballendorf ist ein eindrückliches Beispiel eines Erinnungsmals zum 300. Jahrestag der Reformation. Als Liturgiegerät der Eucharistie nach lutherischer Prägung setzt die aufwendig gearbeitete Metallarbeit einen bildlichen Verweis auf Martin Luther, der in jedem Akt sakramentaler Spendung präsent gehalten wurde.

Die Galluskirche in Derendingen

Bei der evangelischen Gallus-Kirche in Derendingen (Lkr. Tübingen) handelt es sich um eine spätmittelalterliche Saalkirche mit eingezogenem Polygonalchor und quadratischem Westturm (1561–1563), die über mehreren Vorgängerkirchen errichtet wurde. Auch das bestehende Gebäude setzt sich aus unterschiedlichen Bauabschnitten zusammen, die die bewegte Entstehungsgeschichte der Kirche anschaulich werden lassen. Relevant als Wirkungsstätte der Reformation wurde die Kirche mit der Vergabe der Pfarrstelle an Primus Truber (Primoz Trubar), der als Reformator Sloweniens bekannt wurde. Primus Truber war in Tübingen und Bad Urach als Schriftgelehrter und Drucker tätig. Von 1550 an veröffentlichte er auf Basis lutherischer Glaubensgrundsätze die ersten in slowenischer Sprache gedruckten Bücher (z.B. „Drey christliche Confessionen“, „Die fürnämpsten Hauptartickel christlicher Lehre“ und „Confessio oder Bekanntnuß des Glaubens“) mit dem Ziel einer Förderung der Reformation in seiner slowenischen Heimat. Im Jahr 1557 erschien das Neue Testament in slowenischer Erstübersetzung. Von 1567 war Truber bis zu seinem Lebensende am 28.6.1586 als Pfarrer in Derendingen tätig. Noch heute erinnert ein prachtvolles Epitaph in der Kirche an den hier bestatteten Geistlichen und an die Funktion als Wirkungsstätte einer Persönlichkeit der Reformation.


Begründung: Die evangelische Gallus-Kirche in Derendingen ist als Wirkungsort des Pfarrers, Schriftgelehrten und Reformators Primus Truber ein beachtenswertes Zeugnis für die weitreichenden Kulturkontakte im Zuge der Reformation.

Das Markgrafenschloss Emmendingen
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Das Markgrafenschloss Emmendingen
Das Markgrafenschloss Emmendingen

LAD: Aufnahme Hesselbacher

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Das Markgrafenschloss Emmendingen

Von den badischen Markgrafen wurde Emmendingen zur Residenz bestimmt. Unweit der Festung Hochburg, die 1552 bis 1577 unter Markgraf Karl II. von Baden-Durlach erweitert und erheblich umgestaltet wurde, entstand ab 1574 das Renaissanceschloss (Baujahr inschriftlich im Torbogen.). Dabei bediente man sich der bereits vorhandenen Struktur des seit der Reformation umgenutzten Wirtschaftshofes des Klosters Tennenbach aus dem 15. Jahrhundert, woran der Abtsstab über dem Portal noch heute erinnert. Das darüber neu errichtete Schloss, ein dreigeschossiger Massivbau, öffnet sich mit der nördlichen Traufseite zu einem Platz (Rosengärtle) hin. Neben bauzeitlichem Schmuck wie Wappensteinen, finden sich auch spätere Erneuerungen aus der Zeit der grundlegenden Überarbeitung der Anlage im 19. Jahrhundert. Dennoch ist der bauliche Bestand als Wirkungsstätte der Reformation in der Markgrafschaft Baden von besonderer Relevanz. Denn es handelt sich um den Austragungsort des „Colloquium Emmendingense“, dem nach Baden-Baden zweiten Religionsgespräch in der Markgrafschaft. Im Schloss fand 1590 in der Kapitelstube das Treffen von Vertretern der evangelischen und der katholischen Glaubensrichtung statt. Nur wenige Wochen nach dem Gespräch trat Markgraf Jakob III. zum katholischen Glauben über. Im Zuge der Konfessionalisierung hatte sich damit je einer der drei Fürstensöhne dem katholischen Glauben (Jakob III.), dem lutherischen Glauben (Georg Friedrich) und dem calvinistischen Glauben (Ernst Friedrich) zugewandt. Wie eng die Geschichte weltlicher Macht mit den Ideen und Ereignissen der Reformation und der Konfessionalisierung zusammenhängt, zeigt sich auch am Umstand, dass das Hauptgebäude des Schlosses in Emmendingen über einen Gang direkt mit dem Chor der unmittelbar benachbarten Pfarrkirche verbunden war.


Begründung: Die seit 1556 grundlegende Rolle der Landesherren bei der Frage der Konfessionen, ließ gerade Residenzorte zu wichtigen Wirkungsstätten der Reformation und der Gegenreformation werden. Das Schloss in Emmendingen ist als Residenzort der badischen Markgrafen eine Wirkungsstätte der Konfessionalisierung.

Pietistisches Stundenhaus in Denkendorf
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Pietistisches Stundenhaus in Denkendorf
Pietistisches Stundenhaus in Denkendorf

LAD: Aufnahme Bieri

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Pietistisches Stundenhaus in Denkendorf

Das 1705 an einer Ecklage in Denkendorf (Lkr. Esslingen) erbaute Fachwerkhaus ist eingeschossig und teilweise verputzt. Das Fachwerk mit seinen eng stehenden Eck-, Bund- und Zwischenständern sowie den hohen Streben im ersten und zweiten Dachgeschoss zeigt eine klare Gliederung der Fassade. Ursprünglich bildete das Gebäude den Teil eines früheren Dreiseitgehöfts mit Hanguntergeschoss aus Hausteinen und doppelläufiger Freitreppe. Eine Gedenktafel am Haus weist auf die Funktion als „Stundenhaus der Hahn'schen Gemeinschaft seit 1815” hin und konkretisiert damit eine für die religiöse und kulturelle Entwicklung der Ortsbewohner wichtige Tradition. Das langjährige Wirken des Theologen Johann Albrecht Bengel an der Klosterschule in Denkendorf, einem der wichtigsten Pietistenväter für Württemberg und besonderem Fürsprecher der pietistischen Privatversammlungen („Stunden”), gibt auch dem „Stundenhaus” einen besonderen Akzent.


Begründung: Das pietistische Stundenhaus ist ein Monument der Reformation, seine Nutzung belegt die religiöse und kulturelle Entwicklung des Ortes.

Das Bilderverbot in Reutlingen-Bronnweiler
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Das Bilderverbot in Reutlingen-Bronnweiler
Das Bilderverbot in Reutlingen-Bronnweiler

LAD: Aufnahme Hell

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Das Bilderverbot in Reutlingen-Bronnweiler

Die Marienkirche in Bronnweiler (Landkreis Reutlingen) ist ein mittelalterlicher Kirchenbau aus romanischen und gotischen Bauteilen. Auch im Innenraum ist die Ausstattung in mehreren Phasen entstanden. Im Schiff wie im Chor finden sich aufwendige Wandmalereien, vom 13. bis in das 16. Jahrhundert, mit Heiligendarstellungen und einem Marienzyklus. Diese Wandmalereien sind jedoch erst seit eine Restaurierung in den 1960er und 1970er Jahren erkennbar und aufgrund der Freilegung stark beschädigt oder teilweise modern überprägt. Seit einigen Jahrzehnten sind immer wieder Schadensbilder an den Malereien erkennbar (Salzausblühungen). Erhalten hatten sich die Malereien dagegen über Jahrhunderte unter den Putzschichten und der Tünche, die ursprünglich nicht zu ihrem Schutz, sondern zur Abwehr von Heiligenverehrung auf die Wände aufgebracht worden waren. Spätestens im Zuge einer neuen Raumfassung des 17. Jahrhunderts sind die Malereien verdeckt und am Scheitelpunkt des Chores eine Inschrift angebracht worden. Diese verweist auf das Mosaische Bilderverbot und ist als einfache schwarz-weiße Kassette ausgeführt. Das in der Reformationszeit häufig zitierte Bilderverbot nach Mose wird hier mit dem in den Augen vieler Reformatoren wirkmächtigeren Wort konfrontiert. Die Anbringung des mosaischen Bilderverbots in Bronnweiler geht einher mit der Erneuerung der Raumfassung, die purifizierend und zumindest bilderarm ausgeführt ist.


Begründung: Der Umgang mit den Wandmalereien in Bronnweiler belegt die unterschiedlichen Auffassungen von bebilderten Kirchenräumen, vom Mittelalter bis in die Moderne. Das Bilderverbot ist ein Monument der Reformation.

Das Epitaphium von Jacob Andreä in der Tübinger Stiftskirche
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Das Epitaphium von Jacob Andreä in der Tübinger Stiftskirche
Das Epitaphium von Jacob Andreä in der Tübinger Stiftskirche

LAD: Aufnahme Widmaier

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Das Epitaphium von Jacob Andreä in der Tübinger Stiftskirche

Jacob Andreä (1528 in Waiblingen; † 1590 in Tübingen) war ein lutherischer Theologe, Reformator und Kanzler der Universität Tübingen des 16. Jahrhunderts. Der Reformator Erhard Schnepf prägte die frühen Bildungsjahre des Jungen, der nach dem Pädagogium in Stuttgart 1541 an der Universität Tübingen studierte. 1546 wurde er zum Diakon in Stuttgart. Durch das Augsburger Interim wurde er bereits zwei Jahre später aus Stuttgart vertrieben. Er predigte in der Folge an der Tübinger Stiftskirche. Auf ausdrücklichen Wunsch Herzog Christophs von Württemberg wurde er 1553 an der Universität Tübingen promoviert und später zum Superintendent für Göppingen und den Adelberger Bezirk berufen. Zusammen mit Johannes Brenz wurde Andreä mit gesamtkirchlichen Aufgaben in Württemberg betraut. 1561 wurde er zum Professor der Theologie, zum Stiftspropst und zum Kanzler an die Tübinger Universität berufen. Als Reformator tat er sich vor allem in den historisch bedeutenden Religionsgesprächen der 50er und 60er Jahre des 16. Jahrhunderts hervor. Er begleitete Herzog Christoph auf wichtige Fürstentagen und vertrat die Württemberger Kirche auch außerhalb des Herzogtums (Paris, Straßburg u.a.). Als Jacob Andreä starb, wurde er in der Tübinger Stiftskirche beigesetzt. Ein Schriftepitaph, das ursprünglich an anderer Stelle im Kirchenraum platziert war, erinnert noch heute an seine Person, sein Leben und sein Verdienst „der Kirche Christi mit überaus nützlichen Predigten und Schriften ganze 48 Jahre mit unermüdlichem Eifer gedient“ zu haben. In der Stiftskirche befinden sich auch die Epitaphien seiner beiden Ehefrauen Anna († 1583) und Regina († 1591).


Begründung: Das Epitaphium ruft den Reformator Jacob Andreä noch heute an jenem Ort in Erinnerung, an dem er lange Zeit reformatorisch tätig war.

Evangelisches Pfarrhaus im Ulmer Land
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Evangelisches Pfarrhaus im Ulmer Land
Evangelisches Pfarrhaus im Ulmer Land

LAD: Aufnahme Bergmeir

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Eines der frühesten evangelischen Pfarrhäuser im Ulmer Land

Bei dem evangelischen Pfarrhaus in Urspring (Lonsee) handelt es sich um ein 1534 errichtetes Fachwerkhaus. Das Gebäude ist zweigeschossig mit einem massiven Erdgeschoß über einem Gewölbekeller und einem heute verputzten Obergeschoß aus leicht vorkragendem Fachwerk. Charakteristisch ist die Raumaufteilung mit der Pfarrwohnung im Obergeschoß und den ehemaligen Ökonomie- sowie Wirtschaftsräumen im Erdgeschoß. Diese Aufteilung ist heute noch an den unregelmäßigen, kleineren Fenstern im rückwärtigen Gebäudeteil ablesbar. Unmittelbar nach Einführung der Reformation in Urspring durch die Reichsstadt Ulm im Jahre 1534 errichtete das Pfarrkirchenbaupflegamt hier ein Pfarrhaus. Es handelt sich um eines der frühesten evangelischen Pfarrhäuser im Ulmer Land. Natürlich gab es auch vor der Reformation Wohnstätten für den Pfarrgeistlichen, jedoch ergab sich die Notwendigkeit der Errichtung größerer Pfarrhäuser aus dem Umstand, dass nun nicht mehr nur Priester sondern ganze Pfarrerfamilien unterzubringen waren. Denn evangelische Pfarrer gründeten Familien und hatten nicht selten mehrere Kinder. Luther beispielsweise hatte zusammen mit Katharina von Bora drei Töchter und drei Söhne. Vor allem im 19. Jahrhundert galt das evangelische Pfarrhaus als prägend für das deutsche Geistesleben. Auffällig ist in jedem Fall die hohe Anzahl Gelehrter, Wissenschaftler, Dichter und Künstler, die aus Pfarrhäusern hervorgegangen sind.


Begründung: Die Errichtung des Pfarrhauses im direkten Zusammenhang mit der Einführung der Reformation 1534 macht das evangelische Pfarrhaus, als Typus der Wohnstätte einer großen Pfarrerfamilie zu einem Monument der Reformation.

das einstige Denkmal für Oekolampadius in Weinsberg
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das einstige Denkmal für Oekolampadius in Weinsberg
das einstige Denkmal für Oekolampadius in Weinsberg

© Foto Marburg ("www.fotomarburg.de")

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Verlust: das einstige Denkmal für Oekolampadius in Weinsberg

Auf dem Kirchplatz vor der Johanneskirche in Weinsberg (Landkreis Heilbronn) stand bis 1967 ein Denkmal, welches im Andenken an den hier geborenen Reformator Johannes Oekolampad sowie an die ersten hier eingesetzten evangelischen Pfarrer, Erhard Schnepf und Johann Geyling, errichtet worden war. Eingeweiht wurde die Stele im Jahr der Reichsgründung 1871. In Gedenken an die Persönlichkeiten der Reformation bildete sich noch im selben Jahr der Oekolampadius-Verein, der sich fortan die Pflege der Geschichte von Stadt und Amt Weinsberg zur Aufgabe machte. Zum 200-jährigen Geburtstag Oekolampadius’ veranstaltete der Verein 1882 eine öffentliche Feier vor Ort. Den Entwurf für das Denkmal erarbeitete der Künstler August Rostert bereits im Jahr 1869. Das nach seinen Plänen umgesetzte Erinnerungsmal auf einem mehrstufigen Sockel besteht aus einer Stele mit nahezu quadratischer Grundfläche, die sich nach oben hin in verschiedene Zonen verjüngt. Die untere Zone zeigte mit Blendmaßwerk gerahmte Inschriftenfelder. In einem dieser Schriftfelder waren die Lebensjahre Ökoelampads eingeschrieben. In der Zone direkt darüber war eine Büste des Reformators in eine Nische eingestellt, die ebenfalls mit Maßwerk ausgestaltet war. Die abschließende Bekrönungszone wurde, im Stil neugotischer Sakralarchitektur, mit Fialen und Krabben versehen. Der an der Stele gesetzte Schwerpunkt auf die Person Oekolampads zeigte sich u.a. daran, dass nur ihm in der Mittelzone eine figürliche Darstellung zugeordnet wurde. Auf der historischen Aufnahme ist zu erkennen, dass sowohl Schnepf als auch Geyling nur in jenen unteren Inschriftenfeldern beschrieben werden, die sich flankierend an der Hauptanschichtsseite – der Präsentation Ökolampads – anordneten. Welche Information die Rückseite des Denkmals trug, ist aus den erhaltenen Archivalien nicht mehr zu erschließen. Der Verlust des historischen Monuments ist daher umso bedauerlicher. Die einstige Gedenkleistung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, das die Reformation und Reformatoren als identitätsstiftende Erinnerung reproduzierte, ist in diesem Fall ihrer materiellen Substanz und ihrer Erfahrbarkeit beraubt.


Begründung: Das Erinnerungsmal für den Reformator Johannes Oekolampad wäre ein eindrückliches Beispiel, um die Erinnerungskultur der Reformation im 19. Jahrhundert zu erleben.

Die Schloss- und Stiftskirche St. Michael in Pforzheim
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Die Schloss- und Stiftskirche St. Michael in Pforzheim
Die Schloss- und Stiftskirche St. Michael in Pforzheim

LAD: Aufnahme Kerth

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Die Schloss- und Stiftskirche St. Michael in Pforzheim

Die Schloss- und Stiftskirche St. Michael in Pforzheim gehört zu den großen mittelalterlichen Kirchenbauten von landesweiter Bedeutung. Seit dem späten Mittelalter war Pforzheim Residenzstadt der badischen Markgrafen. Zu ihrer Schlossanlage gehörten eine Lateinschule und das Gelehrtenstift St. Michael. Bereits im Vorfeld der Reformation entstand hier im Zusammenhang mit der geplanten Universitätsgründung der Stiftschor als Werk des überregional tätigen Pforzheimer Baumeisters Hans Spryß von Zaberfeld. Der Humanist Johannes Reuchlin, der wichtigen geistigen Einfluss auf den jungen Melanchthon nahm, schenkte dem Stiftskolleg seine wertvolle Bibliothek zur Aufstellung in der Stifts- und Hofbibliothek. Von dieser Schlosskirche und ihrem Stiftskolleg nahm die Reformation in der Markgrafschaft Baden ihren Ausgangspunkt, wobei das Stift bis zur offiziellen Einführung der Reformation Bestand hatte. Bereits 1519 hielt Johannes Schwebel in der Schlosskirche die erste Predigt in Sinne Luthers. Bis zur Durchsetzung der Kirchenordnung im Jahr 1556 war es jedoch noch ein langer Prozess, der auch durch die Erbteilung des Gebietes von 1533 ermöglicht worden ist. Durch die Verlegung der markgräflichen Residenz nach Durlach verlor die ehemalige Schlosskirche 1563/65 ihre Funktion als Hofkirche. Dennoch ist der Bau bedeutsam für die frühneuzeitliche Landesgeschichte. Denn als Grabkapelle der badischen Markgrafen der Pforzheim-Durlacher Linie blieb der Stiftschor von 1535 bis 1860 in Benutzung. Ähnlich wie anderenorts wurde durch die Reformation von 1556 eine Umnutzung des Kirchenraumes in umfassenderer Art und Weise möglich. Die Folge war eine gänzliche Umwidmung des Stiftschors zur fürstlichen Grabkapelle. Heute gehört dieses Bauteil daher nicht mehr zur Kirche selbst, diese endet vielmehr an den verglasten Strebebögen. Durch sie kann man einen Blick auf den dahinterliegenden ehemaligen Chorraum mit den prächtigen Grabmonumenten werfen, der mittlerweile Eigentum des Landes Baden-Württemberg ist.


Begründung: Die Schloss- und Stiftskirche St. Michael in Pforzheim ist eine bedeutende Wirkungsstätte für das Reformationsgeschehen in der Markgrafschaft Baden.

Die ehemalige Simultankirche in Sinsheim
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Die ehemalige Simultankirche in Sinsheim
Die ehemalige Simultankirche in Sinsheim

LAD: Aufnahme Widmaier

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Die ehemalige Simultankirche in Sinsheim

Noch heute lässt sich am Außenbau der ev.-ref. Stadtkirche in Sinsheim (Rhein-Neckar-Kreis) ablesen, dass es sich im Inneren ursprünglich um zwei voneinander geschiedene Kirchenräume gehandelt hat. Das Langhaus wurde nach Plänen von N. de Pigage 1782 als Pfarrkirche der Reformierten erbaut. Ebenfalls nach Plänen von Pigage wurde 1783 anstelle des Chores der alten St. Jakobskirche der neue Chorbau begonnen, der für den katholischen Gottesdienst verwendet wurde. Das Gebäude des 18. Jahrhunderts entstand über Vorgängerkichen, die ebenso die Geschichte der Konfessionalisierung widerspiegeln und heute als Bodendenkmale erhalten sind: Beispielsweise die Reste des ehemals von der katholischen und seit der Reformation 1559 von den evangelischen Gemeinden genutzten mittelalterlichen Vorgängerbaus, der dem Heiligen Jakobus geweiht war. In diesem Kirchenbau erfolgte die Einrichtung des Simultaneums bereits am Ende des 17. Jahrhunderts. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg – ein Konflikt, der neben herrschaftspolitischen auch konfessionelle Dimensionen hatte – wurde dieser Kirchenraum 1689 zerstört. Sowohl die reformierte als auch die lutherische und die inzwischen wieder offiziell zugelassenen katholische Gemeinde sollten den neu errichteten Bau fortan simultan nutzten. Im Rahmen der Kirchenteilung der Kurpfalz 1707 wurde der Kirchenbau auch offiziell zugeteilt. Den Katholiken wurde der Chorraum, den Reformierten das nach dem Brand von 1698 noch immer ruinöse Langhaus zugestanden. 1712 wurde eine Scheidemauer eingebaut. Am noch heute stehenden Neubau des 18. Jahrhunderts prägten diese konfessionellen Verhältnisse auch die architektonische Außenwirkung der Kirche.


Begründung: Am noch heute stehenden Neubau des 18. Jahrhunderts ist damit ein Stück Religionsgeschichte ablesbar geblieben.

Das Patrizierhaus mit Renaissance-Erker in Heilbronn
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Das Patrizierhaus mit Renaissance-Erker in Heilbronn
Das Patrizierhaus mit Renaissance-Erker in Heilbronn

LAD: Aufnahme Fisch

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Das Patrizierhaus mit Renaissance-Erker in Heilbronn

Das sogenannte Käthchenhaus – benannt nach der literarischen Figur aus Heinrich von Kleists gleichnamigem Schauspiel von 1808 – steht im Zentrum der Stadt Heilbronn, am südwestlichen Rand des Marktplatzes. Es handelt sich um ein Patrizierhaus des 14. Jahrhunderts. An der Gebäudeecke Marktplatz/Kaiserstraße wurde ein Renaissance-Erker angefügt, der inschriftlich 1534 datiert ist. Zur ursprünglichen baulichen Gestalt des renaissancezeitlichen Gebäudes gehörten ein geschweifter Giebel und ein traufseitiges Zwerchhaus. Nach Kriegsschäden 1948/49 wurde das Gebäude vereinfacht wiederaufgebaut. Auch das Treppenhaus der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts mit Farbfenstern und kunsthandwerklich ausgearbeiteten Treppengeländern ist Teil der späteren Bauschichten des Hauses, die der künstlerischen Qualität des mittelalterlichen Gebäudes entsprechend eine anspruchsvolle historische Ergänzung darstellen. Bereits die reiche Ausstattung des Renaissance-Erkers mit Bauskulptur macht es wahrscheinlich, dass dieser Anbau von der Bauhütte des Meisters des Kilianturmes, Hans Schweiner ausgeführt wurde. Das Bildprogramm an den Fenstern besteht aus Reliefbildern der Propheten Jesaia, Jeremia, Hosea und Habakuk. Den Figuren sind jeweils Inschriften zugeordnet. Inhaltlich nimmt der Bauschmuck auf den rechten Glauben Bezug. Aus diesem Grund wird das inhaltliche Programm mit dem Wirken des Reformators Johannes Lachmann in Heilbronn verbunden, der in diesem Haus gewohnt haben soll.


Begründung: Das Bildprogramm des aufwendig ausgestalteten Patrizierhauses mit Bezug auf den rechten Glauben lässt sich als konfessionelles Zeugnis des 16. Jahrhunderts lesen, das einen Einblick in die Religionsgeschichte der Stadt erlaubt.

Die Betglocke an der Marbacher Alexanderkirche
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Die Betglocke an der Marbacher Alexanderkirche
Die Betglocke an der Marbacher Alexanderkirche

LAD: Aufnahme Leinen

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Noch kein Kulturdenkmal: Die Betglocke an der Marbacher Alexanderkirche

Die Betglocke von 1997 in Marbach am Neckar (Lkr. Ludwigsburg) ist heute noch kein Kulturdenkmal im Sinne des DSchG; eine Prüfung von Denkmaleigenschaft wird üblicherweise erst mit dem zeitlichen Abstand einer Generation, also ca. 25 Jahre nach Entstehung eines Objektes vorgenommen, damit eine wertneutrale Beurteilung der Denkmalfähigkeit gewährleistet ist. Ganz gleich, ob die Glocke von einer künftigen Generation an Denkmalpflegern als Kulturdenkmal erfasst wird, handelt es sich doch bereits jetzt um ein eindrückliches Zeugnis für eine von konfessioneller Identität getragene Erinnerungskultur aus unserer jüngsten Vergangenheit. Schon vor der Generalinstandsetzung der Alexanderkirche ab 1996 verfolgte man in Marbach die Idee, die Glocken des Gotteshauses zu ergänzen, denn während des Ersten Weltkriegs mussten die Lutherglocke und die Schillerglocke abgeliefert werden; sie wurden eingeschmolzen und zum Kriegsgerät umgenutzt. Seither hing in dem dreifeldrigen Glockenstuhl von um 1480 nur noch die Concordia-Glocke, eine von in Moskau ansässigen Deutschen gespendete reich verzierte Glocke aus dem Jahr 1859. 1997 erfolgte der Guss der neuen Glockenausstattung. Die Betglocke mit 1.935 kg Gewicht und einem Durchmesser von 1,49 m trägt einen Gebetsvers von Dietrich Bonnhoeffer: „Von guten Mächten wunderbar geborgen,/ erwarten wir getrost, was kommen mag./ Gott ist bei uns am Abend und am Morgen/ und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Als Widerstandskämpfer im Dritten Reich wurde der evangelische Theologe Bonhoerffer im KZ Flossenbürg hingerichtet. Am konkaven Glockenkorpus sind unter dem Vers die Worte „Dietrich Bonhoeffer“ sowie „Evang. Alexanderkirche Marbach am Neckar“ angebracht. Seit 2005 ist diese Glocke – einem Standdenkmal nicht ungleich – am Außenbereich der Kirche aufgestellt.


Begründung: Die Glocke ist ein eindrückliches Beispiel für ein von konfessioneller Identität getragenes Erinnerungsmal unserer jüngsten Vergangenheit.

Innerhalb der markierten Fläche befand sich ursprünglich das Kapuzinerkloster (Kartengrundlage: ADABweb)
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Innerhalb der markierten Fläche befand sich ursprünglich das Kapuzinerkloster (Kartengrundlage: ADABweb)
Innerhalb der markierten Fläche befand sich ursprünglich das Kapuzinerkloster (Kartengrundlage: ADABweb)

LAD

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Das abgegangene Kapuzinerkloster in Ravensburg und das Normaljahr 1624

Im Zuge der Gegenreformation wurde in Ravensburg seit 1626 das Kapuzinerkloster errichtet. Drei Jahre später erfolgte die Weihe der Klosterkirche. Die Entstehung des Klosters stand jedoch in einem Spannungsverhältnis zu zeitgleicher offizieller Rechtsprechung. Denn mit dem Westfälischen Frieden von 1648 wurde festgelegt, dass mit dem sogenannten Normaljahr (dies decretorius) von 1624 die bestehende Ordnung kirchlicher Angelegenheiten Bestand haben sollte. Die Rechte, Besitzungen und Verhältnisse der drei im Reich anerkannten Konfessionen (Katholiken, Lutheraner und Reformierte) sollten so auf den Zustand im Stichjahr festgeschrieben werden. Veränderungen, die vor 1624 vorgenommen wurden, behielten ihre Gültigkeit, jene nach 1624 bedurften einer Rückführung auf den ursprünglichen Zustand. Da das Kloster jedoch nach 1624 erbaut worden war, musste es bereits 1650 samt der Umfassungsmauer wieder abgebrochen werden. Nach langen Verhandlungen zwischen den beiden in Ravensburg vertretenen Konfessionen kam es 1661 zum Neubau. 1725 baute man an die Kirche eine Magdalenenkapelle. Bei seiner endgültigen Aufhebung im Zuge der Säkularisation im Jahr 1806 wohnten hier noch zehn Patres und vier Laienbrüder. Ein Jahr darauf ist das ehemalige Kloster vollständig abgebrochen worden. Im Hof- und Gartenbereich der heute am ehemaligen Standort des Klosters stehenden Bebauung kann man von Bodenurkunden ausgehen. Diese Bodendenkmale sind materielle Zeugnisse des ehemaligen Klosters, dessen Hauptgebäude aus der einschiffigen Kirche mit eingezogenem Rechteckchor und dem westlich angebauten einflügligen Konventsbau auf ummauertem Grundstück bestanden. Reste der Klostermauer finden sich teilweise noch im aufgehenden Baubestand an der Schussenstraße.


Begründung: Bau und Abbruch des Klosters in Ravensburg ist ein anschauliches Beispiel für die konfessionellen Aushandlungen in der Folge der Reformation.

Die Lutherkirche in der Karlsruher Oststadt mit großer Lutherfigur
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Die Lutherkirche in der Karlsruher Oststadt mit großer Lutherfigur
Die Lutherkirche in der Karlsruher Oststadt mit großer Lutherfigur

LAD: Aufnahme Widmaier

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Die Lutherkirche in der Karlsruher Oststadt mit großer Lutherfigur

Die evangelische Lutherkirche in der Karlsruher Oststadt bildet zusammen mit dem Pfarrhaus eine Sachgesamtheit nach dem Denkmalschutzgesetz des Landes Baden-Württemberg. Es handelt sich um eines der ersten Gemeindezentren in Baden. Dieses Ensemble wurde zwischen 1905 und 1907 nach Entwürfen der Architekten Robert Curjel und Karl Moser errichtet. Auftraggeber war die evangelische Kirchengemeinde Karlsruhe. Seit 1889 plante man einen kreuzförmigen Zentralbau, dessen Grundrissform und Disposition der Ausstattungselemente grundlegende Ideen des neuen evangelischen Kirchenbaues aufgreifen sollte. Mit der Christuskirche hatten Curjel und Moser bereits um 1900 einen Kirchenbau nach dem Vorbild des Wiesbadener Programms in Karlsruhe umgesetzt. In zeitgenössisch moderner Formensprache zeigt die Lutherkirche in Architektur und Ausstattung die stilistischen Einflüsse der Neuromanik sowie des geometrischen Jugendstils. Am 10. November 1907 erfolgte die Einweihung der Kirche am Geburtstag Martin Luthers. Passend dazu gehört zur Gestaltung der Außenfassade eine überlebensgroße Figur des Reformators, die vom Bildhauer Oskar Kiefer gefertigt wurde. Die Halbplastik aus dem Jahr 1905/06 ist in die mit Bossenquadern gestaltete Fassade der südlichen Turmwand gesetzt. Am Außenbau erscheint das Gotteshaus durch die Quaderung burgähnlich massiv, wobei die Kombination mit der Darstellung Luthers an das bekannte Kirchenlied des Reformators "Ein' feste Burg ist unser Gott" erinnert.


Begründung: Die evangelische Lutherkirche ist ein anschauliches Beispiel für den evangelischen Kirchenbau zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die aufwendig gearbeitete Darstellung des Reformators Martin Luther an der Kirchenfassade ist Ausdruck einer zeitgenössischen Reformationserinnerung.

Die Stiftskirche in Wertheim
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Die Stiftskirche in Wertheim
Die Stiftskirche in Wertheim

LAD: Aufnahme Baier

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Die Stiftskirche in Wertheim

In der Grafschaft Wertheim fand die Reformation bereits relativ früh ihre Durchsetzung. Die Grafen von Wertheim förderten aktiv die reformatorischen Ideen, so etwa Graf Georg II. (1521–1530). Mit der evangelischen Stiftskirche, die im 14. und 15. Jahrhundert als flachgedeckte Pfeilerbasilika mit polygonal geschlossenem Chor errichtet wurde, ist bis heute eine Wirkungsstätte historischer Ereignisse und bedeutender Personen erhalten geblieben. Da die Ämter des Dekans und des Pfarrers der Stiftskirche voneinander getrennt waren, konnte man das Amt des Pfarrers problemlos mit einem Anhänger der neuen Lehre besetzen. Aus dem Wirken Johann Ebelins in diesem Amt, der als eigentlicher Reformator der Grafschaft Wertheim angesehen werden kann, folgte die spätere Stellung des Wertheimer Stiftspfarrers als Superintendent für die gesamte Grafschaft. Bedeutend ist der in der Stiftsbibliothek gesammelte Buchbestand aus dem 14. bis 18. Jahrhundert als bewegliches Kulturdenkmal, der auch frühe Schriften Luthers umfasst. Nach der Reformation vergrößerte sich die Wertheimer Kirchenbibliothek, da Bestände aus der Bibliothek des Wertheimer Schlosses (ca. 362 Bände) sowie aus der ehemaligen Klosterbibliothek der aufgehobenen Kartause Grünau eingefügt wurden. Das 1587 entstandene Inventar als Standortkatalog der Wertheimer Stiftsbibliothek verzeichnet ca. 930 Bände. Ort dieser umfassenden Bibliothek war der nördlich des Chores gelegene zweigeschossige Anbau. Während im Obergeschoss die Bücher lagerten, diente das Untergeschoss als Gruft für die Grafenfamilie. Die Stiftskirche stand den Grafen von Wertheim als Grablege zur Verfügung, wobei die Grabmäler des 17. Jahrhunderts zentral im Chor platziert wurden. Diese selbstbewusste Inszenierung folgte den kulturgeschichtlichen Neuerungen im Zuge der Reformation und fand ihre Motivation darüber hinaus auch in der konfessionellen Spaltung innerhalb der Grafschaft. Denn im 17. Jahrhundert trennte sich die Grafenfamilie in einen protestantischen und einen katholischen Zweig auf. In der Stiftskirche wurde in der Folge ein Simultaneum eingerichtet, d.h. im Chor wurden katholische Messen gefeiert, während der evangelische Gottesdienst im Langhaus vollzogen wurde. Diese gleichzeitige Nutzung als Simultankirche blieb bis 1842 bestehen.


Begründung: Die evangelische Stiftskirche in Wertheim ist eine bedeutende Wirkungsstätte der Reformation, die direkt mit Persönlichkeiten der Reformationszeit verbunden ist. Die Stiftsbibliothek umfasst Schriften der jungen evangelischen Theologie, u.a. von Martin Luther.

Die Reichsstadt Gengenbach
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Die Reichsstadt Gengenbach
Die Reichsstadt Gengenbach

Aufnahme LAD, Roth.

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Die Reichsstadt Gengenbach und die verhinderte Reformation

Die Stadt entwickelte sich im Verlauf des Hochmittelalters aus einer Siedlung am gleichnamigen Kloster des 9. Jahrhunderts. Dem Klosterareal kam damit eine große Bedeutung für die spätere Siedlungsentwicklung zu. Trotz späterer Kriegszerstörungen ist Gengenbach in der Grundstruktur und mit einer Befestigungsanlage des 17. Jahrhunderts überliefert und nach Gemeindesatzung als Gesamtanlage (§19 DSchG.) eingetragen. Noch heute lässt sich damit die historische Gestalt des im Spätmittelalter zur Reichsstadt erhobenen Gengenbach ablesen. Die Stadt ist eine bedeutende Wirkungsstätte der Reformation, wenngleich sie sich wie auch Offenburg noch im 16. Jahrhundert der Gegenreformation anschloss und erneut katholisch wurde. Denn das reformatorische Gedankengut im nahegelegenen Straßburg hatte auch Einfluss auf Gengenbach. Aus dem Jahr 1525 sind Streitigkeiten zwischen Stadt und Kloster in Schriftquellen überliefert, bei denen es um die Verlegung der Pfarrkirche St. Martin in die Klosterkirche, um die Besetzung und den Unterhalt der Pfarrei sowie – gemäß den Plänen des Ortenauer Landvogtes Graf Wilhelm von Fürstenberg – um die Auflösung des Klosters geht. Der Konvent entgegnete diesen Forderungen mit einer Klageschrift, die dem zuständigen Bischof in Straßburg übersandt wurde. Dabei wurden sämtliche Verfehlungen des evangelischen Predigers von Gengenbach aufgelistet, die der „Satzung der heiligen Kirche ganz zuwider“ seien. Davon unbekümmert stützte der Gengenbacher Rat die Prediger und förderte damit auch die Reformation in der Reichsstadt. Als evangelische Reichsstadt nahm Gengenbach evangelische Glaubensflüchtlinge auf, die 1529 aus dem katholischen Rottweil fliehen mussten und stand 1530 an der Seite Straßburgs und Offenbachs zur Protestation auf dem Augsburger Reichstag. Als protestantische Reichsstadt brachten sie die Reformatoren Martin Bucer (Straßburg) und Ambrosius Blarer (Konstanz) als möglichen alternativen Standort der durch die Pest bedrohten Straßburger Universität ins Gespräch. Ihre Höhepunkte erreichte die Gengenbacher Reformationsgeschichte zum einen mit dem in der handschriftlichen Klosterchronik belegten Übertritt des Abtes Melchior Horneck von Hornberg (1531-1540) zum evangelischen Glauben und zum anderen mit der 1536 vollzogenen Gründung des evangelischen Gymnasium durch den Theologen und Humanisten Matthias Erb aus Ettlingen. In Gengenbach verfasste dieser ab 1538 die evangelischen „Articuli“, die später zur Gengenbacher Kirchenordnung ausgebaut wurden. Als 1547 Wilhelm von Fürstenberg verstarb, übernahm Erzherzog Ferdinand die Landvogtei und förderte im Sinne Vorderöstereichs erfolgreich die Gegenreformation. Knapp hundert Jahre später erlebten Stadt und Kloster die bis dahin größten Zerstörungen im Zuge der auch durch konfessionelle Spannungen getragenen Kriege des 17. Jahrhunderts.


Begründung: Die Reichsstadt Gengenbach ist ein eindrückliches Beispiel für die konfessionellen Dynamiken in der Folge der Reformation. Das heutige Erscheinungsbild in Grundriss wie Befestigung spiegelt historische Entwicklungen ebenso wider, wie die baulichen Folgen u.a. auch religiös motivierter Konflikte.

Das „Vereinshaus zum Hans Sachs A 1494 D 1576“
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Das „Vereinshaus zum Hans Sachs A 1494 D 1576“
Das „Vereinshaus zum Hans Sachs A 1494 D 1576“

LAD: Aufnahme Teutrine

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Das „Vereinshaus zum Hans Sachs A 1494 D 1576“ in Stuttgart

Am 1904/05 erbauten Hans-Sachs-Haus in Stuttgart ist die konfessionelle Prägung ablesbar. Das Haus wurde als Sozialeinrichtung des 1864 gegründeten Stuttgarter (evangelischen) Jugendvereins nach Plänen der renommierten Stuttgarter Architekten Katz und Hengerer erbaut. An seiner reich im historisierenden Stil verzierten Hauptfassade findet sich als Zitat Luthers das Kirchenlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ eingeschrieben. Die dort ebenfalls angebrachte Inschrift „Bet und arbeit, so hilft Gott allzeit“ entstammt der Devise evangelischer Arbeitervereine am Ende des 19. Jahrhunderts. Sie ist als Verweis auf die ehemalige Funktion des Gebäudes zu lesen, das als Versammlungshaus christlicher werktätiger Bürger diente. Für diesen Zweck wurden auch Plastiken von bildenden Künstlern bzw. Kunsthandwerkern des 15. bis 19. Jahrhunderts in ihrer Vorbildfunktion an der Hauptfassade angebracht. Besonders prominent ist dabei die bärtige Figur des Handwerkers und Meistersingers Hans Sachs am rechten Eingang des Gebäudes angebracht, dem er seinen Namen verleiht. Der Skulptur ist die Beischrift „Vereinshaus zum Hans Sachs A 1494 D 1576“ zugeordnet. Das hier aufscheinende historische Interesse der Erbauungszeit an Hans Sachs begründet sich neben seiner Vorbildfunktion für die handwerkliche Tätigkeit auch in der konfessionellen Bedeutung der Person. Denn Sachs trat mit der volkstümlichen Darstellung der Lehren Luthers – wie in seinem Gedicht „Wittenbergisch Nachtigall“ von 1523 ersichtlich wird – für die Sache der Reformation ein. Die künstlerische Ausgestaltung des Hans-Sachs-Hauses ist im Zusammenhang mit der Erinnerungskultur an die Reformation und ihre Persönlichkeiten um 1900 zu verstehen. Als „Herberge zur Heimat“ und als Hospiz ist das Gebäude ein Ergebnis evangelisch geprägter Bemühungen im Sozialstaat des beginnenden 20. Jahrhunderts. Noch heute wird die soziale Einrichtung als evangelische Wohnungslosenhilfe betrieben.


Begründung: Die künstlerische Ausgestaltung des Hans-Sachs-Hauses ist im Zusammenhang mit der Erinnerungskultur an die Reformation und ihre Persönlichkeiten zu verstehen. Als „Herberge zur Heimat“ und als Hospiz ist das Gebäude ein Ergebnis evangelisch geprägter Bemühungen im Sozialstaat des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Die Lutherbüste im historischen Warenarchiv der WMF
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Die Lutherbüste im historischen Warenarchiv der WMF
Die Lutherbüste im historischen Warenarchiv der WMF

© Heinz Scheiffele/WMF Group

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Die Lutherbüste im historischen Warenarchiv der WMF

Das historische Warenarchiv der WMF (Württembergische Metallwarenfabrik AG) in Geislingen an der Steige birgt eine Auswahl der seit der Firmengründung im Jahre 1853 gefertigten Firmenprodukte sowie zahlreicher Versuchsstücke und anderer Unikate. Es finden sich Plastiken sowie kunsthandwerkliche Erzeugnisse aus Metall, Glas und Keramik. Diese archivierten Erzeugnisse spiegeln neue und innovative Technologien wider. Im Archiv ist auch eine Porträtbüste Martin Luthers zu entdecken. Es handelt sich um ein Gipsmodell für eine galvanoplastische Kopie einer Lutherbüste bzw. Lutherfigur des Bildhauers Adolf von Donndorf. Diese wurde als Vorstudie der Produktfertigung durch einen Schellack-Auftrag braun eingefärbt, um die spätere Wirkung der bronzenen Galvanoplastik bereits am Modell abschätzen zu können. Für die Herstellung des Endproduktes mit galvanischer Verkupferung wurden Gipsplastiken mithilfe einer elektrisch leitfähigen Graphitschicht überzogen. Das Gipsmodell entstand in der „Galvanoplastischen Kunstanstalt“ in Geislingen, einer 1890 von der WMF erworbenen Tochterfirma. Der WMF gelang es als erster Firma, mithilfe des galvanischen Verfahrens Großplastiken herzustellen. So wurden dort galvanoplastische Statuetten, Grabfiguren, Brunnen, Denkmäler sowie Repliken aller Art hergestellt. Man bediente sich dabei den Entwürfen und Vorlagen verschiedener renommierter Bildhauer oder bekannter Denkmäler. Für die Lutherbüste griff man auf Vorlagen zurück, die der in Weimar geborene Donndorf bereits in Eisenach und Dresden in Form von Standfiguren verwirklicht hatte. Büsten und Standfiguren Luthers wurden am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in verschiedener Größe gefertigt und waren für die Aufstellung an öffentlichen Plätzen und für öffentliche Gebäude gedacht. Diese waren meist lebensgroß und wurden von privaten, städtischen oder kirchlichen Auftraggebern bestellt. Einige Porträtbüsten wurden von Donndorf deshalb speziell für die Aufstellung in Innenräumen konzipiert. So finden sich die in der WMF hergestellten Lutherdarstellungen u.a. in den Stiftskirchen von Herrenberg und Öhringen. Die industriell hergestellte Lutherbüste im Warenarchiv der WMF ist damit Teil genereller Erinnerungskultur und Identifikationspraktik der Entstehungszeit. Neben dem Erinnerungswert an die historischen Ereignisse der Reformation und ihres bekanntesten Protagonisten dienten solche Anfertigungen ebenso dem nationalen Selbstbild. Zu den dafür inszenierten Personen zählten neben Luther auch Schiller oder Bismarck, also Personen, die für die Nationalbewegung vor 1871 bedeutsam waren.


Begründung: Die Lutherbüste im Warenarchiv der WMF ist als industriell hergestelltes Erinnerungsmal Teil einer umfassenden Erinnerungskultur der Zeit um 1900, in der sich historisches Interesse mit nationaler Identitätssuche verband.

Landkarte von Baden-Württemberg
Stuttgart
Evangelische Mauritiuskirche in Aldingen (Lkr. Tuttlingen)
Tübingen
Ravensburg
Die Zehntscheuer in Neufra (Lkr. Sigmaringen)
Heidelberg
Geburtshaus von Johannes Brenz in Weil der Stadt
Der Crailsheimer Rathausturm von 1717
Das erste evangelische Pfarrhaus in Württemberg
Lutherlinde von 1883
Melanchthonhaus in Bretten
Lutherfigur (um 1900) an der spätgotischen Kanzel
Evangelisches Schulhaus von 1838
Der erste evangelische Kirchenbau im württembergischen Allgäu
Evangelisches Pfarr- und Gemeindehaus mit Bildnissen der Reformatoren
Predigen in einer Reihe mit den Reformatoren: Der Kirchenraum in Dettingen am Albuch
Plansiedlung für pietistische „Herrnhuter Brüdergemeine“ in Königfeld im Schwarzwald (Schwarzwald-Baar-Kreis)
Ruine des abgebrochenen Klosters Anhausen
Gegenreformation: Die Häretiker in der Klosterbibliothek von Bad-Schussenried
Simultankirche in Biberach
Kloster und Klosterschule in Maulbronn
Die Simultankirche von Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis)
Die Michaelskirche in Schwäbisch Hall
Das ehemalige Pfarrhaus des Pfarrers und Druckers Paul Fagius in Isny (Lkr. Ravensburg)
Das Geburtshaus des Reformators Ambrosius Blarer
Der Kanzelaltar in der evangelischen Stadtkirche von Altensteig
Die Hostiendose der Martinskirche in Ballendorf (19. Jahrhundert)
Das Markgrafenschloss Emmendingen
Pietistisches Stundenhaus in Denkendorf
Das Bilderverbot in Reutlingen-Bronnweiler
Eines der frühesten evangelischen Pfarrhäuser im Ulmer Land
Verlust: das einstige Denkmal für Oekolampadius in Weinsberg
Die Schloss- und Stiftskirche St. Michael in Pforzheim
Die ehemalige Simultankirche in Sinsheim
Das Patrizierhaus mit Renaissance-Erker in Heilbronn
Noch kein Kulturdenkmal: Die Betglocke an der Marbacher Alexanderkirche
Die Lutherkirche in der Karlsruher Oststadt mit großer Lutherfigur
Die Stiftskirche in Wertheim
Die Reichsstadt Gengenbach und die verhinderte Reformation
Die Lutherbüste im historischen Warenarchiv der WMF
Herzog Christoph von Württemberg (1515–1568)
Herzog Ulrich von Württemberg (1487–1550)
Johannes Brenz (1499–1570)
Johannes Calvin (1509–1564)
Martin Luther (1483–1546)
Kurfürst Ottheinrich (1502-1559)
Markgraf Karl II. von Baden-Durlach (1529–1577)
Philipp Melanchthon (1497–1560)
Huldrych Zwingli (1484–1531)

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Projektverantwortliche

Beata Hertlein
Landesamt für Denkmalpflege
Alexanderstraße 48
72072 Tübingen
beata.hertlein(at)rps.bwl.de
+49 (07071) 75 72 45 9
Grit Koltermann
Landesamt für Denkmalpflege
Berliner Straße 12
73728 Esslingen am Neckar
grit.koltermann(at)rps.bwl.de
+49 (0711) 90 44 52 18
Jörg Widmaier
Landesamt für Denkmalpflege
Berliner Straße 12
73728 Esslingen am Neckar
joerg.widmaier(at)rps.bwl.de
0711 904-45 234