UNESCO-Weltkulturerbe-Pfahlbauten. Pfahlfeld Sipplingen-Osthafen nach dem Sturm Lothar 1999/2000.

Pfahlbauten rund um die Alpen – Pfahlbauten in Baden-Württemberg

Einzigartiges Kulturerbe

Die jungsteinzeitlichen und bronzezeitlichen Pfahlbausiedlungen des Alpenvorlandes gehören aufgrund hervorragender Erhaltungsbedingungen unter Wasser zu den herausragenden archäologischen Fundstätten Europas. Seit mehr als 150 Jahren kommen sensationelle Funde ans Tageslicht. Aufgrund ihrer Einzigartigkeit und ihrer besonderen Bedeutung für die frühe Geschichte der Menschheit wurden die Pfahlbauten um die Alpen im Rahmen einer internationalen Kandidatur in die Liste der Welterbestätten aufgenommen.

Rund um die Alpen, in den Seen und Mooren der Schweiz, Ostfrankreichs, Oberitaliens, Sloweniens, Österreichs und Bayerns sind insgesamt etwa 900 Pfahlbaufundstellen registriert. Südwestdeutschland hat mit etwa 120 bekannten Siedlungsplätzen einen bedeutenden Anteil am Phänomen. Sie liegen in der Flachwasserzone des Bodensees, aber auch in den Verlandungsgebieten des Federsees und in weiteren Kleinseen und Mooren Oberschwabens. Das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg erkundet und betreut das besondere Kulturerbe unter Wasser und führt Projekte zur Rettung und Erforschung bedrohter Fundstätten durch. Seit den 1970er-Jahren ist die besondere Bedeutung der Pfahlbauten für die frühe Geschichte Europas durch moderne naturwissenschaftlich-archäologische Untersuchungen in zunehmendem Maß deutlich geworden. Im Verbund mit Universitäten und Museen haben die Denkmalbehörden der Alpenländer zahlreiche Ausgrabungen und Forschungsprojekte durchgeführt, so auch in Baden-Württemberg. Die UNESCO-Nomination und das nun erforderliche Management der Pfahlbaufundstätten wird in Zukunft die internationale Kooperation von Denkmalpflege und Forschung weiter voranbringen.

Übersichtskarte der nominierten Stationen rund um die Alpen.
Foto: Palafittes (S. Fasel, F. Kilchör) und LAD, Almut Kalkowski

Nirgends sonst in Europa kann die Entwicklung vorgeschichtlicher Kulturen, ihrer Technik, Wirtschaft und Umwelt derart detailgenau verfolgt werden, wie in den Alpenrandseen. Von der Steinzeit um 5000 v.Chr. bis in die Eisenzeit um 500 v.Chr., also mehr als 4000 Jahre lang gab es hier Pfahlbauten. Die Entstehung unterschiedlicher Siedlungsformen, die Entwicklung von einfachen Landbautechniken zum Pflugbau, der Wandel des Kulturpflanzenspektrums und die wechselvolle Geschichte von Haustierhaltung und Jagd können hier vor dem Hintergrund sich verändernder Umweltverhältnisse nachgezeichnet werden. Wichtige Innovationen, die Erfindung von Rad und Wagen um 3400 v.Chr., die Entstehung der Kupfer-, dann der Bronzemetallurgie, die ab 2000 v.Chr. zu einer Revolution der gesellschaftlichen Verhältnisse führte, die technische Entwicklung der Holzverarbeitung, der Geräte und Waffentechnologie, die Entfaltung textiler Techniken, aber auch der modische Wandel von Schmuckobjekten und Verzierungen gehören zu den vielen Entwicklungen, die sich hier nachzeichnen lassen. Nicht zuletzt lässt der Wandel der Häuser und Siedlungsformen im Laufe der Zeit die Veränderungen erkennen, denen die Siedlungsgemeinschaften und deren Gesellschaftsordnung unterworfen waren.

Häufig kam es an den Seeufern zur mehrfachen Wiederbesiedlung geeigneter Standorte. So liegen vielfach die Ablagerungen mehrerer Siedlungen übereinander, wie die Schichten einer Torte. Die genaue Beobachtung der Fundlage erlaubt relativchronologische Aussagen, wenn es darum geht die Entwicklung der Fundkomplexe über die Zeit zu verfolgen. Teilweise kam es auch zu einer lateralen Verlagerung der Siedlungen. Bis zu 20 Dörfer unterschiedlicher Zeitstellung können so auf engstem Raum beieinander liegen. Mit Hilfe naturwissenschaftlicher Datierungsmethoden, der C14-Methode und der Dendrochronologie können sie heute exakt datiert werden.